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Die "analoge", lineare Literatur hingegen überlebt ihre Todeserklärung wieder einmal. Auch in digitalen Zeiten tut sie, was sie stets tat, ob im Zeitalter des Kinos, des Radios oder des Fernsehens: Sie verändert sich heftig und bleibt im Prinzip, was sie war.

Selbstverständlich werden bald digitale Formen der Distribution und der Präsentation dominieren. Die Verlage werden Sachbücher wie Romane überwiegend direkt über das Internet vertreiben, und die Leser, die sie empfangen, werden die Bücher nicht unbedingt per Laserdrucker zu Papier bringen. In weiten Bereichen werden sich elektronische Lesegeräte durchsetzen, wie sie in technisch bescheidener Form bereits eine Weile auf dem Markt sind - vor Jahren konnte man Bücher auf Apples Newton lesen, heute auf anderen PDAs wie dem PalmPilot und auf speziellen elektronischen Büchern wie dem Rocket e-book.

Die angenehmste Form der digitalen Aufrüstung für das analoge Interface Buch verspricht freilich "E-ink", die elektronische Tinte, für die im New Media Lab des Massachusetts Institute of Technology die Grundlagen gelegt wurden. In Form von Reklame- und Preiszeichen, die sich chamäleonartig verändern können, existiert E-ink bereits. Sie auf dünnere Buchseiten zu bringen, ist ein technisches, kein grundsätzliches Problem mehr. Zeitungskonzerne und Verlage haben bereits zweistellige Millionensummen in das Projekt investiert. Am Ende wollen die Forscher nichts weniger als "The Last Great Book" schaffen, einen Band, der die Bibliothek ersetzt. Aussehen und anfühlen soll er sich wie jedes analoge Buch. Seine Speicher werden jedoch Tausende von Büchern enthalten, und neue Texte wird man sich jederzeit aus den Netzen herunterladen können. Auf Knopfdruck füllt dann die elektronische Tinte die Seiten mit dem Text, den man gerade lesen möchte.

Über solche Äußerlichkeiten von Buchvertrieb und Textpräsentation hinaus können auch inhaltliche und stilistische Innovationen nicht ausbleiben. Fotografie und Film haben die literarischen Erzählweisen nachhaltig beeinflußt. Die Ästhetik von Videospielen, von interaktiver CyberArt, von immersiven High-Tech-Installationen und virtuellen Rides werden die Romane der digitalen Epoche nicht minder tiefgreifend prägen - inhaltlich und formal, doch eben ganz anders, als der Irrweg der Hyperliteratur sich das vorstellte. Denn sie wollte gerade die evolutionären Vorteile aufgeben, die die erzählerische Literatur allen anderen Künsten voraus hat.

Das ist zum einen ihre einzigartige Fähigkeit, Gedanken und Gefühle unmittelbar zu steuern, Innerlichkeit darzustellen, unsere Imagination zu wecken - was ihr nicht durch Arbitrarität und beliebige Abfolgen gelingt, sondern durch ausgefeilte Erzählstrategien und ein hohes Maß an textueller Kontrolle. Und das ist zum zweiten ihre Fähigkeit - die sie mit dem Film teilt -, Geschichten zu erzählen, die gerade durch ihre Linearität, weil sie anfangen und enden, die alltägliche Zufälligkeit transzendieren und einen, wenn vielleicht auch nur ihren Sinn stiften. In dieser doppelten Nische wird die erzählende Literatur überleben - solange kein High-Tech-Fortschritt einen anderen, direkteren Zugang zu unseren Gedanken und Gefühlen findet.

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