Der Rokoko-Gorilla
Rüdiger Suchsland 14.12.2005
Ein keusches Kind unserer Zeit: Peter Jacksons "King Kong"
Es geht um die Länge. Und Peter Jackson, das ist keine Frage, hat den längsten, und zwar den allerlängsten "King Kong" gedreht. Mit drei Stunden und acht Minuten ist er mehr als doppelt so lang wie das Original. Etwa 70 Minuten dauert es, bis wir den Riesenaffen zum ersten Mal erblicken. Aber wir kennen ihn ja alle schon längst. Warum also ein neuer "King Kong"? Das ist die Frage aller Fragen in diesem Fall. Was hat Peter Jackson dieser archetypischen Kinoerzählung hinzuzufügen? Was wird er verändern? Was unterscheidet seinen, den dritten "King Kong" von seinen beiden Vorläufern und von den zahlreichen Varianten dieser Figur in der Filmgeschichte.
Schon das erste Bild ist schlau. Ein paar helle kleine Äffchen sieht man da, gewissermaßen das Gegenteil vom Titelhelden. Sie sind gefangen im Zoo, durch den der Kamerablick schweift. Man sieht noch ein Rhinozeros, dann einen Tiger, lauter Sensationen von früher. Dieses erste Bild gibt eine erste Lektion über das Verhältnis von Zivilisation und Wildnis, das schließlich eines der Themen von "King Kong" ist. Danach hebt sich der Kamerablick, und wir begreifen: Das ist ein Zoo in New York, und die Swingmusik erzählt uns, dass es sich um die 30er Jahre handeln muss.
Der Einstieg mit diesen ganz anderen Affen ist, wie gesagt, schlau. Schlau, aber nicht klug. Denn er enthüllt uns zuviel über diesen Film, zuviel für den ersten Moment. Dies ist, davon erzählt diese erste Einstellung, kein unschuldiger Film, sondern ein Film, der von Anfang an alles weiß. Der auf Zuschauer spekuliert, die alles wissen. Nichts gibt es hier erst zu entdecken. Der Film weiß, wovon er handelt, und weiß, dass die Zuschauer das wissen, dass sie "King Kong" kennen, manche fast so gut, wie der Regisseur, der sich vor 36 Jahren in "King Kong" verliebte.
Eine riesige dunkle Projektionsfläche
Mit diesem Wissen und mit dieser Liebe kann Jackson spielen. Aber indem er dies von Anfang an enthüllt, seine Zuschauer sozusagen auf den eigenen Grad distanzierter Reflexion hebt, schafft er eine Distanz, die schadet. Unschuld, Unbekümmertheit und Wagemut zeichnete den Original-"Kong" von 1933 aus. Vielleicht ist das unmöglich, aber unschuldig oder unbekümmert oder wagemutig ist Jacksons "Kong" in keiner Weise - jedenfalls nicht als Film (vielleicht schon eher als ökonomisches Projekt). Um das zu sein, hätte er zeitgemäß sein müssen, hätte er versuchen müssen, zu erklären, was die Begegnung der modernen Zivilisation mit dem Fremden, der Natur, was Massengesellschaft und Unterhaltungsindustrie im Jahr 2005 bedeuten, wofür überhaupt dieser Riesenaffe Kong heute steht? Denn erst einmal ist er nur eine riesige dunkle Projektionsfläche, bereit, mit unseren Phantasien gefüllt zu werden.
Man darf einmal ganz wertneutral feststellen, dass das erste Remake, das sich 1976 am Original orientierte, in die Gegenwart der Epoche verlagert war, den Stoff aktualisierte. Peter Jackson tut das nicht. Warum wird darauf verzichtet? Genau, weil es das erklärte Ziel Jacksons ist, das Original möglich treu zu verfilmen, und weil doch die Unterschiede an der Oberfläche so eklatant sind - doppelte Länge, Farbe, computertechnische Perfektion -, taucht immer wieder in diesen Tagen der Vergleich auf. Natürlich gibt es keinen Grund, das Original nicht wieder neu zu verfilmen, aber irgendeinen Grund, es zu tun, muss es, wenn man es dann tut, schon geben. Warum also ein neuer "King Kong"?
Der Grund ist nicht wirklich zu erkennen. "Wir wollten einfach einen Kong machen, der richtig cool ist: Der verlorene Inseln hat, Dinosaurier, große Gorillas, und eine wundervolle Lovestory." Man muss befürchten, dass es genau so ist, wie Peter Jackson es auf der Berliner Pressekonferenz am 7.12. ausführte: Offenbar weiß er tatsächlich keinen anderen Grund, offenbar fällt ihm zu "King Kong" nicht mehr ein, als "eskapistisches Entertainment. Ganz tief im meinem Herzen bin ich immer noch Fan und werde es immer bleiben."
