Wird die angekündigte Klimaerwärmung mit ihren Folgen mittlerweile zu wenig ernst genommen?
Kanäle im Netz
Alfred Krüger 03.08.2004
Geolocation-Software kanalisiert den Informationsfluss im gar nicht mehr so weltweiten Web
Geolocation-Technologien stammen ursprünglich aus der Marketing- und Werbebranche. Sie sollen die geografische Heimat eines Webseitenbesuchers ermitteln, um Werbeanzeigen gezielt schalten zu können. Mittlerweile werden diese "Schnüffeltechnologien" längst für weiter gehende Zwecke eingesetzt. Sie sollen Internetbetrügereien unterbinden, die Verbreitung von urheberrechtlich geschützten Medieninhalten geografisch auf ein Land beschränken und künftig sogar dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) bei der medialen Vermarktung der Olympischen Spiele helfen. Kritiker befürchten, dass sich der Charakter des Internet durch geografische Zugangsbeschränkungen nachhaltig ändern könnte.
Internetmaulkörbe für Athleten
Die Olympischen Spiele in Athen beginnen am 13. August, doch das olympische Dorf hat seine Pforten schon geöffnet. Es steht im Athener Vorort Thrakomakedones und soll 10.500 Athleten sowie 5.500 Betreuern Platz bieten. Neben einem Kirchenzentrum gibt es auf dem weitläufigen Gelände u. a. eine Poliklinik, Geschäfte, Banken, Kinos und selbstverständlich auch ein Internetcafé, das die Dorfbewohner sogar kostenlos benutzen dürfen.
Nicht jeden Sportler wird dies freuen - zumal jene nicht, die ihre eigene Homepage gern mit Olympia-Neuigkeiten aus erster Hand füllen würden. Die strengen IOC Internet Guidelines für Athleten, Trainer, Offizielle und andere akkreditierte Teilnehmer verbieten es den Sportlern, Webseiten speziell für die Olympischen Spiele zu entwerfen oder auf ihren angestammten Homepages über die Spiele zu berichten. Auch Online-Tagebücher sind verboten. Nur rein Persönliches ist erlaubt. Wer mehr schreibt, riskiert den Ausschluss von den Spielen.
Ähnliche Beschränkungen gelten auch für die Presse. In seinen Internet Guidelines für die schreibende Presse legt das IOC ausdrücklich fest, dass es Presseunternehmen, "die keine entsprechende Lizenz besitzen, nicht erlaubt (ist), bewegte Bilder oder eine Live-Berichterstattung von Olympischen Veranstaltungen in Athen 2004" im Internet zu verbreiten. Das IOC wird Verstöße konsequent verfolgen. Wer erwischt wird, riskiert den Verlust seiner Akkreditierung und die Zahlung von Schadensersatz.
IOC will Internetübertragungsrechte länderweise portionieren
Der Grund für die kleinlichen Internetregelungen des IOC liegt auf der Hand. Die Fernsehübertragungsrechte wurden für teures Geld länderweise in alle Welt verkauft. Die Internetübertragungsrechte besitzt der US-Fernsehsender NBC. Er allein hat das Recht, olympische Videostreams ins Netz zu stellen - allerdings nur zeitversetzt, um dem Fernsehen keine Konkurrenz zu machen.
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Das IOC möchte natürlich auch mit den Internetrechten das große Geld verdienen und würde sie am liebsten länderweise verscherbeln. Solange allerdings nicht sichergestellt ist, dass die Live-Übertragungen im Netz nur innerhalb eines bestimmten geografischen Raums empfangen werden können, wird das IOC bei seinen restriktiven Guidelines bleiben (Das IOC mag das Internet nicht). Überdies wurden die einschlägigen Verträge mit NBC bereits 1997 abgeschlossen und laufen noch bis 2008.
Statt WWW bald exklusives Heimat-Web?
Das IOC ist nicht die einzige Organisation, die den freien Informationsfluss im Internet zu Gunsten der Durchsetzung eigener Interessen reglementieren möchte.
