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Nasspökeln an der Werra

Bernd Schröder 12.08.2006

Fließgewässer-Belastung durch Salzabwässer im Hessisch-Thüringischen Werra-Kali-Revier

Die [extern] K + S-Gruppe plant gegenwärtig, die Haldenabwässer der Halde in Neuhof-Ellers bei Fulda per Rohrleitung zur mehr als 60 Kilometer entfernten hessisch-thüringischen Landesgrenze zu befördern und dort bei Philippsthal in die Werra einzuleiten. So sollen ab 2008 jährlich ca. 500.000 Kubikmeter Salzwasser entsorgt werden – über einen geschätzten Zeitraum von 1.000 Jahren. Das Unternehmen rechnet für 2007 mit dem Baubeginn. Der aus den 1940er Jahren stammende Grenzwert der Chloridkonzentration soll noch bis 2012 seine Gültigkeit behalten.

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Salzlastgesteuerte Einleitung" an der Ulster, ca. einen Kilometer vor der Mündung in die Werra. Bild: Stephan Gunkel/BUND Thüringen

Die Fließgewässerversalzung im [extern] Werra-Ulster-Gebiet ist ein anthropogenes Problem. Ursache hierfür sind hauptsächlich die produktionsbedingten Abwässer aus der Kaliindustrie. Seit ca. 100 Jahren werden im Einzugsgebiet der Werra Kalisalze für die lukrative Düngemittelproduktion industriell abgebaut. Das geförderte Rohsalz enthält 13-27% Kaliumchlorid und 11-27% Magnesiumsulfat. Die K + S AG haldet die bei der Rohsalzverarbeitung anfallenden festen Rückstände (im wesentlichen Natriumchlorid mit Beimengungen von Magnesiumsulfat und Calciumsulfat) auf; Salzabwässer werden im Untergrund verklappt oder in die Werra geleitet.

Seit den 1930er Jahren wurden in der Werra periodisch wiederkehrende Fischsterben und ein starker Artenrückgang der Fauna verzeichnet; Salzwasserarten eroberten in der Folge den Fluss. Neben der chronisch hohen Chloridkonzentration sind auch überhöhte Kalium- und Magnesiumkonzentrationen nachzuweisen.

Die Artenentwicklung versalzter Flüsse kann mit dem 2. biozönotischen Grundprinzip nach Thienemann beschrieben werden[1] :

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Je mehr sich die Lebensbedingungen einen Biotops vom Normalen und für die meisten Organismen Optimalen entfernen, desto artenärmer, aber individuenreicher kann die Biozönose werden. Je spezialisierter ein Biotop ist, umso charakteristischer ist auch die Biozönose.

Mitte der 1950er Jahre wurde aufgrund des Aussterbens der heimischen Flohkrebsarten der halophile Getigerte Flohkrebs (Gammarus tigrinus) ausgesetzt, der noch immer teilweise über 90% der gesamten mit dem bloßen Auge erkennbaren Kleintierbesiedlung der Werra ausmacht. Dieser Flohkrebs sowie die eingeschleppte Neuseeländische Zwergdeckelschnecke (Potamopyrgus antipodarum) als weitere fremdländische Art (Neozoen) bilden zusammen mit Würmern und den Larven salztoleranter Zuckmücken-Arten (Chironomidae) eine äußerst einseitige Nahrungsgrundlage für Fische. Bild: U. Braukmann/UNIK

Die untere Werra ist auf einer Länge von 150 Kilometern versalzen. Normalerweise sollten in diesem Flussabschnitt, der einstmals als artenreiche Barbenregion galt, 20-30 Fischarten anzutreffen sein. 34 Fischarten sind durch Überlieferung für die Werra [extern] nachgewiesen.Heute lebt hier eine artenarme Ersatzgemeinschaft von Aalen, Barschen und Weißfischen – tatsächlich lassen sich nach Angaben des [extern] BUND Thüringen vielerorts kaum mehr als drei Arten nachweisen. Zwar ist die Salzkonzentration des Flusses, verglichen mit den katastrophalen Belastungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, innerhalb der letzten 15 Jahre stark abgesunken und wesentlich gleichmäßiger verteilt – hauptsächlich als Folge des von der Treuhandanstalt verwalteten [extern] Niedergangs der Thüringer Kaliindustrie; sehr hohe Belastungsspitzen werden nun vermieden. Dennoch reicht das derzeitige Belastungsniveau der Werra nicht annähernd zum Erreichen der EU-weit verbindlich geforderten guten Gewässerqualität aus. Die Werra zählt damit noch immer zu den am stärksten belasteten Fließgewässern Mitteleuropas.

