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Der größte Horror ist das Nichtstun

Rüdiger Suchsland 08.09.2005

Red Eye: Wes Cravens Augenzwinkern zur westlichen Terror-Angst

Rotkäppchen und der böse Wolf - man kann "Red Eye", den klassischen, zugleich sehr frischen neuen Thriller auch als moderne Version dieses berühmten Grimmschen Märchens begreifen. Vor allem aber ist es eine Hommage des Horrorfilm-Spezialisten an die Psychothriller von Alfred Hitchcock. Einmal mehr geht es dabei um den Verlust der Unschuld und das, was danach ist, wie man weiterlebt, wenn man, vielleicht ohne eigene Schuld, seine Unschuld verloren hat. Höchst aktuell ist das alles also, nicht nur für die USA, von Cravens Augenzwinkern zur westlichen Terror-Angst einmal ganz abgesehen.

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Ein Fremder nicht im Zug wie bei Hitchcock aber dafür im Flieger, in der economy-class, die hier einen ganz neuen Sinn bekommt. Lisa, die als Managerin in einem Luxushotel arbeitet, wird von diesem erpresst. Man werde ihren Vater ermorden, lautet die glaubwürdige Drohung, wenn sie nicht einen prominenten Hotelgast, den Chef der "US-Homeland-Security", spontan mit dessen Familie in eine andere Suite verlege. Ist das geschehen, daran besteht für sie wie für uns Zuschauer kein Zweifel, droht diesem ein Attentat. Nun steht die junge Frau, so scheint es, vor der Entscheidung, das Leben eines nahen Verwandten oder das mehrerer anderer Menschen zu opfern.

Dieses scheinbar ausweglose moralische Dilemma bildet den Kern der Handlung von Wes Cravens neuem Film "Red Eye". Erst gerade kam Cravens vorheriges Werk, "Cursed", in die deutschen Kinos. Zwar hatte sich der Regisseur deutlich von dieser, durch das Studio stark manipulierten, Kinofassung einer Parodie des Werwolfgenres distanziert, zwar war das Resultat andererseits auch längst nicht so missglückt, wie es das einhellige Urteil der meisten Kritiker jenseits wie diesseits des Atlantik glauben machte, doch schadete "Cursed" Cravens Ruf erheblich - zumal bei jenen, die schon mit der selbstreferentiellen Intelligenz seiner drei "Scream"-Filme nichts anfangen konnten.

Schock & Subtext

Mit "Red Eye" stellt Craven seinen Ruf wieder her und bewegt sich doch auf neuen Pfaden. Einerseits entfernt er sich hier deutlich von seiner Herkunft aus dem Horror- und Slasherfilm und erobert sich - bei allen Anspielungen auf frühere Werke - ein für ihn neues Terrain: den Psychothriller mit realistischen und sogar komödiantischen Elementen, wie er in den B-Movies der 30er-Jahre begründet und von Hitchcock zur Perfektion gebracht wurde. Zugleich bleibt dies doch ein typischer Wes-Craven-Film, der den Zuschauer souverän auf eine Achterbahn seiner eigenen Emotionen, vor allem des Schreckens, des Schocks und der Angst führt, der mit allen Kinotricks spielt und mitunter bis an die Grenze zum Zynismus seine Figuren instrumentalisiert und preisgibt, der zugleich eine gradlinige Genrestory mit allerlei Anspielungen und Subtexten anreichert und dadurch zu einem Kinokunstwerk macht, das formbewusst ist und dabei etwas zu sagen hat über die Dinge des Lebens. Wie andere Craven-Filme ist "Red Eye" nicht zuletzt auch eine genaue und scharfe Analyse der amerikanischen Gesellschaft.

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Der Film ist in drei klare Akte unterteilt. Im ersten Drittel begegnet man der Hauptfigur. Während sie mit dem Kopf schon wieder ganz bei ihrer stressigen Arbeit in Miami ist, mehrere Telefongespräche mit einer untergebenen Kollegin führt, lernt man sie kennen in Alltagssituationen des modernen Lebens. Mit dem Taxi fährt sie zum Flughafen von Dallas. Weil der Wagen im Verkehrsstau steht, glaubt sie den Flug zu verpassen, doch wegen schlechten Wetters verspätet sich der Abflug - Thrill des Alltags. Am Ticketschalter wird sie in einen unangenehmen Streit anderer Passagiere verwickelt. Hier beweist Lisa erstmals ihre Souveränität, zugleich lernt sie einen jungen Mann kennen, mit dem sie wenig später in zweites Mal zusammentrifft, worauf der sie an der Flughafenbar zu einem Drink einlädt. Gerade in diesen Passagen des zufälligen Kennenlernens zweier gleichaltriger Singles wird "Red Eye" - wie später zur sarkastischen Satire - zu einer sanften Ironisierung der typischen "Romantic Comedy" Hollywoods, für die solche Passagen typisch sind. Das irgendetwas nicht stimmt, ist dem Zuschauer nämlich nicht nur deswegen klar, weil der Regisseur Wes Craven heißt.

