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Wilhelm Ostwald: Das Gehirn der Welt

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Sonderabdruck aus Nord & Süd, Jahrgang 1912, Heft 1
Erstes bis fünftes Tausend, München : Selbstverlag der Brücke, 1912

Sobald die Lebewesen die allerprimitivste Form der einzelnen Zelle aufgegeben und sich zu Zellgemeinschaften vereinigt haben, tritt eine doppelte Entwicklung ein, welche durch die Namen Funktionsteilung und Funktionsvereinigung gekennzeichnet wird. Um die Energietransformationen, auf welche ja jedes Geschehen und somit auch jeder Lebensvorgang in letzter Analyse zurückzuführen ist, so zweckmäßig wie möglich zu bewerkstelligen, genügt nicht der Universalapparat des einzelligen Organismus, [...] sondern es werden besondere Teile für besondere Funktionen ausgebildet; nur dadurch kann jede einzelne Funktion entsprechend besser ausgeführt werden.

Mit dieser Funktionsteilung ist aber das Problem der Entwicklung und Vervollkommnung nur zur Hälfte gelöst. Die andere Hälfte besteht darin, daß nunmehr die voneinander getrennten und einzeln entwickelten Funktionen zu zweckmäßiger gemeinsamer Betätigung gebracht werden müssen. Die Funktionsvereinigung geschieht in den Organismen durch ein Zentralorgan. [...]

Was hier für solche Lebewesen auseinandergesetzt worden ist, deren Individualität durch das Eingeschlossensein der Gesamtheit ihrer Organe in eine gemeinsame Hülle, eine Haut o.dergl., gekennzeichnet ist, gilt ebenso für die zusammengesetzten Lebewesen, deren Zusammenhang nicht mechanisch, sondern funktionell gegeben ist, beispielsweise für einen Bienenstock. Jedermann weiß, wie bei einem Bienenvolk die Funktionen der Fortpflanzung und der Ernährung sich auf verschiedene Gruppen übertragen finden, und weiß auch, daß das Zusammenhalten und Zusammenarbeiten der verschiedenen Gruppen davon abhängig ist, daß ein Zentralorgan des Bienenstockes in Gestalt der Königin wirksam ist.

Hier können wir nun weiterhin zwei Stufen unterscheiden, die man als die Bildungen eine zentralen und die eines zerebralen Organs kennzeichnen kann. Beim Bienenstock ist nur ein Zentralorgan erforderlich [...]. Sowie dieses zentrale Organ entfernt wird, zerstreut sich bekanntlich das Volk. Doch beschränkt sich diese Funktion der Königin darin, daß eine Art von räumlichem Mittelpunkt abgibt, ohne daß von irgendwelcher geistigen Beeinflussung der übrigen Angehörigen durch die Königin etwas bekannt ist. [...]

[...] In den gegenwärtigen menschlichen Gruppenorganisationen, wo die Gesamtmenschheit in Völkergruppen, in nationale Verbände getrennt ist, die sich gegeneinander durch Zollgrenzen und durch ein mehr oder weniger verdecktes feindseliges Verhalten abscheiden, ist jedesmal auch ein Zentralorgan in Gestalt etwa eine Königs oder Präsidenten je nach der politischen Organisation der betreffenden Gruppe vorhanden. Dieses Organ übt im wesentlichen zentrale, nicht aber zerebrale Funktionen aus [...]. Die zerebrale Aufgabe ist an die schöpferischen Köpfe verteilt, welche der Nation angehören. Die grosse Unabhängigkeit dieser beiden Funktionen voneinander macht sich in unserer Zeit darin geltend, daß die zerebralen Resultate der schöpferischen Köpfe bereits eine durchaus internationale Beschaffenheit angenommen haben. [...]

[...] Jeder Angehörige dieser kleinen Gemeinde geistig Führender arbeitet im wesentlichen für sich und es hängt von Glück und Interesse des Einzelnen ab, wie weit er den Anschluß an seine Arbeitsgenossen finden kann, die vielleicht weit von ihm entfernt in einem andern Land leben und in anderer Sprache publizieren. [...]
[...] So haben wir es denn erlebt, daß bei der besten Gesinnung und der weitesten und höchsten Denkweise solcher organisatorischer Idealisten doch die Mittel zur Verwirklichung des großen Gedankens für die geistige Funktion der Menschheit ein Zentralorgan, also gleichsam ein Gehirn der ganzen Welt zu schaffen, durch die Wahl ungeeigneter Mittel immer wieder mißlungen ist. Natürlich hat das keinen der Späteren entmutigt, die auf eigenen Wegen in denselben Gedankengang geraten waren, und jeder hat es versucht, auf seinem eigenen Wege die notwendige Verwirklichung dieses Grundgedankens zu bewerkstelligen.

Als ein neuer derartiger Versuch ist vor einigen Monaten in München die „Brücke“ ins Leben gerufen worden. Sie hat ihren Namen daher genommen, daß sie sich zur Aufgabe gestellt hat, die einzelnen geistigen Produktionen, die gleichsam auf getrennten Inseln entstehen, durch ein dafür besonders geschaffenes verbindendes Organ zu harmonischer und dadurch wirksamerer Arbeit zu vereinigen. [...] Die geistige Produktion läßt gegenwärtig an Menge und Wert nichts zu wünschen übrig; es wird vielmehr außerordentlich viel mehr produziert, als von der Menschheit, insbesondere von den Teilen, welche diese Produkte unmittelbar benutzen könnten, tatsächlich assimiliert und zu dauernder Wirkung gebracht werden kann. Ursache dieses Mangels ist eben das Fehlen eines „Gehirnes der Menschheit“, das Fehlen des Zentralorgans, welches diese einzelnen Produktionen zueinander ordnet und in geordneter Weise jedem Bedürftigen zugängig macht.

Die Aufgabe liegt klar vor uns; die Mittel zu ihrer Lösung auseinanderzusetzen, ist hier nicht der Ort. Nur auf das Hauptmittel dazu darf wohl schon hingedeutet werden. Dieses besteht in einer freien Kooperation der schöpferischen Kräfte und der Organisatoren. Diejenigen Menschen, welchen das Zusammenfassen und Verwirklichen geläufig ist, sollen mit denen, welche die Gedanken schaffen, in eine möglichst enge gemeinsame Wirksamkeit, in eine Symbiose, gebracht werden.

Gelingt es, hier vorerst auch nur eine verhältnismäßig kleine Gruppe von solchen Köpfen zu organisieren, also sozusagen ein embryonales Gehirn der Menschheit zu schaffen, so darf darauf gerechnet werden, daß unter dem Drang des gegenwärtigen Bedürfnisses, welcher notwendig die schleunige Entwicklung eines solchen Organs verlangt, auch die weitere Ausgestaltung und Verlebendigung dieses Keimes sicher erhofft werden kann. Denn er birgt ja in sich selbst die Gewähr organischer Entwicklung

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