Ein- und Zweihänder
Wolf-Dieter Roth 03.11.2005
Die klassische Einteilung von Menschen in Links- und Rechtshänder scheint am Kern der Sache vorbei zu gehen
Ob jemand in der Schule Links- oder Rechtshänder ist, macht nach geltender Meinung einen deutlichen Unterschied, auch wenn glücklicherweise niemand mehr auf die Idee käme, einen Linkshänder umerziehen zu wollen. Entscheidender als die bevorzugte Gehirn-Hemisphäre scheint jedoch die Querverbindung der beiden Gehirnhälften zu sein: Wer im täglichen Leben beide Hände benutzt, ist kreativer, doch leichter ablenkbar.
Leute, bei denen das Gehirn sehr strikt verdrahtet ist, können in komplizierten Situationen sicherer reagieren, doch sind sie künstlerisch weniger kreativ als jene, die auch einmal Farben hören oder Töne schmecken können (
Die kleine Sechste schmeckt wie Sahne). Dabei nimmt das Gehirn beim Menschen üblicherweise Funktionen nicht symmetrisch wahr: beispielsweise ist die Spracherkennung auf dem linken Ohr besser, während die musikalische Ader rechts mehr ausgeprägt ist. Dass die meisten Menschen den Telefonhörer in der linken Hand halten, liegt also nicht etwa daran, dass sie die rechte Hand zum Schreiben brauchen: Auch bei privaten Gesprächen, bei denen nichts zu notieren ist, wird man den Hörer deshalb nicht in die andere Hand nehmen.
Untersuchungen über die Unterschiede zwischen Links- und Rechtshändern haben in der Vergangenheit wenig Erkenntnisse gebracht. Psychologe Stephen Christman von der
Universität von Toledo in Ohio, USA meint im aktuellen
New Scientist, dass dies daran liegt, dass die ganze Zeit die falschen Fragen gestellt worden sind: ob jemand die linke oder die rechte Hand benutzt, ist nicht wirklich entscheidend, wohl aber, ob jemand stets dieselbe Hand verwendet oder schon einmal wechselt und die schwächere Hand benutzt, um ein Einmachglas zu öffnen oder sich die Zähne zu putzen.
Es ist klar, dass fast jeder eine bevorzugte Hand hat. Das ist auch bei Tieren so: auch hier gibt es einen bevorzugten Huf, Klaue oder Pfote. Allerdings ist bei den meisten Tierarten die Links-Rechts-Verteilung statistisch 50:50, während beim Menschen nur 10 bis 12% Linkshänder zu finden sind. 1972 gab Marian Annett von der
University of Leicester aus England den Genen die Schuld: So wie die Spracherkennung auf die linke Seite wanderte, schob sich die handwerkliche Begabung im Laufe der Generationen auf die rechte.
Links und rechts? Eigentlich egal.
Christman hat nun eine neue Einteilung aufgebracht. Ursache war eine Forschungsreihe von 1985 der Neurowissenschaftlerin Sandra Witelson der
McMaster University in Hamilton, Ontario, Kanada,, die bei der Untersuchung von Gehirn gestorbener Links- und Rechtshänder feststellte, dass erstere ein dickeres Corpus callosum hatten – das Bündel von Nerven, das die linke und die rechte Seite des Gehirns verbindet.
In den frühen Neunzigern interessierte sich Christman auch für das Corpus callosum, allerdings ging es ihm darum, festzustellen, ob Unterschiede in seiner Größe beim Spielen spezieller musikalischer Instrumente eine Rolle spielten. Dazu untersuchte er Musiker, die entweder Saiteninstrumente, Tasteninstrumente oder Schlagzeug spielten und versuchte, ihre bevorzugte Hand herauszufinden. Er hatte erwartet, dass sich unter den Musikern, die Saiteninstrumente spielten, überdurchschnittlich viele Linkshänder finden würden, weil diese zum Spielen beide Hände brauchen und damit ein großes Corpus callosum haben sollten. Die Schlagzeuger und Keyboardspieler sollten dagegen eher ein kleines Corpus callosum haben, da sie mit den linken und den rechten Händen oft unabhängig voneinander spielen mussten. Hier erwartete er mehr Rechtshänder.
Die erwartete Zuordnung von Links- und Rechtshändern nach Musikinstrumenten erwies sich zwar als totaler Irrtum. Was allerdings zutraf, war die Zuordnung von Musikern, die beide Hände unabhängig oder miteinander kooperierend zu nutzen hatten, auf die entsprechenden Musikinstrumente. Und tatsächlich sind nur zwei bis drei Prozent der Bevölkerung völlig auf eine der beiden Hände festgelegt – mancher, der als Linkshänder gilt, ist nur kein hundertprozentiger Rechtshänder.
Der Mix macht's
Ein typischer Test, mit dem man die Verbundenheit der beiden Gehirnhemisphären zu Lebzeiten der Untersuchungsobjekte messen kann, sind Karten, die mit einem Wort in einer Farbe beschriftet sind, doch das Wort selbst bezeichnet eine andere Farbe – beispielsweise das Wort "gelb" in grüner Schrift. Die Getesteten sollen hier die Farbe der Schrift nennen, nicht dagegen den Wortlaut. Die Spracherkennung ist in der linken Hälfte, die Farberkennung dagegen rechts. Personen, bei denen beide Gehirnhälften stark interagieren, sind hier im Nachteil: die widersprüchliche Botschaft von Text und Farbe verwirrt sie. Auch beim Autofahren unterlaufen ihnen eher Fehler, beispielsweise beim gleichzeitigen Telefonieren (linke Gehirnhälfte) und Steuern (rechte Gehirnhälfte). Im Vorteil sind die stark doppelseitigen Menschen dagegen bei Erinnerungsleistungen: Erinnerungen werden in der linken Gehirnhälfte angelegt, in der rechten dagegen abgerufen.
Insgesamt sind die Unterschiede nicht so wesentlich, allerdings behauptet Chris Niebauer, ein Schüler von Christman, der heute an der
Slippery Rock University in Pennsylvania, USA lehrt, dass "Doppelhänder" seltener an Kreationismus glauben, seltener homophob sind, aber dafür öfter hypochondrisch.
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Es besteht nun die Gefahr, dass sich populäre Irrtümer einschleichen, wie die – nicht zutreffende – Einteilung der Menschen in logische linke Denker und kreativer Rechtsdenker. Wer auch mal ein Glas mit der linken Hand ergreift, wäre so als kreativer Trinker einzustufen...
Der Autor des New-Scientist-Artikels, David Wolman, ist übrigens selbst Linkshänder und hat darüber auch gerade das Buch
A Left-Hand Turn Around the World geschrieben.