Kino goes Underground
Stefan Krempl 21.10.1998
Filme sehen beim U-Bahnfahren
Zwischen zwei Berliner U-Bahnhöfen lohnt sich der Blick nach draußen: Wo sonst nur gähnendes Dunkel herrscht, locken Kurzfilme und Werbespots auf der Tunnel(lein)wand.
Es gibt zwei Sorten von U-Bahnfahrern: die einen verstecken sich hinter einer Zeitung oder vergraben sich in einem Buch, die anderen starren mal gebannt, mal gedankenverloren in das Dunkel des Tunnels, als könnten sie aus den Abfolgen der Pfeiler oder der Platten an der Wand einen tieferen Sinn herauslesen. Immerhin bewegt sich draußen was, auch wenn sich der richtige Kinogenuß nicht einstellen will. Doch warum sollte man die Bewegungseffekte nicht auch kinematographisch nutzen können, fragte sich der Filmemacher und Entwickler Jörg Moser-Metius bereits 1984. 14 Jahre später soll sein Kinotraum nun Wirklichkeit werden: Im Berliner Untergrund lernen die Bilder von Freitag an das Laufen.
Kino entsteht im Kopf. Normalerweise werden dem Auge des Betrachters, der unbewegt in seinem Kino- oder Fernsehsessel sitzen bleibt, von der Maschine 24 Bilder in der Sekunde serviert, die das Gehirn zu einem einzigen Ereignisfluß zusammenbaut. Das Daumenkino macht diesen Konstruktionsprozeß bewußter, funktioniert aber nach dem gleichen Prinzip. Derselbe Animationseffekt stellt sich allerdings auch ein, wenn die Bilder stehen und der Betrachter sich an ihnen vorbeibewegt: Für die Bewegung sorgt im neuesten Berliner "Kellerkino" die U-Bahn zwischen den Stationen Zoologischer Garten und Hansaplatz im (westlichen) Zentrum der Hauptstadt. Die Standbilder, die sich für den Passagier im Vorbeifahren zu einem Film zusammenmontieren, werden von 900 Diaprojektoren auf die 545 Meter lange "Leinwand" - eine an der Tunnelwand befestigte Fläche in Höhe der U-Bahnfenster - geworfen.
"Kinoqualität" sollen die von den U-Bahnpassagieren nur mit ihrem Fahrtticket bezahlten Filmvorführungen erreichen, wirbt die MetroCinevision GmbH, die der Wahlberliner Moser-Metius extra für das Projekt gegründet hat. Das geht nicht ohne erheblichen technischen Aufwand: "Keine U-Bahn fährt mit konstanter Geschwindigkeit", erläutert Matthias Ristow von der Potsdamer Firma Optronik, die den überdimensionierten "Filmprojektor" entwickelt hat. Abtastpunkte messen daher die tatsächlich gefahrene Geschwindigkeit eines Zuges und geben die Werte an den Zentralrechner der Projektionsanlage weiter. Vom Computergehirn werden die Einzelbildprojektoren dann synchron so gesteuert, daß in den Köpfen der U-Bahnfahrer der richtige Film abläuft und die Bilder 30 mal in der Sekunde wechseln. Die U-Bahn selbst muß dazu mindestens mit einer Geschwindigkeit von 65km/h an der Leinwand vorbeibrausen, weshalb nicht die gesamte Länge des Tunnels zwischen den beiden Stationen für die Schau "bespielt" werden kann. Immerhin reicht die bleibende Nutzfläche für 30-Sekünder - eine ideale Länge für Werbespots.
Doch die untergründige Cinemavision soll kein Abklatsch des auf immer mehr Bahnsteigen aufblühenden "U-Bahn-Kinos" der ersten Generation werden, das den Wartenden mit Wetter, Werbung und Cartoons die Zeit bis zur endlich avisierten Einfahrt des Zuges zu vertreiben sucht. "Wir wollen anspruchsvolle Unterhaltung zeigen", konstatiert Moser-Metius, der 1980 einen Silbernen Bären für seinen mit Dolby Surround experimentierenden Kurzfilm "Rod Gröth" erhalten hat. Richtiges "Programmkino" sei geplant: 18 wechselnde Kurzfilme sollen jeweils zwei Wochen lang gezeigt werden, dann folgt die nächste Schiene. Den Anfang machen neben einigen Beiträgen aus europäischen Filmwettbewerben zwei Streifen von Charlie Chaplin - dem Lieblingsregisseur des Erfinders der MetroCinevision. Der ein oder andere Werbespot wird sich auch in das "Eröffnungsprogramm" schleichen, schließlich soll sich das mit Entwicklungs- und Installationskosten bereits 4,5 Millionen Mark teure Projekt über Werbeeinnahmen finanzieren. "Waschmittelreklame wird es aber nicht geben", verspricht Esther Heyer, Pressesprecherin des Startups. Man denke eher an "Werbekunst", Spots von Markenartiklern wie Nike oder Swatch.
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Welche Wirkungen das Projekt haben wird, muß sich nach der Premiere am 23. Oktober, zu der Moser-Metius 15 Kinder und Enkelkinder seines Leinwandidols geladen hat, herauskristallisieren. Im Mikrobereich für Berlin könnten Filmliebhaber und Touristen die generell stark befahrene Strecke der U 9 endgültig zum Erliegen bringen. Auf den Einsatz von Sonderzügen werden die Berliner Verkehrsbetriebe nämlich verzichten müssen, das Loch im Etat ist zu groß und schon heute wird vor allem abends an jeder Verbindung gespart. Andererseits wird sich der Filmgenuß vom Stehplatz aus und eingepfercht zwischen mehreren Hundert anderen Voyeuren in Grenzen halten.
Im Makrobereich will Moser-Metius in die Filmgeschichte eingehen: seine Vorbilder sind jedenfalls die Gebrüder Skladanowsky, die ihr "Bioskop" erstmals 1895 im Berliner Varieté Wintergarten vorführten, genauso wie die Brüder Lumières, die im gleichen Jahr die Besucher des Grand Café in Paris mit bewegten Bildern unterhielten. Die ersten Schritte auf dem Weg in die Geschichte des Kinos sind auch für Moser-Metius getan, Mangel an U-Bahn-Röhren gibt es schließlich nicht: nach der Eroberung Berlins soll die MetroCinevision zunächst in die Pariser Metro und die Londoner Tube einziehen. Und auf der
EXPO 2000 hat sich die neue Vorführmethode auch schon einen Platz erstritten.