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Eine Verschwörung von Cybergaunern

Doug Schuler 10.06.1999

Eine zeitgenössische Beschimpfung

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Wie vollkommen der Gauner ist!
Wir müssen die Wahrheit sprechen, sonst wird uns der Verdacht bloßstellen.

Hamlet

Fast jede Geschichte des Internets beginnt mit den visionären Computerwissenschaftlern und der DARPA (Defense Advanced Research Project Agency), dem amerikanischen Forschungsinstitut des Militärs, das dabei half, deren kybernetische Visionen umzusetzen. Meist werden jedoch dabei nicht die Steuern von Millionen anonymer U.S. Bürger erwähnt, die ohne ihr Wissen jahrzehntelang die Entwicklung des Internet gefördert und den Beginn der heutzutage gigantischen amerikanischen Computerindustrie ermöglicht haben.

Diese Steuerzahlungen sind heute an den Rand gedrückt und nur noch Konsumenten, während immer noch größeren Unternehmen es jetzt übernehmen, um es zu etwas zu formen, was ihren Bedürfnissen besser entgegenkommt.

Das Internet ist bekanntlich ein geniales Netz von Computern, das nach Meinung der Medien alles verändern wird. Die ursprüngliche Aufgabe des Internets war es, auch dann, wenn der kalte Krieg heiß werden sollte, die Daten des amerikanischen Militärs ununterbrochen zirkulieren zu lassen. Bis Mitte der 90er Jahre hatte das Internet sich drastisch verändert. Es wurde ein immer beliebteres Medium zur Kommunikation zwischen Personen und das ursprüngliche militärische Ziel trat in den Hintergrund. Während dieser Zeit wurden neue Rollen in das Spiel eingeführt, die jedoch nicht unbedingt besser sind. Leider sind, wie wir sehen werden, diese neuen Spieler nicht an den legitimen Bedürfnissen einer demokratischen Gesellschaft interessiert. Die Zukunft des Internet wird höchstwahrscheinlich von Gaunern bestimmt werden.

Internetbenutzer bemerkten von Anfang an, daß es mehr ist als nur ein Medium, in dem unsere Daten an denen der anderen lecken konnten. Fast über Nacht wurde Email zur primären Anwendung, und es entstanden Newsgroups über Hunderte von Themen. Doch die Internetnutzer merkten ziemlich schnell, daß es nicht nur ein anderes Medium ist, sondern auch eine Art Ursuppe, in der neue Medien entstehen, wachsen und, sollten die Bedingungen gut sein, sogar geeihen können. Die traditionellen Medien wie Briefe, Fernsehen, Zeitungen, Radio und Telefon lassen sich im Internet nachahmen, aber zusätzlich können auch hybride und unerwartete Mutationen entstehen, die in der elektronischen Ökologie des künftigen Netzes ihre Nischen finden werden.

Das Internet wächst, wie wir alle wissen, in einer unglaublichen Geschwindigkeit und errichtet Posten in weit entfernten Gebieten. (Zum Beispiel verzehnfachte sich im letzten Jahr in China die Anzahl der Computer, die ans Netz angeschlossen sind. Weiterhin ist es jetzt möglich, nach Nepal ein Email zu schicken, und es sind einige Kapitel meines Buches über vernetze Gemeinden auf einer russischen Website zu erhalten.) Doch das ist erst der Anfang der Medienrevolution. Die Etappen der vernetzten digitalen Kommunikation entfalten sich noch weiter. Was wir zur Zeit sehen, ist höchstwahrscheinlich erst eine Art hyperkinetische elektronische Larve.

Eine demokratische Technologie?

