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Ansturm auf die neue Mauer

"Anschlag auf die Grenze"

__magazin__

Warum eine Matrix bauen?

Und warum Sie sich in einer befinden könnten

"Wir wollen nach Europa - und da gibt es immer einen Weg"

Alfred Hackensberger 09.10.2005

Ein Bericht über die Lage der Immigranten in Marokko und die Maßnahmen, einen weiteren Ansturm auf die spanischen Enklaven zu verhindern

11 Menschen starben in den letzten 10 Tagen beim Versuch, die Grenzen der beiden spanischen Enklaven Ceuta und Melilla zu überqueren. Die marokkanischen Behörden nannten es "legitime Selbstverteidigung", als die Polizei am vergangenen Donnerstag das Feuer auf einige Hundert Immigranten eröffnete und dabei sechs tötete. Spanien deportierte am Wochenende mittlerweile die zweite Gruppe von Schwarzafrikanern, die in den letzten Wochen den Sprung über den Zaun geschafft hatten. Marokko setzte über 500 Flüchtlinge kurzerhand in der Wüste an der algerischen Grenze aus.

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In der Medina von Tanger, in den engen Gassen, wo die Hotels und Pensionen der wenigen, noch verbliebenen Schwarzafrikaner liegen, ist die Stimmung schlecht. "Seit zwei Jahren bin ich nun schon in Marokko", sagt Michael, "und nun ist vielleicht alles umsonst."

Jeden Freitag sitzt seine Frau normalerweise mit ihrem kleinen Baby vor der Moschee in meiner Nachbarschaft und wartet mit offener Hand auf die Almosen der Marokkaner, die zum Gebet gehen. Auch Michael zieht manchmal durch die Straßen, um zu betteln. Aber nach den Ereignissen der letzten Wochen in Ceuta und Melilla geht das nicht mehr. Die Polizei ist auf der Suche nach illegalen Immigranten. "Früher war das nicht so schlimm, wenn man verhaftet wurde", erzählt Michael. "Ein, zwei Tage im Gefängnis und dann kam man wieder raus. Bis jemand nach Oujda an die algerische Grenze abgeschoben wurde, konnten einige Monate vergehen." Heute sei das alles ganz anders, sagt Michael weiter. "Sofort sitzt man mit Handschellen im Bus und dann geht's nicht nur nach Oujda, sondern weit nach unten in den Süden." Auch er hat die neuesten Nachrichten gehört. Voll Sorge sieht er zu seiner Frau und Kind. Der Gedanke, bei einer dieser Aktionen von ihnen getrennt zu werden, macht ihm Angst.

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Über 500 Immigranten waren von den [extern] Ärzten ohne Grenzen am vergangenen Freitag 600 Kilometer unterhalb von Oujda, nahe der algerischen Grenze, gefunden worden. . "Mitten in der Wüste, am Ende der Welt, ohne ausreichend Zugang zu Wasser und Verpflegung", berichtete die medizinische Hilfsorganisation. Unter den Deportierten seien auch einige Verletzte, schwangere Frauen und Kinder gewesen. Unter den Immigranten waren diejenigen, die es in den letzten Tagen in Ceuta und Melilla nicht über den Zaun geschafft hatten. Außerdem alle, die sich in den grenznahen Lagern versteckt hielten, wo sie auf eine gute Gelegenheit zur Überquerung des Zaunes warteten. Knapp zehn Stunden saßen mit Handschellen in Bussen, bis sie man sie in der Wüste einfach aussetzte.

"Ein großes menschliches Drama", sagt Frederico Barroela, der Projekt-Koordinator von "Ärzte ohne Grenzen" aus Tanger. Die Organisation unterhält dort in der Altstadt ein kleines Krankenhaus ausschließlich für afrikanische Immigranten. Sie versorgte auch die Menschen in den Lagern in den Wäldern nahe bei Ceuta. "Dieses Vorgehen ist schockierend und völlig unakzeptabel", fügt Barroela an. "Gegen jede Menschlichkeit."


