Verfall der Sicherheitskultur
Wolfgang Pomrehn 02.02.2007
Details aus einem Prüfbericht zu den Ursachen eines Atomreaktorunfalls in Schweden
Während sich hierzulande wie anderswo auch die Atomlobby für eine neue Offensive warm läuft, gibt ein vertraulicher Bericht in Schweden einen interessanten Einblick in die Welt der Techniker und Ingenieure, die mit der gefährlichen Technologie umgehen und uns vor ihr beschützen sollen. Stichproben beim AKW-Betreiber Vattenfall haben ergeben, dass so mancher die Arbeit in den Meilern offensichtlich nicht im nüchternen Zustand ertragen kann.
Der Bericht war im Sommer letzten Jahres nach einem schweren Unfall in Auftrag gegeben worden. Am 25. Juli 2006 war 100 Kilometer nördlich von Stockholm der Reaktor 1 des schwedischen
AKW Forsmark haarscharf an einer Kernschmelze vorbeigeschrammt (vgl.
"Forsmark ist der Normalfall") und Fast-GAU in Schweden (vgl.
Fast-GAU in Schweden).
Nach einem Kurzschluss in einem nahe gelegenen Umspannwerk war seinerzeit der betreffende Reaktor per Schnellabschaltung heruntergefahren worden. Dabei versagte jedoch das Notstromsystem, so dass zeitweise die Überwachung der Anlage und die Steuerung der Brennstäbe ausfiel. Erst in letzter Minute konnten die Notstromaggregate manuell gestartet werden. Ein unabhängiger Beobachter urteilte, dass nur wenige Minuten später die Kernschmelze eingesetzt hätte. Betreiber und Atomaufsicht stuften den Vorfall jedoch weniger dramatisch ein.
Dennoch wurde ein Prüfbericht über den Stand der Sicherheitstechnik und -vorkehrungen in Forsmark in Auftrag gegeben, der nun Anfang der Woche in die Hände schwedischer Rundfunkjournalisten gelangt ist. Diese
berichten im dortigen Fernsehen von unhaltbaren Zuständen in Forsmark. Mehrer Arbeiter hätten nach Hause geschickt werden müssen, weil sie angetrunken gewesen waren. Andere Medien sprechen von einer Stichprobe, bei der von 25 Getesteten drei Arbeiter nicht nüchtern gewesen seien. Nach einem
Agenturbericht legte ein Sprecher des Betreibers Wert auf der Feststellung, dass es sich nicht um eigene Angestellte sondern Leiharbeiter gehandelt habe.
Unterdessen berichtet das Schwedische Fernsehen, dass es im Zuge von Reperaturarbeiten wenige Monate vor dem beinahe GAU 22 schwere und zahlreiche kleinere Unfälle gegeben habe. Offensichtlich nimmt man es beim Betreiber Vattenfall mit der Sicherheitsphilosophie nicht mehr so genau. Nach einem
Beitrag auf dem englischsprachigen Internetportal The Lokal schreiben die Autoren des Reports, dass es über einen langen Zeitraum eine Erosion der Sicherheitskultur des Unternehmens gegeben hat.
Kurz nach den ersten Meldungen über den Forsmark-Bericht hat die schwedische Atomaufsicht SKI (
Statens Kärnkraftinspektion bei der Staatsanwaltschaft Anzeige gegen den AKW-Betreiber Forsmarks Kraftgrupp AB (mehrheitlich im Besitz Vattenfalls) erstattet. Der hatte nämlich den Reaktor erst einen Tag nach dem Unfall vom Netz genommen, ihn also wissentlich mit einem nicht funktionierenden Notstromsystem weiterbetrieben. SKI will prüfen lassen, ob damit gegen schwedisches Recht verstoßen wurde.
Der Grünen Partei in Stockholm reicht das allerdings nicht. Ihre Sprecherin Maria Wetterstrand forderte am Dienstag eine Entlassng der verantwortlichen in Forsmark und die Einsetzung einer unabhängigen internationalen Untersuchungskommission. Schwedens Bevölkerung hat bereits Anfang der 1980er Jahre per Volksentscheid den langfristigen Ausstieg aus der Atomkraft gefordert, aber sozialdemokratische wie konservative Regierungen haben bisher wenig Enthusiasmus gezeigt, den Beschluss umzusetzen.
Auch die hiesigen Grünen sind durch die Berichte aus Schweden alarmiert. Ihre schleswig-holsteinische Landesvorsitzende Marlies Fritzen meint:
Einem Konzern wie Vattenfall den Betrieb einer Risikotechnologie zu gestatten ist gemeingefährlich Ð auch in Deutschland.
Im nördlichsten Bundesland betreibt der schwedische Staatskonzern die AKW Krümmel und Brunsbüttel. Am AKW Brokdorf, ebenfalls an der Unterelbe in Schleswig-Holstein gelegen, besitzen die Schweden eine Minderheitsbeteiligung. Schon im August, unmittelbar nach dem Unfall, hatte der Konzern eine besondere Kostprobe seiner Informationspolitik gegeben: Hoch und heilig hatte man der Öffentlichkeit versichert, in Brunsbüttel würde keine vergleichbare Technik eingesetzt, ein ähnlicher Unfall wie in Forsmark sei daher ausgeschlossen. Wenige Wochen später stellte sich das als Unwahrheit heraus (vgl.
"Wir lernen aus Erfahrung"). Das deutsche Atomgesetz verlangt von den Betreibern von AKWs übrigens Zuverlässigkeit.
Den letzten größeren Unfall in einem Vattenfall-AKW hatte es im November 2006 gegeben, als im AKW Ringhals unweit von Göteborg ein Feuer ausbrach (vgl.
Schon wieder ein Unfall in einem Vattenfall-AKW). Die Bundesregierung scheint unterdessen das alles für vorbildliches Geschäftsgebahren zu halten. Anfang Dezember wurde der Vattenfall-Chef
Lars Josefsson zu einem der beiden Kimaberater der Bundeskanzlerin gemacht.