Rohrfrei in Fernost
Wolfgang Pomrehn 02.06.2006
"The Great Game" in Zentralasien bleibt weiter spannend und komplex
Am Donnerstag vor einer Woche floss erstmalig kasachisches Öl durch eine neue Pipeline nach China. Für Kasachstan und seinen großen Nachbarn im Osten ist das ein kleiner Meilenstein auf dem Weg sich rasch entwickelnder Beziehungen. 1997 hatte man den ersten Vertrag über Zusammenarbeit auf dem Energiesektor abgeschlossen. Für die USA, die in den letzten Jahren in Zentralasien viel an Boden verloren haben, ist die neue Pipeline ein Grund mehr zur Sorge, zumal Kasachstan seinen Öl-Swap mit dem Iran ausweiten könnte und die Staaten der Region ein unabhängiges Bündnissystem entwickeln.
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| Pipeline von Kasachstan nach China. Bild: People's Daily |
Um 3.45 Uhr am Donnerstagmorgen sprudelte am Alataw Pass, an der chinesisch-kasachischen Grenze, das erste Öl in der neuen, grenzüberschreitenden West-Ost-Pipeline. Seit Dezember verbindet sie chinesische Raffinerien in Dushanzi, einer Stadt im äußersten Westen der Volksrepublik, mit dem Pipeline-Netz im Osten Kasachstans (s.a.
Neue Allianzen und verstärktes Säbelrasseln). Zum ersten Mal wird damit das energiehungrige Land auf direktem Pipeline-Weg mit dem schwarzen Gold versorgt.
Bisher erreichen Öl und flüssiges Erdgas das Land der Mitte nur in Tankschiffen oder mit Spezialzügen. China ist derzeit gezwungen, 40 Prozent seines Erdölbedarfs zu importieren, und daher hektisch bestrebt, seine Lieferanten zu diversifizieren, um einseitige Abhängigkeiten zu vermeiden. Die derzeit 960 Kilometer lange Pipeline kann zunächst jährlich zehn Millionen Tonnen Öl aufnehmen, was immerhin fast zwanzig Prozent der derzeitigen kasachischen Jahresproduktion ist. In einigen Jahren, wenn in Kasachstan die letzte Lücke zwischen Ost und West im Netz der Rohrleitungen geschlossen ist, werden die chinesischen Abnehmer auch mit Öl aus den besonders reichen Feldern am und unterm Kaspischen Meer versorgt werden können.
Das dürfte allerdings den US-amerikanischen Betreibern der Baku-Tiblisi-Ceyhan-Pipeline gar nicht gefallen (
Die längste Schlange der Welt). Durch das kürzlich fertiggestellte strategische Lieblingskind Washingtons fließt derzeit Öl aus den aserbeidschanischen Feldern über Georgien in den osttürkischen Mittelmeerhafen Ceyhan. Rentabel wird die lang umkämpfte Röhre jedoch erst, wenn Kasachstan sein Öl in Tankern über das Kaspische Meer schickt und im aserbeidschanischen Baku in die Pipeline pumpt. Das wiederum fände man in Moskau und auch Teheran gar nicht gut, weil man etwas gegen die alleinige US-Kontrolle dieser Route hat.
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Entsprechend wurde auch in Kasachstans neuer Hauptstadt Astana bisher gezögert. Zum einen möchte man natürlich den großen Nachbarn im Norden nicht unnötig verärgern, dessen viel ältere Pipelines genauso gut kasachisches Öl gen Westen pumpen können, auch wenn sie für die projektierte Verdoppelung der Förderung unbedingt ausgebaut werden müssten. Zum anderen gibt es aber für Kasachstan noch einen naheliegenderen, weil kürzeren und damit billigeren Weg auf den Weltmarkt, und zwar den in den Süden durch den Iran. Dort gibt es zwar keine durchgehende Leitung zu den Häfen am Persischen Golf. Aber die beiden Länder haben bereits seit einiger Zeit ein für beide Seiten lohnendes Tauschgeschäft entdeckt: Kasachstan liefert per Tanker Öl an die iranische Küste des Kaspischen Meeres, das in Raffinerien im Nordiran verarbeitet wird. Der Iran exportiert dafür auf kasachische Rechnung eigenes Öl im gleichen Wert aus den verkehrstechnisch günstiger gelegenen Feldern im Süden des Landes. 2005 hat dieser Handel 1,4 Millionen Tonnen Rohöl umfasst.
