Die wahre Natur der Ehe
Peter V. Brinkemper 03.11.2005
Fremde Mächte ziehen kräftig kräftig an den Strippen von Braut und Bräutigam
Unter den zahllosen Hochzeitsfilmen, die es schon zu sehen gab und die wir noch ertragen müssen, ist Tim Burtons neuster Puppentrickfilm "Corpse Bride" ("Hochzeit mit einer Leiche") ein Juwel. Nicht nur bringt er uns bei, wie man sich erfolgreich und glückbringend mit einer Leiche vermählt, sondern er reduziert gleich die Charaktere und die Handlung auf ein skurril-makabres Gerippe, über dem sich die Seele eines stimmungsvollen Musicals (dank Danny Elfman) wie ein Schmetterling in Dur und Moll erhebt, um die wahre Natur der Ehe zu ergründen, die Treue über Trennung und Tod hinaus.
Wer hätte das nicht schon erlebt: Patzer bei der bestens vorbereiteten Zeremonie, dem Start in das gemeinsame Glück? Verlegte Ringe, falsche Anreden, überraschende Einwände, kleine und große Fluchten, verwirrende Rochaden, Sabotagen und Orgien der Junggesellen und Bräute davor und danach. Auch im Zeitalter der Singles und der hohen Scheidungsquote ist und bleibt die Hochzeit ein beliebtes cineastisches Thema, mit dem die Spannbreite der gesellschaftlichen Ideale, Sehnsüchte und Ängste publikumswirksam ausgelotet wird.
Während viele der jüngsten Produkte sich in engen komödiantischen Klischees ergehen, ist Tim Burtons neuste Produktion "Corpse Bride" (Co-Regie: Tim Burton und Mike Johnson) eine wohltuende Ausnahme. Burton und sein Team retten das Thema, indem sie es in die viktorianische Vergangenheit setzen, in der Märchen noch gefährliche Versprechen enthielten. Aus dem komödiantischen Irrweg zum irdisch-überirdischen Glück machen sie eine rührende romantisch-metaphysische Tragikomödie im unverwechselbaren gothischen Puppenformat.
Puppen zwischen Kontrolle und Eigensinn
Hochzeitspuppen zwischen Glücksbringer und infantilem Fetisch, Geschöpfe, wie wir sie auf Torten und Postkarten sehen, scheinen Modelle der Kontrolle eines gesellschaftlichen Rituals zu sein. Und insofern handelt es sich bei Tim Burtons Film um ein Puppenstück von äußerster digitaler Raffinesse. Die Puppen werden im überlieferten Stop-Motion-Verfahren, detail- und material-getreu, aber von Digitalkameras in ungewohnter Schnelligkeit, Präzision und Geschmeidigkeit aufgenommen, so dass die Ergebnisse binnen weniger Stunden (statt Wochen) vorliegen. So kommt die neueste Produktion auf zahllosen Puppenbühnen mit endlosen Doubles schneller voran und kann mit kompletten Computeranimationen wie "Toy Story" konkurrieren, weil die Rauhheit und Massivität der Dinge oft stärker fasziniert als die aufgeblasene Glätte der Pixel.
Anzeige
 |
|
Stellenweise erstarrt der Film in einer lakonischen Ironie, dann erweist er sich wieder als hochbewegtes Medium mit subjektiven Einstellungen mittem im Geschehen, die sich gegen eine bloße Bühnenaufsicht älterer Puppenfilme abhebt. Das Schöne an Burtons Konzept ist, dass die alt-neue Tricktechnik, Charaktere und Story eine stimmige Einheit eingehen. In der Tat ziehen fremde Mächte kräftig an den Strippen von Braut und Bräutigam. Diese erweisen jedoch mehr Eigenleben und Eigensinn als erwartet. Nicht umsonst heißen sie zwillingshaft Victor und Victoria (Blake Edwards lässt grüßen).
Ihr Problem besteht darin, sich aus der elterlichen Fremdbestimmung zu befreien, ihr Abenteuer, immer tiefer ins Dickicht tragischer Umstände zu geraten, die mit der Verlogenheit und der Repression der Gesellschaft und der gutfreudianischen Verdrängung von Sexualität, Liebe und Tod zusammenhängen. Der Bräutigam, Victor Van Dort, dem Johnny Depp im absolut vorzuziehenden Original eine zarte Stimme leiht, ist ein schmaler, verschüchterter, blasser, für Literatur und Musik schwärmender Jüngling voller Weltschmerz, ein Gesicht irgendwo zwischen E.TA. Hoffmann und Franz Kafka. Ein Kunstgriff des Film besteht darin, dass die Originalstimmen und die Musik zunächst als Hörspiel und rhythmisch-musikalischer Maßstab der späteren Puppenfilm-Aktion aufgenommen wurden.