Endlosschleife für die Immigranten

Eine Überraschung dürfte es für ihn allerdings nicht sein. Der September-Report seiner Organisation zum Thema "Gewalt und Immigration" macht die marokkanische Polizei für 52% aller Gewalttaten gegen Immigranten verantwortlich. Der Guardia Civil auf der anderen Seite der Grenze werden dagegen nur 15% zugeschrieben. "In einigen Fällen wurden auch Frauen vergewaltigt, sexuell missbraucht", berichtet Frederico Barroela. Die Studie ist ein Resultat der medizinischen Versorgung von Immigranten in Marokko in den letzten beiden Jahren. Von rund 9.000 Behandlungen waren 2.193 Verletzungen ein Resultat von Gewalteinwirkung.

Am vergangenen Wochenende schickten die spanischen Behörden zum zweiten Mal innerhalb nur weniger Tage Immigranten, die über den Zaun gekommen waren, nach Marokko zurück. Damit wurden insgesamt 170 deportiert. Die Basis für die Rücksendung ist ein Abkommen von 1992, das bisher noch nicht zur Anwendung gekommen war. Die bilaterale Übereinkunft zwischen Spanien und Marokko ermöglicht die Abschiebung von Immigranten aller Nationalitäten. Bisher konnten die Spanier nur marokkanische Staatsangehörige auf die nächste Fähre zurück nach Tanger setzen.

Mit der Anwendung dieses Abkommens drohte eine Endlosschleife für alle Immigranten in Marokko. Die Spanier deportieren nach Marokko, die Marokkaner deportieren nach Algerien und die Schwarzafrikaner kehren illegal nach Marokko zurück, um wenige Tage oder Wochen später erneut deportiert zu werden.

Jedoch haben sich einige Regierungen und Diplomaten afrikanischer Länder gemeldet und einer Repatriierung der Flüchtlinge zugestimmt. "Man schickt eine Menge von Bussen", gab Carlos Ugarte, der Sprecher der "Ärzte ohne Grenzen", bekannt, "um die Leute nach Hause zu bringen." Sicherlich nicht die schlechteste Lösung, bevor tausende Menschen weiter hin und her geschoben werden. Ganz zu schweigen vom Elend und Leid. Es wäre eine Notlösung, bis die EU hoffentlich bald die schon lange diskutierten Einwandererquoten beschließt, wie es die USA oder Kanada seit Jahrzehnten tun. Die Frage ist nur, ob das Eingreifen afrikanischer Staaten eine einmalige Ausnahme bleibt.


Paradies Europa

Am Montag reist der spanische Außenminister, Miguel Angel Martinos, nach Marokko, um "Kooperations-Angelegenheiten zu diskutieren". Er wird dort auch auf ein Team des UN- Flüchtlingswerks unter der Leitung von Antonio Guterres treffen, das die Mission hat, "die Rechte von Asylsuchenden und Flüchtlingen in Zukunft garantieren". Das Problem dabei ist nur, dass die wenigsten der Immigranten, die über Marokko die Fahrt nach Europa machen wollen, politisch Verfolgte sind. In Spanien erhalten knapp 10% aller Ankömmlinge Asyl oder den Status eines Flüchtlings.

Den größten Anteil könnte man eher als "Wirtschaftsflüchtlinge" bezeichnen. In ihren Heimatländern haben die meisten ein festes Auskommen, eine Wohnung, können Frau und Familie ernähren. Sie wollen ein besseres Leben, wie sie es im Fernsehen sehen und von Freunden und Bekannten hören, die im Westen reich wurden. Es ist immer wieder erstaunlich, welches Bild die Immigranten von Europa im Kopf haben. Für sie ist es ein kleines Paradies, wo es viel Arbeit und Geld, aber keinerlei Probleme gibt. Wer sie auf mögliche Arbeitslosigkeit in Spanien oder Deutschland anspricht, bekommt zu hören, dass man verrückt sei und vom Leben in Europa nicht die geringste Ahnung habe.

