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Ornamente der Netzbegeisterung

Tilman Baumgärtel 23.10.1998

Ein Buch von und über Station Rose

So müssen sie ausgesehen haben, die frühen 90er Jahre: Das Künstlerduo Station Rose hat ein Buch über das eigene Ouevre gemacht.

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Es ist etwas zutiefst Trauriges, wenn Künstler Bücher über ihr eigenes Werk machen müssen. Heißt es doch, daß ihr Werk für niemand sonst so interessant gewesen ist, daß er sich dieser unangenehmen Aufgabe unterziehen wollte. Das Wiener Künstlerduo [extern] Station Rose hat jetzt das eigene Oeuvre in einem Buch zusammengefaßt. Warum sich niemand sonst niemand für diese Aufgabe gefunden hat, sein einmal dahingestellt - vielleicht liegt es einfach an ihrer genuinen Kunstpraxis? Auf jeden Fall gibt [extern] The First Decade Auskunft darüber, wo sich Künstler wiederfinden, wenn sie die gerne wiederholten Maximen der Moderne im Allgemeinen und der Medienkunst im Besonderen ernst nehmen.

"Station Rose" haben sich erfolgreich von der Produktion museumskompatibler Arbeiten ferngehalten, sie haben den größten Teil ihres Werks außerhalb der Institutionen des Kunstbetriebs realisiert und sich an keinen Kontext angehängt. Das ist die Qualität ihrer Arbeit. Das aber hat bis heute auch dafür gesorgt, daß sie jenseits einer bestimmten Medienkunstszene so gut wie unbekannt sind.

Dabei ist "The First Decade" auf jeden Fall eine interessante und lehrreiche Lektüre, denn es zeigt wie kein anderes Buch den Übergang von künstlerischen Praktiken, die sich aus den "selbstorganisierten Zusammenhängen", der Performanceszene und den Ausläufern der Aktionskunst der 80er Jahre hin zu digitalen Medien und dem Internet in den 90er Jahren entwickelt haben. Dieser Zusammenhang hat bis heute kaum Spuren in der Großen Erzählung der Kunstgeschichte hinterlassen, aber ohne ihn kann man nicht verstehen, woher die Netzkunst der Gegenwart gekommen ist.

"The first Decade" beschreibt einen Teil dieser bislang unerzählten Geschichte. Nicht umsonst tauchen in dem Buch immer wieder Namen von Leuten auf, die heute in den verschiedensten Funktionen in der vernetzten Kunstszene eine Rolle spielen. Unter anderem tauchen auf: Armin Medosch, 1988 ein "junger Science-Fiction-Autor", der von Station Rose zum ersten Mal publiziert wurde und heute Redakteur dieses Magazins ist; Geert Lovink, der für das Buch einen konfusen Text geschrieben hat (der übrigens witzigerweise in der Novemberausgabe von [extern] Online Today recycelt wurde); David Hudson, Herausgeber des Ezines [extern] Rewired; Gerwald Rockenschaub, heute ein erfolgreicher Galerienkünstler und Teilzeit-DJ wie auch DJ Dag, ein "richtiger" Techno-DJ; Helmut Mark und Robert Adrian X, zwei Pioniere der Kunst mit Telekommunikationsmedien in Wien; die deutschen Musiker/Bands Der Plan und F.M Einheit; die Internetpredigern Timothy Leary und Howard Rheingold; Christoph Tannert, heute Kurator am Berliner Künstlerhaus Bethanien.

Natürlich bin ich mit dieser Aufzählung schon auf ein zentrales Motiv des ganzen Buches hereingefallen: "Station Rose" in einem gewissen Kontext zu situieren, den man mit den Stichwörtern Medien- und Netzkunst sowie Clubkultur der 90er Jahre ungefähr umreißen kann. Das Merkwürdige daran ist, daß es stimmt - auch wenn in keiner dieser Szenen, die heute - jede für sich - zur High Art hin streben, "Station Rose" eine prägende Rolle gespielt haben. Trotzdem haben Elisa Rose und Gary Danner, die "Station Rose"-Macher, durchaus an all diesen Kunstunterströmungen teilgehabt, auch wenn das von den jeweiligen Szenen kaum zur Kenntnis genommen wurde und sie daraus bis dato kein kunstszenekompatibles Kapitel geschlagen haben.

