Weniger Menschen – mehr Natur?
Thorsten Stegemann 04.08.2006
Der demografische Wandel und seine mutmaßlichen Auswirkungen auf den Umweltschutz
Hinter dem unscheinbaren Schlagwort vom demografischen Wandel verbirgt sich aller Voraussicht nach eine tiefgreifende Strukturveränderung, die völlig neue Herausforderungen und gleichermaßen Chancen und Risiken mit sich bringt. Nach
Berechnungen des Statistischen Bundesamtes wird die Hälfte der Bevölkerung in Deutschland 2050 älter als 48 Jahre und ein Drittel sogar mindestens 60 Jahre alt sein. Die Einwohnerzahl sinkt dann von derzeit 82,5 Millionen auf 75 Millionen, und der Rückgang könnte noch deutlicher ausfallen, wenn das prognostizierte "Geburtendefizit" von 580.000 Menschen über-, der erwartete positive Wanderungssaldo von rund 200.000 Personen unterschritten wird oder sonstige Unwägbarkeiten eintreten.
Wie sich diese Entwicklung auf die politische Ebene, Wirtschafts- und Finanzfragen, das gesellschaftliche Miteinander und den sozialen Zusammenhalt auswirkt, weiß derzeit niemand mit Sicherheit zu sagen. Gleiches gilt für den Einfluss des demografischen Wandels auf verschiedene ökologische Bereiche, der vor zwei Jahren erstmals Gegenstand einer umfangreichen
Studie der Universität Duisburg-Essen war.
Der Raumplaner Frank Schröter, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Verkehr und Stadtbauwesen der TU Braunschweig arbeitet, hat nun versucht, die bisherigen Prognosen und Forschungsergebnisse
zusammenzufassen. Er glaubt, dass die ebenso einfache wie beruhigende Rechnung "weniger Menschen = weniger Umweltbelastung" nicht aufgehen wird.
Zwar hat diese Vermutung auf den ersten Blick einiges für sich, und Schröter geht auch davon aus, dass in verschiedenen Bereichen deutliche Verbesserungen eintreten. So könnte sich die seit Jahren registrierte, durch ein größeres Umweltbewusstsein und technisch verbesserte Armaturen bedingte Senkung des Wasserverbrauchs weiter fortsetzen, und auch die Luftqualität dürfte positiv beeinflusst werden. Hier spielt die veränderte Einstellung von Unternehmen und Privatpersonen ebenfalls eine wichtige Rolle, zumal der Gesinnungswandel durch steigende Energie- und Treibstoffkosten, zur Neige gehende Ölvorräte und schärfere gesetzliche Bestimmungen begünstigt wird.
Weniger Menschen – mehr Haushalte
Ganz anders sieht es in den Bereich Verkehr oder Landschaftsverbrauch aus. Da die Umweltbelastungen kaum von Einzelpersonen, sondern im wesentlichen "durch die kollektive Befriedigung menschlicher Bedürfnisse" verursacht werden, weist Schröter auf die Notwendigkeit hin, Gesamtphänomene wie das Wohnverhalten und die allgemeine Mobilität in die Betrachtung einzubeziehen. Unter diesem Blickwinkel wird offenbar, dass sich der demografische Wandel auch nachteilig auf sensible Ökosysteme auswirken kann.
Bei der Entwicklung und Struktur der privaten Haushalte sind zwei Tendenzen ableitbar. Trotz rückläufiger Bevölkerungszahlen wird die Anzahl der Haushalte und damit die von ihnen abhängige Umweltbelastung zunehmen. Dieser scheinbare Widerspruch zwischen Bevölkerungs- und Haushaltsentwicklung erklärt sich durch den zweiten Trend: dem Trend zu kleineren Haushalten. Bedingt durch die Individualisierung der Lebensstile, die erhöhten Scheidungsrate und die frühzeitige Selbständigkeit der Jugendlichen hat die Haushaltsgröße (Anzahl Personen je Haushalt) in den letzten Jahren kontinuierlich abgenommen.
Frank Schröter
Das
Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung bestätigt diese Vermutung in seiner im April vorgestellten
Raumordnungsprognose 2020/2050. Demnach ist davon auszugehen, dass schon in 14 Jahren mehr als drei Viertel aller Haushalte nur noch für ein bis zwei Personen ausgelegt sind.
