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Warlords in guter Position

Thomas Pany 15.06.2006

Afghanistan: Im Schatten des Kampfes gegen die Taliban

Ob der Name Sher Mohammed Akhundzada auch im UN-Bericht steht, der die Verantwortlichen von Grausamkeiten, die in den letzten 23 Jahren in Afghanistan begangen wurden, namentlich erwähnt und ihre Kriegsverbrechen - Massaker, Folter, Massenvergewaltigung und anderes - detailliert auflistet?

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Man wird es - vielleicht - in einem Monat erfahren. Bislang ist der Bericht mit den mißliebigen Informationen nach [extern] Angaben des Guardian zurückgehalten worden; er sollte schon zu Anfang des vergangenen Jahres veröffentlicht werden, aber die UN wurde "eingeschüchtert", so ein Sprecher der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, die Publikation verzögert. Jetzt liegt er der afghanischen Regierung vor. Der heikle Punkt: die Verbindungen von dort genannten Männern zu Drogenhandel, Verbrechen und der Regierung Karsai.

Auch der frühere und neue Gouverneur von Helmand, Sher Mohammed Akhundzada, wird immer wieder in [extern] Zusammenhang mit dem Drogenhandel gebracht. Er ist ein Warlord mit großem Namen und recht eigenwilliger Auslegung von Gesetzen und Menschenrechten, wie Nader Nadery, Chef der Afghan Independent Human Rights Commission [extern] anmerkt.

Obwohl er als entschiedener Kämpfer gegen die Taliban auftritt, scheint er den USA als Verbündeter nicht geheuer. So soll die amerikanische Regierung seine zwischenzeitliche Absetzung als Gouverneur vor etwa zwei Jahren betrieben haben. Doch mittlerweile ist der Warlord von Karsai wieder als Gouverneur der Krisenprovinz Helmand eingesetzt worden und einer der bekanntesten Namen, die von der [extern] heiklen neuen Regierungsinitiative profitieren - von der Wiederbewaffnung privater Milizen im Süden Afghanistans.

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Waffen seit Generationen

Von "privaten Milizen" ist in den offiziellen Verlautbarungen der Regierung Karsai natürlich nicht die Rede, das würde den ohnehin lauten Unmut über die Initiative noch weiter schüren. Es gehe ihr darum, für mehr Sicherheit an den Orten zu sorgen, wo die eigenen Sicherheitskräfte keine Sicherheit grantieren können, in den Dörfern im Süden, Waffen und Geld sollen an Stammeschefs verteilt werden. Und eben an Warlords wie den eingangs erwähnten alten und neuen Gouverneur von Helmand Mullah Sher Mohammed Akhundzada, der mit "großen Summen Geld, Waffen und Fahrzeuge" [extern] ausgestattet wurde.

Aus der Sicht der Regierung Karsai ein realpolitisch vernünftiger Akt, wie der Anti-Terror-Chef des Innenministeriums [extern] betont:


Sie haben seit Generationen Waffen und die Regierung ist dabei, ihre Waffen zu registrieren und sie in diesem Zusammenhang mit einigen Geldmitteln auszustatten.

Eine schwierige Situation für die Regierung und vor allem für die Dorfbewohner. Seit Wochen berichten unterschiedlichste Medien darüber, dass die Taliban im Süden des Landes wieder präsent sind; sie sollen an manchen Orten der südlöichen Provinzen bereits eine Art Parallelregierung installiert haben, wie Le Monde letzte Woche meldete.

Anderen [extern] Berichten zufolge stellen sie tagsüber Checkpoints an wichtigen Straßen, halten Gericht - mindestens ein Mann soll exekutiert worden sein, bewegen sich frei in ihrer einstigen Hochburg Kandahar und suchen oft gegen den Willen der Dorfbewohner Unterschlupf in deren Häusern und drangsalieren die Bewohner, die in die Auseinandersetzungen hineingezogen werden:


We are going mad now. From one side we have the government and Americans, and on the other side the Taliban. When the Taliban come in, they enter without asking, and it's the same with the Americans. We cannot tolerate any of them.
Lala Jan, Bauer in der Provinz Urusgan

40 Polizisten für 200.000 Menschen

Auch der Stabsleiter von Präsident Karsai, Jawed Ludin, [extern] bemüht sich klarzustellen, dass es nicht um die Wiederbewaffnung von Milizen gehe; die Verhältnisse im Süden würden den Schritt erzwingen:


Es geht nicht so sehr darum, dass die Terroristen so stark sind, aber wir sind so schwach. In manchen Bezirken an der Grenze zu Pakistan, die der Infiltration besonders ausgesetzt sind, haben wir 40 Polizisten, um 200.000 Leute zu beschützen.

