Im Labyrinth der guten Zwecke
Thorsten Stegemann 24.12.2005
In einem Jahr haben allein die Deutschen 3,5 Milliarden Euro gespendet. In manchen Katastrophenfällen ist schnelle Hilfe trotzdem nur bedingt möglich
Mitte Dezember veröffentlichte das
Meinungsforschungsinstitut TNS Infratest aus Bielefgeld eine eindrucksvolle Bilanz. Von Oktober 2004 bis Oktober 2005 spendeten die Bundesbürger insgesamt 3,5 Milliarden Euro für wohltätige Zwecke. Das waren 600 Millionen mehr als im Jahr zuvor, die nahezu ausschließlich den Tsunami-Opfern in Südasien zugute kommen sollten. Die Spenderquote und die durchschnittliche Spendensumme erreichten damit neue Rekordwerte von 50% beziehungsweise 108 Euro pro Person und Jahr. 57% der eingezahlten Gelder waren für die Sofort- und Nothilfe bestimmt, der Rest verteilte sich auf die Behinderten- und Krankenbetreuung oder gemeinnützige Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe.
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| Während Spendengelder für die Tsunami-Opfer sprudelten, war die Spendenbereitschaft für die Erdbebebopfer in Kaschmir weitaus geringer. Bild: UN |
Das Kinderhilfswerk
UNICEF bekam allein 99 Millionen Euro, um die Opfer der Flutkatastrophe zu unterstützen. Mit dem Geld wurden nach Angaben der Organisation 1,2 Millionen Kinder gegen Masern geimpft, 1,4 Millionen bekamen neues Lernmaterial und 550.000 imprägnierte Moskitonetze zum Schutz vor Malaria. Für diese und eine Reihe weiterer Maßnahmen investierte UNICEF 53,1 Millionen Euro. Der Rest ist für den mittel- und langfristigen Wiederaufbau gedacht. Das Kinderhilfswerk will die Sanierung, den Neubau und die Ausstattung von Schulen sowie die Einrichtung von Gesundheitszentren und Kindergärten in Indonesien, Indien, auf Skri Lanka und den Malediven unterstützen, zieht aber schon jetzt eine überwiegend positive Bilanz:
Dank der beispiellosen Unterstützung und der professionellen Nothilfe nach dem Tsunami starb in den Flutgebieten kein Kind an Seuchen oder Mangelernährung, und nahezu alle Kinder gehen heute wieder zur Schule.
UNICEF
Die Menschenrechtsorganisation
Oxfam International hat in Südasien die größte Hilfsaktion ihrer Geschichte durchgeführt. Von den 215 Millionen Euro, die weltweit gespendet wurden, gab Oxfam bis Ende 2005 102 Millionen Euro aus. In einem ausführlichen
Rechenschaftsbericht ist die Verwendung der Gelder nachzulesen. 6% flossen in die Verwaltung, die restlichen 94% wurden für die Sicherstellung der Wasserversorgung, moderne Sanitäreinrichtungen und die Wiederherstellung von Existenzgrundlagen aufgewendet. Im kommenden Jahr will Oxfam weitere 60 Millionen Euro investieren, 2007 sollen es dann 40 und 2008 noch einmal 13 Millionen sein. Auch beim Deutschen Roten Kreuz werden die Investitionen
gestaffelt. 124,6 Millionen Euro sind eingegangen, 103 Millionen wurden bislang ausgegeben oder fest verplant.
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Schieflagen der Hilfe
Gegen die Vergabepraxis der großen Hilfsorganisationen regt sich mancherorts vernehmbarer Widerstand, auch wenn deren beachtliche und in vielen Fällen lebensrettende Gesamtleistung nicht in Abrede gestellt werden kann. Neben den Beträgen, die in die Verwaltung fließen, werden vor allem ökonomische Fehlleistungen kritisiert, etwa die unkontrollierte Lieferung von Kleidungsstücken in Länder, die dabei waren, sich selbst eine Textilindustrie aufzubauen. Darüber hinaus beschreiben die Organisationen selbst eine Reihe von Schwierigkeiten, die der effektiven, schnellen und unbürokratischen Hilfe immer wieder im Wege stehen. So beklagt Oxfam den Mangel an geeignetem Baumaterial in Indonesien, die prekäre Sicherheitslage in Somalia, die unzureichende Klärung der Landrechte und Abstimmungsprobleme zwischen den internationalen Einsatzteams, die dazu führen, dass sich die Hilfswilligen bisweilen selbst im Wege stehen.
Auch die Zweckgebundenheit der Spendengelder liefert einigen Diskussionsstoff, gerade wenn sie so üppig fließen wie im Fall der Tsunami-Katastrophe. Den Überlebenden kann nun langfristig und im Laufe der Zeit auch zielgenau geholfen werden, betont Oxfam-Pressesprecher Jörn Kalinski auf Nachfrage von Telepolis.
