Web- und UMTS-Radio
Wolf-Dieter Roth 19.06.2006
Kommerzielle Streaming-Angebote im Vergleich
Webradios waren bisher meist entweder Internetübertragungen regulärer Radiosender oder Projekte engagierter Hobby-Radiomacher und kleinerer reiner Webradiostationen. Nun werden auch von großen Unternehmen wie Real, AOL oder Vodafone Webradios produziert. Wie interessant sind diese Angebote?
Steve Case von AOL war immer schon dafür bekannt, aus dem Internet Fernsehen machen zu wollen, das der Kunde passiv konsumiert. Damit hat es glücklicherweise bisher nicht geklappt, stattdessen gibt es aber nun AOL-Radio: 20 Kanäle sind seit kurzem
für jedermann kostenlos anzuhören; es muss lediglich ein AOL-Radio-Plugin für den Browser geladen werden. Die reguläre AOL-Software ist nicht notwendig, auch wenn einen die Active-X-Meldung eventuell selbiges befürchten lässt.
Wer entweder über AOL per DSL ins Internet geht oder aber sich regulär als Kunde bei AOL einloggt, kann sogar über gegenwärtig mehr als 130 Kanäle verfügen, die dann jede gewünschte Musiksparte bedienen. Mit AOL-Flatrate sind also auch die über 130 Sender kostenlos, mit einem regulären AOL-Account sind die üblichen AOL-Minutentarife fällig. Mit AAC-Kodierung und 64 KBit/s Bandbreite ist das Ergebnis durchaus akzeptabel: auch an einer guten Anlage ist die Tonqualität brauchbar und es gibt auch beim Zugriff über andere Provider keine Aussetzer oder Stotterer, der Stream läuft über Stunden stabil.
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| Ausschnitt der AOL-Kanalauswahl: Die blau markierten Kanäle sind auch aus dem normalen Internet kostenlos erreichbar |
Das Programm kann nur so angehört werden, wie es gesendet wird: als Stream, wie ein Radioprogramm. Einzelne Titel auswählen oder überspringen kann man nicht, wohl aber Titel, die man hier entdeckt hat und die einem besonders gut gefallen, käuflich erwerben: für 1,29 Euro und in Ausnahmefällen auch mal für 0,79 Euro. Selbstverständlich DRM-geschützt. Angenehm jedoch, dass hier alle Plattenlabel vertreten sind, nicht etwa nur jene aus dem Time-Warner-Umfeld. Und Titel können auch bewertet werden, sodass sie beim kollektiven Missfallen unter den Hörern aus dem Angebot verschwinden dürften. Deutlich über 100.000 Titel hat AOL momentan nach eigener Angabe bereits im Musikarchiv.
Beim gerade bei Vodafone gestarteten Angebot
"Radio DJ" ist dies nicht der Fall: das Programm rekrutiert sich ausschließlich aus allerdings zur Zeit angeblich bereits 600.000 Titeln aus dem Repertoire von Sony-BMG. Diese sind dann auch für 1,49 Euro käuflich erwerbbar – als DRM-geschütztes Windows-Media-File (WMA). Immerhin kann man sich aus diesem eine CD brennen und daraus ein MP3 erzeugen. Das gibt es allerdings bei
Itunes schon für 0,99 Euro.
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| Vodafone Radio DJ Collection: 15 Titel "Neuer deutscher Rock", auch klassifiziert als "Silbermond & Co." |
Doch hier ist auch nicht die Stärke des Vodafone-Angebots zu sehen; vielmehr kann es nicht nur am Computer mit 64KBit/s als WMA-Stream angehört werden, sondern auch auf dem UMTS-Handy unterwegs, beispielsweise beim Warten an der Haltestelle oder auch während der Fahrt, sofern der Empfang ausreichend ist. Außerdem schaltet sich sowohl über Handy wie auch am Computer von Zeit zu Zeit der Stream ab und muss neu gestartet werden, was dann am Computer die Eingabe der eigenen Handynummer und eines Passworts erforderlich macht.
Über UMTS steht allerdings zum Streaming nur noch die halbe Datenrate (32 KBit/s) zur Verfügung, was auch mit AAC-Kodierung hörbar zu wenig ist: es ist immer noch Stereo, aber nicht mehr HiFi. Unterwegs fällt dies natürlich nicht so unangenehm auf. Ein käuflich erworbener Titel steht dann zum Download ebenfalls in zwei Qualitätsstufen, kompakt unter zwei MB, aber hier immerhin mit 64KBit/s in AAC zum Abspielen auf dem Handy und in auch von MP3 bekannter üblicher Dateigröße zwischen drei und vier MB als Windows Media File (WMA) für den PC zur Verfügung.