Bei einigen Arten soll seit 1999 zumindest ansatzweise wieder eine natürliche Vermehrung stattfinden; ein natürlicher Populations- und Bestandsaufbau ist jedoch bis auf weiteres [extern] nicht zu erwarten.

Gehört eigentlich ans Meer: der an Brackwasserverhältnisse angepasste Gemeine Darmtang (Enteromorpha intestinalis) bildet in der Werra Algenmatten aus. Heimische Wasserpflanzen wurden weitgehend aus der Werra verdrängt. Bild: U. Braukmann/UNIK

K + S: "Salzlastgesteuerte Einleitung"

Bei K + S fielen [extern] 2005 rund 14.8 Millionen Kubikmeter Salzwasser an – davon wurden 6.8 Millionen Kubikmeter eingeleitet und der verbleibende Anteil versenkt, das heißt, in bereits salzhaltiges Grundwasser des tieferen Untergrunds in ca. 400-600 Metern Tiefe verpresst. Das seit 1925 angewandte [extern] Verpressen der Abwässer in den Untergrund entlastet die Oberflächengewässer. Bisher wurden im Werra-Kali-Gebiet rund eine Milliarde Kubikmeter Salzabwasser auf diese Weise entsorgt. Bei korrespondierenden Grundwasserleitern oder diffusen Quellaustritten im Bereich von geologischen Störungszonen kann es jedoch zu Beeinträchtigungen der Trinkwasserversorgung im Umkreis kommen.

Seit dem Jahr 2000 praktiziert das Unternehmen die "salzlastgesteuerte Einleitung" – kurz vor der Ulstermündung in die Werra. Damit wird die Chlorid-Konzentration am Pegel Gerstungen konstant bei 2500 mg/l gehalten – außer während Hochwassersituationen, die bisher eine gewisse Verdünnung des Chlorid-Pegels zur Folge hatten. Die Vergleichmäßigung der Chloridfracht durch die salzlastgesteuerte Einleitung kann gegenüber dem durch starke Konzentrationsschwankungen charakterisierten Zustand von vor 1999 eine Verbesserung bringen; sie könnte zur Herausbildung einer salztoleranten und, verglichen mit dem gegenwärtigen Zustand, artenreicheren Lebensgemeinschaft führen. Auf diesem Wege wird die Werra jedoch nicht den Charakter eines naturnahen Süßwasserflusses wiedergewinnen.

Lage der Kaliwerke in Hessen und Thüringen und die Messstationen aus dem Messprogramm Werra/Ulster. Nach dem Ende der DDR und der folgenden Fusion der Kali und Salz AG mit der Mitteldeutschen Kali AG wurden die beiden Kaliwerke Dorndorf (1991) und Merkers (1993, heute Erlebnisbergwerk) stillgelegt. Derzeit wird der Hauptteil der Abwässer der Werke Unterbreizbach (Ulster) und Hattorf (Werra) gemeinsam in die Ulster eingeleitet, etwa einen Kilometer vor ihrer Mündung in die Werra. Die Abwässer des Werkes Wintershall bei Heringen werden vor Ort in die Werra geleitet. Bild: Flussgebietsgemeinschaft Weser

In die hochwasserbedingten "Niedrigkonzentrationspegel" hinein sollen nun - über zwischengeschaltete Absetzbecken - die Haldenabwässer der Halde bei Neuhof-Ellers fließen, ohne dabei den Grenzwert zu überschreiten; stattdessen soll eine erhebliche Minimierung der Schwankungsbreite bezüglich der Salzbelastung erreicht werden. Als Folge würde die Werra nun mit einer beständig hohen Salzlast Richtung Oberweser ziehen und den sich dort nach vielen Jahren endlich wieder angesiedelten Süßwasserarten das Leben schwer machen. Auch die Lebensgemeinschaften der Auengebiete könnten dadurch beeinträchtigt werden.

Kritische Beobachter wie das Projekt [extern] Lebendige Werra warnen nach der Werra-Versalzung vor einer "Verpökelung der Auen". Und der Biologe Ulrich Braukmann von der Universität Kassel ([extern] Fachgebiet Gewässerökologie und Gewässerentwicklung) bewertet den noch aus den 1940er Jahren stammenden Grenzwert der Chlorid-Konzentration als viel zu hoch und ökologisch vollkommen unbegründet.

K + S will die Unterlagen für den Beginn einer Umweltverträglichkeitsprüfung bis Jahresende erstellt haben; Vorgespräche im Rahmen eines Scopingtermins beschränkten sich jedoch lediglich auf die Erörterung der zu erwartenden landschaftsarchitektonischen Auswirkungen beim Verlegen einer leeren Röhre – die Frage der geplanten Salzeinleitung in die Werra wurde ausgeklammert.