Da die Preise der Hardware drastisch fallen, die Investitionen wachsen und die Nutzung sich jährlich verdreifacht, bietet das Internet neben anderen neuen Kommunikationstechnologien verführerische Möglichkeiten für Aktivisten und sozial engagierten Gruppen, die billige Formen der interaktiven Kommunikation - im Unterschied zu Zeitungen, Fernsehen und Radio - benötigen, um mit ihren Mitstreitern kooperieren und ihre Informationen verbreiten zu können. Tausende von Grassroot-Organisationen und Bürgerbewegungen auf der ganzen Welt haben sich den Herausforderungen der neuen Technologien gestellt und unzählige Experimente begonnen: angefangen von freien Gemeindenetzen und Medienzentren bis hin zu Voice-Mail für die Obdachlosen und Internetcafes in den Stadtvierteln. Von der Presse praktisch ignoriert, hoffen diese Menschen zeigen zu können, daß die neuen Kommunikationstechnologien billig, für alle zugänglich, partizipatorisch und gemeinde-orientiert sind.

Leider werden diese altruistischen Impulse erstickt, während das Internet sich eher dem nähert, was Tom Grundner, der Gründer des Cleveland Free-net, als "Fernsehen auf Steroiden" bezeichnet. Wenn man sagt, daß sich das Internet schnell kommerzialisiert, dann ist das stark untertrieben. Vor kurzer Zeit waren nur 2 Prozent aller Websites kommerzieller Natur, jetzt sind schon über 90 Prozent Produkte des Marktes. Die überwiegende Mehrzahl der Websites und der neuen Anwendungen, die heute entwickelt werden, sind undemokratisch und schenken den Gemeinschaften keine Beachtung. Ihre Entwickler beziehen ihre Einfälle offensichtlich aus Videospielen, aus dem Fernsehen und von Las Vegas.

Wie kann man dies erklären? Wer könnte sich einer Kommunikationsinfrastruktur entgegensetzen, die demokratisch orientiert ist und es den Menschen auf der ganzen Welt erlaubt, über die alltäglichen, aber auch ungewöhnlichen Geschehnisse zu diskutieren, gemeinsam musikalische Veranstaltungen, Paraden, Demonstrationen oder andere Ereignisse zu organisieren und lokale Probleme wie Arbeitslosigkeit oder giftige Chemikalien in Flüssen zu bekämpfen?

Die Rollenbesetzung

Die Antwort besteht, wie sich herausstellt, in der Arbeit eines inoffiziellen Teams, das aus unterschiedlichen Darstellern besteht, die wir als Gauner bezeichnen. Ihre Weltanschauungen können einander zutiefst widersprechen, doch sie sind dieser de facto Allianz beigetreten, die sicherstellt, daß das neue elektronische Medium manipulativ und undemokratisch, also zunehmend ähnlich wie unsere traditionellen Massenmedien werden soll. Diese Gauner, besonders die Techno-Utopisten, die Vertreter des Big Money, der allwissende Bürokrat und sein Zwilling, der unwissende Bürokrat, die Anhänger des freien Marktes, die Fatalisten oder Realisten, wie sie sich selber sehen, und die politisch korrekten Maschinenstürmer bringen einen Großteil der Schurkereien in dem jetzt inszenierten Cyberdrama des wirklichen Lebens ein.

Jeder Gauner spielt auf den Bühnen, auf denen seine Ansichten einen Widerhall finden, und er neigt dazu, Vorstellungen vor einem kritischeren Publikum zu vermeiden. Das ist ein Grund dafür, warum ihre Mitarbeit so hilfreich, wichtig und bösartig ist, da dies ihnen ermöglicht, gleichzeitig und spontan an verschiedenen Fronten zu kämpfen. Manchmal kann ihr Einfluß auf wichtige Positionen in der Regierung oder in großen Firmen zurückverfolgt werden, wo sie großzügig für ihre Loyalität und ihren Fleiß belohnt werden. Manchmal kann ihre Spitzfindigkeit und ihre politische Einstellung ihnen einen Zugang zu den Medien und zu den Megaphonen der populären Ideologie geben. Und manchmal sind die Gauner auch Amateure, die als unbezahlte Fußsoldaten unermüdlich bei ihren Nachbarn und in den umliegenden Straßen von ihren Gartenzäunen, Barhockern oder Tastaturen aus agieren.