Diese Entwicklung, die vor allem von jungen Menschen getragen wird, verschärft sich durch die steigende Zahl der Rentner- und Witwenhaushalte. Der Zuwachs an Wohneinheiten bedeutet in aller Regel höhere Umweltbelastungen durch mehr Flächen-, Energie- und Wasserverbrauch oder neue Entsorgungsprobleme, wobei einige dieser Effekte durch eine positive Gesamtentwicklung wieder aufgefangen werden könnten.
Weniger Menschen – mehr Verkehr
Die Entwicklung des Verkehrsaufkommens zeigt in eine ähnliche Richtung. Die Studie
Mobilität in Deutschland, die zuletzt für das Jahr 2002 durchgeführt wurde, lässt keinen Zweifel daran, dass derzeit nur von einem weiteren Anstieg ausgegangen werden kann.
Im Durchschnitt verfügt jeder bundesdeutsche Haushalt über 1,1 Autos. Diese wichtige Kennzahl lag zum Zeitpunkt der letzten Erhebung 1989 noch bei 0,8. Im Jahr 2002 ist nur jeder fünfte Haushalt nicht motorisiert – gegenüber 28 Prozent 1989. Am deutlichsten wird der Trend in der zunehmenden Mehrfachmotorisierung. Der Anteil der Haushalte mit mehr als einem Pkw liegt mittlerweile bei 28 Prozent - ein Zuwachs von 9 Prozentpunkten gegenüber 1989.
Mobilität in Deutschland 2002
Frank Schröter macht unterschiedliche Faktoren für den Anstieg des Verkehrsaufkommens und die negativen ökologischen Folgen durch weiteren Straßenbau, Trennwirkungen innerhalb gewachsener Landschaften oder zunehmende Lärmbelästigungen verantwortlich. Neben einem von der Autoindustrie forcierten Trend zum nutzungsbezogenen Zweitwagen spielen Familienformen, die mit räumlicher Trennung verbunden sind, aber auch der Umstand, dass mittlerweile ebenso viele Frauen wie Männer Führerschein und Pkw besitzen, eine wichtige Rolle.
Ältere Menschen sind zu Transportzwecken auf Autos angewiesen, die Suburbanisierung durchkreuzt die Angebote des öffentlichen Nahverkehrs, Infrastruktureinrichtungen richten sich an immer größere Einzugsbereiche, und das zunehmende Lebensalter führt unweigerlich zu vermehrten Freizeitaktivitäten, wodurch der "Erholungsdruck auf Natur und Landschaft" steigt.
Allein für die Region Braunschweig
rechnen Forscher bei einem Bevölkerungsrückgang von drei Prozent bis 2030 mit einer gleichzeitigen Zunahme der Verkehrsbelastung von vier Prozent. In der Hauptstadt gestaltet sich die Situation noch weit dramatischer. Die Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung geht schon für den Zeitraum bis 2015 von einem
deutlichen Anstieg aus.
Auch ohne Wachstumsperspektive der Bevölkerung wird die räumliche Umverteilung von Bevölkerung und Arbeitsplätzen und die Konzentration von Handel und Dienstleistungen anhalten und für eine weitere Verlängerung der Wege und damit für einen Zuwachs des motorisierten Verkehrs sorgen. Je nach Umfang und Intensität der ergriffenen Maßnahmen ist zu erwarten, dass der Kraftfahrzeugverkehr bis 2015 zwischen 12 und 19 % weiter wächst (Verkehrsleistung in der Stadt).
Die Berliner Verkehrsprognose 2015
Weniger Menschen – mehr Flächenverbrauch
Während Prognosen über die Auswirkungen des demografischen Wandels auf den Energieverbrauch - infolge verbesserter technischer Möglichkeiten und des zunehmenden Einsatzes regenerativer Energiequellen - momentan schwer zu treffen sind, gibt es vergleichsweise verlässliche Einschätzungen, wenn es um die Beanspruchung des Bodens geht.
Der Bevölkerungsrückgang führt in der Bilanz zwar nicht zu weniger Haushalten, aber doch zu immer mehr Wohnungsleerstand. Nach Berechnungen des
Bundesverbandes deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen liegt die durchschnittliche Leerstandsquote bei den kommunalen Wohnungsgesellschaften und -genossenschaften in Ostdeutschland derzeit bei etwa 14%, und dieses Phänomen ist keineswegs auf die neu hinzugekommenen Länder begrenzt.