Vielmehr spürt man fast unterbewusst einen falschen Ton in der ganzen Situation, liegt etwas zuviel Hast und Stress in den Reden und Blicken der beiden Hauptfiguren. Zudem sieht man, als Lisa sich auf der Toilette umkleidet, eine Narbe auf ihrer Brust, offenbar von einem Schnitt, und ahnt erstmals, dass hinter ihrer scheinbaren Unbeschwertheit noch etwas anderes steht: Ein Trauma, das sich erst später enthüllt. Nebenbei zitiert der Film auch das gängige Muster der Katastrophenfilme a la "Airport", nach dem vor dem Hintergrund alltäglicher, scheinbar normaler Rituale ein ganzes Panorama von archetypischen Figuren vorgeführt wird - das alleinreisende Kind, die freundliche ältere Frau, ein flirtbereites "Luxusweib", das sich ständig beschwerende Ehepaar, etc. -, die das Hintergrundpersonal des folgenden Flugs bilden.

Klaustrophobie pur

Der zweite Akt ist eben dieser Flug: Lisa kommt scheinbar zufällig neben besagtem jungen Mann zu sitzen. Fast etwas zu freundlich wirkt er jetzt, und seine Witze sind dabei etwas zu geschmacklos. Man spürt die instinktive Irritation der jungen Frau durch soviel Zufall, merkt auch, dass sie sich hin- und hergerissen fühlt zwischen der Lust am Flirt und ihrer Vernunft, die sie warnt. Bald stellt sich heraus, wie recht sie hat: Der junge Mann mit dem sprechenden Namen Jackson Rippner entpuppt sich als eiskalter, hochgefährlicher Erpresser. In einem klaustrophobischen Szenario sind sein Opfer und er nun zum Nebeneinander-Sitzen verdammt - Klaustrophobie pur! Hier wird "Red Eye" zum hohen Kunstwerk des Timings und der subtilen Verschiebungen, die den Thrill immer weiter steigern. Es ist ein kunstvoller Kampf zwischen Lisas Versuchen, der Gewalt Rippners zu entkommen, ohne das Leben ihres Vaters zu gefährden, und Rippners Bestreben, sie nicht aus den Klauen zu lassen, ihre Handlungen zu kontrollieren. Mit bewundernswerter Ökonomie und ständig hohem Tempo gewinnt Craven diesem scheinbar begrenzten Szenario immer neue, unterhaltsame Facetten ab. Dabei erweist er sich auch als ein Meister der Irreführung des Zuschauers.

Im dritten Teil, der unmittelbar nach der Landung des Flugzeugs spielt, eskaliert die bis dahin zurückgenommene Handlung. Schließlich kommt es zum Showdown in Lisas Elternhaus, und "Red Eye" wandelt sich zum Intruder-Film - "I finish the job!" - "Not in my house!". Der größte Horror ist das Nichtstun, das Warten. Das gilt nicht nur, wenn ein Killer im Haus ist. Hier wird Lisas Kenntnis des Hauses entscheidend für die kleinen Tricks, mit denen sie den Killer schließlich aufs Kreuz legt. Wie zuvor andere Alltagsgegenstände kommt dabei ein Hockey-Schläger - brave bürgerliche Mädchen spielen nun mal Hockey - und allerlei Spielzeug zum Einsatz, metaphorisch entleert sie das Kinderzimmer und nimmt Abschied von der Kindheit. "You are pathetic" sagt sie zum Killer. Doch am Schluss gönnt uns Craven diese emanzipatorische Erleichterung nicht, dreht alles nochmals: Da ist Dad dann nicht dead, sondern wird zum Retter und Erlöser seiner Tochter - wir bleiben in Amerika.

Die Falle der von anderen gestellten Alternativen

"Red Eye" ist ein straighter, sehr kurzweiliger Thriller, spannendes, wildes Kino mit Pulp-Aspekten. Ein Film, der extrem auf Timing setzt und seine Geschichte bis zum Ende ohne Unterbrechung sachte eskalieren lässt. Dabei ist die Handlung auch lesbar als ein auf die Spitze getriebener Geschlechterkampf, dessen positive Akteure eigentlich alles Frauen sind, als Rachethriller, in dessen Zentrum eine Frau steht, die einst vergewaltigt wurde und ihre Kraft aus der Gewissheit schöpft, diese Ohnmacht kein zweites Mal empfinden zu wollen. Politische Analogien liegen hier auf der Hand: Politischer Terror und die tiefe Erschütterung des Sicherheitsempfindens einer Gesellschaft ist in der Perspektive des Films der Erfahrung von Vergewaltigung und Ohnmacht vergleichbar. Cravens Antwort lautet hier nicht nur, dass man manchmal (ab-)töten muss, was einen quält. Er zeigt vor allem, dass man moralische Dilemmata nicht akzeptieren muss, sich nicht in die Falle der von anderen gestellten Alternativen flüchten darf.

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Das kennt jeder Kriegsdienstverweigerer meiner Generation... (Franz 9.9.2005 15:14)
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