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Karikaturen über Holocaust als Gegenangriff

Florian Rötzer 07.02.2006

Eine iranische Zeitung und eine Website wollen die Meinungsfreiheit im Westen testen und haben ein gefährliches Thema aufgegriffen

Der Streit um die Karikaturen hat bereits erste Todesopfer gefordert. Auch wenn sich nun auch muslimische Regierungen und Geistliche vermehrt einmischen und friedliche Proteste fordern, scheint die erst spät gezündete Provokation der dänischen Zeitung vorerst noch nicht zur Ruhe zu kommen. Die Karikaturen haben natürlich nur den Konflikt ausgelöst, der schon lange auf beiden Seiten geschwelt hat und den die Extremisten auf beiden Lagern gerne zum Kulturkampf hochstilisieren möchten.

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Natürlich wird im (christlichen) Westen schon etwas scheinheilig die Meinungs- und Pressefreiheit verteidigt, als hätte es hier nicht auch immer wieder – gescheiterte und gelungene – Versuche gegeben, Kritik und Ironie an christlichen Symbolen zu unterdrücken. Darüber hinaus kennen einzelne Staaten unterschiedliche Tabus, die die Meinungs- und Pressefreiheit begrenzen. Man braucht nur an den ebenfalls kaum nachvollziehbaren Skandal denken, der wegen einer für Sekunden im Fernsehen entblößten Brust den Namen Nipplegate erhalten hat ([local] Kontrolle der Zivilgesellschaft). Staatlich zensiert werden in den USA die F-Schimpfwörter mit sexuellen Anspielungen, auch während des Kriegs wurden viele Bilder von den Medien freiwillig oder unter Druck zensiert (angefangen von den Särgen bis hin zu getöteten Soldaten oder Zivilisten).

In Deutschland gab es beispielsweise 1998 ein Urteil, des Amtsgerichts Regensburg, das 1999 vom Oberlandesgericht Nürnberg bestätigt wurde. Danach ist die "öffentliche Zurschaustellung eines gekreuzigten Schweines im Internet" strafbar: "Sie verletzt das religiöse Empfinden gläubiger Christen und ist daher geeignet, den öffentlichen Frieden zu stören. Als öffentlich gilt auch eine allgemein zugängliche Präsentation im Internet." Damals ging es um das "Schweine-T-Shirt", das eine Plattenfirma im Internet anbot. Abgebildet war ein gekreuzigtes Schwein, statt INRI war der Name der Punkband angebracht.

Das Kreuz ist nach dem OLG das "Glaubenssymbol schlechthin" des Christentums und werde durch die "offenkundig" durch die "beabsichtigte, geschmacklose und bösartige Profanierung" entweiht, zumal das Schwein, weil es als unrein gilt, als Symbol verwendet wird, "wenn es darum geht, andere zu verunglimpfen und herabzusetzen". Der Hauptpunkt allerdings ist, daß die "Beschimpfung" öffentlich und durch Verbreitung von Schriften durch die Benutzung des Internet erfolgte ([local] Ein gekreuzigtes Schwein und das Internet).

Zumindest aus Bayern sieht der angebliche Kulturkampf zwischen dem christlichen Westen mit der gr0ßen Meinungsfreiheit und den Muslimen, die ihre Religion durch die Karikaturen verhöhnt sehen, schon ein wenig anders aus. Auch in Italien gibt es beispielsweise ein kleine, erhellende [extern] Episode. Hier wurde Anfang Januar – vor dem Konflikt mit den Karikaturen - ein Muslim in Aquila wegen Verunglimpfung des Christentums zu acht Monaten Haft verurteilt. Seine Mutter war 2003 in ein Krankenhaus gekommen, der Mann verlangte, dass man das Kruzifix aus dem Zimmer entferne. Das Krankenhauspersonal machte dies nicht, der erzürnte Muslimführer warf es daraufhin aus dem Fenster.

Der jetzige Konflikt gießt Mühlen auf diese Wässer – und könnte durchaus auch hierzulande zurückschlagen. Geschickt wird bereits ausgehend von Iran an einem Gegenangriff gearbeitet. Schon vor einiger Zeit hatte der persische Präsident Ahmadenidschad angekündigt, dass die Regierung nach dem Proteststurm, die seine Äußerungen über Israel und den Holocaust ausgelöst hatten ([local] Der Irre aus Iran, [local] Ahmadinedschad in Konkurrenz mit Osama?) eine internationale Konferenz zum Holocaust organisieren werde. Für Ahmadenidschad ist der Holocaust wie für die Neonazis ein "Mythos", den der Westen und Israel ausbeuten. Im Iran wurden bereits deutsche Fahnen verbrannt, die Botschaften Dänemarks und Österreichs wurden angegriffen, Iran stoppte den Handel mit Dänemark.

Die Website der Arab-European League, die die "Interessen der arabischen und muslimischen Gemeinschaft" vertritt und verteidigt, ist schon einmal zum Gegenangriff übergegangen und hat eine "Kampagne zur Meinungsfreiheit" gestartet. Es wurden bereits einige Karikaturen veröffentlicht, die Tabus in Europa brechen sollen. Nachdem, so die Argumentation, die Araber und Muslime von Europäern so viele Aufforderungen erhalten hätten, Meinungsfreiheit und Toleranz zu achten, würde man nun auch das Recht auf künstlerische Meinungsfreiheit in Anspruch nehmen:


Genauso wie die Zeitungen in Europa behaupten, dass sie nur die Meinungsfreiheit verteidigen und die Muslime nicht stigmatisieren wollen, betonen wir auch, dass unsere Karikaturen nicht als Beleidigung von irgendjemand zu verstehen sind und nicht als Äußerung gegenüber einer Gruppe, einer Gemeinschaft oder einer historischen Tatsache genommen werden sollen. Es ist Zeit, Tabus zu brechen und alle roten Linien zu überschfreiten, wenn wir nicht zurückbleiben wollen.

Dem [extern] schließt sich nun auch die größte iranische Zeitung [extern] Hamshahri an. Sie hat einen Wettbewerb [extern] gestartet, um die 12 "besten" Karikaturen zum Holocaust zu prämieren. Die Provokation zielt darauf, wie Farid Mortazavi von Hamshahri sagte, herauszufinden, wie sehr die Europäer der Meinungsfreiheit tatsächlich verpflichtet seien:


Die westlichen Zeitungen haben diese blasphemischen Karikaturen im Kontext der Meinungsfreiheit veröffentlicht, also schauen wir einmal, ob sie auch meinen, was sie sagen und auch diese Holocaust-Karikatauren drucken.

Die Nazis und Neonazis werden sich freuen, wenn dieses Tabu gebrochen wird. Ob sie allerdings nun wieder mit den Muslimen, die damit ihren Antisemitismus weiter kultivieren und sich in Richtung Faschismus bewegen, in Zusammenhang geraten wollen, ist eine andere Sache. Ahmadenidschad, der sowieso von Bundeskanzlerin Merkel auf der Sicherheitskonferenz bereits in die Nähe des Faschismus gerückt wurde, dürfte mit solchen Aktionen und Positionierungen alles nur noch schwerer machen. Aber vielleicht soll ja auch auf beiden Seiten die Lunte gezündet werden?

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