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Eine Welt voller Super-Bubbles

Kybernetik

Herbert W. Franke 21.01.1999

Wo ist sie geblieben?

Der Anbruch des nächsten Jahrhunderts regt nicht nur zu manchen Vorhersageversuchen an, sondern gelegentlich auch zu einem Rückblick. Was war in den letzten hundert Jahren das bedeutsamste Ereignis in der Wissenschaft?

Manche werden die moderne Physik nennen - die Physik der Elementarteilchen, die Relativitätstheorie oder die Quantentheorie. Für andere sind es vielleicht die Fortschritte der Astronomie, der Biologie, speziell der Genetik. Ich entscheide mich für die Kybernetik, und es macht mir nichts aus, wenn einige heftig protestieren.

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Manche Einwände sind recht oberflächlich, beispielsweise der Hinweis darauf, die Kybernetik sei lediglich eine Mode gewesen, vielleicht sogar ein Sammelsurium von echten und vermeintlichen Erkenntnissen, mit dessen Hilfe man sich erfolgreich in Diskussionen über alles und jedes einschalten konnte, mit dem Anspruch, es besser zu wissen. Diese Wissenschaft war von Anfang an verdächtig, schon ihr Begründer Norbert Wiener erschien nicht gerade seriös - wie der schon aussah! -, und der Titel eines seiner Bücher "Mensch und Menschmaschine" konnte diesen Eindruck auch nicht zurechtrücken.

Zunächst sollte es sich um eine Theorie der Kommunikation, speziell der Regelungsprozesse, handeln, also um etwas recht Spezielles, was aber andererseits in vielen verschiedenen Bereichen angewandt werden kann. Denn Steuerung und Regelung haben besonders in der Technik und in der Biologie überragende Bedeutung und sind auch in Physik und Chemie nicht ohne Belang. Nachfolger und Schüler des Begründers der neuen Wissenschaft dehnten deren Anwendungsbereich weiter und weiter aus. So sollte sie die Basis jeder Art von Informationsverarbeitung werden und - der Mathematik ebenbürtig - eine Stütze der humanistischen Wissenschaften, der Philosophie. Später traten Apostel auf, die weitere einnahmeträchtige Anwendungen fanden und sie in Büchern und Vorträgen als Wundermittel für Werbung, Wirtschaft und Sport anpriesen. Vieles davon war nichts anderes als Scharlatanerie, und es ist durchaus empfehlenswert, diese Art von " Kybernetik" so bald als möglichst zu vergessen.

Was steckt nun wirklich dahinter? War dieser Anspruch auf Allgemeingültigkeit maßlos überzogen? Hätte sich die Kybernetik auf die Phänomene der Regelung beschränken sollen? Keineswegs, der Anspruch besteht zurecht, und wenn es keine Kybernetik gäbe, müßte man sie erfinden. Freilich ist der Begriff bereits so abqualifiziert, daß es manche vorziehen, das Wort zu vermeiden. Das ist schade, denn die Wissenschaft, die als Ersatz herhalten muß, nämlich die Informationstheorie, hat ihre Grenzen. Und wenn man sie so erweitert, daß sie die Bereiche abdeckt, um die es geht, käme genau wieder die Kybernetik heraus.

Worum geht es? Um nicht weniger als um die wissenschaftliche Beschreibung der Welt. Die Physik nimmt sich der materiellen Erscheinungen an, wozu auch das gehört, was Materie formt, bewegt und umwandelt, also vor allem Energie und Kraft. Um 1900 herum ergab sich in diesem schönen geschlossenen Bild eine merkwürdige Diskrepanz: Mit der Erscheinung der Entropie wurde etwas gefunden, was nichts mit Energie oder Kraft zu tun hat und doch zu grundlegenden Umsetzungen im materiellen Bereich führt, die sogenannte statistische Gastheorie ist das erste auf dieser Basis aufgebaute Wissensgebiet. Wie aus zahlreichen Publikationen aus diesen Jahren hervorgeht, dämmerte schon damals der Verdacht, daß man damit einer bisher unbeachteten Kategorie von Erscheinungen auf die Spur gekommen sein könnte.