Gewissermaßen Rokoko
Die Folge: Jackson verfilmt das Original nun fast buchstabengetreu. Kaum etwas fügt er der Handlung hinzu. Ein paar Akzente sind verändert, zum Beispiel wird das Filmteam rund um Regisseur Carl Denham (Jack Black mit deutlichem Orson Welles-Touch) als arm und heruntergekommen gezeichnet - Independentfilmer sozusagen und als solcher ein alter ego seines Schöpfers, der vielleicht auch ein Zauberlehrling ist, der das Ungeheuer, das er entfesselte, längst nicht mehr kontrolliert. Peter Jackson hat heute das Stadium erreicht, in dem ein neuer Film von ihm als "der neue Peter Jackson-Film" ins Kino gebracht wird. Wie alle im Film, ist auch er nun von Geldnot getrieben. Jackson hat sich zwar in jeder Hinsicht durchgesetzt: Laufzeit von drei Stunden, statt der veranschlagten zwei. Herstellungskosten 207 Millionen statt der vorgesehenen 150 Millionen Dollar. Aber ob er die erlangte "neue 'Titanic' wird, steht noch nicht fest. Universal Pictures kann nur noch hoffen, dass Jacksons Gorilla-Projekt das Studio nicht in eine ernste Krise stürzen wird.
Alle Veränderungen sind aber nur Nuancierungen, die den Stoff nicht wirklich verändern, in diesem Sinn "nichts bringen." Dass Jacksons "King Kong" nun so unglaublich lang geworden ist, liegt nicht an neuen Ideen daran, dass er in allen Einzelheiten überdeutlich ausmalt, was einst nur angedeutet war, dass er nichts der Phantasie überlässt, dass er dem Vorbild Ornament um Ornament, Manierismus um Manierismus hinzufügt, sich im Spektakel verzettelt, bis vom eigentlichen Kern kaum noch etwas sichtbar ist. Erst dies verändert den Stoff, raubt ihm mit der Dynamik und dem Grundton auch das Herz.
Gegenüber der kühlen Klassizität des Original, seiner Unschuld auch, ist Jacksons "Kong" gewissermaßen Rokoko: Lauter Schnörkel, bunte Farben, hier ein Einfall, dort eine Verspieltheit. Im Grundton ist der Film unernst, sind die Nebenfiguren und Randszenen eine Reminiszenz an den "Charme" der Hobbits. Zudem ist der bereits in drei "Herr der Ringe"-Folgen mehr und mehr spürbare Hang zur reinen Quantität, der Fetischismus der schieren Masse, hier nun völlig ungebrochen.
Ein Beispiel: Die berühmte Kampfszene Kongs mit einem Tyrannosaurus Rex wird zwar geradezu pedantisch nachgestellt, doch dieser Film-Ikone voran kam noch eine weitere viertelstündige Szene, in der es Kong mit drei T-Rexen auf einmal zu tun hat. Als ob der eine nicht genug wäre. So ist Jacksons "Kong" disparat: Gleichzeitig eine epigonale Hommage und ein Beispiel für eiskalte Blockbuster-Ödnis, die nur das Größer, Länger, Teurer kennt. Keine Frage: Dieser "Kong" ist gigantisch. Groß ist er aber nicht. Und wirklich großartig ist aber allein Naomi Watts als weiße Frau Ann. Watts passt zwar gar nicht hierher, ist als Typ auch zu wenig unschuldig, zu wissend und etwas zu alt für diesen Film, aber immerhin spürt man gelegentlich noch einen Hauch von Lynchs "Mulholland Drive", wo sie eine junge Schauspielerin spielt, die auch auf das große Glück noch wartet.
Trotzdem ist dieser "King Kong" natürlich ganz ein Kind dieser Zeit. Wie die Gesellschaft, der er entstammt, balanciert er auf einem schmalen Grat: Einerseits geht er mit dem Problem des Fremden verständnisvoll, nachsichtig und tolerant um. Die Besatzung ist ein Multikulti-Team, in dem nicht nur, wie 1933 ein Chinese, sondern nun auch ein Schwarzer - um so den naheliegenden Vorwurf des Rassismus (s.u.) zu kassieren - und ein Deutscher eine besondere Position innehaben. Dialektik der Anverwandlung: Durfte 1933 der radebrechende chinesische Schiffskoch Charlie (Victor Wong) nicht mit auf die Insel - und überlebte deshalb das Massaker durch die Urwelttiere, so ist er nun mittendrin statt nur dabei und stirbt schon nach ein paar Minuten. Andererseits wird ausgegrenzt, was das Zeug hält: Etwa die Ureinwohner auf Skull Island. Sie sind heute noch viel rassistischer gezeichnet, als 1933. Sie sehen aus wie eine Mischung aus Zombies und Orks aus "Herr der Ringe".
