Harry Potter im Feuer-Elch-Test
Peter V. Brinkemper 16.11.2005
Warum Mike Newells Seelen-Thriller wütend auf der Stelle tritt
Die Zutaten des vierten Serien-Films "Harry Potter und der Feuerkelch" sind die altbekannten. Außergewöhnliche Schüler, Lehrer und ein sonderbares Internat - nach Joanne Kathleen Rowlings viertem Bestseller. Mike Newell hat die Ereignisse um Hogwarts, die offiziellen Wettkämpfe und die mörderische Wiederauferstehung des Bösen, ein wenig perfekter, schroffer und gewalttätiger als bisher inszeniert. Aber der Zauber hat gelitten. Schuld ist die Pubertät. Und die fordert einfach komplexere und heftigere Charaktere.
Mal ehrlich, was ist eigentlich an einem Harry-Potter-Film noch verlockend zu besprechen? Die unaufhaltsame Verwertung? Die Umsetzung der Handlung ins andere Medium? Die (Un-)Durchsichtigkeit der Geschichte? Die Schönheit der Bilder? Die Bravour schauspielerischer Leistungen?
Schauspiel als das Medium der Wahrheit?
Konzentrieren wir uns einfach mal auf den letzten Punkt: Daniel Radcliffe ist der von Joanne Kathleen Rowling auserwählte Kronprinz. Inzwischen überalterte 16 Jahre, hat er immer noch jene traurigen Eulen-Reh-Augen, mit dem Weitblick einer Fernsehröhre, die Angst davor hat, von einem Flachbildschirm der Marke Voldemort ersetzt zu werden. Dabei ist es vielleicht längst passiert. Es wird einfach unvermeidlich. Sein melancholisch eingefrorenes Blitz-Licht-Lächeln verrät den jungen Mehrfachmillionär, der die Filmproduktion, solange er aus Altersgründen nicht ausgewechselt wird, als blasiertes Bildermännchen über sich ergehen lässt.
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Am schlimmsten ist vielleicht seine Pin-Up-Nummer als Nackedei mit einem magischen Ei im Schaumbad. Sollen ihn doch die gefährlichen Meerjungfrauen holen und auf Nimmerwiedersehen ins eiskalte schottische Loch ziehen. Wie kann ein Verklemmter einen Verklemmten spielen, wenn er weder ausdrucksmäßige Reserven und noch unterdrückte Leidenschaften hat? Da helfen auch keine ständig juckende Narbe und keine Dauerneurosen, weil ein Böser Papa und Mama gekillt hat.
Die Flucht der Harry-Potter-Romane und -Filme ins Magisch-Überirdische rächt sich spätestens jetzt, in Teil 4: Radcliffe und der jetzt 17jährige Rupert Grint als Freund Ron Weasley, Potters zeitweise missgünstiger rothaariger Konkurrent, haben im Alltag der nicht digital manipulierten Bilder nur das reduzierte Ausdrucksrepertoire gehetzter Jungstars drauf, die an der Grenze letzter Einsätze nichts falsch machen wollen. Sie lauern vor den prächtigen Kulissen und romantischen Landschaften ständig darauf, dass ihnen autoritäre Zauberer-Lehrer die rätselhaften Ereignisse zu knappen Auftritten zurechtfälschen, ohne danach zu fragen, worum es in der Geschichte nun eigentlich und hauptsächlich "in der psychologischen Tiefe" geht.
Fürs Menschliche und Allzumenschliche während und zwischen den Haupt- und Staatsaktionen bleibt nur ein hilfloses Herumdrucksen übrig. Zuviel Ausdruck braucht einfach Zeit und macht eben zu alt. Den Kampf gegen die Zeit kann nur gewinnen, wer ausdruckslos bleibt. Der jetzt 15jährigen Emma Watson (als Hermine Granger) hat der Übergang in die Pubertät gut getan: Gelegentlich spielt sie mit sehnsuchtsvoller Girl-Power auch im Klassenzimmer alle anderen an die Wand und lässt erahnen, dass sie in einer anderen Produktion als der verkorksten Potter-Welt durchaus mithalten könnte.
