"Süßstoff-Offensive"
Rüdiger Suchsland 02.01.2006
Warum das Fernsehen immer schlechter wird
Das deutsche Fernsehen wird immer schlechter. Nicht ein oder zwei bestimmte Sender, sondern das Fernsehen als solches. Vor allem die öffentlich-rechtlichen Sender erleben zurzeit einen beispiellosen Verfall von Qualität und Angebotsvielfalt. Das Privatfernsehen war schon immer schlecht. Doch nun passen sich die Öffentlich-Rechtlichen an, bis zu einer Grenze, in der von einer Erfüllung ihres Programmauftrags schon längst nicht mehr die Rede sein kann.
Weder im Bereich Information, noch im Bereich Bildung werden Mindeststandards erfüllt. Dabei gilt das Prinzip: Je "höherwertig" das Programm vom Anspruch her sein soll, desto tiefer der Fall in der Realität. Am prägnantesten sichtbar wird diese Entwicklung am Fall von arte, dessen deutscher Teil von ARD und ZDF verantwortet wird. Seit einiger Zeit ist in diesem sogenannten "Kulturkanal" der Niveauverlust mit Händen zu greifen.
"Advent, Advent, die Glotze flennt" zugegeben: Zu Weihnachten und Neujahr ist es immer besonders schlimm. Ein Sturzbach an Schmalz, Herzenswärme und Schmonzette, vor allem aber an Langeweile und Einseitigkeit ergießt sich da über den TV-Zuschauer. Ein paar Beispiele aus der letzten Woche: Neben den eigentlichen Weihnachtssendungen, in denen zuerst ein wenig besinnlich geglöckelt und dann zunehmend ausgelassen volksmusiziert wird, trat zur Primetime an Heiligabend "Sissi" (ARD) gegen "Weihnachten mit Marianne und Michael" im Tiroler Berggasthaus (ZDF) an.
Am 25.12. nach der zeitversetzt auf beiden Kanälen ausgestrahlten Ansprache des Bundespräsidenten "Rosamunde Pilcher" (ZDF) gegen "Tatort" und dann "Die geheime Macht der Frauen" (ARD) gegen "Schneeparadies" (ZDF), parallel dazu "Komödienstadel" (BR), "Das fliegende Klassenzimmer" von 1973 (HR), ein Weihnachtmarionettenspiel aus Prag (MDR) und "Lachen mit Harald Juhnke", am 26.12. "Stars in der Manege" gegen "Das Traumschiff", und tagsüber gab es Zeitgemäßes wie "Die märchenhafte Geschichte von Weihnachtsmann und Nikolaus" (WDR), "Bräuche, Lieder und Geschichten" (HR), oder "Weißblaue Wintergeschichten" (ZDF), angestaubte Erdkunde-Dokumentationen ("Wettlauf mit dem Eis", SWR; "Der Harz", ARD; "Land der Dünen", ZDF) und Spielfilme ("Ist das Leben nicht schön?", "Die Kaktusblüte", "Schlaflos in Seattle") aus der Konserve umrahmt von Highlights wie den "Hundegeschichten aus Norddeutschland" (NDR) oder der "Schlemmerreise Irland" (BR).
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Information dagegen bleibt in dieser Zeit Fehlanzeige, und auch Religiöses will man über die Übertragung der päpstlichen Weihnachtsansprache und diverser Weihnachtsgottesdienste hinaus dem Publikum offenbar nicht zumuten - kein Wunder, dass die die Depressions- und Selbstmordraten an den Feiertagen regelmäßig ansteigen.
Hausfrauenträume und konservative Botschaften
Was tut nun arte? Der sogenannte "Kulturkanal" bietet in solchen Fällen nicht etwa das einzige Gegen-TV zum Flimmerkisten-Mainstream, sondern er kübelt mit. Ein besonders prägnantes Beispiel ist "Margarete Steiff", ein Biopic über die schwäbische "Teddy"-Fabrikantin ("Knopf im Ohr"), das Ausschnitte aus deren Biographie zum Frauenerweckungsdrama verklebt.
Im Stil des gehobenen Heimatfilms taucht Xaver Schwarzenberger (Regie/Kamera) seine Handlung in honiggelb-nostalgische Bilder, schwäbeln Darsteller wie Suzanne von Borsody (die schroffe Mama) und Herbert Knaup (der gütige Papa) derart hochdeutsch, das man sich ins Ohnesorgstadl versetzt fühlt, derweil Heike Makatsch in der Hauptrolle der gelähmten Steiff im hölzernen Rollstuhl sitzt und mitleiderregend aus großen Kulleraugen kullert, Musikschmalz aus dem Äther tropft und die Zuschauer verfolgen dürfen, wie Fräulein Steiff werden muss, was sie ist: Eine Art Maggie Merkel des 19. Jahrhunderts, die sich - behindert, proletarisch, provinziell - als Underdog in der Männerwelt durchsetzt, und zur Führerin eines modernen Weltunternehmens aufsteigt.
Neben Gefühlskitsch und Vergangenheitsverklärung bringt "Margarete Steiff" auch noch ein Gemisch aus konservativen Botschaften und neoliberaler Ideologie unters Weihnachtsvolk: Steiff ist nämlich nicht nur voller Ehrfurcht vor dem "Herrn Jesus" sondern willensstark und mutig. Fleiß ist gut, die Banken böse, bis spätnachts wird gearbeitet, und mehr als einmal sieht man die Heldin am nächsten Morgen eingeschlafen über ihrer Nähmaschine. Im Zweifel ist "das Schaffen" wichtiger als privates Glück, und wenn die Chefin von den Bankiers unter Druck gesetzt wird, arbeiten die treuen Angestellten gern auch mal ohne Lohn - kleine Lektionen unterm Tannenbaum.