Ein Kong der Tierschutzbewegung
Demgegenüber erscheint Kong als Sinnbild einer positiv verstandenen, geradezu vermenschlichten Natur. Denn dieser King Kong sieht nicht mehr aus, wie King Kong, er sieht aus, wie ein Gorilla. Das Monster ist zwar nicht Mensch, aber Menschenaffe geworden, ein Kong der Tierschutzbewegung, und man erinnert sich an Affenforscher, die schon vor zehn Jahren mit Hinweis auf Intelligenz, Sprache und Persönlichkeit "unserer nächsten Verwandten" "Menschenrechte für Menschenaffen" forderten. Jackson, so heißt es betrieb zur Zeichnung seines Kong ernsthafte Naturstudien und stellt ihn nun tatsächlich auf allen Vieren und auch sonst gehend als weitestgehend "echten" Gorilla dar - wie langweilig! So wird aus Kong dem Monster, Kong der Vegetarier, der in einen lieblichen orangenen Sonnenuntergang hineinlächelt, und Kong der alte Mann mit vielen Narben, der sich aber schnell bezirzen lässt, wenn ein junges Ding vor ihm das Rad schlägt. Fast fühlt man sich da ins Auenland versetzt, in eine kleine kurze Hobbit-Idylle und ihre unerträgliche Kleinbürgerlichkeit des Seins.
Ganz anders aber sieht mit dem übrigen Geviech aus: Mordlustig stürzt es sich auf Mensch und Tier, missachtet den darwinistischen Grundsatz, dass es erstmal um die Selbsterhaltung geht. Die Tyrannosaurier dieses Films sind allesamt Selbstmordattentäter, sollten sie dereinst tatsächlich so ungeschickt, destruktiv und selbstzerstörerisch gekämpft haben, wie hier, ist es kein Wunder, dass sie ausgestorben sind.
Entsprechend darf sich solchen Mordmaschinen gegenüber auch der unterdrückte Zerstörungsdrang, die Aggression der Filmemacher - und damit die beim Zuschauer vermutete - hemmungslos ausleben: Saurier verdienen es, ausgelöscht zu werden. Kein Staunen über solche Natur, wie sie Spielberg in der ihm eigenen Weise noch in "Jurassic Parc" auslebte, bleibt hier spürbar. Das tragische Monster ist zum namenlosen Alien geworden, das eliminiert werden muss.
Keusches Auenland
Was Jackson eigentlich erzählen will, könnte interessant sein: Es ist die Liebe einer nicht ganz jungen, nicht ganz unerfahrenen Frau zu einem Wesen, das ihr eigentlich höchst fremd ist. Es ist die Liebe eines Menschen zu einem Affen. Das mag Kitsch sein, muss nicht interessieren, aber immerhin könnte es das, wenn Jackson sich nicht immer wieder von der eigenen Hybris ablenken ließe, wenn er nicht jedem Einfall nachgäbe. Und wenn der Film nicht so keusch wäre, wie der "Herr der Ringe". Stattdessen lässt er Kong und Ann irgendwann am Ende sogar auf einer Eisfläche tanzen - was dann wieder ans Auenland erinnert.
Gerade einige der interessantesten Szenen des Originals hat Jackson dann bei aller Pedanterie doch komplett gestrichen - und sie sind verräterisch: Es sind alle Szenen, die Andeutungen von erotischer Begierde, von Sex enthalten. "No, I said no! that's all there is" ist das einzige, was Ann einmal rufen darf, als der Affe nach ihren Flirtattacken gar zu zudringlich wird.
Was auch fehlt: Die atemberaubende Szene, in der Ann bei Probeaufnahmen die verschiedenen Stadien der Angst, bis hin zum nackten Entsetzen simuliert - und uns Zuschauer damit auf den Spielcharakter hinweist. Eine Entlarvung des Kinos, die dem Publikum die eigene Sensationsgier vor Augen hält und mit den Mitteln des Mainstream durchleuchtet.
