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"Noch gibt es auch für uns offene Fragen"

Florian Rötzer 19.08.2006

Das BKA geht davon aus, dass es sich bei den in Regionalzügen gefundenen Bomben um einen terroristischen Anschlagsversuch gehandelt hat, Bilder von Überwachungskameras von zwei Verdächtigen wurden veröffentlicht

Nun hat auch Deutschland wie Großbritannien einen verfehlten Massenmord-Versuch, wie die BBC schreibt. Am 31. Juli wurden Rollkoffer mit Gasflaschen und Zündern in zwei Regionalzügen von Mönchengladbach nach Koblenz und Aachen nach Hamm abgestellt worden. Das [extern] BKA vermutet, dass man zwei Verdächtige auf Videos der Überwachungskameras des Hauptbahnhofs Köln entdeckt habe, die entsprechende Rollkoffer in die beiden Regionalzüge gebracht haben. Angeblich habe nur ein "handwerklicher Fehler" verhindert, dass die beiden in den Koffern versteckten Bomben – Propangas in Elf-Liter-Gasflaschen, zusätzlich Benzin als Brandbeschleuniger - gleichzeitig um 14 Uhr 30 explodierten. BKA-Präsident Ziercke sagte, er sei sicher, dass "die Täter die Explosionen auslösen wollten".

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Update: Wie die Bundesanwaltschaft mitteilt, wurde einer der [extern] Verdächtigen, nach denen mit Videoaufnahmen gefahndet wurde, heute früh am Hauptbahnhof Kiel festgenommen. Dabei wurde der Bahnhof zeitweise weiträumig abgesperrt. Bei dem Festgenommenen handelt es sich um einen 21-jährigen libanesischen Studenten, der nach Angaben der Bundesanwaltschaft flüchten wollte. Aufgrund von Fingerabdrücken und DNA-Proben, die auf einem der Koffer gefunden wurden, handelt es sich "definitiv" um einen der Bombenleger. Bislang fehlt von dem anderen jede Spur.


Erstmals wurden nun Fotos und Videos von Verdächtigen [extern] veröffentlicht und die Allgemeinheit aufgefordert, Hinweise zur Ergreifung dieser zu geben. Ausgesetzt wurde eine Belohnung von 50.000 Euro. Nach Ziercke auch deswegen, weil die Fahnder davon ausgehen, dass die Gefahr noch andauern könnte, also die Verdächtigen womöglich einen nächsten Anschlag planen könnten. Bei den – "südländisch aussehenden" - Verdächtigen handelt es sich um zwei junge Männer, der eine in Jeans, kurzen dunklen Haaren und neben dem Rollkoffer mit einer Laptop-Tasche, der andere mit längeren Haaren, einem hellen T-Shirt mit der Nummer 13 (möglicherweise ein Ballack-Fußballhemd) und einem Rucksack mit Iso-Matte. Sie kamen kurz hintereinander auf der Rolltreppe zu den Gleichen 3 und 4 am Kölner Hauptbahnhof (die Aufnahmen sind, so das BKA, von 12 Uhr 40/13 Uhr). Die Koffer sind den in den Zügen gefundenen ähnlich.

Im BKA geht man davon aus, dass die Bomben zeitgleich durch eine Zündeinrichtung explodieren sollten. Der in den Koffern zusätzliche vorhandene Brandbeschleuniger sollte zu einem Feuerball führen, um möglichst großen Schaden anzurichten: "Ausgebrannte Zugwaggongs, eine unbestimmte Anzahl an Toten und Verletzten; möglicherweise entgleiste Züge!" Ganz lässt sich ein Erpressungsversuch nicht ausschließen, aber das BKA geht nun von einem "terroristischen Hintergrund" aus. Verstärkt wird diese Vermutung, weil in einem der Koffer Tüten mit Speisestärke (Fouad-Spices) gefunden wurden, die aus dem Libanon stammen. Sie sei von einem Händler an rund 200 Familien im Großraum Essen verkauft worden (zunächst ging man davon aus, dass das "weiße Pulver" vielleicht einen Giftanschlag [extern] vortäuschen sollte). Zudem wurde ein abgerissener Zettel mit arabischen Schriftzeichen und mit Telefon-Nummern aus dem Libanon gefunden. Wären die Bomben hochgegangen, dann wäre der Zettel vernichtet worden. Daher geht das BKA wohl nicht davon aus, dass hier eine falsche Spur gelegt werden sollte. Das BKA geht davon aus, dass die Täter ein Bekennerschreiben veröffentlicht hätten, wenn die Bomben explodiert wären. Es sei jedoch "logisch", dass bei einem gescheiterten Anschlag auch keine Bekennung erfolge.