Kein Wunder, dass gerade die FAZ den Film vorab als "Botschaft der Hoffnung; eine wahre Mär vom Sieg des Verstands, der Zähigkeit und der inneren Unabhängigkeit" feierte, der "das hierzulande höchstens geflüsterte Loblied auf mutiges Unternehmertum laut und frohlockend heraussingt."
Gefühlsduseliges Wohlfühlfernsehen
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| Margarete Steiff |
Im Einzelnen anständig gemacht, im Ganzen unerträglich, ist "Margarete Steiff" gerade typisch für den Einheitsstil öffentlich-rechtlicher TV-Movies, der auch arte längst fest im ästhetischen Griff hat: Mit Blick aufs überwiegend weibliche TV-Zielpublikum rückt man immer öfters "frauenaffine" (Produzent Nico Hofmann) Stoffe ins Zentrum, Geschichten von starken Frauen, die zwischen Pflicht und Neigung schicksalsschwere Entscheidungen zu treffen haben und am Ende garantiert das Richtige tun - und sei es unter Tränen. Produziert wird solches gefühlsduselige Wohlfühlfernsehen am liebsten von der "degeto", mittlerweile das Synonym für Edelkitsch und seichte Unterhaltung - laut Ulrich Spies vom Adolf Grimme Institut ist die Programmentwicklung bei der ARD eine einzige "Süßstoff-Offensive".
Beobachter sprechen in diesem Zusammenhang inzwischen von der "Degetoisierung" und "Pilcherisierung" des deutschen Fernsehens. Wie auch bei ARD und ZDF liebt man auch bei arte solche Hausfrauentraum-Stories dann besonders, wenn sie sich als Stationen einer Passionsgeschichte erzählen lassen, bei denen die Heldin im Leiden gehörig Größe zeigen kann - ob nun "Marie Antoinette" oder Jessye Norman im Gespräch mit André Heller ("Ich leb' allein in meinem Himmel, meinem Lieben, meinem Lied") oder eben "Margarete Steiff".
Grundsatz-Krise
Über diesen repräsentativen Einzelfall hinaus zeigt aber auch das sonstige Programm von arte während der letzten Monate, dass sich der Sender in einer schleichenden, aber zunehmenden Grundsatz-Krise befindet, die er mit den übrigen Öffentlich-Rechtlichen teilt. Ein Blick auf das aktuelle Angebot genügt: die einst gerühmten Themenabende sind verwässert und inhaltlich von Einfallslosigkeit geprägt; man will offensichtlich auf keinen Fall anstößig sein. Man zeigt zum Themenabend "Die Provence. Der Garten Gottes" am 25.12. eine Romanverfilmung, die in Aix-en-Provence spielt, danach ab 22.55 Uhr zwei Dokumentationen, die "Reiz und Zauber der südfranzösischen Landschaft" in erster Linie touristisch aufbereiten.
"Ganz Engel, ganz Hitler" lautete dann der hübsche Titel eines Themenabends über Bruno Ganz, schließlich gab es noch den Themenabend "Aufbau im Paradies" über Südostasien ein Jahr nach dem Tsunami. Irgendwie mag das alles ja noch Kultur sein, irgendwie aber auch gar nicht mehr: Sperrigere Themen, Historisches oder Medienkritisches, das einst das arte-Programm mitprägte, sucht man auch außerhalb der Themenabende vergebens.
Egal mit wem man spricht, ob Autoren, Produzenten oder Redakteure, alle bestätigen: Intern gibt es bei arte kaum noch ein Interesse an komplexeren Themen und Analyse, am Erzählen von Strukturen und Verhältnissen, von komplizierten Zusammenhängen, stattdessen soll jede Geschichte "über Personen erzählt", emotionalisiert und mit visuellen Gimmicks aufgepeppt, am besten "clipartig" visualisiert werden - Konfektion statt Kultur. Nicht weniger schlimm ist das gesichtslose Sendungs-Einerlei, das den arte-Alltag prägt.
Zum Beispiel am Montag, den 12.Dezember: Das "Lifestyle-Magazin" "Chic" wird abgelöst durch die Opa-Doku "WunderWelten" über "Heimat im Himalaya", es folgt "Hochprozentig! Whisky - Flüssiges Gold", dann das Magazin "Lola", das Ex-Bravo-TV-Girl Enie van de Meiklokjes moderiert, über Cabaret, die Wiederholung des Films "Der Ehekäfig", dann das politische Magazin "Das Forum der Europäer", dann die Doku-Soap "Ying und Yang im Allgäu" und darauf die Dokumentation "Champagnerlaunen".
Ohne Zielgruppe, ohne Vision
Wer um Himmels willen soll eigentlich nach einer dieser Sendungen "dranbleiben" und auch die nächste sehen? Fazit: arte hat offenkundig keinerlei Vorstellung davon, wer eigentlich sein Programm sieht und wer es sehen soll, keine Vision dessen, was arte sein könnte, wo es hingehen muss - jedenfalls keine, die irgendeinen, auch nur vagen kulturellen Anspruch erfüllt. Der gute Ruf von arte entspricht längst nicht mehr der Wirklichkeit, formal wie inhaltlich versagt der Sender gegenüber seinem öffentlichen, mit Gebührengeldern finanzierten Auftrag. Das immerhin hat arte mit den übrigen öffentlich-rechtlichen Sendern gemeinsam, die alle von einem schleichenden Kommerzialisierungsprozess ergriffen sind.