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Im Parkhaus gefangen

Wolf-Dieter Roth 10.08.2006

Autos als Geiseln von Lizenzstreitigkeiten

Dass die Roboter der Zukunft durchdrehen und den Menschen den Krieg erklären könnten, ist eine gängige Befürchtung, die sich in vielen Science-Fiction-Geschichten wiederfindet. Doch technisch ausgelöste Katastrophen der Zukunft könnten viel triviale Gründe haben: unbezahlte, abgelaufene Softwarelizenzen!

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Parkhäuser sind bei vielen Benutzern unbeliebt: Die leeren, dunklen Hallen sind unheimlich, man hat vor Überfällen Angst. Einigen Jurastudenten in Passau passierte einst jedoch etwas ganz anderes: sie wurden vom Parkhaus gefangen und hinter Gitter gesetzt. Und das kam so:

Eine Automatik schloss jede Nacht um Mitternacht mit zwei vergitterten Rolltoren die Ausfahrt – eins vor der Schranke, eins dahinter, sicher ist sicher. Wer sein Auto nicht rechtzeitig abgeholt hatte, konnte zwar noch ins Parkhaus, doch es mit dem Auto nicht mehr verlassen, da erst am nächsten Morgen das Tor wieder geöffnet wurde. An sich kein Drama, denn das Parkhaus war offiziell nur bis 11 Uhr geöffnet und wer um diese Zeit noch auf einer Party weilte, hielt es dort auch bis zum Morgen aus oder schlief im Auto, was angesichts des Alkoholkonsums meist ohnehin besser war, als sofort heimzufahren.

Ein Blick in die vollautomatische Garden Street-Parkgarage in Hoboken, New Jersey, USA (Bild: Robotic Parking)

Bis zu dem Tag, an dem besagte Jurastudenten auf den letzten Drücker wenige Minuten vor 12 ihr Auto holten, zur Schranke fuhren – und während sie noch ihr Parkticket ins Lesegerät steckten, lief die Schließmaschine an! Da damit auch die Schranke abgeschaltet wurde, öffnete sie sich nicht mehr und bis die Studenten den Ernst der Lage begriffen, war es zu spät, den Rückwärtsgang einzulegen oder zumindest sich selbst schnell aus der "verbotenen Zone" zu entfernen.

Zwar wären die Studenten in dieser Nacht nicht gleich verhungert, doch war es die Nacht von Freitag auf Samstag und da die Garage übers Wochenende geschlossen blieb, wäre es folglich gleich ein ganzes Wochenende hinter Gittern geworden – ohne weitere Partys. Das wollten die Gefangenen dann doch nicht, und da sie Werkzeug im Auto hatten, konnten sie zumindest sich selbst befreien – das Auto musste zunächst einmal zurückbleiben. Doch hatte beim gewaltsamen Ausbruch das Gitter des Rolltors gelitten und eine Anzeige wegen Freiheitsberaubung lief nun gegen eine andere Anzeige wegen Sachbeschädigung. Am Ende bekamen die Studenten Recht – es waren ja Jurastudenten. Bei Ingenieuren wäre es möglicherweise anders ausgegangen – allerdings hätten diese dafür möglicherweise das Garagentor ohne Gewalt hochgefahren...

In diesem Fall handelt es sich eindeutig um einen Programmierfehler, sozusagen schlechte Software, auch wenn zu jener Zeit keine Computertechnik genutzt wurde, sondern eine einfache Schaltuhr: die beiden Tore hätten niemals über denselben Stromkreis gleichzeitig schließen dürfen, sondern nur mit ausreichendem Zeitabstand nacheinander. Andererseits hätten die Studenten natürlich auch nicht wortwörtlich so "knapp vor Toresschluss" an die Schranke fahren dürfen, da ihnen die Gefahr, wenn auch möglicherweise nicht in der kompletten Tragweite, durchaus bekannt war. Doch was, wenn das Tor unerwartet und ohne Vorwarnung mitten am Tag heruntergefahren wäre und sich dann auch wegen technischer Defekte auch durch Notdienste nicht mehr hätte öffnen lassen? Wie viele Garagennutzer wären in diesem Fall mehr oder weniger lange Zeit ihres Autos verlustig gegangen?

