Erdölexporteure nehmen Abschied vom Dollar
Rainer Sommer 15.12.2006
Die Opec hat ihre Dollar-Positionen laut BIZ zuletzt um 5,3 Milliarden verringert
Der am Montag veröffentlichte
Quartalsbericht der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) bietet eine Erklärung für die aktuelle Dollarschwäche. Denn laut den Angaben der internationalen Großbanken, die der BIZ regelmäßig berichten, haben die erdölexportierenden Länder ihre Gelder zuletzt vermehrt in Euro und japanischen Yen angelegt, ihre Dollar-Investments hingegen zurückgefahren. Obwohl die OPEC-Staaten im 3. Quartal laut BIZ-Schätzungen "Petrodollars" im Gegenwert von rund acht Milliarden USD neu bei internationalen Banken deponierten, gingen ihre tatsächlich in Dollar veranlagten Gelder um 5,3 Milliarden USD zurück. Nutznießer waren der japanischen Yen, der um umgerechnet 3,8 Milliarden USD zulegen konnte, und Euro-Anlagen, die um 2,8 Milliarden USD anwuchsen Bei diesen Zahlen ist zu beachten, dass hier nur Bankeinlagen verzeichnet werden und zudem nicht alle Banken an die BIZ berichten müssen. Als Tendenzaussagen sind die BIZ-Angaben aber jedenfalls signifikant.
Die Dollar-Anlagen Russlands stiegen zuletzt zwar noch um rund fünf Milliarden USD an, der Großteil der insgesamt 16 Milliarden USD an im 3. Quartal bei Auslandsbanken neu deponierten russischen Gelder sei aber in Euro veranlagt worden – was den Dollar-Anteil an den insgesamt im internationalen Banksektor veranlagten Öl-Gelder um zwei Prozent auf 65 Prozent verringerte, während der Euro-Anteil um ebenfalls zwei Prozent auf 22 Prozent anstieg. Insgesamt sind die Anlagen der Ölexporteure bei den internationalen Großbanken, auf einen Gegenwert von 632 Mrd. USD angewachsen, wovon 220 Mrd. USD gegenwärtig auf Russen entfallen.
Freilich waren nicht alle Erdölexporteure gleichermaßen am Abschied vom Dollar beteiligt. So hat wohl Libyen mit neuen Dollar-Engagements im Ausmaß von rund fünf Milliarden USD ein stärkeres Abrutschen verhindert, während etwa der Iran seine zumeist bei kontinental-europäischen Banken liegenden Dollar-Anlagen um vier Milliarden verringert hat. Investoren aus Saudi-Arabien zogen allein aus London drei Milliarden Dollar ab, Ecuador reduzierte seine USD-Investments um 2,3 Milliarden, Indonesien um 1,9 Milliarden und Katar um 2,4 Milliarden.
Was den starken Dollar-Rückgang ab dem 24. November aber konkret ausgelöst hat, darüber rätselt auch die BIZ. Erwähnt wird die Aussage einer asiatischen Notenbank, die sich besorgt über die negativen Auswirkungen einer Dollarschwäche auf ihre Devisenreserven gezeigt hatte. Derartige Aussagen sind jedoch nicht neu, und immer wieder tauchen Gerüchte auf, einzelne asiatische Notenbanken würden ihre Dollar-Reserven umschichten, was zwar von keiner Notenbank ausdrücklich bestätigt wurde, angesichts der im letzten halben Jahr erfolgten Aufwertung der meisten asiatischen Währungen gegenüber dem Dollar jedoch durchaus plausibel erscheint. Als weitere mögliche Auslöser erwähnt die BIZ den unmittelbar vor dem Dollar-Einbruch bekannt gewordenen und stärker als erwartet ausgefallenen Rückgang im Absatz neuer US-Wohnimmobilien, sowie die etwa zeitgleich erfolgte Aufwärtsrevision der US-Wachstumszahlen für das 3. Quartal.
Große Unruhe an den Finanzmärkten hat jedoch auch der Dollar-Einbruch nicht ausgelöst. Zwar sind die Aktienkurse in den USA und Europa nach dem 24. November leicht zurückgegangen, die Verluste wurden aber rasch wieder aufgeholt. Insgesamt, so konstatiert die BIZ, wären die Märkte in Hinsicht auf die globalen Wirtschaftsaussichten und bezüglich der Wahrscheinlichkeit einer "sanften Landung" der US-Wirtschaft jedenfalls recht optimistisch. Mehrheitlich werde eine Rezession jedenfalls ausgeschlossen. Besonders positiv werde von den Finanzmärkten dabei aufgenommen, dass sich die US-Konsumenten ihre Stimmung von der drastischen Verschlechterung am Wohnimmobilienmarkt den Umfragen und Umsätzen zufolge bislang nicht haben verderben lassen.
