Verweigerung des demografischen Auftrags
Thorsten Stegemann 21.10.2005
Die Deutschen werden immer älter und immer weniger Wie effektiv können bevölkerungspolitische Maßnahmen noch sein?
Auch wenn die ökonomischen, gesellschaftlichen, kulturellen und psychologischen Folgen noch nicht im Detail erforscht werden konnten, so sind die wesentlichen Fakten seit langem bekannt: Die Deutschen werden immer älter, die Zahl der jährlichen Sterbefälle übersteigt die Geburtenrate deutlich und die bei der Erfindung der sozialen Sicherungssysteme so festgemauerte Alterspyramide steht langsam aber sicher auf dem Kopf.
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| Grafik: Statistisches Bundesamt Deutschland |
Das Statistische Bundesamt
geht davon aus, dass im Jahr 2050 ein Drittel der Bevölkerung in Deutschland 60 Jahre oder älter sein wird. Trotz Zuwanderung dürfte die Bevölkerung von 83 Millionen Menschen im Jahr 2013 bis 2050 auf 75 Millionen sinken. Während im Moment Jahr für Jahr 730.000 Kinder geboren werden, könnten es Mitte des Jahrhunderts nur noch 560.000 sein, wodurch sich das "Geburtendefizit", sprich: die negative Bilanz im Verhältnis zu den Sterbefällen auf 580.000 erhöhen würde.
Die dramatischen Folgen dieser Entwicklung werden allerdings nicht erst in 50 Jahren zu spüren sein. Das Statistische Bundesamt prophezeit schon für den Zeitraum 2010 bis 2030 eine "kritische Beschleunigung der Alterung".
Wenn dieser Trend überhaupt noch verlangsamt, aufgehalten oder gar umgekehrt werden kann, dürfte die Steigerung der Geburtenrate das einzig probate Mittel sein. Doch die Deutschen spielen da nicht mit, sondern machen von einem selbstverständlichen Privileg, das die UN-Menschenrechtskonferenz schon 1968 in Teheran formulierte, umfassenden Gebrauch. "Eltern haben das Grundrecht," so hieß es damals, "frei und verantwortlich die Zahl und den Altersabstand ihrer Kinder selbst zu bestimmen." Für Singles scheint das ohnehin zu gelten, und so bleibt rund ein Drittel aller deutschen Frauen mittlerweile lebenslang kinderlos, bei den Akademikerinnen liegt der Anteil sogar bei 40%.
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Für einen Großteil der öffentlichen Diskussionsteilnehmer scheint das allerdings nur ein temporäres Problem zu sein. Sie gehen davon aus, dass eine Verbesserung der staatlichen Fördermaßnahmen, flexible Arbeitszeiten oder eine Veränderung des gesellschaftlichen Klimas im Hinblick auf eine größere Akzeptanz berufstätiger Eltern und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die bewusste Entscheidung für eigene Kinder begünstigen würde.
Die scheidende Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Renate Schmidt, sprach sich noch im August dieses Jahres für eine nachhaltige Politik in Form eines "gestalterischen Mix aus guter Infrastruktur, familienorientierter Arbeitszeitpolitik und effizienten Geldleistungen" aus.
Sie bietet jungen Menschen die Voraussetzungen, ihre Kinderwünsche zu verwirklichen und Familien die notwendigen Spielräume im Lebensverlauf. Wir orientieren uns an Konzepten, die sich in anderen Ländern als erfolgreich erwiesen haben.
Bundesministerin Renate Schmidt
Die Defizite in diesem Bereich sind eklatant und durch eine Unzahl entsprechender Untersuchungen, etwa des
Deutschen Industrie- und Handelskammertages, eindrucksvoll belegt. Ob ihre Behebung allein eine dauerhafte Kehrtwende verursachen könnte, wird allerdings von immer mehr Fachleuten bezweifelt.
Die "ZEIT"-Redakteurin Susanne Gaschke macht beispielsweise den durch die Frauenbewegung herbeigeführten Mentalitätswandel in ihrem jüngst erschienenen Buch "Die Emanzipationsfalle. Erfolgreich, einsam, kinderlos" für die aktuelle Situation mit verantwortlich. Die neuen Freiheiten, die im Zuge der Emanzipation erkämpft wurden, haben aus Gaschkes Sicht zu allerhand positiven Ergebnissen, aber in der Bilanz auch zu einer "Rollenverunsicherung" geführt, die "gewisse Züge eines Kollateralschadens" trage und sich nicht mehr ohne weiteres umkehren lasse.
Diese Einschätzung deckt sich teilweise mit einer
Studie des
Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, die das Phänomen perspektivisch allerdings ganz anders bewertet. Sie trägt den Titel "Emanzipation oder Kindergeld? Wie sich die unterschiedlichen Kinderzahlen in den Ländern Europas erklären" und schürt weitere Bedenken, dass die Rechnung "Geld + Betreuung + Anerkennung = Kinder" in absehbarer Zeit aufgehen könnte.
Der Zusammenhang zwischen den finanziellen Mitteln, die Staaten für Kinder und Familie ausgeben und der Kinderzahl je Frau ist in Westeuropa relativ gering. (...) Die deutschen Sozialausgaben für Kinder und Familie gehören zu den höchsten Europas. Dennoch hat die Bundesrepublik vergleichsweise wenig Nachwuchs. (...)