Obwohl diese übertriebenen Stereotypen nicht mit wirklichen Personen übereinstimmen, sind ihre Einstellungen heutzutage deutlich in dem sprudelnden und flüchtigen Mischmasch des öffentlichen Bewußtseins zu erkennen, zu dem auch die Gespräche im Netz und selbstverständlich die großsprecherischen Manifeste gehören, die endlos in den Gängen des Cyberspace widerhallen. Obwohl sie Anhänger von verschiedenen Philosophien sind und vollkommen unterschiedliche Zugänge zur Technologie haben, verschwören sie sich oft in stillschweigender Opposition gegen die Entwicklung von demokratischen Technologien.

Begegnung mit den Gaunern

Ambrose Bierce, der Erfinder des "Devil's Dictionary", hat die Zukunft definiert als "den Zeitabschnitt, in dem unsere Angelegenheiten gedeihen, unsere Freunde wahrhaftig sind und unser Glück gewährleistet ist". Der Techno-Utopist (TU), der oft auf der Seite der Vertreter des Big Money und der Anhänger des freien Marktes steht, stimmt mit ganzem Herzen dieser Meinung zu. Er gründet seinen unerschütterlichen Optimismus auf der Entwicklung von Technologie, die verspricht größer, schneller und besser zu werden. Wie ein Kind, das sich sein Spielzeug in den Schrank legt und sich das neue kauft, das es im Fernsehen gesehen hat, steht der Techno-Utopist der Gegenwart gleichgültig gegenüber, da sie zu öde und nüchtern für ihn ist. Die von diesem Gauner ausgebrüteten Phantasien sind keineswegs neutrale oder harmlose Wahnideen, sondern täuschende Taschenspielertricks oder Köder für die Arglosen. Man denke bloß nicht an den Zerfall der Schulen, die Obdachlosen und die anderen Ungerechtigkeiten der Gegenwart. Man richte seinen Blick auf die glänzende Welt der Zukunft, in der Schmerz, Armut und Hunger besiegt wurden.

TU-Gauner werden von der Presse als "Futuristen" oder sogar als "Visionäre" gefeiert und ziehen mühelos die Aufmerksamkeit der Medien auf sich. Ihre ungehemmten Übertreibungen werden problemlos in spritzige Überschriften verwandelt, die gut bei den jungen, auf Fernsehen und Videospiele fixierten Cybernauten ankommen. Überdies ist die TU-Kristallkugel eine klare, präzise und unbegrenzte Sammlung von Einsichten, die von Zweifeln oder Zweideutigkeiten nicht getrübt wird. Das Magazin Wired fällt auch in diese Rubrik. Eine vor kurzem publizierte Ausgabe zeigte ein bedrückend leeres "glückliches Gesicht" der Erde, um den seit 20 Jahren anhaltenden "long boom" der Computertechnologie zu feiern. TUs haben auf alles eine Antwort, ihr Tonfall ist professionell und selbstbewußt. Falls Probleme des Gesundheitssystems diskutiert werden, bringt der TU "Telemedizin" an. Falls man auf die Ungleichheit im Zugang zu den neuen Technologien zu sprechen kommt, so wird der TU uns das ewige Versprechen der "unbegrenzten Brandweite" entgegenhalten, was dem oft zitierten Slogan von vorgestern auf erschütternde Weise ähnlich ist, die Atomenergie werde in einem solchen Überfluß vorhanden sein, daß sie zu billig sein würde, um für sie noch Gebühren zu verlangen.