Diese Frage wurde nun [extern] in New Jersey geklärt: Die Stadt Hoboken hatte ein neuartiges Parkhaus eingerichtet, in dem wie in einigen besonders Platz sparenden Tiefgaragen in Deutschland die Autos nicht einfach in normaler Parkbuchten gefahren werden, sondern über ein entsprechendes System von Transportbändern und Hebebühnen mehrere Stockwerke hoch in entsprechenden nicht nur horizontal, sondern auch vertikal gestaffelten Parkplätzen gestapelt werden. Damit dies funktioniert und jeder auch wirklich wieder sein eigenes Auto zurückbekommt und nicht das eines anderen Parkhausbesuchers, wurde eine aufwendige Computersteuerung eingerichtet: Innerhalb von nur 30 Sekunden steht das eigene Auto wieder vor einem, also schneller, als man in einem normalen Parkhaus vom Aufzug zum Auto kommt oder im Hotel der Luxusklasse es vom Portier wieder vorgefahren wird.

Allerdings nur, wenn die Software funktioniert. Technisch gab es kein Problem, doch mit der Bezahlung: die Softwarefirma [extern] Robotic Parking aus Clearwater in Florida, die die Robotersteuerung entworfen hatte, verlangte für die Nutzung ihrer Software und die Wartung des Systems jährliche Lizenzgebühren. Über diesen Punkt war zwischen der Stadt Hoboken und Robotic Parking seit Ende 2005 ein heftiger Streit entbrannt, die Nutzung wurde nur von Monat zu Monat widerwillig verlängert und nur wenige Tage vor dem endgültigen Ablauf des Vertrags hatte die Stadtverwaltung wutentbrannt kurzerhand sämtliche Softwareentwickler des Unternehmens hinausgeworfen, sprich: mit einem Polizeieinsatz vom Gelände entfernen lassen.

Zeichnung einer Robotics Parking-Parkgarage "RPS 1000" für 200 bis 5000 Autos. In Hoboken können 314 Fahrzeuge ein- und manchmal auch wieder ausgeparkt werden. (Bild: Robotic Parking)

Nun haben Softwareentwickler durchaus die Angewohnheit, Software mit zeitlich befristeter Nutzung so zu programmieren, dass sie nach Ablauf des vorgesehenen Zeitraumes auch tatsächlich den Geist aufgibt. Folglich saßen nun die Autos der völlig unbeteiligten Parkhauskunden tagelang fest, während die Stadtverwaltung Softwareentwickler eines Konkurrenzunternehmens engagierte, um die Garagesteuerung zu hacken, was nicht funktionierte und ihr noch zusätzlich zum bereits bestehenden Streit um die nicht gezahlten Lizenzgebühren weitere Rechtsstreitigkeiten wegen Copyrightmissachtung einbrachte.

Mittlerweile haben sich die beiden Parteien soweit geeinigt, dass die Anlage für 5500 US-Dollar Lizenzgebühr im Monat wieder in Betrieb genommen werden konnte und für die nächsten drei Jahre funktionieren wird – dann läuft allerdings auch der jetzt geschlossene, neue Vertrag wieder aus. Und spätestens dann sollte man sein Auto in Hoboken lieber im Halteverbot abstellen als im Parkhaus, obwohl die Einwohner der Stadt auch jetzt schon verständlicherweise einen Bogen um das neue, teuer gebaute High-Tech-Parkhaus machen.

Ablaufende Lizenzen oder Sicherheitszertifikate gibt es auch heute schon in vielen computergesteuerten Systemen, vom Redaktionssystem bis zum Online-Shop. Es braucht gar kein "Jahr-2000-Problem", damit Schlag Zwölf an Silvester plötzlich der Heise-Newsticker oder der neue Karstadt-at-home-Shop die Funktion einstellen, es reicht schon eine übersehene Lizenz und ein Admin, der nichtsahnend wie alle anderen Menschen auch feuchtfröhlich ins neue Jahr feiert. Es ist auch noch zu verschmerzen, wenn dann am Neujahrsmorgen nicht im Heise-Forum gepostet oder bei Karstadt bestellt werden kann. Doch nicht nur Webseiten und Hebebühnen für Autos sind heute computergesteuert – normale Fahrstühle sind es auch. Hoffen wir mal, dass alle Lizenzen gezahlt sind oder besser noch Open Source-Software verwendet wird, keine Hausverwaltung mit dem Wartungsdienst im Clinch liegt und keiner der Hersteller unerwartet mit offenen Rechnungen in Konkurs geht...

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