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Illusion Fortschritt

Florian Rötzer 04.08.1998

Stephen Jay Gould versucht, einen weit verbreiteten Irrtum zu widerlegen

Die einstmals populäre Aneignung der Evolutionstheorie war relativ einfach und hat deren Entwicklungsszenario dem herrschenden Modell des Fortschritts angeglichen. Der "Kampf um das Dasein" wählt die jeweils Besten aus, die dann auch die Geschichte vorantreiben und höhere Organisationsformen entwickeln. Der Ausgang ist einfach - die Mikroorganismen -, und dann entfaltet sich das Leben bis zu seinem Höhepunkt: dem Menschen, der an der Spitze der Evolutionsleiter steht und alles andere Leben übertrumpft.

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Auch wenn man heute nicht mehr ganz so platt vom Fortschritt spricht, so versteckt sich etwa hinter der gängigen Überzeugung von der zunehmenden Komplexität annähernd derselbe Gedanke. Und zunehmende Komplexität scheint doch auch ganz offensichtlich ein Trend des Lebens zu sein, wenn man entwicklungsgeschichtlich die einfachen Mikroorganismen über alle Zwischenstufen mit den Menschen vergleicht, weswegen man auch so gerne versucht, diese Entwicklung hin zu wachsender Komplexität zu erklären und womöglich in anderen gesellschaftlichen Bereichen nachzuahmen. Komplexität ist ein Wert in sich, der dann, ausgehend von der Krone der Schöpfung, auf die Entwicklung des Lebens projiziert wird.

Besonders in den sozialdarwinistischen und elite- oder ethnozentrischen Ideologien, die Konsequenzen aus den vermeintlichen evolutionären Tatsachen zu ziehen suchen, kommt diese Haltung noch besser zum Vorschein. So war beispielsweise die Ideologie der Nazis - und ist die von manchen heutigen Rechten und Neoliberalen - durchzogen von der Vorstellung, daß der Fortschritt der Besten - die Arier, die Unternehmer, die Risikofreudigen, die Reichen, die Deutschen, aber aus kommunistischer Perspektive auch die Proletarier ... - von Parasiten behindert und gefährdet wird, die die Kraft ihrer an sich überlegenen Wirte aussaugen und für sich nutzen, weswegen man diese vernichten oder zumindest in den Griff bekommen muß. Parasiten gelten als Rückschritt - und tatsächlich sind sie auch meist einfacher als ihre biologischen Wirte. Unbestreitbar ist auch, daß es eine Zunahme an Komplexität in der biologischen Evolution gegeben hat. Also was ist falsch am biologischen Fortschritt?

Doch schon eine einfache Überlegung würde deutlich machen, daß neben der zunehmenden Komplexität, die man linear als Abfolge von Stammbäumen abbildet - z.B. Bakterien - Einzeller - Vielzeller ... -, viele der einfachen Organismen erhalten bleiben und sich zudem auch weiter verändern. Die einfachsten Lebewesen stellen weiterhin die überwiegende Mehrzahl der Organismen dar, sie ermöglichen überdies erst das Leben der komplexeren, die so eigentlich die Parasiten darstellen. Zudem sind die Parasiten der "höheren" Organismen Anpassungsformen, die sich erst entwickelt haben, nachdem es diese gegeben hat. Sie haben sich also gewissermaßen zurückgebildet und nutzen listig und kräftesparend die Ressourcen ihrer Wirte aus. Neuere Theorien gehen auch davon aus, daß ziemlich sicher Parasiten eine erhebliche Rolle dabei spielen, die Evolution in Gang zu halten, und daß aus ihrer Existenz ein wirksamer Mechanismus der Generierung von immer neuen Varianten, die Sexualität, entstanden sei. Parasiten könnten auch die Ursache für Symbiosen sein, aus denen sich Einzeller und später erst Vielzeller entwickelt haben. Und wenn es einen allgemeinen Druck auf Komplexitätssteigerung etwa durch evolutionäres Wettrüsten wirklich geben sollte, dann müßten sich eigentlich alle Organismen in dieser Richtung entwickelt haben, wenn sie der natürlichen Selektion mit dem Telos Komplexität trotzen und überleben wollen.