Es gibt so viele TUs dieser Tage, daß es schwierig geworden ist, sie alle im Blick zu behalten. Einer der schlimmsten TU-Theorien faßt die gesamte menschliche Geschichte in eine kleine Anzahl von "Wellen" zusammen. Unbelastet von den Komplexitäten der Gegenwart ist diese Art der "Vision" tatsächlich visionär. Zweifellos gibt es für Menschen oder Communities, die Veränderungen wollen, keine Rolle in der TU-Ontologie. Ähnlich wie wir beim Fernsehen Konsumenten sind, beschränkt sich die uns zugewiesene Rolle auf die des passiven Zuschauers. Das ist eine neue Welt, die für die Unternehmer, für die fleißigen "Trendsurfer" geschaffen wird, die auf den Wellen Nanosekunden vor dem Rest der Gruppe reiten und geschickt von einer Welle auf die andere wechseln, wenn die erste zusammenbricht. Im Moment ist die Welle auf jeden Fall elekronisch: "Go cyber, junger Unternehmer!"

Ein weiterer Aspekt des technologischen Utopismus liegt weniger im Bereich der Technologie selbst, sondern eher in naiven Vorstellungen über die existierenden sozialen, ökonomischen und politischen Strukturen und in dem festen Glauben an den allgemeinen Fortschritt. Vertreter der "elektronischen Demokratie", die im allgemeinen wohlmeinender oder naiver sind als so einige Gauner, die ich gekannt habe, erliegen manchmal dieser spezifischen Art von Utopie, so wie es bei den Propheten des Radios und Kabelfernsehens am Anfang dieses Jahrhunderts der Fall war. Das Konzept der "elektronischen Demokratie" unterstellt, daß die Telekommunikationstechnologien die Aktivitäten, die wir als demokratisch betrachten, unterstützten können, sollen und auch werden.

Computernetze können, ungeachtet des Widerstands der Gauner, Partizipation zu fördern, aber sie bringen gleichzeitig auch unzählige Probleme mit sich. Die Demokratie ist gegenüber vielen Gefahren sehr empfindlich, und die "elektronische Demokratie" könnte sogar noch gefährdeter gegenüber dem Mißbrauch sein als die traditionelle Demokratie. Die Demokratie beruht auf demokratischen Prozessen, die es jedoch im Cyberspace praktisch noch nicht gibt. Vielleicht ist es an der Zeit, eine neue Art von "Roberts Ordnungsregeln - überarbeitet für die elektronische Partizipation" als eine Art Gegengift zu dem unsinnigen und leeren Lärm einzuführen, der viele "Diskussionen" im Internet charakterisiert.

Während die Gruppe der TUs in einer technologischen Sehnsucht badet, gewinnt sie ihre Kraft und Macht aus anderen Quellen. Die Gruppe der Vertreter des Big Money (BM) und der Anhänger des freien Handels (FH) könnten höchstwahrscheinlich beide in einem einzigen Gaunertyp zusammengefaßt werden, aber es gibt einige interessante Unterschiede. Der BM ist oft Mitglied eines großen Unternehmens als Vorgestellter oder als Koordinator. Er betrachtet Personen als Kunden. Information ist für ihn ein bestimmter "Inhalt", den man wie jede andere Ware herstellen oder erwerben und dann mit Gewinn verkaufen kann. Auch wenn der BM nicht unbedingt Communities zerstören oder den demokratischen Diskurs einschränken möchte, werden die Nebenwirkungen, die aus den Zwängen des Big Money mitsamt der von den Lobyyisten und deren Verbündeten im Kongreß erzwungenen legislativen Imperative entstehen, wahrscheinlich dieses Ergebnis herbeiführen. Privatisierung und Monopolisierung von Information und Kommunikationskanälen werden zu geringerer Partizipation führen, zu weniger nützlicher Information und allgemein sinkender Qualität. Werbung wird sich als Nachricht verkleiden und Erziehung verwandelt sich in interaktive Computerspiele. Gewaltdarstellungen werden normale Gespräche, aber auch die politischen Debatten verdrängen, von denen jede demokratische Gesellschaft abhängig ist.

