"Verraten und verkauft: Briefe von der Front"
Wolf-Dieter Roth 13.10.2004
Michael Moore: Ein Buch voller Leserbriefe
Michael Moore wird von seinen Gegnern immer wieder vorgeworfen, er polemisiere und übertreibe. In seinem neuesten Buch bleibt er allerdings völlig im Hintergrund.
Michael Moore war Journalist in Flint, Michigan und gab dort 10 Jahre seine eigene Zeitung, die "Michigan Voice", heraus. Wie seine Familie bei General Motors arbeiten wollte er nicht. Nach einem Abstecher nach San Franzisco drehte er seinen ersten Filmerfolg
"Roger and me", in dem er noch recht naiv versuchte, Roger Smith von General Motors zu den Massenentlassungen in Flint zu befragen und sein regelmäßiges Abblitzen zu dokumentieren. Ein nur trocken-satirischer, sachlicher Dokumentarfilm, in dem innherhalb von zwei Minuten erst ein Hase und dann ein schwarzer Mann vor laufender Kamera zu Tode kommen doch schockiert ist man nur von der Hasenschlachtung: Dass Menschen erschossen werden, ist schließlich täglich im US-Fernsehen zu sehen.
Vor zwei Wochen hat einer meiner besten Freunde beide Beine verloren, als ein selbstgebastelter Sprengsatz unseren Konvoi traf. Er hat vor Beginn unseres Einsatzes geheiratet und hatte nicht mal Zeit für die Flitterwochen. Wir sind alle traurig, nachdem wir ihn gesehen haben und wir begannen uns alle zu fragen: Wie viele müssen noch sterben? Wie viele müssen noch ihre Gliedmaßen verlieren, bevor wir von hier wegkommen?
Aus einem anonymen Brief aus dem Irak an Michael Moore
Dieser Stil sollte sein Markenzeichen werden und da Moore inzwischen die Dinge oft satirisch
auf die Spitze treibt, unterstellt man ihm heute auch bei Dokumentationen, schon mal zu übertreiben, zumal seine Buchtouren keineswegs langweilige Lesungen werden, sondern zur Comedyshow ausarten (
"Amerikaner sind einfach, aber nicht blöd"), wie auch in
"The Big One", dem Film zur Tour zum Buch
"Downsize this" dokumentiert.
Im Rekrutierungsbüro lockte uns nicht ein Plakat mit einem Text wie "Komm und stirb für uns, selbst wenn das, wofür Du kämpfst, allem widerspricht, woran Du glaubst". Es lautete vielmehr: "Verdien Dir Deine 35.000 Dollar fürs College!"
Aus dem Brief von Kyle Waldmann aus dem Irak an Michael Moore
Während Moore bereits bei der Dankesrede zum Oscar für "Bowling for Columbine" seine Abneigung für die Politik George W. Bushs publik machte und damit für Schlagzeilen sorgte, wurde sein letzter Film
Fahrenheit 9/11 sogar extra zu diesem Zweck gedreht. Weil er in Deutschland auf Moores ausdrücklichen Wunsch bereits am 1. November am Vorabend der US-Präsidentenwahl im Free-TV auf Pro 7 und Sat 1
gezeigt wird, verzichtet Michael Moore sogar auf die Möglichkeit einer weiteren Oscar-Nominierung dafür dürfte ein Film erst neun Monate nach dem Kinostart ins Fernsehen kommen, es sind in Deutschland jedoch nur drei Monate und erhebliche Verdienstmöglichkeiten: Während in den USA die DVD sich ebenfalls bereits bestens verkauft, wird die DVD in Deutschland erst am 21. Oktober
erscheinen nicht mal zwei Wochen vor der Fernsehausstrahlung. Auch das Kopieren ist für private Zwecke
ausdrücklich erlaubt Hauptsache, der Film wird von möglichst vielen Leuten rechtzeitig vor der Wahl gesehen.
Der Grund für meinen Brief [
] ist die Tatsache, dass mein Bruder, kein Soldat, ungefähr zwei Wochen vor meiner Abkommandierung gestorben ist. Als junge Luftwaffensoldatin wusste ich nicht genau, wie man Sonderurlaub beantragt. Man gewährte mir gerade eine Woche. Eine Woche, um mit meiner Familie zu trauern, die ich fast ein Jahr nicht gesehen hatte. Und nur eine Woche, um von meinem Bruder für immer Abschied zu nehmen. Sobald ich dann wieder zurück war, befand ich mich nach ein paar Tagen voller Versetzungsprozeduren auf dem Weg nach Bagdad.
Aus einem anonymen Brief aus dem Irak an Michael Moore
Mein ältester Sohn, Spezialist Nathaniel (21 Jahre alt) und seine Frau, Spezialist Amada (20 Jahre alt), sind beide seit Februar 2004 in Tikrit im Irak. Nathan und seine Frau Mandy ließen eine gerade erstmal 14 Monate alte Tochter bei uns hier in Oakland, Kalifornien zurück. Sie haben ihre ersten Schritte, ihren ersten Zahn, ihren ersten Geburstag (9. April 2004) und ihre ersten richtigen Wörter verpasst. [
] Wenn ich anderen erzähle, dass mein Sohn und meine Schwiegertochter im Irak sind, sagen alle zuerst "Sie können doch nicht beide Elternteile in den Krieg schicken". O doch, das können sie.
Aus dem Brief von Mama Yaa Aseda Hogue an Michael Moore
Bei seinem neuesten Buch, Anfang des Monats in den USA erschienen und inzwischen bereits in alter Rechtschreibung
auf Deutsch übersetzt, ist dies jedoch garantiert nicht der Fall: Abgesehen von zehn Seiten Einleitung und acht Seiten Anhang hat Michael Moore keine eigenen Texte beigesteuert, sondern lediglich Texte ausgewählt Briefe, die ihm die Leser seiner
Website geschickt haben. Nicht irgendwelche Leser allerdings, sondern knapp 100 Seiten von Briefen beziehungsweise E-Mails von US-Soldaten aus dem Irak, 50 Seiten mit Briefen von amerikanischen Soldaten aus anderen Teilen der Welt, 20 Seiten mit Briefen von Veteranen und 80 Seiten mit Briefen von Verwandten zu Hause, die sich um ihre Söhne und auch Töchter im Irak Sorgen machen. Und diese erzählen bereits ohne zusätzliche Kommentierung genug über die Sinnlosigkeit eines solchen Kriegs.
Hallo, hey Mama, tut mir leid, dass ich nicht anrufen konnte. Sie haben uns die Handys vor sieben Tagen abgenommen [
]. Wie geht's euch allen? Mir geht's ganz gut, wir stecken halt hier in Sand- und Windstürmen und warten; was verdammt ist bloß mit George "er versucht so zu sein, wie sein Dad" Bush los? Er hat uns für nichts und wieder nichts hier her geführt. Ich habe gerade eine solche Wut im Bauch, Mama. Ich hoffe wirklich, dass sie diesen Narren nicht wiederwählen. [
] Vielen Dank für die Bibel und die Bücher und die Süßigkeiten. [
] Ihr könnt alle in meinem Namen für ihre moralische Unterstützung danken.
Letzter Brief von Sergeant Michael Pederson aus dem Irak vor seinem Tod