"Zu sagen hätten viele etwas, nur traut sich keiner"
Thomas Pany 22.08.2006
Reaktionen deutscher Muslime auf die versuchten Attentate
Mit viel Glück ist Deutschland einem Albtraum entgangen. Die Kofferbomben, die zeitgleich in Zügen kurz vor den Hauptbahnhöfen in Koblenz und Dortmund zündeten, explodierten nicht - ein handwerklicher Fehler, dem zu verdanken ist, dass der womöglich schwerste Terroranschlag der Geschichte Deutschlands Ende Juli ungeschehen blieb. Obwohl die Ermittlungsbehörden betonen, dass die Motivlage noch ungeklärt ist, geht man in der allgemeinen Diskussion davon aus, dass die Tat einen islamistischen Hintergrund hat.
Die deutsche Gesellschaft, so ein Kommentator der Süddeutschen Zeitung gestern, habe die Gefahr eines solchen Terroranschlages lange verdrängt. Wie geht sie jetzt damit um? Und besonders, wie gehen die deutschen Muslime damit um?
Ein genaueres Bild wird sich erst in einiger Zeit abzeichnen. Zunächst dominieren die erwarteten Reflexe: die obligaten Rufe nach drastischeren Gesetzen, Überlegungen zur Verstärkung der Überwachung (vgl.
Nach Kofferbombenfunden - mehr Videoüberwachung gegen den Terror?), der Versuch der Neueinschätzung der Gefahr durch islamistische Zellen in Deutschland und natürlich viele heiß gestrickte Wortmeldungen.
Während das Profil der Täter - ein Hauptverdächtiger wurde am Wochenende festgenommen, die Identität (ebenfalls ein Libanese) des zweiten soll den Ermittlungsbehörden jetzt bekannt sein - erst noch genauer ermittelt wird und es den Anschein hat, als ob die Kategorisierung unter bekannte Profile wie "Schläfer", "Homeborn-Terrorist" oder der "Hamburger-Typ" (vgl. die Zelle von Muhammed Atta) nicht so einfach greift, nutzen Politiker und Internetseiten, die offensichtlich den Anspruch haben, im Namen deutscher Muslime zu sprechen, die Gelegenheit zur Schärfung ihres Profils.
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So
dachte man etwa im "Muslim Markt" gestern über eine Kampagne nach, "in muslimischen Ländern dafür zu werben, dass keine muslimischen Studenten mehr nach Deutschland kommen." Gegebener Anlass: die Warnung der brandenburgischen CDU vor einer "Wanderungsbewegung potenzieller Terroristen an deutschen Hochschulen" und die
Forderung des CDU-Generalsekretärs in Brandenburg, Sven Petke, die Frage, wer bei uns studieren darf, "restriktiver zu beleuchten".
Dass der Hauptverdächtige sein Studium der Mechatronik (vgl.
Terror und Panik) noch gar nicht begonnen hat, ist nur ein Nebenaspekt - die Information war zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannt. Deutlich wird aber auch hier, wie schnell überzogene Pfeilspitzen aus dem Klischeeköcher gezogen werden. Ob der Generalsekretär der CSU, Markus Söder, die Muslime in Deutschland einmal mehr dazu auffordert, klar Stellung zu beziehen und sich vom
"Terror distanzieren sollten" oder der eben genannte "Muslim-Markt" in einem anderen
Forumsartikel zu diesem Thema gleich eine "permanente Demütigung" der Muslime erkennen will, beides ist mehr emotionaler Reflex - "kräftig auf den Tisch hauen" - als Zeichen von Reflexion, beidseitige Generalverdachts-Rhetorik:
Es spielt eigentlich keine Rolle, welches Nachrichtenthema man aufschlägt, alle Themen haben aus Sicht so vieler Muslime nur noch die Demütigung der Muslime zum Ziel
Muslim-Forum im Muslim-Markt
Der Bogen, den der Muslim-Markt-Autor beim Auflisten der Demütigungen, denen die Muslime ausgesetzt sind, spannt, umschließt beinahe zwangsläufig auch den Libanonkonflikt und die generelle Haltung des Westens, die als bedenkenlos proisraelisch und antimuslimisch gekennzeichnet wird. Bestätigt werden in der Polemik nur bereits bestehende Lager.
Die beiden Themen "Terroranschlag in Deutschland" und "Naher Osten" werden auch an
anderer Stelle verknüpft, allerdings in einem anderen Ton und mit einer anderen Argumentation:
Die große Mehrheit der Muslime sieht in dem israelischen Krieg eine Überreaktion und in der Reaktion des Westens nichts als Einseitigkeit. So weit so gut. Die legitime Frage, ob die Taktik und das Verhalten der Hizbullah etwa die Angriffe der Israelis mitverschuldet oder gar provoziert haben, wird in der emotional aufgeheizten Atmosphäre kaum gestellt. Der Sinn und der Erfolg der angewandten Taktiken der Hizbullah und der Hamas der letzten Jahre bleiben, gerade auch aus islamischer Sicht und aus vielen Gründen, absolut fragwürdig. Die Rolle der arabischen, islamischen Nachbarstaaten in dem Konflikt - vorsichtig ausgedrückt - ist nach wie vor undurchsichtig. Für derartige Kontroversen und Sinnfragen, für den Austausch von Argumenten, gibt es bisher kaum einen Raum. Die im arabischen Raum zu hörende These, es handle sich um einen "glorreichen Sieg" der Milizen der Hizbullah wird jedenfalls nur von wenigen und nur im Ausnahmefall öffentlich auf den tieferen Sinn hinterfragt.
