Gute Zusammenarbeit
Thomas Pany 08.04.2007
Revolutionäre Garden und Premierminister Blair erneuern das Bild vom Schurkenstaat Iran
Diese Wesensverwandlung zu Ostern ist offensichtlich nicht geglückt: Nach den
neuen Geständnissen der britischen Soldaten, diesmal in ihrem Heimatland, bleibt Iran unverwandelt im Westen das, was es vor der päpstlich inspirierten Freilassung der Gefangenen schon war: ein Land von der bösen Achse, ein Gegner, der mit Schurkentricks arbeitet. Nichts also mit dem besseren Image des Iran nach dem effektvollen Auftritt von Ahmadinedschad (vgl.
Wir haben ihnen vergeben)? Nichts also mit der frohen Botschaft, dass man mit Iran verhandeln kann und dabei zu guten Ergebnissen – "win win" - für beide Seiten kommen kann?
Man wartete mit Spannung darauf, was die englischen Marineangehörigen, die vom 23. März bis zum 4. April in Iran festgehalten wurden, nach ihrer Befreiung erzählen würden. Das Misstrauen gegenüber den Bildern, die von iranischen Fernsehsendern ausgestrahlt wurden, war im Westen sehr groß. Die Aufnahmen sollten der internationalen Öffentlichkeit dokumentieren, dass es den Gefangenen gut gehe und dass sie ihren Fehler, das Eindringen in iranische Hoheitsgewässer, eingestehen und bereuen. Kaum einer nahm diese TV-Dokumente für bare Münze. Zwar gab es treffliche
satirische Bemerkungen dazu, die ihren Witz aus dem Vergleich mit der Behandlung von Gefangenen in westlicher Obhut in Abu Ghraib oder Guantanamo zogen:
I share the outrage expressed in the British press over the treatment of our naval personnel accused by Iran of illegally entering their waters. It is a disgrace. We would never dream of treating captives like this - allowing them to smoke cigarettes, for example, even though it has been proven that smoking kills.
Und interessante Interpretationen (aus einem Email an den Autor):
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...allowing Turney to smoke on national TV (women smoking in public is still frowned upon in Iran) is meant to:
a) convey that the prisoners are being treated in a way that respects their own culture and practices.
b) signify that Iran is ready to adopt a more lenient stance toward the prisoners, and therefore toward the issue as a whole if it can be resolved diplomatically.
c)Iran's intention is not bellicose. It has no "borders" when it comes to western women holding a cigarette, but with foreign encroachment of its waters. The message is also: we respect you, you respect us (and our borders).
Doch weder der Hinweis auf die vordergründige Realität der Bilder, die Menschen beim Essen und Rauchen zeigten – also in eher komfortablen Situationen - , noch der Hinweis auf die fraglos viel schlimmere Behandlung von Gefangenen anderorts änderten etwas am grundsätzlichen Mißtrauen gegenüber diesen Bildern und deren Botschaft im Streitfall zwischen Iran und Großbritannien: dem Geständnis der Gefangenen, illegal gehandelt zu haben.. Dieses Mißtrauen findet sich durch die jetzt
veröffentlichten Aussagen der freigelassenen Marineangehörigen bestätigt.
Von vorgetäuschten Exekutionen ist die Rede, wie man schon aus den Erfahrungen mit einem ähnlichen Fall 2004 befürchtete, von üblen Manipulationen - der einzigen Frau, die von den anderen isoliert wurde, soll mit der Information Angst eingejagt worden sein, dass ihre Kameraden schon längst in England zurück seien – und der Androhung drastischer Strafen: Sieben Jahre Haft . Dass solche Tricks ihre Wirkung haben, können nur Zyniker bestreiten, die ihre Erfahrungen zuhause vor dem Bildschirm sammeln. Anzunehmen ist, dass die Marinesoldaten keiner Eliteeinheit angehören, die über brutale Schulung gegen derartige Psycho-Folter gewappnet war.
Iran
bestreitet zum einen den Wahrheitsgehalt der Aussagen: So spricht die
offizielle Stellungnahme des Informations- und Pressebüros des Außenministeriums von "Propaganda", von vorbereiteten, "vorbedachten Interviews", die den Freigelassenen diktiert worden seien. Der Sprecher des Außenministeriums versucht, noch einmal das Vergehen in den Vordergrund zur rücken:
Hosseini further said that propaganda and theatrical moves and measures cannot veil the wrong action of the British troops in trespassing on Iran's territorial waters and frequent violation of Iran's borders.
