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Wertvoller Klatsch

Andrea Naica-Loebell 31.08.2005

Tratsch und Klatsch sind Bestandteil sozialer Netzwerke

Klatsch und Tratsch interessieren die Menschen wahrscheinlich schon so lange, wie es Sprache gibt. Schon die alten Ägypter verrieten sich gegenseitig hinter vorgehaltener Hand, wer es mit wem trieb oder sonst wie gegen gesellschaftliche Regeln verstieß.

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Die Grenzen zwischen einem normalen Gespräch und echtem Lästern sind fließend, dennoch sind sich die Forscher sicher, dass Klatschen einen echten sozialen Kitt darstellt, der die Gesellschaft zusammenhält. Gruppenmitglieder werden durch die intime Plauderei integriert und gleichzeitig mit allen wesentlichen Informationen versorgt.

Die Sozialpsychologen sind seit Jahren der Ansicht, dass der Wunsch zu tratschen dem Menschen angeboren und fest im menschlichen Gehirn verankert ist. Die Gerüchteküche spielt im Wettbewerb um eine gute Position in der eigenen sozialen Gruppe eine wichtige Rolle. Jeder versucht, an Informationen zu kommen, die einen Vorteil versprechen, entweder um am Image eines Rivalen oder einer Person mit hohem Status zu kratzen, oder andererseits um Freunde, Alliierte und nicht zuletzt das eigene Ansehen zu schützen ([extern] Of tabloids and family secrets: The evolutionary psychology of gossip).

Tratschen bringt die Menschen eng zusammen, sowohl verbal als auch körperlich – denn schließlich soll keiner mithören. Es gibt sogar die These des englischen Anthropologen Robin Dunbar, dass dieses Geplaudere der verbale Ersatz für das soziale Konflikte deeskalierende Kraulen der Primaten sei ([local] Sprechen anstatt Kraulen).

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Schmutzige Wäsche waschen

Der Begriff "Klatschen" geht nach [extern] Birgit Althans von der Uni Berlin auf das öffentliche Waschen schmutziger Wäsche zurück:


Die 'Ur-Szene', an die das lautnachahmende Wort Klatsch erinnert, sind die Waschplätze der Frauen. Hier wurden nicht nur mit weithin schallenden Schlägen die anstößigen Flecken aus der Wäsche, sondern auch arbeitsbegleitend 'mit dem Maule gewaschen', wie Luther beanstandete, und genüsslich über die (sexuelle) Herkunft der Flecken spekuliert.

Das Wäschewaschen war traditionellerweise reine Frauenarbeit, ebenso wie die anderen Tätigkeiten der winterlichen Munkel- und Kunkelstuben, die allegorisch mit dem 'Klatschen' in Verbindung gebracht werden, wie etwa das Nähen und Flicken ('jemandem am Zeug flicken'), oder die Flachsverarbeitung ('jemanden durchhecheln').

Beim Klatsch handelte es sich zunächst um ein spezifisches, ins Auge fallendes, weibliches Genießen des Sprechens bei langwieriger, monotoner und teilweise sehr harter körperlicher Arbeit, die durch die Lust der arbeitenden Frauen am Klatsch, am Gespräch über das 'Allerletzte', kompensiert wurde.

In ihrer als Buch erschienen Doktorarbeit [extern] Der Klatsch, die Frauen und das Sprechen bei der Arbeit beschreibt die Pädagogin die Kulturgeschichte der Verbreitung von "ungesicherten Informationen" von den Waschplätzen über die Kaffeehäuser (Stichwort: Kaffeeklatsch) bis zum heutigen Internet.

Tratsch im Alten Ägypten

Vieles spricht dafür, dass das Tratschen schon immer eine Form des Sprechens war, allerdings ist das für alte Kulturen ohne Schrift nicht nachweisbar. Sicher ist inzwischen, dass schon die Alten Ägypter gerne Gerüchte weitererzählten. Wie Lisa Schwappach-Shirriff, Kuratorin des [extern] Rosicrucian Egyptian Museum im kalifornischen San Jose kürzlich dem [extern] Discovery Channel berichtete, fand sie dafür Beweise sowohl in Kunstwerken als auch in hieroglyphischen Inschriften.

Das magische Weltbild der Alten Ägypter implizierte, dass schriftlich Festgehaltenes zur Realität wurde. Deshalb wurden negative Dinge nur ungern niedergeschrieben. Umso spannender war es für Schwappach-Shirriff, dem antiken Tratsch auf die Spur zu kommen. Sie entdeckte unter anderem einen 5000 Jahre alten Text, der beschreibt, das ein König oft nachts einer seiner Generäle besuchte, "in dessen Haus es keine Ehefrau gibt", wie der Schreiber mehrfach betont und damit unterstellt, dass es sich um eine homosexuelle Beziehung zwischen den beiden Männern handelte.

Nahe des Tempels der Königin [extern] Hatschepsut, die eine enge Beziehung zu einem Berater namens [extern] Senenmut unterhielt, fand sich eine in die Wand gekratzte obszöne Zeichnung. Die Ägyptologin erklärte:


Wie nahe die beiden sich wirklich waren, kann nur vermutet werden, aber es ist deutlich, dass die Arbeiter, die den Tempel erbauten, davon ausgingen, dass es sehr nahe war.