Die heutige Verhaftung eines jungen Libanesen, der nach Kenntnissen der Polizei einer der Bombenleger in deutschen Zügen sein soll, wirft nun tatsächlich neue Sorgen auf.
Der Verfasser des Kommentars in der
Islamischen Zeitung, Khalil Breuer, sieht Probleme für die Moscheen angesichts der neuen Debatten, die durch den Libanonkrieg und den Anschlagsversuch in Deutschland anstehen. Seine Argumentation geht über die bekannten Spiegelfechtereien und Schuldzuweisungen hinaus. Die großen Organisationen der Muslime in Deutschland hätten sich ohnehin längst von "terroristischen Umtrieben" distanziert, eine Kollektivschuld - "oder eine Art "Bringschuld" verdächtiger Personen dürfe den Muslimen nicht eingeredet werden. Das Problembewusstsein sei durchaus da.
Das eigentliche Problem erkennt Breuer darin, dass "viele der wirklich gefährdeten jungen Muslime heute außerhalb der islamischen Gemeinschaften (leben) und dem direkten Einfluss des organisierten Islam längst entzogen (sind)." Eine Ansicht, die in
ähnlicher Form auch beim bekannten französischen Islamexperten Olivier Roy zu finden ist. Für Breuer sind die Terroristen "Einzelgänger", die ideologischen Rattenfängern ins Netz gegangen sind, die deren Gefühlslagen ausnützen. Sein Vorschlag:
Hier könnten die Moscheen, die über gut ausgebildete Imamen verfügen, durchaus aktiver werden. Aber auch andere Medien sind gefragt. Viele islamische Websites, auch die Seiten, die auf politische Korrektheit Wert legen, deuten heute nur andeutungsweise an, mit welcher islamischen Logik, auf Grundlage welcher Bücher und Quellen, eigentlich gedacht wird. Ausführlichere Stellungnahmen zu Schlüsselfragen, wie dem rigorosen Verbot von Selbstmordattentaten und privater Kriegshandlungen sind beispielsweise nur selten abrufbar. Die Stärkung des Intellekts ist aber eine originär islamische Aufgabe und notwendig um den Mittelweg zwischen Esoterik und Ideologie zu finden.
Großes Mißtrauen innerhalb der muslimischen Gemeinschaften
Nach Aussagen des Chefredakteurs der islamischen Zeitung, Suleiman Wilms, sei ein Meinungsbild der deutschen Muslime zu den Attentaten schwer zu ermitteln, die Gemeinschaften seien zu heterogen, um hier konkrete Ausagen und Standpunkte repräsentativ wiederzugeben. Es gebe keinen organisierten Austausch. Differenziertere Positionen - außer der Distanzierung von Terror - würden öffentlich nicht bezogen.
Andere Insider, die allerdings namentlich nicht genannt werden wollen, sehen aber genau darin das große Problem. Zu sagen, so diese Stimmen, hätten viele etwas, zumal es sehr viele gebildete Muslime gibt, nur traue sich keiner.
Das Mißtrauen untereinander sei sehr groß. Das sei ein kennzeichnendes Phänomen innerhalb deutscher Muslimgemeinschaften. Deutsche, die zum Islam konvertiert seien, würden sich seit einiger Zeit kaum mehr in Moscheen wagen, da sie fürchten, für Spitzel des Verfassungsschutzes gehalten zu werden; man wolle keine Nummern von Glaubensbrüdern auf dem Handy gespeichert haben, aus Angst sie könnten auf dem falschen Handy auftauchen. Die Muslime in Deutschland seien, was die Kommunikation nach außen betrifft, schon seit einiger Zeit in einer Art Schockstarre: Bloß nichts Falsches sagen. Dazu käme eine Inkompetenz, mit den Kommunikationsstrukturen in Deutschland zurecht zu kommen. Entsprechend reserviert gebe man sich nach außen.
Diese Tendenz, sich der öffentlichen Diskussion zu verschließen, führe zur Erstarrung von Meinungen und schließlich auch zu Radikalisierungen. Angesichts der "Irritationen", wie z.B. der versuchten Attentate, würden die Gemeinschaften eher noch enger zusammenrücken, nach außen abriegeln und den Rückzug zu traditionellen Positionen wählen.
Zu hören ist auch, was die Attentäter betrifft, eine Kritik am oft verbreiteten Anspruch der Religion, wonach dort die Lösung für alle Probleme zu finden sei. Weshalb gibt es keine "islamische Form der Psychotherapie", fragt etwa ein konvertierter deutscher Muslim. Kriegstraumata könne man mit dem Koran alleine nicht begegnen. Von Einzelgängern, die kein Regulativ in der Gemeinschaft der Moscheen fänden, und die Kriege, von denen sie sich betroffen fühlen oder es über Freunde oder Verwandte sind, nicht verarbeiten können, gehe die größte Gefahr aus.