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Das ändert aber nichts daran, daß "Station Rose" schon Ende der 80er Jahre mit ihrem Lokal in Wien Neuland eröffnet haben, daß sie tatsächliche Anfang der 90er Jahre Techno-Raves gemacht haben, daß sie wahrscheinlich wirklich die erste Kunst-CD-Rom gemacht haben, daß sie vom Cyberspace geredet (und Performances mit Internetanschluß organisiert) haben, als die meisten das noch für ein SF-Szenario aus den Romanen von William Gibson gehalten haben. Wer en detail den Zusammenhang zwischen dem technologisch motivierten Utopieüberschuß der späten 80er Jahren und seiner - leicht desillusionierenden - Realisierung in den 90er Jahren verstehen will, kommt um dieses Buch nicht herum.

Gerade der informative Aufsatz von F.E. Rakuschan in diesem Buch stellt lange überfällige und erhellende Verbindungen zwischen "Station Rose" und der Wiener Multimedia-Szene her und macht verständlich, warum gerade aus dieser Stadt so wichtige Impulse für die Netzkunst ausgegangen sind. Mit Zeitungsausschnitten, Artikeln und Fotos (die zeigen, daß sich zwischen 1988 und 1998 in punkto Aussehen des Publikums bei derartigen Aktivitäten in der Kunst- /Medienszene kaum noch etwas geändert hat) ist hier dokumentiert, wie es aussah "when attitudes become form".

Was also bleibt von "Station Rose" für den Leser dieses Buches? Versuchen wir es mal in kunstgeschichtlichen Termini: Nach dem bisher dokumentierten Stand gibt es in der Kunstgeschichte folgende Etappen der Medienkunst: die Videokunst, dann die hochdotierte "SGI-Kunst", also die richtige, bis heute von den handelsüblichen Kunstinstitutionen nicht anerkannte Medienkunst, die im Auftrag von Institutionen wie dem ZKM oder der Ars Electronica ins Werk gesetzt wurde, und die nächste Station dürfte die Netzkunst sein.

"Station Rose" stehen mit ihren Arbeiten irgendwie quer zu all diesen Kategorien. Zwar haben sie "Netzkunst" (im Sinne von: Vernetzen) von Anfang an gepredigt, sich aber selbst nie mit der Kunst im Internet praktiziernden Szene, die sich in den letzte Jahren gebildet hat, identifiziert oder gar zusammen getan. Ihre [extern] Website ist zum Beispiel nur eine Dokumentation ihrer künstlerischen Aktivitäten, enthält aber kein Werk, das sich der genuinen Eigenschaften des Internets wirklich bedient - es sein denn, man hält schon die Übertragung von Bildern und Soundfiles für Netzkunst.

Wenn "Station Rose" also einen Platz in der Kunstgeschichte des ausgehenden 20. Jahrhunderts haben, dann sind sie wahrscheinlich die einzigen "CD-Rom-Künstler" (einem Genre, das beim Übergang von Hardware-gestützter Kunst (Video, Computer) zu der Internetkunst ein wenig unter die Räder geraten ist). Als einzige haben sie dieses Medium (mitsamt seines Ablegers CD-Extra) zum vorwiegenden Locus ihrer künstlerischen Aktivitäten gemacht und so noch einmal Bilder von dem geschaffen, das eigentlich nicht mehr abzubilden ist: die vernetzte Zukunft, die nur noch innerhalb der Hardware stattfindet. Nicht umsonst sind "Station Rose" nach Eigenangabe die "erste Multimedia-Band", die Sony unter Vertrag genommen haben. (Bei einer Testserie in verschiedenen Berliner Plattenläden und "Kulturkaufhäusern" war übrigens "Phosphoric Brain Message", die "CD Extra", die "Station Rose" bei Sony veröffentlicht haben, nirgends aufzutreiben.)

In diesem Format haben sie die Ornamente der frühen Netz- /Cyberbegeisterung festgehalten: mit der Computerpsychedelia, die Anfang der 90er als Chiffren der Netzseligkeit gelten konnte (und einem heute schon so weit entfernt erscheint). Wenn man in der fernen Zukunft (also in ein, zwei Jahren) einmal wissen möchte, wie die Träume von einer vernetzten Zukunft um 1990 aussahen (als sie im besten Fall im Mailbox-ASCII-Format erschien), muß man "Station Rose" und dieses Buch konsultieren.

station rose "1st decade"

Mit Textbeiträgen von Elisa Rose, Gary Danner, F.E.Rakuschan, Beatrice Stammer / Gabriele Horn, Thomas Hettche, David Hudson, Geert Lovink, Timothy Leary, Howard Rheingold, Fett Tedget, Micky Kwella u.a. 140 Seiten, zahlr. Abb., 16 Farbseiten, ISBN: 3-85266-082-3, DM 47,- / öS 344,-


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war da nicht mal was? (ich 24.10.1998 14:19)
 
   
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