Auch wenn die Evolutionstheorie zu ihrem Dogma die ungerichtete Veränderung und den "blinden Uhrmacher" gegenüber jeder Teleologie oder jedem Lamarckismus gemacht hat, so ist die Verführung offenbar ungeheuer groß, die oben genannten Einsprüche zu übersehen und nur die Zunahme der Komplexität erklären zu wollen. Das alles wäre möglicherweise relativ uninteressant und nur eine Insiderdiskussion, wenn nicht die Biowissenschaften und damit auch die Evolutionstheorie zu einem Paradigma geworden wären, das zur Erklärung und Rechtfertigung aller möglichen anderen Bereiche dienen muß. Deswegen ist das Buch von Stephen Jay Gould auch so wichtig, in dem er versucht zu zeigen, daß Fortschritt lediglich eine Illusion oder zumindest eine einseitige Perspektive ist, die sich aus einer nur sehr selektiven Wahrnehmung der Evolutionsgeschichte ergibt. Sieht man die gesamte Breite des Lebens an, dann ist der angebliche Trend zur Komplexität eher eine marginale Randerscheinung, die sich, so die These Goulds, zwangsweise zufällig ergibt, ähnlich wie ein Sturzbesoffener stets irgendwann zur Straße kommt, wenn er aus der Tür der Kneipe torkelt und durch völlig zufällige Schritte in alle Richtungen schließlich über den Bordstein fällt.

Sein Buch baut im wesentlich bereits zuvor publizierte Themen in den größeren Zusammenhang ein, die Aufklärung aus der Sicht der Evolutionstheorie ein Stück weiter in Richtung Desillusionierung zu treiben, weil wir uns für Gould noch immer um die letzten Konsequenzen des Darwinismus herumdrücken: die "nicht vorhersagbare Ungerichtetheit des Lebens". Desillusionierung ist an sich nichts Besonderes, denn wir scheinen uns darin zu gefallen, aber Fortschritt als Konstante der Entwicklung ist, wie immer auch besetzt, also auch in Form einer Verfallsgeschichte, sicher noch immer eine weit verbreitete Einstellung der Menschen zur Geschichte, um ihr einen Sinn zu geben. Wir wollen Trends sehen, um uns darauf einstellen zu können, um vielleicht überhaupt eine gerichtete Bewegung erkennen zu können. Trends werden natürlich empirisch durch Statistiken belegt. Und natürlich wissen wir, daß sie keine Objektivität wiedergeben, sondern interpretiert werden müssen, gleichwohl lassen wir uns gerade durch die scheinbare Objektivität der Erhebungen gerne täuschen.

Ausführlich erörtert Gould aus amerikanischer Perspektive, die uns Alteuropäern freilich in ihrer Bedeutung ein wenig verborgen bleibt, warum beim Baseball das Aussterben des Trefferdurchschnitts von 0,400 nicht dafür spricht, daß die Spieler schlechter geworden sind - vielleicht sollte man hierzulande den Fußball benutzen. In Wirklichkeit, so die These, belegt die statistische Verschlechterung, daß sich die Spielqualität im Baseball insgesamt verbessert hat. Der reine Durchschnitt trügt, denn in der zeitlichen Folge kann sich die Variationsbreite nur in einer Richtung ausbreiten, die dann allerdings wie beim Sport oder auch anderen von Menschen ausgeführten Leistungen auf eine "rechte" Wand stößt, die den weiteren Fortschritt blockiert - hier kommen dann die technischen Ergänzungen oder im Sport das Doping zur Geltung.