"Wir müssen draußen bleiben!" - Diese Feststellung gilt nicht nur für Surfer in totalitären Staaten wie China (Gefiltertes Internet für China) oder Saudi-Arabien, die dafür bekannt sind, ihre Bevölkerung vor "gefährlichen" Netzinhalten mittels staatlicher Zensur- und Filtermaßnahmen zu "schützen". Auch sonst sind nicht alle Surfer gleich. Was ein Surfer sehen darf, hängt immer öfter davon ab, in welchem Land, in welcher Stadt er lebt. Längst schränken viele Internetfirmen den Zugriff auf ihre Webseiten für bestimmte nationale oder regionale Nutzergruppen ein oder lenken sie bewusst auf ganz bestimmte Sonderinhalte.
Wer beispielsweise in Deutschland die amerikanische Version der Google-Webseite aufrufen will, landet zunächst bei der deutschen Schwesterseite. Die so genannte Geolocation-Technologie macht diese Umleitung und darüber hinaus die länderspezifische Parzellierung der WWW-Gemeinde möglich. Besitzt bald jedes Land sein eigenes exklusives Heimat-Web, das nur für Bürger dieses Landes zugänglich ist?
Checkpoints im Web
Grundlage der gezielten Versorgung ausgewählter Usergruppen mit speziellen Webinformationen sind die IP-Adressen, die jedem Computer beim Einloggen ins Internet zugewiesen werden. Mit Hilfe dieser IP-Nummern ist der Standort des einzelnen Users geografisch zu lokalisieren (Zensur und Werbung).
Unternehmen wie Digital Envoy, Quova oder Akamai haben sich darauf spezialisiert und unter dem Oberbegriff "Geolocating" Technologien entwickelt, mit deren Hilfe sich recht genau ermitteln lässt, von welchem Land, welcher Region oder gar von welcher Stadt aus sich ein User einloggt. Die Geolocation-Software funktioniert wie ein Checkpoint, in dem die Surfer genauestens überprüft werden. Befinden sie sich in einem Land oder einer Region, für die der Zugriff auf bestimmte Webinhalte gesperrt ist, wird der Surfer diskret umgeleitet. Die angefragten Webinhalte werden nicht ausgeliefert.
Digital Rights Management per Geolocation
Zu den Auftraggebern von "Schnüffelfirmen" wie Quova oder Akamai gehören nicht nur Unternehmen, die ihre Surfer mit standortspezifischen Werbeanzeigen oder Informationen eindecken wollen. Die geografische Lokalisierung dient dem US-amerikanischen Online-Filmhändler Movielink beispielsweise dazu, das Filmangebot automatisch an die von Land zu Land unterschiedlichen Urheberrechtsgesetze und Allgemeinen Geschäftsbedingungen anzupassen. Digitales Rechtemanagement wird damit durchgesetzt. Aktuelle Filme, die beispielsweise in den USA schon zum Verkauf freigegeben worden sind, in Deutschland aber noch nicht gehandelt werden dürfen, werden deutschen Kunden dementsprechend auch nicht angeboten.
Zu den Kunden der privaten "Schnüffelfirmen" gehören u. a. auch Online-Casinos, die verhindern wollen, dass bei ihnen Spieler aus Ländern zocken können, in denen Internet-Glücksspiele verboten sind. Auch US-Internet-Zahlmeister PayPal benutzt Geolocation-Technologien, um Internetbetrügern das Leben schwerer zu machen. Wer den Bezahldienst von PayPal von einem anderen als vom registrierten Ort aus benutzt, wird um eine zusätzliche Authentifizierung gebeten.
Vorsicht, Emailschnüffler!
Auch der umstrittene, in Frankreich verbotene kommerzielle Emailbestätigungsdienst DidTheyReadIt nutzt Geolocation. In die HTML-Mails seiner Kunden wird eine unsichtbare Grafik eingebunden, die auf firmeneigenen Servern liegt. Wird die Grafik abgerufen, dann wurde die fragliche Mail geöffnet und gelesen. Beim Schließen der Mail erfolgt eine Benachrichtigung über die Lesedauer.
Anhand der IP-Nummer des abrufenden PCs kann ermittelt werden, in welchem Ort die Mail empfangen wurde. Weitere Mitteilungen folgen, sobald die Mail erneut geöffnet, an andere Personen weitergeleitet und von diesen gelesen wurde. Der Absender kann den Verbleib seiner Mails mittels Geolocation exakt nachvollziehen, vorausgesetzt, die Mail wird im Online-Modus geöffnet. Dass sie per Geolocation ausspioniert wurden, merken die arglosen Mailempfänger in aller Regel nicht.