Viktors Eltern sind völlig anders gestrickt: knallsinnliche, kugelige, erdverbundene, neureiche Figuren eines Balzac: der Fischhändler Nell (Tracey Ullman) und William Van Dort (Paul Whitehouse). Sie wollen den Fischgeruch ihres aufstrebenden Bürgertums abstreifen und ihm eine adelige Vollendung überstreifen: durch die Zweckheirat ihres Sohnes mit der völlig verschüchterten Victoria Everglot (Emily Watson), der Tochter aus gutem Hause. Ihren Elterrn, Maudeline (Joanna Lumley) und Finis Everglot (Albert Finney), ist von ihrem einstigen feudalen Glanz nur noch ein leeres Schloss mit einer Ahnengalerie und einem hohlen Safe geblieben: Der einzige Spuk, der herrscht, ist das bedrohliche Regime der autoritären Hausherrin, dem sich auch der Gemahl und die ergebenen Diener zu fügen haben.
Der uralte Titel soll gegen frisches Geld eingewechselt werden, Geld, das nicht stinkt, das ist die Devise der Everglots: aufragende, düster tragische, hochnäsige Gestalten mit einem bohnenförmig wuchernden Kinn, das den Gram und den Abstand einer niedergehenden Klasse gegen die Schlechtigkeit der Welt markiert. Dazu wird die drakonische Maudeline noch von einer gothisch-jugendstiligen Haarpracht gekrönt, die an die freiliegenden Gehirne der bösen Marsianer aus Burtons fulminant-respektlosem "Mars Attacks!" erinnert und nichts Gutes verheißt.
Eiseskälte und warme Töne
Während die vier Eltern über die Hochzeit ihrer Sprösslinge wie über ein eiskaltes Geschäft verhandeln, lockt Victor durch eine musikalische Improvisation auf dem alten Flügel in der Eingangshalle Victoria heran. Die Tochter aus bestem Hause leidet darunter, dass ihr Gesang und Instrumentalspiel von der Mutter verboten wurden. Jeder noch so zart angeschlagene Akkord ist eine romantische Metapher für die Leidenschaften und Sehnsüchte einer unterdrückten Seele. In der für einen Moment unbewachten Begegnung entwickeln Victor und Victoria für einander erste Liebesgefühle, die über die elterlich vorgeplante Vernunftheirat hinausgehen.
Aber so schnell klappt es dann doch nicht mit der Verbindung. Denn bei der Hochzeitszeremonie wenig später verpatzt Victor wie ein Stotterer den Wortlaut und das Zeremoniell, die der gruselige Pastor Galswell im byzantinischen Outfit (Verweis auf den russischen Ursprung des Märchens) unterlegt mit Christopher Lees düsterem Ursound unbarmherzig vorexerziert. Das Feuer der geweihten Kerze entflammt die Garderobe der Schwiegermutter und nur der Messwein kann es löschen. Oh, welcher Faux pas, welch Sakrileg! Victor, der Hochzeitstrottel, wird verurteilt: Er soll in sich gehen, um Formel und Ritual sich endlich anzueignen. Andernfalls habe man schon einen neuen Hochzeitskandidaten für Victoria im Blick, mit gekonnteren Vortragskünsten, zum Beispiel in Gestalt des Marquis-de-Sade-gesichtigen Barkis Bittern (Richard E. Grant), eines betrügerischen Heiratsschwindlers, der vor nichts zurückzuschrecken scheint.
Übe niemals allein im Wald - sonst musst du ihn heiraten
Nun geht es märchenhaft weit hinaus, über die Brücke des kleinen Fleckens tief in den Wald. Dort umgibt Victor eine zauberhafte, verwunschene Natur, die ihn mit zahllosen Augen und Ohren belauert und belauscht. Nach dem berühmten britischen Sprechakttheoretiker John Longshaw Austin ist eine Heiratsformel ein konventioneller Sprechakt, eine Handlung in Worten, mit der sich zwei Partner je einzeln moralisch, rechtlich und gesellschaftlich vor Dritten gegeneinander festlegen.
Unter bestimmten Umständen gelingt die Anwendung dieser Formel, wenn die Prämissen, Umstände und Folgen des Versprechens korrekt befolgt, überwacht und eingehalten werden, unter anderen mag das beabsichtige Versprechen aus tausenderlei Gründen scheitern. Das Märchen zeigt, wie die Formel unter unmöglichen Umständen nicht nur formal gültig, sondern in tiefstem Sinne wahr werden kann, ausgerechnet durch tausenderlei Irrtümer. Victor spricht die Formel immer und immer wieder bedächtig aus, inszeniert sie zunehmend einfühlsamer und setzt nun auch gekonnt die erforderlichen Utensilien ein.
Der Übungsbräutigam als Puppenfigur ist eine Idealbesetzung. Als Victor bei einer erneuten Wiederholung des Versprechens den Ring einem verdächtig sich entgegen reckenden dunklen Zweig überzieht, hat es urplötzlich geklappt: Victor macht die wilde, ungezähmte Natur zu seiner Vermählten, in Gestalt einer verstorbenen Geisterbraut, die ihn mit weißer Knochenhand zu sich hinab zieht, wie Eurydike ihren Orpheus in die Unterwelt. Helena Bonham Carters Stimme und die Plastikausgabe ihrer Figur, bekannt aus Burtons Remake "Planet der Affen", sorgen für ein gewisses trauriges Sexappeal der Kugelaugen, das durch lustige Wurmeinlagen und Skelett-Teile unter dem gekonnt wehenden Gewand konterkariert wird.
