Wie wurde aus einem Medizinstudenten ein Revolutionär?
Krystian Woznicki 28.10.2004
Der Film über Che Guevaras Jugend ist ein Film über die Befreiung des Subjekts
Che Guevara, der viel schrieb, hinterließ auch von seiner ersten Reise Tagebücher, die von Walter Salles unter dem Titel "The Motorcycle Diaries" verfilmt worden sind. Was entstanden ist, ist ein ergreifender Film über die Wiederentdeckung Lateinamerikas und die Identitätsfindung von Che Guevara.
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| Che Guevara - die Ikone |
Es ist bisschen wie mit Jesus oder mit der "Kleinen Nachtmusik" von Mozart. Man kennt es, und das so gut, dass man es zu seinem Freund und Begleiter gemacht hat oder sich angesichts dessen abwendet und am liebsten alle Wahrnehmungsorgane verschließt. Gleichzeitig ist es etwas, das man eigentlich gar nicht kennt, so dass man eigentlich kaum Auskunft über Hintergründe und Details geben kann. Es sind Menschen oder Artefakte, die zu Ikonen erstarrt sind - global bekannt, aber von einer unsäglichen Leere geprägt.
Che Guevara ist eine solche Ikone. Sein Name ist allen bekannt - doch wie viele davon können ihn entsprechend in Geschichte und Geografie verorten? Sein Portrait hängt in Studentenwohnheimen und Cafés, ist auf Verpackungen abgebildet von Zigaretten und Kulturprodukten, alle die ihn darauf erkennen, wissen, es handelt sich um den Freiheitskämpfer des 20. Jahrhunderts - doch wie viele wissen, warum er an der kubanischen Revolution teilnahm?
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| Gael Garcia Bernal als Che Guevara. Bild: Focus Features |
"The Motorcycle Diaries" (deutscher Titel: "Die Reise des jungen Che") reflektiert die Biografie nach dem Inspektor-Colombo-Prinzip. Der Fall und das Leben Che Guevaras wird von hinten aufgrollt. Seine Rolle in der kubanischen Revolution wird als bekannt vorrausgesetzt, beantwortet wird die Frage: Wie konnte es dazu kommen? Wie wurde aus einem argentinischen Medizinstudenten ein Revolutionär in Kuba?
Die Stärke des Films besteht darin, dass man lange Zeit vergisst, dass es sich um Che Guevara handelt. Man nimmt einen jungen Mann wahr, der Asthma hat, eine Frau liebt, Pläne schmiedet und Träume hat - dieses Bild wird von der ambivalenten Strahlkraft der Ikone nicht überlagert. So taucht man ein in seine Lebenswelt und die seines Freundes - zwei Männer Anfang, beziehungsweise Ende 20, die in den 1950er Jahren in Argentinien leben, genauer gesagt in Buenos Aires. Zwei Männer, die sich vorgenommen haben, ihren Alltag hinter sich zu lassen, um Lateinamerika zu entdecken.
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| Bild: Focus Features |
Ihre Reise beginnt zu Beginn des Jahres 1952. Zunächst auf einem Motorrad, dann zu Fuß, später per Amazonas-Dampfer und immer wieder auf den Ladeflächen unzähliger Lastwagen. Unermüdlich legen sie Kilometer für Kilometer zurück - durch Chile, Peru, Amazonien, Kolumbien, Venezuela, Miami und Florida. Am Ende der neunmonatigen Reise sind die beiden sorglosen Abenteurer nachdenkliche Männer geworden. Der Film endet mit einem Moment des Erwachens.
Was der Film nicht zeigt, aber sehr nachvollziehbar erscheinen lässt: Che Guevara, der durch diese Reise nachhaltig geprägt wurde, promovierte im März des darauffolgenden Jahres in seiner Heimatstadt zum Dr. med. und brach bereits vier Monate später erneut auf. Dieses Mal zog es ihn nach Zentralamerika, wo er 1954 in Guatemala vergeblich versuchte, die Regierung zu stürzen.
Che Guevara musste daraufhin nach Mexiko fliehen, wo er als Tourist einreiste und in Santa Rosa eine Ausbildung zum Guerillakämpfer erhielt. Der Rest ist Geschichte. Als zentrale Figur der kubanischen Revolution sollte Che Guevara zum Symbol der 1960er werden. Die Liquidierung des Arztes und Freiheitskämpfers im Jahre 1967 machte ihn zum Mythos.
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| Bild: Focus Features |
"The Motorcycle Diaries", der auch nicht unwesentlich auf den Aufzeichnungen von Che Guevaras Weggefährten Alberto Granado beruht, zeigt den Freiheitskämpfer, bevor er Che wurde. Er zeigt ihn also im Prozess der Identitätsfindung. Die Suche beginnt für ihn allerdings ohne einen spezifischen Suchbegriff. Was er im Hinterkopf hat, ist eher sehr vage und abstrakt. Er will wissen, was hinter dem Horizont liegt, er will entdecken. Dass er dabei am Ende sich selbst entdeckt, ist ein Zufall - in der Geschichte der Reisekulturen ist dieser Vorgang mittlerweile ein Klischee. Die Reise in die Ferne wird selbst von Touristikanbietern als Reise zu sich selbst verkauft.
Der Film schafft, diese beiden Bewegungen auf beziehungsreiche Weise miteinander in Verbindung zu setzen: Die Reise durch den unerforschten Kontinent und die Reise zu sich selbst, das ist ein Prozess, im Zuge dessen Geografien vermessen werden. Mentale und kulturelle Landschaften, die sich an einem Horizont abzeichnen - ein Konvergenzprozess, der zu Transformationen beider Pole führt. Che Guevara erzählt mit jedem Schritt und Tritt die Geografie Lateinamerikas, was die verborgenen Geschichten dieses Kontinents freisetzt und wiederum ihn darin erdet.
Ungerechtigkeiten von damals und heute erfährt er an seinem eigenen Leib, gleichzeitig wird er Teil all jener, denen diese Ungerechtigkeiten wiederfuhren und wiederfahren. Ob Minenarbeiter in Chile oder Leprakranke im Amazonas - er durchbricht im Zuge seiner Reise die Grenzen, die ihn von diesen Menschen trennen, freundet sich mit ihnen an, lernt ihre Leiden und ihre Denkungsart kennen. Dieses Motiv wird zum Schluss hin immer stärker. Sein Wunsch, mit den Leuten eins zu werden oder schlichtweg mit ihnen zu sein, wird zum bestimmenden Beweggrund seiner Reise.
Am Ende hat er eine Mauer durchbrochen und es ist, als stünde für Che Guevara am Anfang seiner Selbstfindung die Überwindung eines Dilemmas, das der Zuschauer nicht nur in seinem eigenen Leben, sondern auch mit Blick auf die Ikone des Che Guevara kennt; ein Dilemma, das der französische Philosoph Jean-Luc Nancy mal wie folgt umschrieb: "Vermittlungen ermüden".