Iran machte vor kurzem einen
Vorstoß dieses Geschäft künftig zu verdreifachen. Unklar ist allerdings noch, wie man in Astana auf das Angebot reagiert. Offensichtlich ist man dort bemüht, sich möglichst viele Optionen offen zu halten. So sieht es nach einem Besuch des US-Vizepräsidenten Dick Cheney in Kasachstan offenbar danach aus, dass es einen Durchbruch in der Belieferung der BTC-Pipeline geben könnte. Ende Juni werden Kaschstans Präsident Nursultan Nazarbayev und sein aserbeidschanischer Amtskollege Ilham Aliyev ein Rahmenabkommen unterschreiben,
berichtet der "Eurasia Daily Monitor", der von der US-amerikanischen Jamestown Foundation herausgegeben wird. Ab 2008 soll Öl per Tanker in Baku angeliefert werden. Und da es im Kaspischen Meer nur relativ kleine Tanker gibt, und der von den Weltmeeren abgeschnittene "Binnenozean" für den Bau größerer Tanker keine Werftkapazitäten hat, wird auch über den Bau einer unterseeischen Pipeline nachgedacht. 20 Millionen Tonnen Öl pro Jahr müsste diese transportieren, um profitabel zu sein.
Es könnte also sein, dass Kasachstan auf das iranische Angebot eingeht. Das würde zwar nicht seine Transportprobleme lösen – in wenigen Jahren wird die kasachische Jahresförderung voraussichtlich 100 Millionen Tonnen pro Jahr betragen – könnte aber für den Iran ein Trostpflaster sein, damit dieser seinen Widerstand gegen eine kasachische Beteiligung an der BTC-Pipeline aufgibt.
So oder so kann man sich aber sicher sein, dass Nazarbayev alles dran setzen wird, weder Russland noch China durch einen etwaigen Vertrag mit Baku zu verprellen. Mit letzterem hat seine Regierung erst kürzlich die Verstärkung der militärischen Zusammenarbeit vereinbart. Beide Staaten sind Mitglied der Shanghai-Organisation für Zusammenarbeit (
SCO), der außerdem Tadschikistan, Usbekistan, Kirgisien und auch Russland angehören. Der Pakt hat sich in den letzten Jahren schnell von einer relativ unverbindlichen Gesprächsrunde über Grenzfragen zu einem Bündnis gewandelt, das sich inzwischen um ein weites Feld gemeinsamer Anliegen kümmert, die von der Bekämpfung der verschiedene nationalen Unabhängigkeitsbewegungen in der Region, die zum Teil fließende Übergänge zu islamistischen Gruppierungen haben, über ökonomische Fragen bis hin zu gemeinsamen Militär-Manövern reichen.
2003 hatte man in Chinas westlicher Provinz Xinjiang und im angrenzenden Kasachstan erste gemeinsame Truppenübungen abgehalten (nur Usbekistan nahm seinerzeit nicht teil). Nächstes Jahr soll es eine Fortsetzung geben. Vor drei Jahren richteten sich die Manöver ausdrücklich gegen örtliche Unruhen und die "Einmischung von Drittstaaten" (womit nur die USA gemeint sein können). Xinjiang ist ursprünglich mehrheitlich von etwa acht Millionen Uiguren bewohnt worden, die kulturell und linguistisch den Völkern Zentralasiens nahe stehen. Wie diese sind sie meist islamischen Glaubens. Unter ihnen gibt es zum Teil erheblichen Unmut über die Herrschaft aus dem fernen Peking und die Einwanderung von Han-Chinesen, der Mehrheitsbevölkerung der Volksrepublik. In der Vergangenheit war es wiederholt zu Bombenanschlägen gekommen, und zumindest ein Teil der gegen Peking kämpfenden Gruppen scheint islamistisch beeinflusst zu sein. Offenbar haben im benachbarten Afghanistan einige Uiguren aus China auf der Seite der Taliban gekämpft.