Frischzellenkur gegen Markenwelt
Dabei hätte doch alles eine rasantere Wendung nehmen können. Denn immerhin gibt es neben einer angerissenen, durch himmlische Vorzeichen des Bösen unterbrochenen Quidditch-Olympiade ein Trimagisches Turnier, bei dem die Hogwartsianer mit den bulgarischen, in Blutrot eingekleideten Athleten aus Durmstrang (alias Sturmdrang) und den kokett-ballettösen, in blauem Samt gewandeten Französinnen von Beauxbatons konkurrieren.
Das gibt dieser Filmfolge eine Frischzellenkur mit Powerpaket und Glamour-Einlage, die dem gesamten Projekt hätten gut tun können. Radcliffe könnte zur Höchstform auflaufen, zumal der manipulierte Feuerkelch gegen die Regel den noch zu jungen, 14jährigen Harry als zusätzlichen vierten Turnier-Wettstreiter benennt. Beim Einzug der Mannschaften und dem gemeinsamen Weihnachtsball schwelgt Newell kurzzeitig in der Opulenz seines Paradepferdes "Vier Hochzeiten und ein Todesfall": ein gesellschaftlich erwünschtes "erotisches" Knistern kommt auf. Dank der allerdings im Hintergrund bleibenden Songs des Pulp-Musikers Jarvis Cocker (übriger Score: Patrick Doyle) weht einen Moment Teen-Spirit durchs Bild, verpufft aber wieder in der hölzernen Dialog- und Set-Regie der verzweifelt zusammenraffenden Romanverfilmung, die man Rowling und Newells Team (Drehbuch: Steve Kloves) zugleich anlasten kann.
Die Markenwelt bleibt stabil, und sie drückt die jungen Charaktere, die im dritten Teil dank Cuaron auflebten, ins hölzerne Klischee zurück. Die kinoästhetische Stagnation ist ausgerechnet bei Radcliffe/Potter am stärksten spürbar: Er bleibt der verkopfte und verdackelte Langeweiler als den wir ihn seit der ersten Folge kennen. Das mag für die Kindheit und frühe Jugend noch angehen, doch nun, in der heißen Reifezeit, hat dies noch nicht mal was von einem beliebten, oder mal gehassten und beneideten Jung-Dandy.
Zu sehen ist eine einsame und traurige Gestalt, die in ihrer Unbeholfenheit zu gefährlichem Ruhm gekommen ist. Radcliffe/Potter wäre selbstmordgefährdet, wenn ihn sein geschäftstüchtiges Über-Ich, sein seelenloses Strebertum nicht dazu verlocken würden, sich weitaus gefährlicheren Aktionen als dem Suizid zu widmen. Die Ergänzungsstücke zu seiner charakterlosen Fassade liefern auch die jungen und alten Nebenschauspieler mit orthopädischen Falschwuchsvisagen, die dem vor sich hin schmorenden Eulen-Reh-Blick noch mehr Bedeutung verleihen sollen.
Erfrischungen bleiben die Ausnahmen: Neben dem heruntergestutzen Rubeus Hagrid (Robbie Coltrane) vor allem Draco Malfoy (Tom Felton), der einfach als junger Christopher Lee in spe, den repressiven Sex-and-Rock`n-Roll eines elitären, rassistischen Zauberer-Hochadels verkörpert und nicht umsonst, vom neusten Anti-Schwarz-Kunst-Lehrer, dem paranoiden Grenzgänger Mad-Eye Moody (überpräsent und amüsant Brendam Gleeson) zum Frettchen verkleinert, einem Nebendarsteller mehr Dynamik in die Hose bringt. Rowlings und Newells Potter ist ein hoffnungslos kastrierter Gutmensch, der überall, unter und über Wasser, mit und ohne Schwimmhaut, am "Nimbus" seiner eigenen Tugend erstickt.