Auch mit einer Geschichte aus seinem Leben zeigt Gould, daß es manchmal fatal sein könnte, die Variationsbreite dem platonischen Wesen einer angeblich zentralen Tendenz, resultierend aus dem Mittelwert, unterzuordnen. Wenn von 10 Kindern eines 10 Dollar und neun nichts besitzen, ergibt sich ein Mittelwert von einem Dollar pro Kind - und ein völlig falscher Eindruck. Wenn die Schwankungsbreite sich in einer Richtung stark, in der anderen nur schwach oder gar nicht erweitern kann, kann die Mittelwertbildung in die Irre führen, weil man den Eindruck erhält, alles habe sich in die eine Richtung verschoben. Ein einziger Bill Gates kann den Mittelwert beim durchschnittlichen Einkommen weit nach rechts ziehen. Ausgeglichener würde man eine solche Verteilung sehen, wenn man nicht den Mittelwert, sondern etwa den häufigsten Wert betrachtet.

Betrachtet man mit Gould die Komplexität des Lebendigen und ihre historische Entwicklung "als Veränderung des gesamten Systems der Variation", so wird man nur schwer einen allgemeinen Trend zum Fortschritt als Komplexitätssteigerung finden können, auch wenn einzelne Lebewesen komplizierter geworden sind: "Das Leben begann mit einer bakteriellen Form, die nahe an der linken Wand der minimalen Komplexität stand, und heute, fast vier Milliarden Jahre später, ist die gleiche Form an der gleichen Stelle noch immer vorhanden." Wenn es eine linke Grenze etwa einer minimalen Körpergröße gibt, dann kann es nur bei Vermehrung der Arten zu einer Größenzunahme bei wenigen Arten kommen, während, wie Gould bei Analysen der Evolutionsgeschichte von Mikroorganismen demonstriert, die sich am häufigsten vorkommende Größe nicht ändert. Und die am weitaus häufigsten vorkommenden Lebewesen sind die Mikroorganismen seit dem Beginn des Lebens bis heute geblieben ("während eines Menschenlebens ist allein die Zahl der Kolibakterien im Darm weitaus größer als die Gesamtzahl aller Menschen, die heute auf der Erde leben und jemals gelebt haben") und stellen auch den überwiegenen Teil der Biomasse dar, wobei wir erst allmählich die riesige Bandbreite ihrer Vertreter entdecken, die sich praktisch überall finden lassen. Nach Gould würde sich jedes wirklich dominante Bakterium vor Lachen über die Verklärung des kleinen Schwanzes von komplexeren Organismen ausschütten, die so weit von seinem Modus des Lebens entfernt sind.

Kurz: Gould bestreitet nicht, daß es während der Evolution zu einer Zunahme von Komplexität gekommen sei, doch er sieht keinen allgemeinen Trend und auch keinen zielgerichteten Mechanismus. Die Geschichte des Lebens torkelt gelegentlich zufällig voran zu höherer Komplexität, mitunter aber auch zu einer Verringerung der Komplexität wie bei den Parasiten. Dagegen unterscheidet Gould den kulturellen Wandel, der für ihn sehr wohl Mechanismen für einen allgemeinen Trend etwa zum technischen oder wissenschaftlichen Fortschritt enthält, während er der Meinung ist, daß bei den darstellenden Künsten oder bei sportlichen Leistungen, die vom menschlichen Körper abhängig sind, die rechte Wand bereits oft erreicht sei.

Und Gould bietet natürlich auch eine Moral von der Geschichte an: "Das Hervorragende ist kein einzelner Punkt, sondern eine Palette von Unterschieden", weswegen man die Vielfalt um ihrer selbst will schätzen müsse, zumal die Evolution ein unberechenbarer und nicht gerichteter Prozeß sei, dessen "prächtiges Zufallsprodukt" wir sind.

Stephen Jay Gould: Illusion Fortschritt. Die vielfältigen Wege der Evolution. S. Fischer Verlag. 287 Seiten. 1998

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Welche Evolution? (O.Martin 20.8.1998 14:29)
 
   
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