Der Rückgang der Geburtenraten auf niedrige Werte wie in Spanien, Griechenland oder Deutschland folgt keinem Naturgesetz. Er ist die Konsequenz einer gesellschaftlichen Entwicklung, bei der die Emanzipation der Frauen eine wichtige Rolle spielt. Der Rückgang ist dort am stärksten ausgeprägt, wo Frauen weitgehend emanzipiert sind, wo der Rest der Gesellschaft aber noch auf einem vergleichsweise traditionellen Entwicklungsstand verharrt. Gesellschaften, in denen die neue Rolle der Frauen anerkannt und unterstützt wird, zeichnen sich hingegen durch relativ hohe Kinderzahlen aus.
Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung
An der Justus-Liebig-Universität Gießen wird das Thema am kommenden Samstag weiter vertieft. Auf einer Tagung der Arbeitsstelle
Gender Studies und der
Heinrich-Böll-Stiftung Hessen soll die Frage, ob der bevölkerungspolitische Regulierungsversuch in individuelle Lebensentscheidungen übersetzt und die Geburtenrate überhaupt durch staatlichen Einsatz gesteigert werden kann, aus unterschiedlichen Blickwinkeln diskutiert werden. Die Politikwissenschaftlerinnen Diana Auth und Barbara Holland-Cunz, die das Treffen organisiert haben, warnen allerdings schon im Vorfeld vor der Aufgeregtheit des öffentlichen Diskurses. Im Gespräch mit Telepolis zweifelt
Diana Auth an der Aussagekraft langfristiger Prognosen wie sie vom Statistischen Bundesamt herausgegeben wurden.
Wenn die Berechnung im Jahr 1950 mit Blick auf das Jahr 2000 durchgeführt worden wäre, hätte sie weder die Anti-Baby-Pille noch Mauerbau oder Mauerfall berücksichtigen können, und von 1900 aus wären bis 1950 sogar zwei Weltkriege aus der Betrachtung gefallen. Mit großflächigen Projekten ist der Sache also nicht gedient, erfolgversprechender sind gezielte und direkte Maßnahmen, wie sie etwa die bisherige Familienministerin mit den lokalen Bündnissen oder dem Projekt
Allianz für die Familie initiiert hat.
Diana Auth
Nach Auths Einschätzung lässt sich die Effektivität bevölkerungspolitischer Maßnahmen kaum vorausberechnen. So wird Barbara Willenbacher von der Universität Hannover auf der Tagung erläutern, dass die rassistische Bevölkerungspolitik der Nationalsozialisten trotz Ehestandsdarlehen und flankierenden Maßnahmen nicht zum gewünschten Ziel geführt hat, sondern nur gegenläufige Tendenzen aus der Zeit des Ersten Weltkriegs und der folgenden Wirtschaftskrisen korrigieren konnte. Auf der anderen Seite kann Corinna Onnen-Isemann von der Universität Regensburg zeigen, wie Frankreich gezielt auf eine Kombination von Familienleben und (Vollzeit-)Beruf, optimale Betreuungseinrichtungen, eine effektive Gleichstellungspolitik und ein neues Frauen- und Mutterbild hingearbeitet und so eine ganz andere Entwicklung genommen hat als das deutsche Nachbarland.
Es gibt viele Gründe für Kinderlosigkeit, und einige, wie zum Beispiel die Instabilität moderner Partnerschaften oder die Hartnäckigkeit bestimmter Leitbilder, können nicht einfach durch politische Beschlüsse korrigiert werden. Trotzdem wäre es denkbar, einige Rahmenbedingungen, die insbesondere die Vereinbarkeit von Familie und Beruf betreffen, zu verbessern und dadurch Eltern zu motivieren, ihre Kinder früher - und dann vielleicht auch mehr als eins - zu bekommen.
Diana Auth
Susanne Gaschkes These einer feministischen Mitschuld am demographischen Dilemma lehnt die Wissenschaftlerin aus Gießen übrigens strikt ab. Die Emanzipationsbewegung sei keineswegs der Auslöser des Problems, sondern ein wichtiger Teil des Weges zum gewünschten Ziel.
Frankreich und die skandinavischen Länder zeigen deutlich, dass eine erfolgreiche Gleichstellungspolitik nicht zu einer sinkenden Geburtenrate führt. Im Gegenteil. Davon abgesehen ist es längst an der Zeit, dass auch die Männer in die öffentliche Diskussion einbezogen werden in der wissenschaftlichen Betrachtung spielen sie schon länger eine wichtige Rolle.
Diana Auth
Allerdings keine nachwuchsfreundliche, denn unstete Erwerbsbiografien, kürzere Beziehungsdauern, Zukunftsängste und die Befürchtung, dauerhaft auf persönliche Freiheiten verzichten zu müssen, machen auch und gerade den Männern zu schaffen, die sich folgerichtig immer später und seltener für Kinder entscheiden.
Darüber hinaus wird die Politik nicht umhinkommen, den Familienbegriff selbst fortlaufend neu zu definieren. Das gilt nicht nur im Hinblick auf gleichgeschlechtliche Partnerschaften, sondern auch für traditionelle Lebensgemeinschaften, deren Bedeutung einer permanenten Veränderung unterworfen ist. Das
Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung hat festgestellt, dass 2003 in den neuen Bundesländern 57,0 Prozent und im früheren Bundesgebiet 21,2 Prozent aller Kinder von unverheirateten Müttern geboren wurden. Dieser Trend ist seit Mitte der 60er Jahre in beiden Teilen Deutschlands kontinuierlich angestiegen obwohl auch er politisch nicht unbedingt gewollt war.