Es macht wenig Sinn, die Soforthilfe in den Ländern auszukippen und sie dann sich selbst zu überlassen. Wir haben jetzt die Chance, eine breite Wirkung zu erzielen und den Wiederaufbau kontinuierlich zu unterstützen.
Jörn Kalinski
Auf der anderen Seite liegen mehrere hundert Millionen Euro, die für die nächsten Jahre verplant sind, auf den Konten der Hilfsorganisationen, und die Bundesregierung hatte noch einmal 500 Millionen zugesagt, statt die Höhe der privaten Spendengelder abzuwarten. Derweil fehlt den Opfern des Erdbebens in Pakistan und Indien das Lebensnotwenigste. In den betroffenen Regionen ist mittlerweile der Winter ausgebrochen, und noch immer wartet man in der Krisenregion auf Decken, Zelte, Wellbleche, Öfen, Medikamente oder sauberes Trinkwasser.
Zweckgebundenheit der Spenden kann zu Problemen führen
Nach Angaben der
Aktion Deutschland Hilft, einem Bündnis von zehn renommierten Hilfsorganisationen wie Malteser, Johanniter oder ASB, befanden sich Anfang des Monats noch 400.000 Menschen in einer akuten Notsituation, so dass zu befürchten sei, "dass mehr Menschen durch Kälte, Krankheiten und Hunger sterben als durch das Erdbeben selbst" – und das waren immerhin über 80.000. Eine Ausdehnung der Sofortmaßnahmen wäre dringend geboten, doch bei allen zehn Organisationen sind zusammen "nur" 6,8 Millionen Euro an Spendengeldern eingegangen. Eine Umschichtung ist kaum möglich, weil die Beträge - zunächst aus gutem Grund - zweckgebunden sind, doch Kalinski sieht für ein solches Vorhaben nicht nur juristische Hindernisse.
Natürlich könnten wir die Spender anschreiben, und möglicherweise wären viele auch mit einer anderen, dringenderen Verwendung einverstanden. Doch das würde fünfzig- oder hunderttausend Verwaltungsakte in Gang setzen, und außerdem ließe sich aus der Gesamtsumme nicht mehr rekonstruieren, wessen Geld bereits ausgegeben wurde.
Jörn Kalinski
Der Oxfam-Sprecher plädiert deshalb seit geraumer Zeit (
Minuten, die ein Land veränderten) für eine grundlegende Reform des "Central Emergency Revolving Fund" der Vereinten Nationen, der mittlerweile immerhin zum "Central Emergency Response Fund"
umgedeutet wurde. Er soll mit einer Milliarde US-Dollar ausgestattet und permanent wieder aufgefüllt werden, so dass im Katastrophenfall schnelle, zweckungebundene Soforthilfe geleistet werden kann.
Die Hilfsorganisation
Ärzte ohne Grenzen, die 1997 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, hat aus der unbefriedigenden Situation ganz unmittelbare Konsequenzen gezogen. Seit 2005 bittet sie die Öffentlichkeit ausdrücklich um freie Spenden.
Anlass war auch hier die Tsunami-Katastrophe. Das Projektbudget von "Ärzte ohne Grenzen" lag bei 25 Millionen Euro, weltweit gingen aber 110 Millionen auf den Konten der Helfer ein. Die Spender wurden daraufhin gebeten, dass ihre Beträge zur Linderung der Ernährungskrise in Niger oder zur Hilfe für die Erdbebenopfer in Pakistan verwendet werden konnten. 99% erklärten sich mit der Umleitung einverstanden, so dass "Ärzte ohne Grenzen" nur etwa eine Million tatsächlich zurückzahlen musste. Der Leiter der Spendenabteilung, Arne Kasten, erklärte schon im Sommer des Jahres, warum die Aufhebung der Zweckbestimmung grundsätzlich sinnvoll sein kann.
Ärzte ohne Grenzen arbeitet in rund 70 Ländern weltweit. Für die meisten Projekte ist es sehr schwer, Öffentlichkeit zu erzeugen. Trotzdem haben wir in Ländern wie der Demokratischen Republik Kongo oder Sambia große Programme. Die Menschen leben dort unter erbärmlichen Bedingungen und haben schreckliche Erfahrungen gemacht, wenn sie gewaltsam vertrieben wurden. In 27 Ländern betreuen wir zudem zahlreiche HIV/Aids-Projekte, über die fast niemand spricht oder schreibt. Die freien Spenden kommen diesen Projekten zugute.
Arne Kasten
Dieser Aufforderung hat sich mittlerweile auch das "Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen" (
DZI) angeschlossen, das über die Seriosität der Spendenempfänger wacht. In seiner aktuellen Spenden-Info erklärt das Institut:
Denken Sie aber daran, dass zweckgebundene Spenden die Fähigkeit der Hilfswerke, auf unvorhergesehene Ereignisse zu reagieren, stark einschränken. Das DZI empfiehlt deshalb, Spenden an erwiesenermaßen seriöse Organisationen im Regelfall ohne Zweckbindung zu vergeben.
DZI