"Die meisten haben Geld", berichten Vertreter des "Weißen Kreuzes" in Ceuta und Tanger, ganz unabhängig voneinander. Die christliche Hilfsorganisation versorgte in den letzten Jahren tausende von Immigranten aus Schwarzafrika. "Wer kein Geld hat, kann die große Reise nach Marokko gar nicht antreten. Sie haben Telefone, sind gut gekleidet, gebildet, alles andere als sozial derangiert, wie man es sonst hier von der Strasse kennt, von den Ghettos."

In beiden spanischen Enklaven Melilla und Ceuta hat man mit den Bauarbeiten an der Grenze begonnen. Die Zäune sollen nicht nur erhöht und verstärkt werden, sondern man will einen zusätzlichen dritten Zaun bauen - und das möglichst schnell. Vor den bisherigen zwei Zäunen soll eine Reihe mit Pfählen, zwischen ein und drei Metern Höhe, verbunden mit Drähten, einen Massenansturm in Zukunft unmöglich machen. Dazu werden Nachtsichtgeräte und eine Radaranlage installiert, die auf 2.000 Meter jede Bewegung registriert und Alarm auslöst. Höhepunkt ist eine Sprinkleranlage, aus der der Pfahlzaun mit Wasser, aber auch anderen "Störmitteln" besprüht werden kann. Die einzige Landgrenze zwischen Europa und Afrika wird zu einem möglichst unüberwindbaren Festungswall ausgebaut.

Für Marokko will die EU finanzielle Mittel bereitstellen, damit es mit dem Phänomen 'Immigration' richtig umgehen kann. Ein Expertenteam der EU soll herausfinden, wie aus dem Fond von 40 Millionen, der bereits für die marokkanische Grenzsicherung vorgesehen ist, speziell für Melilla und Ceuta etwas abgezwackt werden kann. "Wir wollen für Marokko ein Zeichen setzen, das wir an seiner Seite stehen", versicherte der europäische Kommissar für Justiz und Sicherheit Franco Frattini. Aber bekanntlich wäscht eine Hand die andere. Im Gegenzug muss sich Marokko verpflichten, alle Immigranten, die von seinem Staatsgebiet nach Europa kommen, wieder zurückzunehmen. Das Abkommen soll noch vor Ende dieses Jahres unterzeichnet werden.

Die Lebensbedingungen der Immigranten in Marokko verbessern sich dadurch sicherlich nicht. Ein Land, das gänzlich ungeeignet ist, Tausende von Flüchtlingen aufzunehmen und zu versorgen. Die Armutsrate lag 2004 offiziell bei 14,2 %, dürfte aber, wie auch die Zahl der Arbeitslosen (26%), in Wirklichkeit noch höher liegen. Die Analphabetenrate beträgt 43% und das öffentliche Gesundheitssystem hat eminente Schwierigkeiten, die eigenen Staatsbürger zu versorgen. Auf dem letzten Gipfel der Innenminister der Mittelmeerländer Anfang Oktober hatte der marokkanische Amtsinhaber einen "Marshall-Plan für die Sub-Sahara-Länder" gefordert. Einen Teil davon könnte Marokko ganz gut gebrauchen.

Der Flüchtlingsstrom wird nach Marokko weitergehen. Von algerischer Seite gibt es keine Anzeichen, die Immigranten auf den Lastwagenkonvois zu stoppen. Im Gegenteil, man ist froh, wenn sie in den ungeliebten Nachbarn weiterreisen.

Die Aussichten für Menschen wie Michael und seine Frau aus Nigeria, dem Sudan, Mali oder dem Senegal stehen schlecht. Trotzdem werden weiter und weiter Tausende ihr Glück versuchen und dabei ihr Leben aufs Spiel setzen. "Egal, ob sie uns nach Hause oder in die Wüste schicken", sagt Michael, "wir werden wiederkommen. Wir wollen nach Europa und da gibt es immer einen Weg."

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