Passable Trefferquoten
Nach eigenen Angaben liegt die Trefferquote der Geolocation-Firmen zwischen mindestens 80 Prozent (bei der Bestimmung, in welcher Stadt ein Surfer lebt) und satten 99 Prozent (bei der Frage, in welchem Land ein User wohnt).
Nur die Nutzer des US-Internet-Providers AOL lassen sich nicht so leicht ausspionieren. Das Einloggen bei AOL findet in der Regel über die US-Server des Providers statt. Von dort erhalten sie ihre IP-Adresse, mit der sie dann durchs Netz touren können.
Wer seinen Aufenthaltsort grundsätzlich verheimlichen möchte, kann für seine Surftouren Anonymisierungsdienste oder -software benutzen. Manche Online-Firmen wie RealNetworks schließen anonyme Surfer allerdings grundsätzlich von ihren Diensten aus.
Beim Todfeind Daten sammeln
Auch die US-Musikindustrie ist gern gesehener Kunde bei Marktforschungsunternehmen, die wie BigChampagne Musiktauschbörsen scannen, um per Geolocation herauszufinden, wo welche Musiktitel besonders häufig getauscht werden. Die Daten, die die Tauschbörsenforscher ermitteln, lassen nicht nur allgemeine Rückschlüsse auf die Popularität von Musiktiteln zu. Vielmehr werden diese Daten auch regional aufgeschlüsselt. Firmen wie BigChampagne sind somit in der Lage, die Popularität von Musiktiteln für Städte und Regionen zu ermitteln.
Die IP-Adressen der Tauschbörsennutzer werden mit ihren Postleitzahlen (Zip-Codes) kombiniert. Dadurch wird es möglich, eine geografische "Echtzeitkarte" des aktuellen Musiktauschs zu erstellen. Mit Hilfe dieser Karte lässt sich exakt ermitteln, welche Musiktitel wo wie oft illegal getauscht werden, also am angesagtesten sind - wertvolle Informationen für die an Absatzschwund leidende Musikindustrie und ein ausgezeichnetes Geschäft für BigChampagne.
Geolocation kanalisiert den "free flow of information"
Während "Schnüffelfirmen" wie Digital Envoy, Quova oder Akamai in Geolocation- und verwandten Technologien das große Geld wittern und Organisationen wie das IOC mit Hilfe solcher Technologien ihre restriktive Rechtepolitik auch im Internet durchsetzen möchten, schlagen US-Bürgerrechtler und Datenschützer längst Alarm. Die ortsabhängige Bereitstellung von Informationen widerspreche dem Internet als globalem Informations- und Kommunikationsmedium und könnte seinen Charakter dramatisch verändern, meinen Kritiker .
Alan Davidson vom Washingtoner Zentrum für Demokratie und Technologie warnt davor, dass Geolocation-Technologien von totalitären Staaten problemlos für Zensurmaßnahmen missbraucht werden könnten. Datenschützer wie der US-Amerikaner Jason Catlett befürchten, dass Webseiten ihre Besucher via Geolocation arglistig täuschen könnten. "Die technischen Möglichkeiten erlauben es, dass ein Unternehmen sich mit zwei oder gar zwanzig Gesichtern präsentiert, je nachdem, wer sie (von wo aus) besucht."
Und Vinton Cerf, einer der Urväter des World Wide Web, weist darauf hin, dass das Internet absichtlich ohne Berücksichtigung nationaler Grenzen geschaffen worden sei. "Der Internet-Verkehr ist völlig losgelöst von der Geografie." (Frankfurter Rundschau vom 10.04.2001, Seite 25).
Geolocation und verwandte Technologien bewirken das genaue Gegenteil. Sie errichten im Cyberspace künstliche Grenzen und parzellieren das World Wide Web. Webseiten, die diese Technologien nutzen, bespitzeln, bevormunden und gängeln ihre User. Sie nehmen ihnen die Entscheidung darüber ab, welche Inhalte wichtig und für den Surfer nützlich sind. Das World Wide Web wird in regionale Fragmente aufgespalten. Der freie Informationsfluss wird kanalisiert. "Free flow of information" ist allenfalls noch Nostalgie.