Es wurde ein Graffito entdeckt, das einen deutlich weiblich gezeichneten 'König' in einer kompromittierenden Position mit einer nicht-königlichen Person darstellt. Da dieses Bild in einem Bereich oberhalb des Tempels gefunden wurden, wo die Arbeiter sich ausruhten, kann man sich gut vorstellen, wie sie zusammen beim Mittagessen saßen und darüber kicherten.[extern] Graffito

Am Hofe der Pharaonen gab es zudem stets Haremsintrigen, zumal die verschiedenen Frauen immer wieder versuchten, ihren eigenen Sohn zum nächsten König zu machen. Klatsch und Tratsch haben bei diesen Verschwörungen mit Sicherheit eine große Rolle gespielt. Am schlimmsten traf es [extern] Ramses III, den einige seiner Frauen zusammen mit Priestern ermorden wollten. Schwappach-Shirriff ist überzeugt, dass der Tratsch damals genauso verbreitet war wie heute:


Leute klatschen über das, was sie interessant finden, sowohl im Altertum wie heute. Wer erfahren will, wie ein Volk wirklich war und was eine durchschnittliche Person für angemessenes Verhalten hielt, tut gut daran, sich anzuschauen, worüber geklatscht wurde.

Schmiermittel des Kontakts

Lange galt Klatsch den Wissenschaftlern als unnützes oder sogar bösartiges Geschwätz. Wie die [extern] New York Times kürzlich berichtete, haben Psychologen und Sozialforscher diese Meinung in den letzten Jahren revidiert. Tatsächlich ist Tratsch ein wesentlicher Faktor sozialer Interaktion in Gruppen. Er trägt am Arbeitsplatz dazu bei, die Regeln, nach denen zusammengearbeitet wird, zu klären und zu verstärken. Zudem werden äußerst wichtige Informationen weitergeben, die niemals in einer Dienstvorschrift schriftlich festgehalten würden.

Die Gerüchteküche trägt auch dazu bei, dass Neulinge und am Rand stehende Personen in Gruppen integriert werden, indem sie Vertrauliches und damit Vertrauen erfahren. Der Evolutionsbiologe [extern] David S. Sloan von der State University of New York in Binghamton meint:


Es gab früher eine Tendenz, Klatsch als liederlich und unseriös abzuwerten, aber Klatsch ist anscheinend eine sehr differenzierte, multifunktionale Interaktion, die für die Kontrolle des Verhaltens in einer Gruppe wichtig ist und zudem die Mitgliedschaft in einer Gruppe definiert.

Der Austausch von Bewertungen und Meinungen über Abwesende erfüllt außerdem zahlreiche menschliche Bedürfnisse, vom puren Voyeurismus bis zur mitfühlenden Anteilnahme am Schicksal anderer Menschen. Viele Tratschende überwinden außerdem beim Weiterberichten von Indiskretionen auch das Gefühl von Ohnmacht und soziale Ängste.

Langzeitstudien mit Bewohnern von pazifischen Inseln, amerikanischen Mittelschülern und bäuerlichen Bevölkerungsteilen aus Neufundland sowie Mexiko haben erwiesen, dass alle klatschen und dass sie zwischen einem Fünftel und zwei Dritteln der täglichen Gesprächsdauer dafür aufwenden. Zwischen Männern und Frauen bestehen dabei keine signifikanten Unterschiede.

Die besten hinter vorgehaltener Hand erzählten Geschichten werden mindestens an zwei Personen weitererzählt, so ziehen sie immer weitere Kreise. Dadurch entsteht ein ganzes Geflecht des Austausches gesellschaftlicher Stimmungen. Konflikte werden benannt und eigene Positionen gefestigt. Gruppen rücken zusammen, stecken ihre Grenzen ab, festigen ihren Zusammenhalt und schützen sich vor Störungen.

In gut funktionierenden Gruppen, wo alle produktiv und harmonisch zusammenarbeiten, gibt es so gut wie keinen bösartigen oder negativen Klatsch. Wer zu viel tratscht, dabei stark übertreibt oder lügt, erfährt schnell, dass er letztlich in Isolation gerät – dafür sorgt der Tratsch der anderen Gruppenmitglieder, der ihn schließlich demaskiert. Solche Manipulatoren gewinnen vorübergehend Macht und destabilisieren ihr Umfeld, aber meist zahlt sich ein solches Verhalten auf Dauer nicht aus. Das zeigten die Analysen von Eric K. Foster von der [extern] Temple University in Philadelphia ([extern] Rumor and Gossip Research).

Letztlich ist Klatsch also ein Kontrollinstrument der menschlichen Gesellschaft. Wer das vertrauliche Tratschen nicht beherrscht, gerät schnell ins Abseits. Die Psychologin [extern] Sarah Wert, die über soziale Einsamkeit geforscht hat, erläutert:


Wir kennen alle Leute, die überhaupt nicht auf die soziale Welt kalibriert sind. Wenn diese Leute an Klatsch-Sitzungen teilnähmen, würden sie eine Menge von dem lernen, was sie wissen müssten – und nirgendwo sonst lernen können, zum Beispiel darüber, wie zuverlässig Leute sind oder wie vertrauenswürdig. Sich nicht an irgendeiner Art von Klatschen zu beteiligen, kann ungesund sein und abnormal.

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Artikel-URL: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/20/20836/1.html

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Kommentare lesen
COVER Medienmagazin: Klatsch & Tratsch. Der mediale Sündenfall (dennis_fake 1.9.2005 20:39)
deswegen mag ich das... (DealeyLama 1.9.2005 19:19)
Re: (agb01 1.9.2005 18:36)
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