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Rüdiger Suchsland 08.02.2006

Sind Nazis Pop? - Götz Aly und Romuald Karmakar über den öffentlichen Geschichtsgebrauch

Der Film "Der Untergang" beeinflusst das Bild der Deutschen vom Nationalsozialismus - und nicht zum Besseren. Wer daran noch Zweifel hegte, den konnte vor wenigen Tagen eine repräsentative Umfrage endgültig eines Besseren belehren: Schulkinder, die im Rahmen ihres Geschichtsunterrichts eine Vorführung von Bernd Eichingers Führerbunkermelodram besuchen, haben eine positivere Meinung von Adolf Hitler, als diejenigen, die das nicht tun.Jede Ästhetik hat eben ihre eigene Moral.

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Am "Untergang" kommt auch sonst keiner vorbei. Wo immer in dieser Republik über das Verhältnis von Film und Politik und über den öffentlichen Geschichtsgebrauch im deutschen Kino gestritten wird, da geht es zunächst einmal um Eichingers ganz persönliche Version der letzten Wochen im Führerbunker. So auch bei einer Diskussion, die dieser Tage beim 27. "Filmfestival Max-Ophüls-Preis" in Saarbrücken von der Saarländischen Landeszentrale für Politische Bildung und dem Saarländischen Rundfunk veranstaltet wurde.

Unter der Leitfrage "Sind Nazis Pop?" sollten der Berliner Regisseur Romuald Karmakar ("Der Totmacher", "Himmler-Projekt") und Historiker Götz Aly ("Vordenker der Vernichtung", "Der Volksstaat", beide im Fischer-Verlag), über die Frage diskutieren, ob über 60 Jahre nach Kriegsende die letzten Tabus fallen, ob und inwiefern der Nationalsozialismus, Zweiter Weltkrieg und Völkermord nun zum Objekt popkultureller Verwendung werden.

So präzis die Frage formuliert war, so unscharf verlief die Diskussion. Am interessantesten war an ihr über lange Strecken eine nur dürftig versteckte Kontroverse zwischen Karmakar und Aly, die vor allem offenbarte, dass anspruchsvolle Filmemacher wie Karmakar - der sich trotz gelegentlicher Ausflüge in dieses Genre keineswegs als Dokumentarfilmer versteht - sich im Hinblick auf Quellenkenntnis und Reflexionsqualität keineswegs hinter den Historikern zu verstecken brauchen. Unter seinesgleichen gehört Aly dabei zu den geistig beweglichsten und politisch bewusstesten; aufgrund seiner klaren, von der konservativen Historiker-Zunft oft als "gewagt" empfundenen Thesen, gilt eher als Outsider - dem nur aufgrund seiner makellosen Recherchen bisher noch keiner am Zeugt flicken konnte. Doch in der direkten Konfrontation mit Karmakar wirkte Aly mitunter erstaunlich naiv.

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"Einfach Geschichtsklitterung"

Anfangs zog er sich Aly zunächst auf eine, von ihm selbst wohl nicht ganz ernst gemeinte Position der reinen Geschichtsschreibung - "Ich arbeite still vor mich hin an meinen Quellen und publiziere gelegentlich Bücher." - und des interesselosen Wohlgefallens an Kostüm-Filmen zurück, die ja allgemein "historisch nicht sehr präzis" seien.

Doch schnell zwang ihn Karmakar - "Das glauben sie doch selber nicht" - dazu, deutlicher Position zu beziehen, und verwies darauf, dass auch Spielfilme schließlich als historische Quellen verstanden werden müssten:


Später wird man einmal fragen: Was ist eigentlich 60 Jahre nach Kriegsende in Deutschland so produziert worden? Insofern ist es schon sehr sehr wichtig, sich auch als Historiker mit den Filmen auseinanderzusetzen.