BKA-Präsident Ziercke verglich den versuchten Anschlag mit den Anschlägen in Madrid und London. Dabei ergeben sich aber tatsächlich einige seltsame Tatsachen. In Madrid sollten die zeitgleichen Anschläge möglichst viele Opfer fordern. Dazu wählten die Züge zur Hauptverkehrszeit, die voll besetzt waren. Gezündet wurden die Bomben, die nicht aus Gas, sondern aus Sprengstoff bestanden, über Handys – und zwar dann, als die Züge in die Bahnhöfe einfuhren, um die Wirkung zu verstärken. In London wurden Selbstmordanschläge mit HMTD-Sprengstoff ausgeführt, ebenfalls in voll besetzten U-Bahn-Zügen (und einem Bus). Die jetzt in Deutschland geplanten aber sollten Regionalzüge treffen, die am frühen Montagnachmittag sicherlich nicht voll besetzt sein werden. Explodieren sollten die Bomben auf freier Strecke, nicht in Bahnhöfen. Es handelte sich aufgrund der Zeitzünder vermutlich nicht um Selbstmordattentäter, aber man weiß anscheinend nicht, wann die Verdächtigen wieder aus den Zügen ausgestiegen und wo sie mit Laptop und Rucksack untergetaucht sind.

Über die Hintergründe und die Täter ist nichts bekannt. Es gibt keine wirklichen Hinweise auf ein Motiv oder auf einen islamistischen Terrorismushintergrund. Einzig die gefundene Speisestärke und der Zettel weisen in den Libanon, in dem am 31. Juli noch Krieg herrschte. Zwar gelten mehrere, gleichzeitig erfolgende Anschläge als Signum von al-Qaida nahe stehenden Gruppen, aber das muss mittlerweile nichts mehr bedeuten. Die mögliche Spur in den Libanon könnte vermuten lassen, dass die Täter keine islamistischen Terroristen waren, sondern gegen den von Israel geführten Krieg protestieren und dabei zwar Menschenleben gefährden, aber vergleichsweise "harmlos" bleiben wollten. Das ist auch die Position des BKA, allerdings spricht Ziercke von "einer massiven Drohgebärde", die "Zerstörungen und potenzielle Menschenopfer in Kauf genommen habe". Aber eigentlich ist der Versuch, einen Anschlag auszuführen und nur wenige Opfer zu kalkulieren, seltsam. Wenn schon ein Anschlag auf zufällig anwesende Reisende geplant wird, um die Aufmerksamkeit der Medien und der Öffentlichkeit auf etwas hinzulenken, warum dann Regionalzüge nicht zur Hauptverkehrszeit, wo man zudem auch leichter entdeckt wird, und nicht gleich voll besetzte Züge, beispielsweise ein ICE? Wäre es für die Täter und ihr Anliegen tatsächlich besser, nur wenige Tote als viele verantworten zu müssen? War möglicherweise der "handwerkliche Fehler" doch beabsichtigt? Sollte es sich vielleicht um eine Warnung handeln? Das BKA räumt ein, es gebe noch offene Fragen.

Aber die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe glaubt, dass es Hintermänner gibt, die beiden jungen Männer nur Ausführende und nicht auch die Drahtzieher seien. Aber mehr als eine ebenso bestreitbare Plausibilität für die Annahme einer "inländischen terroristischen Vereinigung" gibt es nicht. "Wer solche Bomben baut, handelt nicht allein. Da fließt das Know-how von Hinterleuten mit ein", [extern] sagte Bundesanwalt Rainer Griesbaum der Süddeutschen Zeitung. "Diese Leute wollten eine Vielzahl von Menschen töten." Das aber ist zweifelhaft.

Was aber wieder einmal jenseits aller Vermutungen und Spekulationen funktioniert, ist die prompte und erwartbare politische Reaktion, nach weiteren Sicherheitsmaßnahmen zu rufen. Unionsfraktions-Vize Wolfgang Bosbach (CDU) fordert, Video-Überwachung auf allen Bahnhöfen und in Zügen einzuführen und die "modernste Technik" sowie mehr Personal zur Gefahrenabwehr einzusetzen. Überwachungskameras nutzen zwar etwas, um Verdächtige nach einer Tat identifizieren zu können (wobei in diesem Fall nicht einmal klar ist, ob die Verdächtigen tatsächlich die Koffer in die Züge gebracht haben), aber sie können Anschläge nicht verhindern.

Innenminister Schäuble [extern] sieht den Vorfall als "Anlass", darüber nachzudenken, "wie wir unser Instrumentarium verbessern können. Wir dürfen die Hände nicht in den Schoß legen." Für ihn bestätigt der Vorfall die Notwendigkeit, das Terrorismusbekämpfungsergänzungsgesetz durchs Parlament zu bringen. Die Anti-Terror-Datei müsse schnell umgesetzt werden, ein Argument liefert Schäuble allerdings nicht, was ihre Existenz zur Verhinderung des Plans genutzt hätte. Und was die "Nutzung der Mautdaten" für die Verhinderung oder auch nur Aufklärung beitragen sollen, ist das Geheimnis des deutschen Innenministers.

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Kommentare lesen
Warum nicht? (Bandidita 22.8.2006 21:56)
Nur zu dumm... (pffffffff 22.8.2006 12:23)
na sowas.... (Pincinato 22.8.2006 0:56)
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