Energieinteressen vereinen
Mitte Juni trifft sich die SCO zu ihrem diesjährigen Gipfel. Mit am Tisch werden auch die Präsidenten Irans und Pakistans, Mahmud Ahmadinedschad und General Pervez Musharraf, sitzen. Auch Neu Delhi wurde eingeladen, lässt aber derzeit noch offen, wie hochrangig die Beteiligung ausfallen wird. Die drei Länder haben seit längerem einen Beobachterstatus bei der SCO, und besonders Iran und Pakistan streben eine Vollmitgliedschaft an. Im letzten Jahr hatte die SCO dafür im Prinzip grünes Licht gegeben und im gleichen Atemzug den USA den gewünschten Beobachtersessel verweigert. Entsprechend ungehalten reagiert man in den USA und ließ vor allem Moskau im Vorfeld des diesjährigen Gipfel wissen, dass man eine Aufnahme Irans vor dem Hintergrund des Streits um dessen Atomprogramm als eine Provokation ansehen würde.
Unterdessen machen besonders Indiens Avancen gegenüber dem SCO das ganze Unternehmen hochgradig komplex. Denn Neu Delhi unterhält zwar traditionell gute Beziehungen zu Russland und hat sich in den letzten Jahren erheblich der Volksrepublik angenähert. Andererseits wird es seit neuestem heftig von den USA umworben, die Indien gerne in ihre Politik des Containments gegenüber dem Land der Mitte einbinden würden. Ausdruck hierfür ist unter anderem das Versprechen des US-Präsidenten, Indien wieder mit Hightech für dessen ziviles Atomprogramm zu beliefern (wobei sich natürlich weder in Indien noch sonst irgendwo auf der Welt zivile und militärische Nutzung der Atomkraft wirklich trennen lassen). Allerdings ist derzeit noch offen, ob Bush dieses Versprechen wirklich erfüllen kann oder am Widerstand des US-Parlaments scheitert (
Sonderrechte nur für Freunde). Auch sonst sieht es eher so aus, als wollte Indien zwischen beiden Polen lavieren, als sich von den USA einspannen lassen. An einem konfrontativen Kurs gegenüber China hat man jedenfalls keinerlei Interesse, denn die wirtschaftliche Zusammenarbeit und der Austausch von Gütern, Dienstleistungen sowie Kapitalinvestitionen gedeihen prächtig.
Auch in der Frage des Atomstreits mit dem Iran ist offen, wie weit Indien den USA folgen wird. Zum einen gibt es insbesondere im moslemischen Teil der Bevölkerung erheblichen Widerstand gegen eine Unterstützung der USA, zum anderen muss Indien für seine boomende Wirtschaft im rasch wachsenden Maße Erdöl und -gas einführen. Eigene Quellen hat Indien bisher kaum. Mit Iran und Pakistan verhandelt man daher seit längerem über eine Gaspipeline und erst am vergangenen Freitag haben Teheran und Islamabad
bekräftigt, dass sie ausländische (sprich: US-amerikanische) Einmischung in das Projekt auf keinen Fall dulden werden. Indien käme jedenfalls ein Krieg gegen den Iran, der das Vorhaben zunichte machen und zudem die Energiepreise weiter in die Höhe treiben würde, alles andere als gelegen.
Die neokonservativen Chinafresser in der Bush-Regierung scheinen noch zu glauben, durch Indien in Zentralasien den Spalt in der Tür wieder etwas weiter öffnen zu können, doch der wachsende Einfluss und die etwaige Ausdehnung macht sie
offensichtlich nervös. Auch deutet die wirtschaftliche Entwicklung eher auf eine Konvergenz der Interessen der drei Regionalmächte Russland, China und Indien hin. Schon bald könnte man also in Washington feststellen, sich wieder einmal verrechnet zu haben.