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| Auf Nokia-UMTS-Handys steht Vodafone Radio DJ nach dem Download als eigenständige Applikation zur Verfügung (Bild: W.D.Roth) |
Der eigentliche Clou bei dem neuen Vodafone-Angebot ist jedoch, dass der Hörer einen Einfluss auf das gespielte Programm hat, weshalb das Angebot auch nicht "Vodafone Radio" sondern "Vodafone Radio DJ" heißt: er kann Titel in den Radio DJ Channels bewerten, wodurch sie zukünftig dementsprechend öfter oder seltener gespielt werden, und er kann auch Titel nochmals spielen oder überspringen. Das allerdings ist beim gegenwärtigen Zustand der Radio DJ Channels auch dringend nötig, da man in einem Kanal mit Sommersongs nicht unbedingt deutsche Schlager des Kalibers Wolfgang Petri erwartet…
Zusätzlich werden thematische Kollektionen angeboten, in denen bis zu 15 Titel einer vorgegebenen Musikrichtung in einer Endlosschleife abgespielt werden. Vor allem kann der Vodafone-Kunde sich aber wie beim Webradio Pandora (
Pandora macht's möglich) nach Vorgaben (70er, 80er, 90er, Musikstile…) einen eigenen Musikkanal zusammenstellen und dort nach und nach ihm unliebsame Songs rauskicken und so sein persönliches Wunschkonzert zusammenstellen.
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| Die Schäfer am Strand im Sand? Das gibt Köttel in der Sandburg! Kuriose Musikauswahl bei Vodafone Radio DJ |
Nach einem Monat Probephase ist der Dienst allerdings kostenpflichtig und kostet 9,99 Euro pro Monat, alternativ kann er für 1,49 Euro pro Stunde getestet werden. Die spezielle Radio-DJ-Software kann gegenwärtig auf die Nokia-UMTS-Handys 6630, 6680, N70 und N91 geladen werden; auf anderen UMTS-Handys ist der Dienst im Vodafone-Netz zwar etwas umständlicher, doch ebenfalls zugänglich. Auch zur Nutzung am PC muss man Vodafone-Mobilfunkkunde sein.
Ebenfalls in Deutschland neu gestartet ist Real Music, ein Dienst, der entweder mit den aktuellen Versionen des Real-Players oder
über den Browser gehört werden kann, wofür allerdings ebenfalls der Real-Player samt seinen Plug-Ins installiert sein muss. Auch hier gibt es eine solide Kanalauswahl von insgesamt über 300 Musikkanälen und auch noch einigen anderen Angeboten wie Videos, allerdings alles nur zum Streaming: kaufen und herunterladen kann man hier nicht. Wie bei Vodafone ist der erste Monat kostenlos, danach werden 11,99 Euro im Monat fällig. Die Reihenfolge der Titel kann nicht verändert werden, ebenso wenig können einzelne Titel übersprungen werden.
Interessant ist das Konzept, einige Kanäle speziellen Künstlern zu widmen; allerdings enttäuscht es in der Praxis, weil einem Abba-Interessenten unter anderem auch Britney Spears aufs Auge gedrückt wird. Dass der Abba-Kanal nicht nur Abba spielt, sondern eben auch Musik, die für Abba-ähnlich gehalten wird, dürfte wieder einmal an den Webradio-Einschränkungen der Musikindustrie liegen, die Internetradios nicht mehr als zwei hintereinander gespielte Titel eines Künstlers erlauben.
Die eigentliche Enttäuschung des Real-Angebots ist aber die mangelhafte Tonqualität: mit 32 KBit/s und der proprietären, durchaus effizienten, aber keine Wunder vermögenden Real-Kodierung ist Real Music zwar auch noch für Benutzer mit ISDN zugänglich, doch von HiFi kann keine Rede sein und man braucht schon sehr schlechte Computerlautsprecher, um an dem Angebot anstelle von MP3s auf Dauer Gefallen zu finden.
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| Sind wir nicht alle ein bisschen ABBA? Seal zumindest geht bei Real Music als Abba durch… |
Alle drei Angebote mögen in Büros durchaus Interessenten finden, wenn ohne zusätzlichen Aufwand Musik gehört werden soll, zumal sie einem eben auch Musik präsentieren, die den eigenen Vorlieben entsprechen, die man aber noch nicht gehört hat. Da es mit der kleinen Version von 20 Kanälen kostenlos verfügbar ist, hat AOL-Radio eindeutig die Nase vorn, wobei Vodafone Music DJ das vielseitigste Konzept hat. Real Music sollte noch etwas an der Tonqualität feilen.
Mit einem typischen Radioprogramm ist keins der Programme vergleichbar, eher mit einem Spartensender wie Music Choice, der in Deutschland über
Premiere gehört werden kann. Zudem ist damit zu rechnen, dass zumindest bei Real Music und AOL-Radio Werbeunterbrechungen eingeführt werden.
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