Derart provoziert gestand Aly, er habe "als Kinogänger" den "Untergang" ziemlich langweilig gefunden, "wie so ein Italo-Schinken der 60er, 70er Jahre in dem es kracht und bummst und blutet. Unter historiographischen Gesichtspunkten ist das, was man sieht, völliger Blödsinn" und "einfach Geschichtsklitterung." Interessant seien allerdings "die Geschichtslügen" des Films: Albert Speer und der SS-Arzt Schenk würden dort als Identifikationsfigur der Deutschen aufgebaut, als Repräsentanten der "idealistisch Verführten", genau wie die Allierten Speer bereits durch eine Vermeidung des eigentlich angemessenen Todesurteils bereits bei den Nürnberger Prozessen als Identifikationsfigur für den Übergang in die Bundesrepublik aufgebaut hätten.


Alle die überleben, das sind die Guten, mehr oder weniger. Und alle, die untergehen, das waren die Bösen. Das ist die einfache Moral.

Aly schwächte die eigene Position kurz darauf, indem er Roman Polanskis "Der Pianist" als "unschlagbares Gegenbeispiel" einer exakten Vergangenheitsdarstellung lobte - als ob sich der Film eines Juden, der im Ghetto von Krakau litt und hier versucht, seine eigene Geschichte zu rekonstruieren, überhaupt mit einem Projekt vergleichen ließe, in der Angehörige des Tätervolks zumindest behaupten zu versuchen, in den inneren Kreis der Machtelite der NS-Dikatatur vorzudringen.

So ein Geschmack von Ernsthaftigkeit

"Dass Politiker auch noch empfehlen: Geht in den Untergang!" ärgerte Burkhard Jellonek, Leiter der Saarländischen Landeszentrale für Politische Bildung, damit gebe man sich dann zufrieden als ein Beispiel für die gute Aufarbeitungsarbeit. Problematischer als solche Statements sind aber gewiss Auftritte mancher Historiker, die von den Medien für Filme wie "Der Untergang" oder "Speer und Er" in die Rolle von Authentifikatoren gebracht werden, und diese Rolle auch gerne annehmen.


Man erzählt das, was man eigentlich erzählen will, und legitimiert es dann durch Kershaw oder den Historikertag, dann hat alles so einen Geschmack von Ernsthaftigkeit, und "da müssen wir uns mit auseinander setzen."
Romuald Karmakar

Aly kritisierte in diesem Zusammenhang vor allem Joachim Fest und Wolf Jobst Siedler, beides keine "echten" Historiker, sondern ein Journalist und ein Verleger. In den 60er Jahren hatten sie die Memoiren Albert Speers aus einem riesigen unleserlichen Konvolut redigiert und für das damalige öffentliche Gefühl stromlinienförmig zubereitet, und so erst zu einem allein in Westdeutschland millionenfach verkauften Bestseller gemacht. "Erst durch Breloers Speer-Film und die Arbeit der Historikerin Susanne Wilms", so Aly, "ist das Speer-Bild etwas kritischer geworden, hat man überhaupt mal begonnen, an Leute wie Jochim Fest und Wolf Jobst Siedler Fragen zu stellen: Was habt ihr damals eigentlich gemacht? Habt ihr dem alles geglaubt?"

Selbstauferlegtes Bilderverbot?

Vielleicht wird man ähnlich auch einmal an Eichinger und seinen Regisseur Hirschbiegel Fragen stellen, wird Diskurs- und Generations-Zusammenhängen ähnlich denen zwischen Fest und Siedler, dem Propyläen-Verlag und Ullstein, Ernst Jünger und Albert Speer nachgehen. So zum Beispiel dem ersten Hitler-Film, an dem Bernd Eichinger mitgewirkt hat, Hans-Jürgen Syberbergs "Hitler", bei dem Eichinger als Regieassistent fungierte. Diese Art von Geschichtsschreibung würde dann allerdings tief in den deutschen Mainstream reichen, weniger in die Popkultur.

Um die ging es erst, als Romuald Karkakar auf "das selbstauferlegte Bilderverbot" zu sprechen kam. Nach wie vor ist es tabu, im Kino oder Fernsehen bestimmte Effekte der Vernichtungspolitik überhaupt zu zeigen. So gibt es zwar viele Filme, die in der Zeit des Nationalsozialismus spielen, das Töten selbst und das Verbrechen wird aber aus den Bildern eliminiert. Die von Claude Lanzmann prominent vertretene Position, man könne und dürfe den Schrecken des Holocaust nicht abbilden, das faktische Bilderverbot würde, so Karmakar in Deutschland besonders gern eingenommen, "damit fährt man ja ganz gut, weil sie uns davon enthebt", die eigenen Verbrechen in ihrer Schärfe zu zeigen. Offen bleibt hier allerdings die Frage, ob man denn auch in Deutschland Exploitation-Filme über die NS-Zeit drehen und zeigen sollte, wie sie in anderen Ländern durchaus üblich sind?