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Dabei war schon den alten Philosophen der Unterschied zwischen Körper und Geist aufgefallen, zwei offenbar völlig verschiedene Aspekte unserer Welt, die doch - wie die Lebenspozesse zeigen - irgendwie verwoben sind. Über die Art dieser Verbindung wird heute noch gestritten. Man kann sich der Problematik aber gewiß auch von der anderen Seite her nähern, von jener der Mathematik und Logik. Auch hier ist ein Haken dabei, nämlich die Frage, ob logisch-mathematische Relationen zu den Naturgesetzen gehören oder ob es sich im Grunde genommen nur um die Beschreibung von Selbstverständlichem handelt, um Redundanzen. Es liegt dann lediglich an der Unzulänglichkeit unseres Denkvermögens, daß wir formale Wissenschaft einsetzen müssen, um die Zusammenhänge zu erkennen. Doch die Mathematik hat sich unabhängig von solchen Fragen entwickelt, gewissermaßen im lufteeren Raum, und erst die anfangs unseres Jahrhunderts einsetzende Konzentration auf die Grundlagen, angestoßen vom Mathematiker David Hilbert, traf man auf Widersprüche und unlösbare Probleme, die offenbar mit unserer Welt zusammenhängen. Ein Hinweis darauf ist die Tatsache, daß sich später bestimmte Automatenfunktionen (am Beispiel einer von Alan Turin erdachten und nach ihm benannten abstrkten Maschine) als das beste Mittel erwiesen haben, um diese Widersprüchlichkeit zu zeigen.

Damit sind wir bei jener Erfindung angelangt, von der der Anstoß kam: dem Computer. Eine Rechenmaschine ist ja der Prototyp eines Systems, mit dem man Zusammenhänge zwischen materiellen und immateriellen Erscheinungen unserer Welt erfassen kann. Der Computer erwies sich als weitaus potenter, als es seine Erfinder angenommen hatten. Zunächst verarbeitet er nicht nur Zahlen, sondern auch logische Operatoren, und dadurch wird er zum Instrument, mit dem es gelingt, verschiedenste Arten von Ordnungen herzustellen, zu analysieren und zu verändern. Man spricht allgemein von Daten, die da verarbeitet werden, und damit stößt man wieder auf die Prozesse der Steuerung und Regelung, die offensichtlich auf einem Datenumsatz beruhen.

Das, was man mit Daten machen kann, läuft im Prinzip auf drei Arten der Umsetzung hinaus: auf Speicherung, Weiterleitung (Kommunikation) und Verarbeitung. Nun gab es auch schon vor Norbert Wiener eine Wissenschaft, die sich mit Steuerung und Regelung auseinandersetzt, die Regelungstheorie, und es gab die Nachrichtentechnik, in die auch nichtphysikalische Vorgänge integrieret waren, z.B. solche der Verschlüsselung. Als Ingenieurwissenschaften gehen sie von materiellen, physikalischen Vorgängen aus und beschreiben dann die Regeln, die dabei gültig sind, so, als wären es physikalischen Gesetze ( - daraus entwickelte sich dann die Informationstheorie). In Wirklichkeit sind es solche ganz anderer Art, und es ist das Verdienst von Norbert Wiener, daß sich die Kybernetik dort, wo sie sich derselben Erscheinungen annimmt, dem Phänomen von der anderen Seite her nähert.

