Depressive Haustiere
Florian Rötzer 23.01.1998
Einsam? - Mach das Radio an!
Jetzt werden nicht nur Menschen depressiv, sondern auch offenbar immer mehr Haustiere, glaubt man der Tierpsychologin Nienke Endenburg von der Universität Utrecht. Der dpa ist das gleich eine Meldung wert und uns eine kurze Glosse.
Die Tiere hätten einfach ein zu enges Verhältnis mit den Menschen und gelten als Familienmitglieder oder gar als Kinder. Weil sie offenbar in zu großer Intimität mit uns leben, halten Hunde und Katzen es einfach nicht mehr aus, allein gelassen zu werden und bekommen Angst. Aus Frust bellen Hunde stundenlang oder zerstören die Wohungseinrichtung, Katzen hinterlassen ihr Würstchen oder ihren Urin auf dem Teppich oder gar im Bett. Das hat man dann davon. Wir werden ja erst mal sehen, wie sich unsere intelligente Roboter der Zukunft verhalten werden, wenn wir sie in den Schoß unserer Familie aufnehmen oder wenn die Singles sich eher mit den hoffentlich dann pflegeleichteren Robbies umgeben. Wissenschaftler wie
Dietrich Dörner arbeiten ja bereits daran, unsere nächsten Verwandten oder, möglicherweise auch, Nachfahren aus der Techno-Evolution mit Emotionen auszustatten. Die Tamagotchis machen wenigstens noch keine Umstände, auch wenn sie bereits gelernt haben, ihre Besitzer zu nerven.
Die Tierpsychologin wittert wohl eine neue Nische in der Dienstleistungsgesellschaft. Den Tieren könne man wie den Menschen mit einer Verhaltenstherapie und Psychopharmaka helfen. Unsere biologischen Verwandten muß man schrittweise wieder ans Alleinsein gewöhnen. Zuerst geht man nur mal ein paar Minuten weg - und, so der Vorschlag, läßt dabei das Radio an. Man muß wahrscheinlich nur aufpassen, daß dann die lieben Tierchen, die uns so gleichen, nicht mediensüchtig werden und permanent das Gedudel aus dem Lautsprecher brauchen. Kühe sollen mit Musik ja mehr Milch geben, und Menschen lassen sich damit zu besseren Einkäufen bewegen.
Auch unsereins hat sich ja bereits mit allen möglichen Medien in möglichst jedem Zimmer und für jeden Mitbewohner umgeben, um niemals wieder einsam zu sein und der Depression nicht zu verfallen. Die Wohnungen haben, wie Vilém Flusser so schön schreibt, Löcher bekommen, so daß permanent andere Menschen in ihnen herumtrampeln, uns etwas erzählen oder schreiben. Und wer sich noch nicht ans Virtuelle gewöhnt, der muß sich beeilen, um nicht den Anschluß mit unseren biologischen Verwandten zu verlieren. Auch unsere heiß geliebten Kinder müssen endlich entwöhnt werden, um der Intimität zu entkommen und fit für die Informationsgesellschaft zu werden. Lassen wir sie doch immer mehr allein und stellen das Radio, den Fernseher oder den Computer an oder schenken ihnen virtuelle Haustiere, mit denen sie wieder dasselbe durchexerzieren können, damits leichter fällt. Und wenn das nicht reicht und sie noch immer schreien, dann hoffen wir, daß die intelligenten Agenten schnell ein bißchen intelligenter und emotionaler werden. Früh übt sich am besten, wer es später ohne Depression am Telearbeitsplatz aushalten kann und leistungsfähig bleibt.