Standing Ovations für "Jud Süss"

Jedenfalls ist inzwischen eine Generation herangewachsen, die die Darstellung von Geschichte oder Zeitgeschichte nur noch aus Filmen in der Machart Guido Knopps kennen, wie sie das öffentlich-rechtliche Fernsehen seit Mitte der 90er dominiert. Schärfer ist wohl noch das zweite Problem, das Burghardt Jellonek ansprach: "Meine Kollegen in Sachsen trauen sich bereits gar nicht mehr, "Jud Süss" bei Bildungsveranstaltungen zu zeigen, weil es dann standing ovations in der Aufführung gibt."

Zwar mag man Aly recht geben: "Man muss es trotzdem zeigen, dann wissen wir wenigstens, woran wir sind.", doch gewonnen ist damit auch nichts. So stehen sich zwei Kulturen gegenüber: Eine öffentliche Mainstream-Kultur, geprägt von visuellem Appeasement und politischer Korrektness. Sie vermeidet die "Darstellung des Undarstellbren", die doch gerade die Herausforderung wäre und überschüttet die Schauspielerin Julia Jentsch mit Preisen, nicht für ihre Leistung, sondern stellvertretend für die von ihr gespielte Widerständlerin Sophie Scholl, der man die Preise ja schlecht geben kann.

Ihr Held ist der Schweizer Jude Dani Levy, der den Deutschen erklärt, wie man wieder über Juden - nicht mit ihnen - lachen kann, und ihnen dafür durch seine Person gleich einen Persilschein ausstellt.

Darunter liegt dann das Schmuddelige, Unintegrierbare; Zumutungen an die Mitte und die Feigheit des Mainstream von beiden Seiten: Die Exploitation-Filme oder entsprechende Szenen einzelner Filme derer, die das Gesellschaftsspiel der Beschwichtigung nicht mitmachen, die die unbewiesene Behauptung vom erfolgreichen Lernprozess infrage stellen - mit Argumenten oder, wie die Neonazis mit ihrer Szene, durch schiere Existenz.

Kontinuität einer Ästhetik

Irgendwann, da hat Götz Aly wohl recht, "wird jedes geschichtliche Ereignis wirklich Geschichte und kalt." Bemerkenswert ist wohl eher, dass dies dem Nationalsozialismus trotz starker Bemühungen über zwei Generationen lang nicht gelungen ist. Hat unsere Bilderkultur mittlerweile aber vor Leni Riefenstahl und ihrer Ästhetik kapituliert, wie Georg Seeßlen von Jahren aus Anblaß des 100ten Geburtstages von des Führers Regisseurin schrieb?

Manchmal könnte man den Eindruck bekommen. Über die Kontinuität einer Ästhetik, "die mit Recht von sich behaupten kann, sie kümmere sich nicht um Ideologie, die sie eventuell transportiere", wird noch länger zu reden sein. Dann müsste man die Frage beantworten, wer über die Zeichen bestimmt: Die, die sie zu setzen versuchen, oder die, die sie benutzen? Jedenfalls bestimmen nicht die Zeichendeuter über sie. Dann wäre zu fragen, wann Glatzen, wann schwarze Klamotten, wann Uniformen, wann nackte Körper, wann Lichtdome und wann Fackelzüge faschistisch sind. Wann überhaupt aus moderner Ästhetik eine Ästhetik der Gegenmoderne wird, aus visuellem Appeasement Propaganda. Dann käme man vielleicht zu der auch einer Antwort auf die Frage, ob Nazis Pop sind, näher. Es wäre dies allerdings eine Frage an die Popkultur, nicht an den Faschismus.

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Kommentare lesen
Onkel Hitler (webfrog 11.2.2006 12:06)
Problem (elfboi 10.2.2006 16:28)
sehr toller beitrag bis auf eines: (pvcf 10.2.2006 8:48)
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