Aus dieser Perspektive erscheint die Bewaffnungs-Initiative der Regierung, die im Gegensatz zum laufenden Entwaffnungsprogramm - "Disarmament of illegal armed groups (DIAG)" im Norden des Landes steht, verständlich, um die Dorfbewohner zu schützen.

Doch auch die [extern] Argumente der Kritiker haben Gewicht: Sie fürchten eine Rückkehr zu alten chaotioschen Verhältnissen in der Zeit, als Afghanistan von Warlords, Mudschahedins und einer Menge bewaffneter Gruppen beherscht war, just die Zeit, die der Machtübernahme der Taliban vorausging.


It is very dangerous. Re-empowering militias is a double-edged sword.
[extern] Hamidullah Tarzi, Berater verschiedener Regierungen in Afghanistan seit1970.


Es funktionierte nicht während des Bürgerkriegs und wird auch jetzt nicht funktionieren. Indem man die Milizen wieder bewaffnet, schafft man eine Gruppe von Dieben und Plünderern.
[extern] Habibullah Jan, Kommandeur einer entwaffneten Miliz und Parlamentsabgeordneter für das südliche Kandahar

Warlords nicht zu Gegnern machen

Dass die alte anarchische Zeit im neuen Afghanistan ohnehin nicht überwunden ist, zeigt sich allerdings auch an vielen anderen Ausschnitten aus der gegenwärtigen Realität. Karsei sieht sich - sei es undurchsichtigen Verpflichtungen oder realpolitischen Gründen - anscheinend gezwungen, Männer mit blutiger Vergangenheit an wichtigen Regierungsstellen zu platzieren. Dies ist zumindest der zentrale heikle Punkt des weiter oben zitierten UN-Berichts.

Laut der englischen Zeitung Guardian wird im Zusammenhang mit dem Bericht [extern] deutlich, dass frühere Warlords, die Verbrechen begangen haben, noch immer in Machtpositionen sitzen.

Europäische Diplomaten sollen nach Informationen der Zeitung sehr erbost darüber gewesen sein, dass Karsai nach dem Aufruhr in Kabul13 frühere Kommandeure, die Verbindungen zum Drogenschmuggel, organisiertem Verbrechen und illegalen Milizen haben, leitende Positionen in der Polzei übertragen hat.

Als besonders kontrovers gilt die Benennung von Amanullah Gusar als neuen Polizeichef in Kabul. Dokumenten zufolge, die in Kreisen westlicher Diplomaten kursieren, soll Gusar eine Rolle bei Landnahmen, Erpressung un der Entführung von drei UN-Mitarbeitern 2004 gespielt haben. Das Argument der afghanischen Regierung: Man wolle beim Aufbau neuer Institutionen keinen Sektor der Gesellschaft ins Abseits stellen, vor allem nicht die Mudschahedin. Sie würden sonst zu Gegnern der Regierung werden.

Prall gefüllte Taschen

Ein schwieriges Gelände - nicht nur für Karsai und seine Berater. Denn auch den NATO-Verantwortlichen wird der Vorwurf gemacht, dass sie ihren Feind [extern] nicht "richtig identifizieren", vielleicht aus Unkenntnis des Ortes und der Menschen dort, vielleicht aber auch, weil man es vorzieht, den Feind nicht allzugenau auf die Finger zu sehen - gemeint sind Warlords und Drogenbarone, die nach wie vor Teile des Landes und der Bevölkerung beherrschen.

Nach Meldungen von gestern steht in Afghanistan dieses Jahr eine [extern] "Heroin-Rekordernte" bevor, die Taschen der Drogenbarone werden sich prall mit dicken Geldbündeln füllen, den westlichen Truppen, namentlich den Briten in Helmand, die den Anbau und den florierenden Handel eigentlich unterbinden wollten, bleibt bislang nur die Rolle des Zuschauers.

Die Unsicherheit in Afghanistan, vor allem in den südlichen und östlichen Provinzen, wächst. Nicht nur der deutsche Verteidigungsminister, dessen Truppen ja im sichereren Norden stationiert sind, macht sich [extern] Sorgen - tägliche [extern] Meldungen über gefallene Soldaten der Koalitionstruppen in Afghanistan, der [extern] erste britische Soldat ist dort getötet worden, gestern auch Meldungen von [extern] Anschlägen auf deutsche Soldaten: die Reihe könnte sich in den nächsten Wochen fortsetzen.

Ob die aktuell angekündigte [extern] Großoffensive von US geführten Koalitionstruppen genannt "Operation Mountain Trust" zu Hoffnungen berechtigt, dass der [extern] "kritische Sommer" in Afghanistan weniger blutig wird, als prophezeit, ist nicht sicher. Das Beispiel Irak mindert das Vertrauen in solche Aktionen.

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Das übliche + HG-Infos (jiyuu 17.6.2006 9:47)
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