Im Gegenzug zur schwarzweißen, zunächst leicht blaustichigen Tristesse des Dorfalltags ist die Unterwelt farbig, beschwingt und vor allem hochmusikalisch. In gewisser Weise antwortet Burton damit auf die Story von "Pleasantville", in dem farbige Modernität Schwung in die vermiefte Kleinstadt brachte. Die Kulissen der abgeschrägten Häuser und Gassen sind von den expressionistischen Diagonalen des frühen deutschen Stummfilms beherrscht. Die fortwährend burlesk vor sich hin plappernden Geister, Tiere und Gegenstände sind außer Rand und Band, spielen einander als Details und übergeordnete Figuren in die Hände, verkehren Inneres und Äußeres ineinander, im Sinne einer musikalischen Phantasmagorie und Nummernrevue, in deren Mitte Victor zunächst wie ein stummer, fast unbewegter Orpheus verharrt. Aber die dynamische Kamera sorgt für ständige Überraschungen einer subjektiven Perspektive.
Die Story seiner angetrauten, namenlosen Corpse-Bride wird als Jazz-Grusical-Ballade von einer Knochenmann-Band dargebracht. Die unterirdische Braut verstarb unglücklich und auf nicht natürliche Weise. Ihr Fortleben im Hades der Ungeliebten verlangt nach Rache, Vergeltung und dazu noch nach ein bischen Glück im Jenseits.
Das Leben kommt aus der Unterwelt
Victor ringt seiner Schatten-Braut und ihrem dämonischen Oberpriester einen letzten Ausflug ins oberweltliche Dorf ab, wo er alles in Ordnung bringen müsse. Dort glaubt nur Victoria dem zurückgekehrten Bräutigam seine abenteuerliche Geschichte, ein Beweis ihrer Liebe. Doch so leicht lässt sich die dunkle Geliebte aus dem Schattenreich der romantischen Nacht nicht abschütteln. Sie setzt ihm nach und reißt ihn zurück in die Unterwelt. Bereits im vierhändigen Klavierduett, inclusive Skelett-Solo mit abgetrennter Hand (Maurice Ravel lässt grüßen) vermählt sie sich mit ihm musikalisch, während der unvermeidliche Wurm und die 6äugige Spinne eine komische Buffo-Einlage zu den Wonnen des Glücks zu Zweit bringen.
Spiel mit Zeremonie und Opfer
Die komplexe und weiträumige musikalische Bewegung der Puppenfiguren in der Unterwelt, ihr souveräner Einsatz als Instrumente einer romantischen Regie im Orchestergraben unterhalb der öden Bühne der rationalen Wirklichkeit, die phantasievolle, libertinäre Überschreitung der gewöhnlichen Grenzen von Leben und Tod - dies alles führt zu einer rettenden Parallelhandlung zwischen der Unter- und der Oberwelt: Victor und seine untote Corpse Bride "gewöhnen" sich immer stärker in einem fast romantischen Sinne aneinander. Wie bei "Tristan und Isolde", aber in komödiantischer Persiflage, scheint nur noch "Victors Leben" zwischen beiden trennend zu stehen, die Hochzeit müsste darin gipfeln, dass Victor den Gift- und Todestrank (un-)wissentlich zu sich nimmt, um zum Corpse Groom, zur Leiche des geliebten Bräutigams zu werden.
Während dessen bahnt sich im Reich der Sterblichen eine unheilvolle Zwangsheirat zwischen der armen Victoria und dem mörderischen Barkis Bittern an, einer jener unerträglichen Weddingplots, wie er mit einfacher Auflösung immer wieder in Hollywood hoch im Kurs stehen wird. Es sieht alles danach aus, dass die schönste Zeremonie auf der Welt einmal mehr ihre Opfer finden wird. Zu den schönsten Augenblicken des Films gehört sicherlich der "Einfall" aller aufgestachelten Toten aus der Unterwelt in das scheintote Dorf und die Wiedervereinigung zwischen den noch Lebenden und den geisterhaften Ahnen unter dem parodistisch eingesetzten Max-Steiner-Motiv "Tara" aus "Vom Winde verweht".
Wollte Tim Burton einmal mehr etwas über die Todesverdrängung der westlichen und besonders der US-amerikanischen Gesellschaft sagen? In den Ohren der Zuschauer hat ein klassischer Hochzeitsmarsch selten so bedrohlich und verlogen zugleich geklungen wie in diesem Film, in dem Eurydike ihren Orpheus unbedingt zu Tode retten will, in einem anrührenden und spannenden Schlussfinale, das mit der Geste des tragischen Verzichts sensible Gemüter gewiss zu Tränen rühren wird. Pssst...