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Thomas Pany 27.06.2007

Afghanistan: Rekordopiumernte und Rekordzahlen für zivile Opfer

Innerhalb kürzester Abstände gab es in der vergangenen Woche Meldungen aus Afghanistan, die von bemerkenswert hohen Opferzahlen berichteten, Zivilisten, die bei Angriffen von westlichen Militärverbänden ums Leben kamen. Nachrichten, die daran erinnern, dass der Skandal nicht beendet ist. Schon im Mai war die hohe Zahl der Zivilopfer in den Schlagzeilen und Präsident Karsai übte laute Kritik am strategischen Vorgehen der westlichen Streitkräfte (vgl. [local] Rosa Cover). Am vergangenen Wochenende schimpfte Karsai erneut. In [extern] "ungewöhnlicher Schärfe" hielt er den westlichen Militärs Fahrlässigkeit vor, mahnte an, dass afghanisches Leben nicht "cheap" sei und forderte laut SZ[1] , dass alle Operationen der Nato künftig exakt abgesprochen werden: "Von jetzt an haben sie so zu arbeiten, wie wir es ihnen sagen."

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Aber wie?

Folgt man den [extern] Ausführungen, die es gestern von einem amerikanischen General zu dieser Sache gab, dann hält man im westlichen Kommando ein Umdenken für unnötig. Man mache ohnehin schon alles richtig und gut, so Gen. Joseph Votel, der zweithöchste Mann im Kommandostab für Nato- und Koalitionsoperationen in Ostafghanistan. Für die gegenwärtig so hohen Verluste unter den Zivilisten sind nach Auffassung des US-Generals keine neuen militärischen Vorgehensweisen der westlichen Verbände, sondern vor allem die Taliban verantwortlich:


We think the procedures we have in place are good. They work. They help us minimize the effects on this...I won't say every instance, but in the large majority of these incidents where we unfortunately do have a civilian injury or death or we cause some damage, in most cases these are caused principally by insurgents who are initiating activities in the direct proximity of villages or where civilians are located.

Votel musste sich äußern, nachdem Associated Press am Sonntag mit einer [extern] Bilanz für größeres Aufsehen sorgte. Zahlen, die AP-Mitarbeiter nach Berichten von afghanischen und auswärtigen Vertretern sowie von Zeugen zusammenrechneten, ergaben nämlich, dass die westlichen Streitkräfte (Nato- und Koalitionstruppen) in diesem Jahr mehr Zivilisten getötet haben als der "militante Widerstand" in Afghanistan: 203 toten Zivilisten bei Angriffen von Koalitionstruppen und NATO-Verbänden stehen demnach 178 Zivilisten gegenüber, die von "Militanten" getötet wurden.

Für bare Münze kann man die Zahlen nicht nehmen, weil es im Grunde unmöglich ist, genaue Zahlen zu ermitteln. Das zeigt sich u.a. auch durch Berechnungen, die zu anderen Ergebnissen kommen. So soll etwa die UN Assistance Mission in Afghanistan ([extern] UNAMA) auf 213 zivile Todesopfer durch Guerilla-Angriffe kommen und 207 tote Zivilisten auf das Konto der westlichen Militärverbände schreiben. So ungenau die Zahlen im Einzelnen sein mögen, so präzise verweisen sie auf den schwachen Punkt der westlichen Operationen in Afghanistan: Sie führen offensichtlich nicht zu den versprochenen Fortschritten, was die Lebensqualität der Bevölkerung angeht, sondern eher zu gegenteiligen Effekten.

Die meisten Erklärungen, die für die hohen Verlustzahlen unter der Zivilbevölkerung angeführt werden, sind aus anderen Kampfzonen assymmetrischer Kriege, z.B. Irak und Libanon, bekannt: Die militanten Guerillas greifen von bewohnten Gegenden aus an, Zivilisten werden als menschliche Schilde missbraucht, ihr Tod bei Anschlägen bewußt miteinkalkuliert (vgl. [local] Waisen, Witwen, Lügen); Guerilla-Taktiken setzen auf Hinterhalte, die von den gegnerischen Truppen mit der Anforderung von Luftunterstützung beantwortet werden, bis diese vor Ort ist, sind die Guerillas verschwunden und meist nur mehr Zivilisten da. Auf der anderen Seite werden verstärkt Luftangriffe geflogen, weil die westlichen Verbände ihre Bodentruppen keinem unnötigen Riskio aussetzen wollen, bzw. weil man zu wenig Bodentruppen hat; die Unterscheidung zwischen Zivilisten und Guerillas ist bei solchen Angriffen unmöglich. Und schließlich wird den westlichen Soldaten immer wieder vorgeworfen, was zuletzt auch in der Kritik Karsais durchscheint, dass sie zu "trigger happy" seien.

Als "Hit and run" wird die Taktik der Guerillas bezeichnet, die mit Sprengsätzen arbeitet und schnellem Verschwinden, ihr Pendant lautet [extern] nach Aussage eines britischen Truppenkommandeurs: "Get in, get out, and call in the air power to light the ground up if necessary." Und mittendrin sind die Zivilisten, die immer mehr zwischen die Fronten geraten.

Wie ein [extern] Bericht der Asia Times zeigt, spielt der Opiumanbau in Afghanistan eine wichtige Rolle im Guerilla-Krieg. Das ist bemerkenswert angesichts der Tatsache, dass der Kampf gegen die Taliban und der Mohnanbau in der Berichterstattung meist als getrennte Themen behandelt werden.


Just about every time we go into the area we engage [the Taliban]. Of course, the fighting tends to be most intense wherever opium cultivation is concentrated

Was für die Briten in Helmand gilt, gilt für andere westliche Nationen in anderen Teilen Afghanistans vermutlich auch: Trotz [extern] gegenläufiger Versprechen hat man es nicht geschafft, die Opiumproduktion im Land zu stoppen, im Gegenteil es werden Rekordernten eingefahren.

Drogen und militanter Widerstand sind untrennbar miteinander verbunden, [extern] zitiert der Guardian einen offiziellen Vertreter Großbritanniens, Versuche, die Mohnfelder zu zerstören, ohne andere Einkommensquellen bereitzustellen, erhöhe die Feindseligkeit gegenüber den ausländischen Truppen und zugleich die Unterstützung der Taliban.

Wiederaufbau und ökonomische Unterstützung sind neben Frieden und Sicherheit der zweite Teil des Versprechens, für das der Westen gegenüber Afghanistan im Wort steht. Die Rekordernten zeigen an, was die dominierende Ökonomie des Landes ist, bislang hat es der Westen nicht geschafft, ihr eine Alternative zur Seite zustellen. Irgendwie, so hat man den Eindruck, hoffte man im westlichen Kommandozentrum darauf, dass sich das Problem von alleine lösen würde, wenn die Afghanen erstmal von den Taliban befreit würden. Die unsichtbare Hand des freien Marktes würde das schon einfädeln...Was aber bleibt an Hoffnung für die Freiheit am Hindukush, wenn weder militärisch noch wirtschaftlich signifikante Siege errungen werden und stattdessen immer mehr getötete Zivilisten in die Schlagzeilen geraten?

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Kommentare lesen
alter schwede hast du dir jetzt auch das letzte stück menschlichkeit weggedröhnt (kakophon 28.6.2007 22:30)
Demletzt kam was auf RT das die Russen der NATO in Afghanistan helfen wollen... (Patriotischer Souverän 28.6.2007 13:22)
Woher wollen die wissen... (RambaZamba 28.6.2007 10:41)
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