Angeblich motiviert die Ideologie und nicht das Geld den Anhänger des freien Handels (FM). Der FM hält sich meist für einen "extremen Individualisten", der aus dem einen oder anderen Grund jegliche Verwobenheit mit der Gesellschaft zurückweist, von der doch die ganze Menschheit abhängt. Ironischerweise sind viele dieser "extremen Individualisten" Vorsitzende von großen Unternehmen und deswegen kaum von den BMs zu unterscheiden. Wir haben es den Medien zu danken, daß sie zumindest teilweise für die Herstellung solcher subtilen Helden verantwortlich sind. Das Magazin Wired bietet dafür einige der schlagendsten und groteskesten Beispiele. Auf einer der Titelseiten ist zum Beispiel das Gesicht des TCI Vorsitzenden John Malone zu sehen, das auf den Torso des "Road Warrior" verpflanzt worden ist. Eine andere Titelseite schmückt der als Conan, der Barbar, dargestellte Bell Atlantic CEO Ray Smith. Der FM ist immer bereit, seine Ansichten über Freihet von sich zu geben, um seinen Standpunkt zu vertreten, daß die Regierung sich nicht (das kleinste bißchen) in das Leben der Individuen einmischen soll.

Auch wenn dieser Slogan bei den Progressiven oder Liberalen gut ankommt, ist er ironischerweise eine stillschweigene Unterstützung der Unternehmerinteressen, die über das öffentliche Interesse gestellt werden. Mit Ignoranz über die Tatsache hinweggehend, daß die Regierung praktisch die Computerindustrie geschaffen hat, kümmert sich der FM mehr um die Interessen der Unternehmer als um die der Bürger. Die Menschen mit geringen Einkommen, die der Gnade der nicht mehr von der Regierung kontrollierten kommerziellen Interessen ausgesetzt sind, würden dann wirklich "frei" sein: frei, um ohne Essen und Gesundheitsversorgung zu leben, um unter Brücken zu schlafen. Auch die Unternehmer wären dann frei, um in die Zeit ohne staatliche Regulationen zurückzukehren, in der Unternehmen wieder 80 Wochenstunden, Kinderarbeit und unkontrollierte Umweltverschmutzung fordern könnten.

Ohne dies direkt einzugestehen, befassen sich FMs faktisch fast ausschließlich mit den Rechten von Menschen der Mittel- und Oberschicht. FMs sind oft "Freidenker", für die beispielsweise Gott nur ein Aberglaube ist. Doch wir können schnell feststellen, daß der "freie Markt" Gott als ein Objekt der Verehrung und der Unfehlbarkeit sowie als Ursprung aller Segnungen nur ersetzt hat. Viele FMs geben sich als Fundamentalisten mit dem ganzen damit verbunden starren Glauben zu erkennen.

Die Progress and Freedom Foundation ist vielleicht das beste Beispiel für die FM-Philosophie. Ihre Ausflüge in die Cyberszene sind gekennzeichnet von demselben rhetorischen Exzeß und "look and feel", wie man sie auch bei den Netzbefürwortern auf den Seiten von Wired finden würde. In einem Hinweis auf das cybertrendige Manifest "Magna Carta für die Wissensgesellschaft" schreiben sie: "Der Cyberspace ist eine Frontier, kein staatliches Projekt." Dieser Satz kann leicht entziffert werden: "Frontier" = aufregend und männlich, wie jeder Western aus Hollywood belegt; "staatliches Projekt" = langweilig, trübsinnig und nutzlos, also gleichzusetzen mit einer vereinzelten Räuberbande. Nach ihren heiligsten Vorstellungen soll der Cyberspace hingegen in eine Geldmaschine umgebaut werden. Jetzt, nachdem die US-Regierung (oder genauer: die Steuerzahler) für das Internet und andere fundamentale Fortschritte in der Computerindustrie bezahlt hat, glaubt die Progress and Freedom Foundation, daß das Internet an die großen Firmen übergeben werden sollte, da diese die Mittel und das Gespür dafür haben, um es systematischer auszubeuten. Das sind dieselben großen Firmen, was einen nicht überraschen sollte, die der Stiftung schon fast 2 Millionen Dollar gegeben haben: AT&T, TCI, Cox Enterprises, Wired und Forbes , um nur einige zu nennen.