In den Gründerjahren der Kybernetik, um 1950 herum, sah es so aus, als wäre ein Tor aufgestoßen, und man entdeckte eine Vielzahl von Erscheinungen, an denen sowohl Materie wie auch Daten beteiligt sind und die sich bisher nur schwer einordnen ließen. Eigentlich waren es bis damals vor allem die Philosophen, die sich dem nichtmateriellen Aspekt - den man auch den geistigen nannte - annahmen. Zu den Objekten, für die die Kybernetik zuständig war, gehörten natürlich alle Geräte der Nachrichtentechnik, der Regelungstechnik und der Computertechnik. Was aber für Norbert Wiener von Anfang an in den Zuständigkeitsbereich der Kybernetik einbezogen wurde, waren biologische und gesellschaftliche Prozesse - alles, was mit Verhalten, Empfinden und Denken zu tun hat, mit zwischenmenschlichen Beziehungen, mit Sprache, mit Lernpozessen. Und daraus entstand dann die Vision: Die Kybernetik sollte das Gegenstück zu jener Wissenschaft sein, die für materielle Dinge zuständig ist - was man normalerweise der Physik zuschreibt -, eine Generalwissenschaft, die alle auf den Informationsumsatz gerichteten Wissenschaften in sich schließt.

Sie sollte natürlich die Informationstheorie einbeziehen, aber natürlich auch alle jene Disziplinen, die zur Beschreibung von formalen Zusammenhängen in Automaten, Reglern und Nervennetzen entwickelt wurden. Dazu gehört aber genaugenommen auch die althergebrachte Mathematik samt der formalen Logik, weiter die Psychologie und Wahrnehmenslehre, und darauf beruhend auch die Pädagogik. Und wohin gehört dann die Philosophie, mit formaler Logik, Erkenntnistheorei, Wertelehre usw? Es ist klar, daß, zumindest jener Teil der Philosophie, der sich den menschlichen Verhaltenweisen widmet, zur Kybernetik gehören sollte..

Diese Idee ist eigentlich großartig. Vielleicht mag sie vermessen erscheinen, aber der Anspruch ist wohlbegründet. Viele Wissenschaftler haben sich in den nachfolgenden Jahren mit dem theoretischen Überbau beschäftigt und gute Arbeit geleistet. Dazu ein Beispiel: Der Begriff des Funktionsmodells wurde so präzisiert, daß er zu vernünftigen Aussagen über Dinge führt, über die es kein physikalisches Wissen gibt. Das Schulbeispiel dafür ist der sogenannte Schwarze Kasten, ein Ding, das lediglich durch seine Reaktionen analysiert werden kann. Als Resultat erhält man ein Schema, das die Datenausgabe auf die Dateneingabe zurückzuführen gestattet. Sind Gegenstände bekannt, die dasselbe Funktionsmodell aufweisen oder kann man solche beschreiben, dann lassen sich Schlüsse auf logische Bausteine, Datenwege, Komplexität und dergleichen ziehen. Daraus ergeben sich beispielsweise Analogien zwischen dem menschlichen Gehirn und einem Computer, so verschieden diese auch realisiert sein mögen. Und die Turingsche Maschine ist ein Funktionsmodell für Rechenanweisungen, mit deren Hilfe ein eingegebenes Datenaggregat nach gegebenen Regeln verarbeitet und schließlich als sichtbares Resultat ausgegeben wird.

Wie es wohl heute gar nicht anders sein kann, bringt auch die Kybernetik noch nicht die letzte Offenbarung. Worüber sie beispielsweise keine Erkenntnisse vermitteln kann, ist der schon erwähnte Zusammenhang zwischen der materiellen und der Datenwelt. Wir wissen, daß Daten nicht abstrakt umgesetzt werden, sondern daß sie einen materiellen Träger brauchen. Man darf eben nicht verkennen, daß vieles, was für unsere Arten der Kommunikation typisch ist, nicht nur durch die Regeln des Informationsumsatzes, sondern auch durch die Bindung an Materie ermöglicht oder begrenzt wird. Sollte es eines Tags doch möglich sein, die Kybernetik in die Physik einzuführen? Einige Wissenschaftler vermuten das Gegenteil: Im Laufe der letzten Einsichten könnte sich die materielle Welt in Mathematik auflösen, und das solange gesuchte Atom, das "Unteilbare", würde sich als das Bit erweisen.

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