Der "Monte Kali" von Neuhof. Innerhalb von 1000 Jahren soll der Regen die 160 Meter hohe Halde in die Werra gespült haben – wenn es nach dem Willen von K + S geht. Eine Abdeckung oder die Verfüllung in alte Stollen kommt für das Unternehmen nicht in Frage. Stattdessen behauptet der Konzern, für den hinsichtlich des Unterhalts der Hochdruckleitung erstaunlichen Planungszeitraum "Rücklagen im mehrstelligen Millionenbereich gebildet" zu haben. Die Salzvorkommen bei Neuhof sollen in fünf Jahren erschöpft sein. Bisher wurde das Haldenabwasser größtenteils in tiefer gelegene geologische Schichten (Rotliegendes, Plattendolomit) versenkt. Bild: Google Earth (50°27'59.75"N, 9°35'49.80"E )

Salzbelastung und Wasserrahmenrichtlinie (WRRL)

Die Weser ist mit ihren Quellflüssen Werra und Fulda das einzige große mitteleuropäische Flusssystem, dessen Einzugsgebiet vollständig in Deutschland liegt. Hier sollte die Bundesrepublik zeigen können, dass sie ohne langwierigen Streit mit anderen internationalen Anrainern wie bei Elbe, Donau und Rhein in der Lage ist, für eine gute Wasserqualität zu sorgen.

Die Wasserrahmenrichtlinie sieht den "Guten Zustand" für alle Gewässer bis zum Jahre 2015 vor – bzw. das "Gute ökologische Potenzial" für erheblich veränderte Gewässer. Der gute Zustand wird an verschiedenen biologischen Parametern wie Wasserpflanzen, dem Makrozoobenthos und dem Fischbestand abgelesen. So sollten zumindest die Leit- und Begleitfischarten des entsprechenden Fliessgewässertyps (Werra: [extern] 9.2-großer Fluss des Mittelgebirges) vorkommen, und zwar in einer naturnahen Häufigkeitsverteilung.

Der BUND Thüringen dringt auf eine Reduzierung der Grenzwerte für die erlaubte Salzkonzentration in der Werra, denn anders sei K + S (Jahresumsatz 2005 bei Kali- und Magnesiumprodukten: 1.197,2 Millionen Euro) nicht zu Investitionen in Alternativen zur Abwasserentsorgung zu bewegen. Für Stephan Gunkel, Gewässerexperte beim BUND Thüringen, widerspricht die Salzeinleitung den Zielen und Anforderungen der [extern] Wasserrahmenrichtlinie (weitere Informationen [extern] WRRL) und der [extern] FFH-Richtlinie. Konflikte mit der kommenden Grundwasserrichtlinie sind vorgezeichnet. Die EU-Wasserrahmenrichtlinie verbietet jegliche Verschlechterung des Zustands eines Gewässers. Das Hauptaugenmerk sollte nicht nur deshalb auf die [extern] Abwasservermeidung durch eine stoffliche Verwertung der Halden (Haldenrecycling) gelegt werden.

Die [extern] Länderarbeitsgemeinschaft Wasser hat maximal 100 mg/l Chlorid für die Einstufung eines Fließgewässers in den chemisch guten Gewässerzustand vorgeschlagen (die Beeinträchtigung limnischer Organismen beginnt bei einer Konzentration von ca. 200 mg/l. 250 mg/l ist das gegenwärtige Limit der [extern] Trinkwasserverordnung. Im Regierungspräsidium Kassel sieht man für die Festsetzung neuer Grenzwerte wenig Spielraum: es sei abzuwägen, ob veränderte Grenzwerte tatsächlich erreichbar sind – und gleichzeitig "wirtschaftlich zumutbar". Für K + S jedenfalls ist "auch zukünftig Rechtssicherheit Voraussetzung für weiteres betriebswirtschaftliches Handeln" - als größter Arbeitgeber in einer strukturschwachen Region.

Die Erlaubnis zur Salzeinleitung mit ihren europäisch einmaligen Grenzwerten gilt noch bis 2012; es erscheint fraglich, dass der "Gute ökologische Zustand" dann innerhalb von drei Jahren zu erreichen ist. K + S geht schon heute davon aus, dass das bis 2027 nicht der Fall sein wird. Rückendeckung kommt hier ebenfalls vom Regierungspräsidium Kassel, wo man "aufgrund der Vorbelastung in Grund- und Oberflächenwasserkörpern" das gleiche glaubt und sich für die Formulierung "weniger strenger Umweltziele" für Grund- und Oberflächenwasser einsetzt.

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Kommentare lesen
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