Ausnahme Ecuador
So habe der "Appetit auf Risiko" an den Märkten wieder das hohe Niveau erreicht, das vor den Turbulenzen von Mai und Juni bestanden hatte. Und selbst Ereignisse wie die 6-Milliarden-Dollar-Verluste des Hedgefunds Amaranth Advisors und die politischen Turbulenzen in "Emerging Markets" wie Thailand und Ungarn im September konnten das Vertrauen der Märkte nicht erschüttern, vielmehr werden die wirtschaftlichen Verhältnisse in den "Emerging Markets" als sehr gut eingeschätzt, wobei die Märkte lokale Ereignisse weitgehend ignorieren würden und die Kurse von Aktien viel stärker von den Erwartungen bezüglich der US-Wirtschaft beeinflusst sind. Laut BIZ wären selbst in Thailand und Ungarn die Risikoaufschläge nur für wenige Tage angestiegen, hätten inzwischen aber wieder die niedrigen Niveaus vor den jeweiligen Krisen erreicht.
Eine Ausnahme machte zuletzt nur Ecuador, wo der in den Umfragen führende Präsidentschaftskandidat, der linksgerichtete Wirtschaftsexperte Rafael Correa, vor der Wahl nicht ausgeschlossen hatte, sich der hohen Auslandsschulden à la Argentinien zu entledigen, das im Jahr 2002 praktisch alle internationalen Zahlungen eingestellt hatte. Obwohl der Wahlsieger seine Aussagen nach der Wahl relativiert hatte, muss Ecuador auf seine Fremdwährungsschulden nun einen Risikoaufschlag von mehr als sechs Prozent verkraften – im Durchschnitt zahlen die "Emerging Markets" gemessen am "EMBI global-Index" von JPMorgan Chase & Co derzeit hingegen einen Risiko-Aufschlag von knapp zwei Prozent.
Kommentatoren merken zudem an, dass die Amaranth Advisors-Pleite kaum mit der legendären Pleite des Hedgefunds LTCM im Jahr 1998 zu vergleichen sei, die fast eine systemische Krise ausgelöst hatte. Amaranth Advisors habe nun zwar deutlich höhere Verluste eingefahren als damals LTCM, nur war der Verschuldungsgrad von LTCM ein Vielfaches dessen von Amaranth Advisors, was das Bedrohungspotential für die Finanzmärkte wesentlich höher erscheinen ließ. Anderseits war die Ursache des jüngsten Zusammenbruchs eine von den Finanzmärkten als ausgesprochen positiv eingeschätzte Entwicklung. Denn Amaranth Advisors hatte auf steigende Gaspreise im Gefolge allfälliger Wirbelstürme gesetzt und alles verloren, nachdem diese ausblieben und der Marktpreis für Erdgas bei ohnehin fallender Tendenz innerhalb einer Woche um gut zehn Prozent eingebrochen war. Dieser Preisverfall, der parallel zum Ölpreisrückgang erfolgte, hatte die Aktien- und Anleihemärkte massiv gestärkt, weil dadurch die Inflationsängste schwanden und an den Märkten die Überzeugung verfestigte, der nächste Zinsschritt der US-Notenbank würde eher nach unten als nach oben gerichtet sein. EZB-Vizepräsident Lucas Papademos betonte zuletzt bei der Präsentation des jüngsten
Finanzmarkt-Stabilitätsberichts, dass der Zusammenbruch wesentlich gravierendere Folgen hätte haben können, wäre die Lage derzeit nicht so "gutartig".
Dollar verliert nur bedingt an Attraktivität
Für den Dollar bedeutete der Rückgang der Energiepreise freilich eine Schwächung, denn bei gleichzeitig steigenden Euro-Leitzinsen verliert der Dollar als Anlagewährung an Attraktivität – nicht jedoch als Verschuldungswährung, wo sich zuletzt offenbar wieder eine Trendwende abzeichnet. Immerhin hatte der Anteil des Dollar an den weltweiten Anleiheemissionen in den Jahren seit der Einführung des Euro stetig abgenommen und war in manchen Quartalen sogar hinter diesen zurückgefallen. Nun scheint der Dollar insbesondere bei den "Emerging Markets" wieder beliebter zu werden, was angesichts der Erwartung weiterer Einbrüche kaum verwunderlich ist – erstaunlich erscheint vielmehr, dass die Dollar-Emissionen nach wie vor reißenden Absatz finden, wie die niedrigen Risikoaufschläge demonstrieren.
Während sich die entwickelten Volkswirtschaften im 3. Quartal bei Anleiheemissionen aber sehr zurückhaltend zeigten, wurden von den "Emerging Markets" wieder verstärkt Fremdwährungsanleihen emittiert. So stiegen die Netto-Emissionen von nur 0,8 Mrd. USD im Vorquartal auf zuletzt 21,2 Mrd. USD. Besonders hervorgetan hatten sich dabei Südkorea, das Anleihen im Volumen von 6,8 Mrd. USD platzierte (90 Prozent davon in USD), und die Philippinen, deren 1,5 Mrd. USD an Neuemissionen zur Gänze auf Dollar lauteten. Selbst Lateinamerika, das im 2. Quartal noch netto 20 Mrd. USD an Fremdwährungsschulden getilgt hatte, kehrte wieder an die Märkte zurück und erhöhte seine Auslandsschulden um 2,4 Mrd. USD. Hier zählte Brasilien zu den größten Emittenten, wobei praktisch alle Emissionen auf Dollar lauteten. Venezuela und Mexiko verringern hingegen auch im 3. Quartal ihre Auslandsschulden, wobei das bei Venezuela nun bereits das dritte Quartal in Folge der Fall war.