Ahmadinedschads Märchenstunde
Thomas Pany 03.03.2007
Gymnasiastin soll zuhause mit Geräten vom Markt Atomenergie produziert haben
Die englische Sprache hat dafür wieder einmal die prägnanteste Formulierung: "We can fact-check your ass." Die Rede ist von
neuen Öffentlichkeiten, die durch YouTube und andere Video-Portale entstehen. Off-the-Record-Reden bzw. Selbstdarstellungen werden schwieriger für Politiker und andere Personen des öffentlichen Interesses. Mit Bildern, die von Handy-Kameras und anderen handlichen Aufnahmegeräten stammen und ins Netz gestellt werden, generiert sich ein gigantisches, mobiles Videoüberwachungssystem, das, sieht man es aus Bürgerwarte positiv, Dinge an die Öffentlichkeit bringt, die im Widerspruch zum Image stehen, das mühevoll auf anderen Kanälen geschaffen wurde.
Dem kann man offensiv begegnen, wie es etwa die Sprecherin des amerikanischen Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, macht, die Clips von wichtigen Reden in YouTube postet und dort mit einem
User-Profile vertreten ist. Dem ubiquitären Auge kann man allerdings auch ausgeliefert sein, besonders wenn es Peinlichkeiten an die Öffentlichkeit bringt, die man gerne "unter uns" behalten hätte. Jüngstes Beispiel dafür ist ein
Videoclip mit dem iranischen Präsidenten Ahmadinedschad als Vortragendem.
Vor welchem Publikum der Präsident seine Rede hielt, die offensichtlich junge Iraner dazu anhalten soll, sich mit großem Selbstbewusstsein und patriotischem Eifer der Wissenschaft zu widmen, bleibt bei dem Clip unklar. Deutlich wird aber, dass Ahmadinedschads Worte (bestätigt durch Farsi sprechende Mitarbeiter von
Iran-Now) in ihrer Schlichtheit der Formulierung (vgl.
Ahmadinedschad als Schwein) und der Gedanken, die sie ausdrücken, dem Bild drastisch widersprechen, das der Mann von sich und der Nation, die er mit seinem Amt vertritt, in der großen Öffentlichkeit vermitteln will. Der iranische Präsident zeigt sich hier als Propagandist mit dem Talent eines Märchenerzählers, der sich an seiner fabulierenden Phantasie selbst berauscht.
So erzählt Ahmadinedschad von den Stammzellen, mit denen sich alle Organe des Körpers – von den Augen bis zum Herz - nachwachsen und einbauen lassen, oder von einer 13 bis 16 Jahre (!) alten Gymnasiastin, die sich auf Mathe und Physik spezialisiert hat und in ihrem Haus die "Atomenergie entdeckt" habe, mithilfe ihres älteren Bruders und ein paar "Gadgets" vom Basar. Die Geschichte sei ihm von einem Lehrer zugetragen worden, der Präsident habe darauf hin kompetente Atomwissenschaftler bis hin zum Leiter der iranischen Atomenergiebehörde darum gebeten, die Behauptung zu verifizieren. Und tatsächlich, so das Ergebnis dieser Ermittlungen, das Mädchen, welches jetzt mit Chauffeur herum gefahren werde und nun selbst eine Atomwissenschaftlerin geworden sei, könne Atomenergie produzieren – bei sich zuhause.
Bleibt die Frage, um wen wir uns mehr Sorgen machen müssen: um die Iraner, die diesen Mann zum Präsidenten gewählt haben, um das iranische zivile Atomenergieprogramm, von dem ja nicht auszuschließen ist, dass es für die Energieversorgung des Landes wichtig ist, oder um die Hausmitbewohner der Schülerin, die jetzt allesamt radioaktiv verstrahlt sind?