Ein wortloses Neutrum voller Neutrophobie, ein vater- und mutterloser Niemand, eine unglückliche Geheimwaffe, noch nicht einmal würdig, irgendwo zwischen Anderson/Neo, Bruce Wayne/Batman und Anakin Skywalker/Darth Vader zu stehen, die Zorn, Angst und Rache als Gefühle zulassen und bearbeiten. Keine Zeit für Gefühle, denn alle müssen einen Riesenwälzer und Megaseller hurtig nachspielen.
Harry ist absolut nicht dirty, und darauf war Warner doch einmal abonniert. Traurig schmollt er vor sich hin, überall da, wo er ohne autoritäre Führung bleibt, erscheinen ihm schwankende Gestalten, darunter James und Lily Potter, mal als Vorbild fürs Gute und mal als Trugbild des Bösen (siehe die Albtraumsequenzen um die Reaktivierung von Lord Voldemort, alias Tom Vorlost Riddle, der im finalen Show-Down nach einem Mord als schlangengeborenes Monster wieder auftaucht, gespielt von Ralph Fiennes).
Betrug an der Utopie der Pubertät
Kann man "Harry Potter" als "liberalen Aufklärungsmythos" wirklich gegen ein "geistiges Ground Zero" von Mittelerde in "Herr der Ringe" ausspielen (vgl.
Tolkien reloaded)? Wo kein Triebimpuls als Motor der Eigenwilligkeit und Unberechenbarkeit (der Filmdarsteller und ihrer Rollen) vorhanden ist, wo die Hauptfigur ständig nur als Marionette der Guten funktioniert, des immer noch hinter dem Berg haltenden Albus Dumbledore (seit Teil 3 Michael Gambon, derber als der verstorbene Richard Harris), oder als Zielscheibe der Bösen, wo die Figuren aus beiden Lagern schauspielerisch und ausdrucksmäßig kaum die Mimik, geschweige denn Seiten wechseln - da ist auch nichts mehr aufzuklären. Aufklärung gibt es nur dort, wo die Dialektik der Aufklärung funktioniert, wo das Rätsel wirklich rätselhaftes, das Dunkel wirklich die ganze Macht einer noch unbegriffenen Existenz, zwischen Freiheit und Abhängigkeit, zwischen wilder Emotionalität, erwachendem Verstand und ausreifender Sensibilität und Urteilskraft meint.
Dass übrigens der jetzige Papst noch als Kardinal Ratzinger den Rummel um die "Harry-Potter"-Bücher als unchristlich und jugendverderbend gescholten haben soll, darüber ließe sich schmunzeln. Es gibt allerdings einen nicht völlig ausgefochtenen Streit, ob Ratzingers erste Reaktion auf Gabriele Kubys kritisches Potter-Buch oder spätere, liberaler formulierte Haltungen vom päpstlichen Kulturberater Monsignore Peter Fleetwood die offizielle Antwort der Kirche auf das Harry-Potter-Phänomen seien. Kubys erstes flammendes Anschreiben an den Kardinal von 20. Februar 2003 im Stil einer anklagenden Eiferin, die den Feind ausfindig gemacht zu haben glaubt, lautet:
Dass es in der Kirche Verwirrung über Harry Potter gibt und diese Bücher in den meisten Pfarrbibliotheken zu finden sind, ist schlimm genug, denn sie stellen Fluchen, perverse magische Praktiken bis hin zu einem auf 30 Seiten geschilderten satanischen Blutritual als normalen Alltag dar. Dass es aber nun heißen kann: ´Der Vatikan gibt grünes Licht für Harry Potter´, ist niederschmetternd.
