Eine wundersame Geschichte in misstrauischen Zeiten
Florian Rötzer 27.12.2005
Vor kurzem zirkulierte in den Medien die Geschichte, dass das US-Heimatschutzministerium einen Studenten wegen der Ausleihe der Mao-Bibel aufgesucht habe. Es war eine Lügengeschichte, die viele, auch wir, aber nicht für völlig unglaubwürdig gehalten hatten
Die Geschichte klang übertrieben und schräg, aber nicht völlig unglaubwürdig angesichts der von der Bush-Regierung betriebenen Terrorhysterie und dem gerade wieder bekannt gewordenen Ausbau der Überwachung. Daher verbreitete sich die Story von dem Studenten der University of Massachusetts in Dartmouth auch in den USA und darüber hinaus schnell. Der 22-Jährige hatte angeblich über die Fernleihe für eine Seminararbeit eine offizielle Version der Mao-Bibel bestellt und wurde daraufhin von Angestellten des Heimatschutzministeriums besucht, weil das Buch auf einer Beobachtungsliste stehen soll (
Die Mao-Bibel unter Beobachtung).
Die Geschichte wurde von
Brian Williams, Professor die Geschichte des Islam, einer Zeitung
berichtet. Wie sich nun
herausstellte, handelte es sich aber um eine Lüge des Studenten, wie er Williams schließlich beichtete. Dass auch Williams und sein Kollege Robert Pontbriand, an dessen Seminar über totalitäre Regime der Student teilnahm, erst einmal auf die Geschichte hereingefallen sind, verdankt sich der herrschenden Stimmung. Gerade war bekannt geworden, dass die Bush-Regierung gleich nach dem 11.9. heimlich ein Lauschprogramm gestartet hat, bei dem die NSA auch US-Bürger abhörte, und sie trat vehement für die unbegrenzte Verlängerung des Patriot-Gesetzes ein, nach dem Sicherheitsbehörden unter anderem auch Einblick in die Daten von Bibliotheksbesuchern nehmen dürfen. Vom Weißen Haus wurde der Krieg gegen den islamistischen Terrorismus auch immer stärker mit dem Kampf gegen den Kommunismus gleichgesetzt.
Der Student mag das alles im Hinterkopf gehabt und daraus eine interessante Entschuldigung gebastelt haben, die den Professoren glaubwürdig erscheinen sollte. Williams erklärte nun, er sei enttäuscht von dem Studenten, den er als sympathisch und hart arbeitend kennzeichnete. Die Möglichkeit, dass die Regierung die Ausleihe von Büchern überwachen könnte, habe ihn geängstigt. Vermutlich ging der Student davon aus, dass seine Entschuldigung keine großen Kreise ziehen würde. Williams, der gerade nach Afghanistan gereist war, wurde von einem Journalisten der Standard-Times gefragt, ob er wegen der heimlichen Überwachung von US-Bürgern besorgt sei. In diesem Zusammenhang erzählte er die Geschichte des Studenten.
Auch die Universität schien die Geschichte nicht völlig unglaubwürdig gefunden zu haben. Sie
teilte mit, dass es keine Besuche von Mitarbeitern des Heimatschutzministeriums gegeben habe, es habe auch keine Anfrage auf eine Fernausleihe der Mao-Bibel gegeben. Man habe aber Vorkehrungen getroffen, um Anfragen aufgrund des Patriot-Gesetzes nachzukommen. Selbst Senator Ted Kennedy
griff in einem Artikel für die Zeitung Boston Globe die Geschichte als Beleg dafür auf, dass die Bush-Regierung die Jagd auf die Terroristen über das vernünftige Maß hinaus zur Überwachung von US-Bürgern strapaziert.
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Verraten hatte sich der Student schließlich, nachdem er seinen beiden Professoren auf Nachfrage
neue Einzelheiten erzählte, die seine Geschichte völlig unglaubwürdig machten. Er sagte ihnen, die Agenten seien noch einmal zu ihm nach Hause gekommen und hätten ihn, seine Eltern und einen Onkel vertrauliche Abmachungen unterschreiben lassen. Damit wollte er wohl weitere Nachfragen verhindern. Er tischte sogar die Namen der Agenten auf und erzählte, sie hätten schwarze Anzüge mit schwarzen Krawatten angehabt - "just like the guys in Men in Black." Die Fantasie scheint dann völlig mit ihm durchgegangen zu sein. Er erzählte von einem Besuch in einem Gebäude des Heimatschutzministeriums in Boston, wusste aber nicht, wo es sich befand, dafür aber sei er dort auf einen Professor und weitere Studenten getroffen, die ebenfalls wegen Büchern Schwierigkeiten bekommen hätten. Das war Williams ersichtlich zu viel, er fragte bei seinen Eltern nach, die aber nichts von der ganzen Sache gehört hatten. Williams konfrontierte den Studenten damit, woraufhin dieser seinen Schwindel gestand. Warum er die Geschichte überhaupt erfunden hat, ist allerdings noch unbekannt.
I don't know what the moral is, here. 1) He's an idiot. 2) Don't believe everything you read. 3) We live in such an invasive political climate that such stories are easily believable. 4) He's definitely an idiot.
Kommentar von Bruce Schneier
Williams habe, so sagt er, über Tage keine Medienanfragen beantwortet – auch wir hatten vor Veröffentlichung des Artikels eine Email geschickt, um eine Bestätigung der Geschichte zu erhalten, aber keine Antwort bekommen. Er habe zuerst die Wahrheit herausfinden wollen, nachdem die Geschichte sich so weit verbreitet hatte. Jetzt sei er froh, sagen zu können, dass es ungefährlich sei, sich Bücher auszuleihen und zu forschen.