In unserer Liste folgt jetzt die Gruppe der Politisch Korrekten Luddisten (PKL) und die der Fatalisten/Realisten (FR). Diese beiden Gruppen sind bestimmt nicht mit den anderen Gaunern verschworen. Sie äußern sich weniger lautstark und extravagant als diese. Ihre politischen Ansichten sind sogar manchmal links orientiert. Der PKL kann beispielsweise ein großes Mitgefühl für die Armen und die Benachteiligten empfinden. Er ist wahrscheinlich ebenso empört von der Unverantwortlichkeit des Staates wie von der der Unternehmen. Doch seine Art des Handelns ist das Nichtstun. Das kommt vermutlich von seiner negativen Einstellung gegenüber allem Politischem, das, wie sie uns versichern, "schmutzig" ist, oder gegenüber allem Technischem, das für sie weniger natürlich ist als Bäume, Kunst oder geistige Dinge. Leider bewirkt dieser Versuch, seine eigene Hände in Unschuld zu waschen, lediglich, daß die Gauner in ihrem Kampf vorankommen, wozu auch die buchstäblich Abertausenden von gut bezahlten Lobbyisten gehören, die nicht denselben Maßstäben der ethischen Reinheit folgen. Ob wir es mögen oder nicht, so werden viele Aspekte dieses Kampfes politisch sein, und viele Aspekte werden die Technik einschließen. Um in sinnvollerweise Weise die Zukunft der Kommunikationssysteme zu gestalten, ist ein Verständnis von beidem notwendig.

Wir werden jetzt unser kritisches Auge auf die Gruppe der Fatalisten/Realisten richten. Der FR wird wahrscheinlich jeden sozialen Mangel anerkennen, wenn nicht sogar feiern. Der FR wird sofort einräumen, daß Communities an den Rändern auseinanderbrechen, daß Unternehmen rücksichtslos mit dem öffentlichen Diskurs umgehen, daß die Umweltzerstörung alarmierend ist und daß die Verteilung von Gütern und Leistungen auf obszöne Weise ungerecht ist. Der FR wird jedoch nicht zugeben, daß man irgend etwas dagegen machen kann. Die Möglichkeit eines positiven Wandels zuzugeben, würde ihren Auftritt in der Öffentlichkeit und ihre eintönige, aber allwissende Perspektive untergraben. Schlimmer noch, es würde ihr Engagement erforderlich machen. Ohne Hoffnungslosigkeit würden sie gezwungen sein, im Sinne ihres Glaubens zu handeln, während mit ihr bedauerlicheweise ihre Tatenlosigkeit die einzige mögliche Antwort auf die eiserne Logik einer grausamen und ungerechten Welt darstellt.

Zum Abschluß widmen wir uns der Institution, die bei der Geburt des Internet mitgeholfen hat, also der US-Regierung. Sie steuert zur Gaunerbesetzung des Dramas zwei janusköpfige Rollen bei. Die erste Rolle ist die des "allwissenden Bürokraten", dessen Wissen genau mit dem gesamten Spektrum des Wissenswerten zusamenfällt. Dieses unbegrenzte Wissen kann seine Wurzeln in einer einfachen Megalomanie haben oder aus der jahrelangen Erfahrung beim Überprüfen von Gehältern stammen. Das Gegenteil des allwissenden Regierungsangestellten ist sein entgegengesetzter Zwilling, der "unwissende Bürokrat". Mit diesem Gauner zu arbeiten, ist genauso schwierig, denn höchstwahrscheinlich wird dadurch alles in die verkehrte Richtung gehen. Wenn dieser Gauner mit aktuellen Problemen und Entscheidungen konfrontiert wird, sucht er Zuflucht bei seiner hilflosen Unwissenheit, wobei er verschämt einräumt, daß "dieses Computerzeugs einfach zu kompliziert ist". Wegen seiner feigen oder tatsächlichen Unwissenheit wird der unwissende Bürokrat wahrscheinlich genauso wenig die Mitglieder einer Community bei sie betreffenden Entscheidungen partizipieren lassen. Es ist eben viel einfacher, sich von anderen Gaunern, beispielsweise vom allwissenden Bürokraten oder vom Vertreter des Big Money, beraten zu lassen, deren umfangreiches Wissen das perfekte Gegenstück zur Leere des unwissenden Bürokraten ist.

