Kriegsmaschine oder Spielgefährte?
Hans-Arthur Marsiske 23.05.2006
Mit Elrob, der Leistungsschau für Militärroboter, erreicht der Kampf um Ressourcen für die Robotikentwicklung ein neues Niveau
Vom 16. bis 18. Mai fand auf dem Bundeswehr-Übungsgelände bei Hammelburg unter dem Titel Elrob (
European Land-Robot Trial) die erste Leistungsschau für bodengestützte Militärroboter statt. Es sei kein Wettbewerb, wurden die Organisatoren nicht müde zu betonen. In der Tat wurden weder Platzierungen ermittelt, noch Preise vergeben. Dennoch hat Elrob gute Aussichten, zu einer der bedeutendsten europäischen Robotikveranstaltungen zu werden.
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| Der 2,8 Tonnen schwere "Gecko" von der bayrischen Firma Base Ten Systems war der größte Teilnehmer der Leistungsschau. Das Roboterfahrzeug kann über Satellit aus bis zu 1.500 Kilometer Entfernung gesteuert werden |
21 Teams aus fünf Ländern schickten ihre ferngelenkten Roboter über Hindernisstrecken, die in bebautem und unbebautem Gelände errichtet worden waren. Die verschiedenen Schwierigkeiten, die sie überwinden mussten, waren vom Militär in Zusammenarbeit mit dem Forschungsinstitut für Kommunikation, Informationsverarbeitung und Ergonomie
FGAN errichtet worden. Es galt, dunkle Räume zu erkunden, schmale Durchgänge zu passieren oder Treppen zu überwinden. Auch wenn es keine Medaillen zu gewinnen gab, wurden die Leistungen der Roboter von einer Jury genauestens registriert.
Schwer bewaffnete Terminatoren kamen nicht zum Einsatz. Für derartige Systeme, wie sie in Hollywood-Filmen immer wieder spektakulär inszeniert werden, hat das europäische Militär bislang keinen Bedarf angemeldet. "Wir stehen mit der Robotik noch ziemlich am Anfang", räumte Brigadegeneral Reinhard Kammerer vom Führungsstab des Heeres ein. Für die Zukunft wollte er die Entwicklung bewaffneter Roboter zwar nicht grundsätzlich ausschließen. Vorerst ginge es jedoch darum, Soldaten mithilfe von Robotern aus kritischen Situationen herauszuhalten und ihre Handlungsmöglichkeiten zu erhöhen. Bei einem Roboter, der nicht nur aufklären oder Bomben entschärfen, sondern auch "Wirkung erzielen" soll, seien zudem die Anforderungen an die Zuverlässigkeit erheblich höher.
An der Zuverlässigkeit hapert es derzeit noch. Es gab Probleme mit der Funkverbindung, Roboter verloren ihre Antriebsriemen oder blieben im Schlamm stecken. Der Roboter "Talon" der britischen Firma
QinetiQ, der von den US-amerikanischen Truppen bereits im Irak eingesetzt wird, warf bei dem Versuch, eine Schranktür zu öffnen, fast den ganzen Schrank um.
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Der Leiter der Jury Henrik I. Christensen, Professor für Informatik an der Königlich-technischen Hochschule Stockholm und Koordinator des europäischen Robotiknetzwerks
Euron, zeigte sich mit dem Verlauf der Veranstaltung gleichwohl sehr zufrieden. Das Konzept habe sich bewährt, wenn auch die Leistungen der Roboter noch zu wünschen übrig ließen. Defizite hätten sich insbesondere bei der Sensorik und bei der Schnittstelle zum menschlichen Bediener gezeigt. Um Soldaten, die im Gefechtseinsatz unter besonderem Stress stehen, zu entlasten, sei daher mehr Autonomie erforderlich. "Gegenwärtig muss der Operator bei einem Roboterarm noch jedes Gelenk einzeln steuern", sagt Christensen. "Zukünftig sollte er dem Roboter nur noch zeigen müssen, was er greifen soll. Die dafür erforderlichen Gelenkstellungen berechnet der Roboter dann selbst."
Hervorgegangen ist die Veranstaltung aus einem Workshop der Nato, der im September 2004 stattgefunden hat. Vertreter des Militärs, der Industrie und der akademischen Forschung wollten herausfinden, welche Technologien für den militärischen Einsatz bis zum Jahr 2008 realisiert werden können und was für Anstrengungen dafür erforderlich sind. In einem
White Paper, das die Ergebnisse des Workshops zusammenfasst, identifizierten sie zunächst die fünf wichtigsten Aufgaben, bei denen Unterstützung durch Roboter am wichtigsten wäre. Das sind: Aufklärung und Überwachung; Minenräumung; Gütertransport im Konvoi mit automatischer Be- und Entladung; Durchsuchung von Fahrzeugen und Personen nach Bomben und Waffen; Transport von Ausrüstung für Infanteristen.
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| RTS-Dora von der Universität Hannover navigierte teilautonom durchs Gelände: Der Operator gab nur einzelne Streckenpunkte vor, zu denen der Roboter jeweils selbstständig den Weg fand. |
Ausdrücklich heißt es in dem White Paper: "Autonomes Feuern wird vom Militär nicht akzeptiert." Der Abzug soll weiterhin von Menschen betätigt werden. Ein wild um sich ballernder ED-209 wie im Film "Robocop" wird also zumindest in Europa noch einige Zeit auf sich warten lassen. Wie lange allerdings das europäische Militär diese Zurückhaltung angesichts US-amerikanischer Forschungen zu bewaffneten Landrobotersystemen aufrechterhalten kann, ist eine andere Frage.
Sehr deutlich formuliert das White Paper auch die Absicht des europäischen Militärs, mehr Einfluss auf die Robotikentwicklung zu nehmen. "Obwohl es durchaus einigen Einfluss des Militärs auf die Funktionalitäten der Roboter gibt", heißt es dort, "sind doch die Fähigkeiten und Lösungsideen der Industrie führend in den meisten Robotikprojekten. Die Nato-Working-Group ‚Multi-robot systems in military domains' ist der Meinung, dass dies eine unbefriedigende Situation ist, die in Angriff genommen werden muss."
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| Der portugiesische Roboter "Raposa" muss aufgeben, nachdem er einen Antriebsriemen verloren hat |
Insofern mag Elrob selbst jetzt noch kein Wettbewerb gewesen sein. Gleichwohl tritt diese Veranstaltung klar und unmissverständlich in einen Wettbewerb um Ressourcen für die zukünftige Entwicklung von Robotern und Künstlicher Intelligenz. Zivile Projekte wie der
RoboCup bekommen damit ernsthafte Konkurrenz. Eine gesellschaftliche Debatte darüber, nach welchen Kriterien sich Technologieentwicklung ausrichten soll, wird immer dringender: Wollen wir Roboter, die sich im Krieg bewähren? Wollen wir Roboter, die sich gut verkaufen? Oder wollen wir Roboter, die gute (Spiel-) Gefährten sind?