Das klingt freilich so, als ob die Kids von heute indexreife Bücher läsen, die in den Keller oder auf den Scheiterhaufen gehören. Die
Antwort von Kardinal Ratzinger am 7. März 2003 klingt solidarisch, aber moderat:
Sehr geehrte, liebe Frau Kuby! Vielen Dank für Ihren freundlichen Brief vom 20. Februar und für das lehrreiche Buch, das Sie beigelegt haben. Es ist gut, dass Sie in Sachen Harry Potter aufklären, denn dies sind subtile Verführungen, die unmerklich und gerade dadurch tief wirken und das Christentum in der Seele zersetzen, ehe es überhaupt recht wachsen konnte.
Über die Fiktion, dass in Rowlings Universum Magie als Möglichkeit des (hochmütigen und gottgleichen) Handelns bejaht wird, oder den Skandal einer Zweiklassen-Gesellschaft, die magielosen Normalos und die magisch begabte Herren-Elite, kann man als Kunstgriff hinwegsehen, den Kindern und Jugendlichen einen Stoff zu präsentieren, der unsere brutalisierte und vermachtete Welt ohne Liebe drastisch verdeutlicht. Aber dass die Magie derzeit so unmagisch auf der Stelle tritt und eine völlig uninspirierte Darstellung eines phantasielosen Schulalltags mit metaphysischen Schrullen sanktioniert, ist ein Verrat an einer sowieso schon ziemlich utopielosen, mit medialen Ersatzvorstellungen überfütterten Jugend. Der Betrug an der Utopie schlägt um in den Betrug an den Gläubigen, in den Aberglauben der Fans.
Im Film liegt das vor allem daran: Die Feinzeichnung und die Lebendigkeit der Charaktere bleibt außen vor. Ein Gegenbeispiel für einen glücklicheren Zusammenfall von Handlung, Darstellung und Psychologie bietet die Erfolgs-Teeny-Komödie "Mean Girls" (2004, deutsch "Girls Club", Regie Mark Waters), die Schulalltag, Pubertätsnöte und die aus subjektiver Perspektive Cady Herons (Lindsay Lohan) geschilderte Identitätskrise in einer verrückt ausgespielten Soap, gleichsam "Eiskalte Engel" im Kleinformat, konsequent verbindet.
Schülerinnen und Schüler werden hier in ihren Alltagssorgen einfach ernst genommen. Gewiss, bei Potter geht es um höhere Dinge, für die die Autorin geradestehen muss. Das sieht dann aber immer so aus, als ob in Hogwarts ein ganzes Schuljahr lang kreativer Projektunterricht gegeben würde. Aber eben diese höheren Dinge und ihre höheren menschlichen Repräsentanten sorgen immer wieder für unnötig steife, ideologieverdächtige Inszenierungen: Im Vergleich zu "Mean Girls" bleibt schon Newells Mädchen-College-Film "Mona Lisas Lächeln" (2003) zurück, in dem Julia Roberts als Dozentin für moderne Kunst wie eine Missionarin in Sachen Emanzipation auftritt und die Harry-Potter-artige Fixierung junger Frauen auf ihren elitär-akademischen College-Stil und ihr späteres Aufgehen in die Rolle einer Gattin erfolgreicher Ehemänner ein Stück weit zu überwinden versucht.
Das wäre es, die Fixierung auf die repressive Potter-Immanenz, die ewige antisexuelle und antiintelligente Kastration durch das Gute zu brechen, anstatt sie den Schülerinnen aufzuhalsen, um einen Star, Julia Roberts, mit einer Gegenrolle herauszustellen, die sie nicht mehr nötig hat. Mike Newells auf wütende Perfektion getrimmte Potter-Verfilmung, ist eine verzweifelte Parallele zu "Mona Lisas Lächeln". Als ehemaliger Internatsschüler versucht er die konservative Last der Vorlage zu übernehmen und gleichzeitig abzuschütteln. Zwar gibt es ausgefeilte optische Einfälle wie die Quidditch-Küstenszenen und die beweglichen Labyrinthe, aber ohne den ernsthaften Versuch einer überzeugenden Charakter-Psychologie der Jugendlichen selber hat man den Eindruck, bereits in der dunklen Parodie: "Nicht noch ein Potter!" zu sitzen.