Jenseits von Gaunerei

Selbstverständlich sind die meisten Menschen keine Gauner. Manchmal jedoch lassen wir uns alle in ihren Fallen fangen. Leider sind viele Leute noch nie mit Ansichten konfrontiert worden, die den Parolen und Programmen der Gauner widersprechen. Da deren Ansichten nicht wirklich in Frage gestellt werden, sind unsere Möglichkeiten als Bürger, über das Spektrum an möglichen Zukünften nachzudenken, ernsthaft begrenzt worden. Wir erkennen nicht auf angemessene Weise die tiefreichenden Schranken für den gegenwärtigen öffentlichen "Dialog", für unsere geschichtliche Chance oder für die mögliche Stärke unseres Engagements.

Es mag schon zu spät sein, um die Mission der Cybergauner zu stoppen oder nur zu verlangsamen. Ihr Einfluß kann zu weitreichend, ihr Tun zu eingewurzelt und ihr Schwung zu stark sein. Es wäre jedoch feige, einfach aufzugeben, bevor wir überhaupt angefangen haben. Wir dürfen nicht zulassen, daß ihr Vorsprung oder ihre enormen Mittel einer Bürgerkampagne für eine demokratische Technologie zuvorkommt.

Eine Kampagne für eine demokratische Technologie würde ihren Kampf mit Worten austragen, also mit den Waffen der Demokratie. Schreibt Leitartikel! Stellt die Annahmen und Motive der Gauner in der Öffentlichkeit bloß! Dienen Trends bei den neuen Technologien den Bürgern oder den Unternehmern? Beteiligt die Regierung! Sie ist zumindest nominell demokratisch und verpflichtet, den "gewöhnlichen" Bürgern ebenso zuzuhören wie den großen Konzernen. Die Regierung sollte unterstützt werden, neue Rollen einzuführen, um die Bürger zu stärken. Schließe dich mit anderen zusammen und spreche die wichtigen Probleme an! Stelle demokratische Technologien her, wie zum Beispiel kostenlose vernetzte Gemeinden, Internetzugänge in Gemeindezentren und Technologieprojekte in Stadtteilen, in denen Menschen mit geringem Einkommen leben. Und, was vielleicht am wichtigsten ist, bilde dich selbst weiter.!Wir haben nichts zu verlieren außer den Zugang zu einer neuen demokratischen Technologie, die vielleicht nie verwirklicht wird.

Der Kampf um das nächste Medium hat begonnen, doch die meisten von uns sitzen müßig herum und schauen der Kampagne der Cybergauner zu. Leider ist es nicht einfach nur ein weiteres grelles und schlecht aufgeführtes Doku-Drama. Es ist die sich vor unseren Augen entfaltende Geschichte der Kommunikationsmedien, und es kann sich herausstellen, daß der passive Zuschauer der größte Gauner von allen ist, da er wieder einmal zuläßt, daß das größte Potential der Menschheit erniedrigt, ungerecht und geistlos wird.

[extern] Doug Schuler
[mailto] Doug Schuler ist Software-Entwickler und Mitbegründer des [extern] Seattle Community Network. Seit mehr als 15 Jahren beschäftigt er sich mit Themen, die die Gesellschaft und Computerwissenschaft betreffen. Derzeit arbeitet er als Mitglied an der Fakultät des Evergreen State College, Olympia im Bereich "Computer und Gesellschaft". Doug wurde bereits in Asien, Europa und Nordamerika eingeladen, Vorträge zum Thema Internet und Demokratie zu halten. Veröffentlichungen: New Community Networks: Wired for Change, 1996. Reinventing Technology, Rediscovering Community, 1997.

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