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Der Trend zu kleineren Haushalten, die wachsende Zahl älterer Haushalte sowie der steigende Wohlstand lassen in Westdeutschland die Pro-Kopf-Wohnfläche von heute 46 auf 56 Quadratmeter im Jahr 2030 steigen. Im gleichen Zeitraum wächst die Wohnfläche in den neuen Ländern von 38 auf 55 Quadratmeter an. Bild: LBS Research |
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Für einen ökologisch verträglichen, nachhaltigen Rückbau fehlen den Kommunen oft die nötigen finanziellen Mittel. Der Städteplaner Karl Ganser, den die Ruhr-Universität Bochum und der frühere NRW-Ministerpräsident Johannes Rau Ende der 90er anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde als "Architekten des Ruhrgebietes" feierten, hat schon vor vielen Jahren
Vorschläge unterbreitet, wie diesem Problem begegnet werden könnte.
Bereits zum Zeitpunkt einer Baugenehmigung muss vom Bauherrn konkurssicher der Betrag zurückgelegt werden, der für einen späteren Rückbau notwendig ist. Eine solche privatwirtschaftliche Verpflichtung ist nicht generell neu. Sie besteht zum Beispiel für Bergbau betreibende Unternehmungen seit langem auf der Grundlage des Bundesberggesetzes, wo neben der Betriebszulassung auch ein Stilllegungsplan vorgeschrieben ist, verbunden mit den finanziellen Rücklagen. Auch die Abgrabungsgesetzgebung kennt eine materielle und finanzwirtschaftliche Rekultivierungspflicht.
Karl Ganser
Gesetzliche und praktische Folgen hatte diese Initiative bislang kaum, dabei wirken sich die Defizite bei der Rekultivierung aufgrund der gleichzeitigen, durchaus umfassenden Bautätigkeit besonders negativ aus.
Parallel zum Wohnungsleerstand wird es weiterhin Wohnungsneubau geben. Dies liegt im wesentlichen an der nicht nachfragegerechten Wohnungssubstanz und dem steigenden Wohnflächenkonsum. In den vergangenen Jahren ist die Wohnfläche pro Person kontinuierlich angestiegen. Während den Bundesbürgern 1960 durchschnittlich 14 Quadratmeter zur Verfügung standen, liegt dieser Wert im Jahr 2005 bereits bei 46 Quadratmetern. Ein weiterer Anstieg der Wohnfläche pro Person in der Zukunft ist wahrscheinlich, wobei sich die durchschnittliche Wohnfläche in den neuen Bundesländern dem Durchschnittswert der alten Bundesländer angleichen wird. In der Folge wird dies zu einem jährlichen Zuwachs der Wohneinheiten von 330.000 bis zum Jahr 2010 führen.
Frank Schröter
Mit dem Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung geht Schröter davon aus, dass der Flächenverbrauch in der Bundesrepublik bis zum Jahr 2020 von derzeit 93 Hektar wieder auf 104 Hektar pro Tag ansteigen und nicht – wie von Umweltschutzorganisationen noch im Mai dieses Jahres
gefordert – auf 30 Hektar sinken wird.
Angelika Wolf und Elisabeth Appel-Kummer, die an der Universität Duisburg-Essen das Fachgebiet
Landschaftsplanung, Tourismus und Naherholung vertreten, haben in der oben erwähnten Studie bereits 2004 darauf hingewiesen, dass der Einfluss des demografischen Wandels auf den Umweltschutz vorläufig nur annäherungsweise zu bestimmen ist. Die einzelnen Faktoren sind zu vielschichtig miteinander vernetzt, als dass sich simplifizierende Aussagen oder gar schnelle Handlungsanweisungen treffen ließen. Überdies ist der Entwurf solcher Zukunftsszenarien auf "Wild Cards" angewiesen, die potenzielle Störereignisse einbeziehen sollen, aber naturgemäß auch nicht vorhersagen können. Schließlich wird die Situation durch die von Schröter zurecht eingeforderte Notwendigkeit erschwert, das Verhältnis von demografischem Wandel und Umwelt nicht isoliert, sondern im Zusammenhang mit anderen gesellschaftlichen Entwicklungen wie der Globalisierung, dem Wertewandel und Konsumverhalten, technologischen Errungenschaften und ökonomischen Trends zu betrachten.
Trotz dieser vielfältigen Herausforderungen spielte das Thema Umwelt im Schlussbericht der Enquête-Kommission
Demographischer Wandel – Herausforderungen unserer älter werdenden Gesellschaft an den Einzelnen und die Politik, der dem Deutschen Bundestag 2002 vorgelegt wurde, nicht einmal eine Nebenrolle. Daran hat sich bis heute zu wenig geändert. Es wird Zeit, dass Forschungsprojekte auf lokaler und überregionaler Ebene intensiviert werden und ihre Spuren auch in den politischen Gestaltungsprozessen hinterlassen.