Tonnenschwere Luftballons
Aber es entlarvt sich doch immer wieder selbst, notfalls unfreiwillig. Hier ist es die angeblich beste Technik aller Zeiten. Dass solche Filme immer mehr aussehen, wie Computerspiele, dass die Dramaturgie einer Nummernrevue ähnelt, ist man inzwischen gewöhnt. Aber wenn man das, was hier geboten wird, nüchtern betrachtet, muss man erkennen: Die Illusion ist nicht perfekter als beim Stop-Motion-Verfahren. Sie ist nur zeitgemäßer, ästhetisch, und weil sie Selbstzweck geworden sind. Tonnenschwere Viecher schweben wie Luftballons, das ist das eine: Die fehlende Erdenschwere. Das zweite, gravierendere ist die Flachheit manche Körper, etwa der Saurier bei einer Verfolgungsjagd durch eine Schlucht. Das dritte sind die unangepassten Geschwindigkeiten: Menschen rennen vor immens schnellen Monstern weg und werden nie eingeholt - wie Zenons Schildkröte von Achill. Die Vermischung von Realbild und CGI-Animation funktioniert ästhetisch nach wie vor nicht.
Zudem sind viele der Kämpfe zwischen Tieren oder zwischen Mensch und Tier so dermaßen grotesk überzeichnet, so völlig - und ganz im Gegensatz zum Beispiel zum 1933er-Film - von Desinteresse an der Realität geprägt, dass sie nicht mal mehr so tun, als seien sie realistisch, und - wie das Rokoko - einer zukünftigen Epoche als Beispiel dienen werden für Weltflucht unserer Zeit.
Zwei, drei gute Einfälle gibt es trotzdem. Wie mindestens die Hälfte aller Ideen des Films teilen sie sich nur demjenigen mit, der das Original kennt: Die beste Idee ist, bei der Varieté-Szene kurz vor Kongs Ausbruch einen "Dschungeltanz" zu zeigen, bei dem die Tänze und Kostüme der Eingeborenen und die Musik im Originalfilm als Showelement und offenes Zitat wiederkehren. Eine zweite Idee ist die, das Filmteam auf dem Boot eine Szene aus dem Original drehen zu lassen. Im Kontrast erkennt man gut, was heute unter gefühlvollem Kino verstanden wird, wo sich das Kino hinbewegt hat.
Dann überwiegt wieder eine Zerstörungsorgie, die aber nichts sagt. Und Kitsch: in die Länge gezogenes Nichts, mit zehn Enden. Zum Schluss fällt Kong dann doch noch zu Boden. Und unten angekommen ist die Luft raus. Die Wiederholung kommt gegen die Sehnsucht nach Neuem, gegen neue Fragen nicht an, wirkt als Stagnation und Biedersinn, da mag das "Herz der Dunkelheit" noch so oft beschworen werden. Der Abgrund fehlt auch über den Höhen von New York. Auch Peter Jackson wird mit diesem Film wieder auf dem Boden angekommen sein, nachdem er ihn eine Weile, geblendet vom Erfolg des "Herren der Ringe" - der im Gegensatz zu "King Kong" ja Millionen Leser hat - unter den Füssen verloren hatte. It was not the beauty, it was the hobbit who killed the beast.
Triumph der Sentimentalität über den Stil
So macht Jackson aus der Tragödie eine Farce. Sein aufgeblasener Film ist ein Triumph der Sentimentalität über den Stil, des Moralischen über das Ästhetische, des Naiven über die Ironie. Schade, dass hier einer außer der technischen so wenig Phantasie hatte. Im Vergleich aber mit - zum Beispiel - Coppola, Stone, DePalma, Fincher, Soderbergh oder Scorsese ist Peter Jackson einfach ein weniger intelligenter Regisseur. Und man darf voraussagen, dass dieser Film in 20 Jahren gemeinsam mit Emmerichs "Godzilla" und Petersens "Troja" an einschlägig renommierten Orten wie dem Münchner Werkstattkino als "Trash" laufen wird.
"Purer Eskapismus" - Jackson gab selbst das Stichwort für die Flucht ins vermeintlich Zeitlose, in eine Vergangenheit, als Roosevelts politisches Leadership und gleich mehrere äußere Feinde die USA aus der Depression herausführten. Gerade solcher Eskapismus und die nostalgische Sehnsucht nach Zeiten, in denen die Dinge noch vermeintlich einfacher lagen, ist eine der versteckten Botschaften dieses Films. Eine zweite ist die freundliche Zeichnung des Riesenaffen und die rassistische der Ureinwohner - zwei einander ergänzende Spielarten unserer Naturwahrnehmung. Zumindest in seiner Unschuld und Unbefangenheit bleibt der "King Kong" von 1933 auch nach Jacksons Film ein unübertroffener Meilenstein und zugleich eine zeitlose Parabel auf unser aller Angst vor dem Unbekannten. Jackson, keine Frage, liebt dieses Original. Aber auch aus Liebe kann man töten.