Zum anderen kontert Iran die Vorwürfe aus England ebenfalls mit Foltervorwürfen, allerdings handfesterer Art – begangen an dem Mann, der, wie
spekuliert wird, ausgetauscht wurde und damit Teil eines inoffiziellen Deals war, um die britischen Gefangenen freizubekommen. So
berichtete die offizielle Nachrichtenagentur IRNA gestern, dass Jalal Sharafi in einem Interview mit der staatlichen Nachrichtenagentur dargelegt habe, dass er von "amerikanischen Soldaten und Agenten einer irakischen Organisation", die unter Aufsicht der CIA agiere, "gekidnappt und gefoltert" wurde. Spuren der Folter seien am Körper Sharafis deutlich zu sehen.
The Iranian diplomat noted that the questions of CIA agents mainly concerned Iran's presence in and influence on Iraq. He noted that they kept on asking about the extent of Iran's assistance to Nouri al-Maleki's government and Iraqi groups. "Upon hearing my response about Iran's official relations with the Iraqi government and officials, they continued torturing me".
Demnach sieht es danach aus, als ob sich das "Tit for Tat" zwischen Koalitionsnationen Großbritannien und USA (die ihre militärische Hilfe zur Erhöhung des Drucks auf Teheran
angeboten hatten) und Iran auch künftig fortsetzen wird. Und die Erkenntnis, die manche aus dem Ende der Gefangenen-Krise
zogen, nämlich dass man miteinander reden kann, offenbar nicht weit trägt.
Oder, und das ist eine Hoffnung, die sich empirisch schwer begründen läßt, man sieht auf britischer und amerikanischer Seite genauer hin: Einiges im Ablauf der jüngsten Krise deutet nach
britischen Quellen darauf hin, dass die Aktion, die zur Gefangennahme der 15 britischen Marinesoldaten geführt hat, vor Ort entschieden wurde, höchstwahrscheinlich von einem Kommandeur der Revolutionären Garden (der dann von Ahmedinedschad dafür auch noch ausgezeichnet wurde, womit er Iran keinen großen Gefallen tat). Da in Iran zu dieser Zeit das Neujahrsfest für westliche Verhältnisse unglaubliche zwei Wochen lang begangen wurde, waren Schlüsselfiguren für diplomatische Verhandlungen
angeblich nicht erreichbar:
"Nobody who counted was answering the phone," said one senior British official. "By the time the Iranian leaders got back from the holiday [on Tuesday] the phone was ringing off the hook, including from people they didn't expect, calling on them to release the captives quickly."
Die Gefangenen blieben bis dahin in den Händen der Revolutionären Garden, was laut Guardian "sicherstellte, dass ihr Aufenthalt in Iran unerfreulich sein würde." Es dauerte demnach beinahe zwei Wochen bis der Knoten, der sich mittlerweile um die Krise geschürzt hatte, über diplomatische Verhandlungen wieder gelöst werden konnte, so die britische Zeitung, "weil für ihre Freilassung das Einverständnis von allen Schlüsselspielern im ewigen Poker um die Regierungsmacht in Teheran nötig war."
Erst spät übernahm anscheinend der Nationale Sicherheitsrat in Iran, dem Ali Laridschani, der wirklich relevante Mann, vorsitzt, die Äffäre in die Hände. In Iran herrscht offensichtlich auch großes Misstrauen zwischen den Machtfilialen; im
Sicherheitsrat, sitzen sich Militärs und maßgebliche politische Vertreter gegenüber, was dort entschieden wird, hat den Rückhalt des "Obersten Führers", Ayatollah Khameneis, der mit seiner Unterstützung dem Mißtrauen die Grenzen setzt. Vermutlich nur bis zur nächsten Entscheidung, bis zur nächsten Krise. Weswegen es wahrscheinlich nützlich wäre, wenn sich die westliche Wahrnehmung bei Krisen eher darauf konzentrierte, was an Verlautbarungen, Gesprächsangeboten und "klimatischen Äußerungen" von Laridschani kommt als von anderen. Der Chor von politischen Äußerungen aus Iran ist vielstimmiger, als es das Vorurteil will.
Die Botschaft, die auf Diplomatie setzt, kam aus der relevanten Quelle, eben von Laridschani, mit Khamenei im Rücken. Aber so schön diplomatisch, auf Vernunft bedacht kann man das Bild von Iran gar nicht malen, um unweigerlich nicht doch auf einen düsteren Fleck zu stoßen: in diesem Fall die Behandlung der Gefangenen. Sie hat dem Land geschadet, jenseits jeglicher Verweise auf Unrecht, das anderswo an Gefangenen in schlimmeren Ausmaß begangen wird. Die Aussagen der britischen Marineangehörigen werden bleiben. Und genau denen das richtige Gefühl und die nachfolgenden Argumente liefern, die auf Druck setzen, besonders auf militärischen.
Denn auch der Westen hat sich nach dieser Krise nicht gewandelt. Schon einen Tag nach der Freilassung sprach Tony Blair davon, dass Politik mit Iran nur über "Pressure" laufe und wie der genauer aussehen soll, verrieten eben die Amerikaner mit ihrem Angebot militärischer Unterstützung.