Hochamt um fünf nach sechs
Rüdiger Suchsland 11.08.2007
Wie weit ist die Fußballkultur auf den Hund gekommen?
"Es ist immer dieselbe Idee: Tore erzielen, Tore verhindern, mit allen Möglichkeiten, die man gerade hat." Wer möchte da Volker Finke, Oberstudienrat und im Nebenberuf 16 Jahre bis zum vergangenen Juni Trainer beim SC Freiburg, schon ernsthaft widersprechen? Gut, dass die fußballfreie Zeit vorbei ist. Nur, so fragt man sich bange, wer hat denn welche Möglichkeiten und wie steht es überhaupt um den deutschen Fußball?
"Mit dem Fußball geht es wahrscheinlich dem Ende zu. Die Zeichen des Verfalls sind nicht zu übersehen." – diese grauslig-apokalyptische Vision hatte Sepp Herberger, der Fundamentalontologe des deutschen Fußballtums kurz vor seinem Tod 1977. "Wenn es um Fußball geht, kann man nicht gleichgültig bleiben," wusste auch Gerhard Schröder. Fußball, das ist klar, ist nie nur ein Spiel.
Die interessanteste Frage der an diesem Wochenende beginnenden Fußballsaison ist daher die, was eigentlich mit dem FC Bayern wird: Geht er an den eigenen, irgendwie maßlosen Ansprüchen kaputt? Oder zieht er sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf der Vorsaison, als sich der Verein erstmals seit elf Jahren nicht für die Championsleague, sondern "nur" für den UEFA-Cup qualifizieren konnte.
Es gibt unter den verwöhnten Bayern-Fans nun derzeit eine ernsthafte Debatte darüber, ob man die UEFA-Cup-Spiele überhaupt angucken oder sie lieber kurzerhand ignorieren soll. Die Gegner unter den eingefleischten Fans lassen den UEFA-Cup nicht als satisfaktionsfähig gelten und erwarten zudem frühen Misserfolg, weil Spiele gegen Metalist Charkiv, AE Larisia oder Uniao Leiria ja letztlich absolut unter Vereinswürde seien und sich das Team gegen solche Gegner nicht werde konzentrieren können. Die Befürworter verweisen hingegen darauf, dass jeder Titel ein Titel ist, dass das Jahr des letzten UEFA-Cup Sieges der Bayern, die Saison 1995/96 ja eine der schönsten überhaupt in der Bayern-Geschichte gewesen sei - für Nicht-Fans: Damals war Otto Rehhagel ein paar Monate lang Bayern-Trainer, bevor die Knollennase just kurz vor dem UEFA-Finale durch "Kaiser" Franz ersetzt wurde, der dann die Lorbeeren einfuhr; Klinsmann stürmte für den FC Bayern und schoss die Rekordzahl von 15 Toren.
Anzeige
 |
|
Die Deutschland AG aufs Spielfeld übertragen
Früher waren die Trikots des FC Bayern noch rot und das passte gut zum so wadenbeißerischen wie arroganten Image des Vereins, der Tatsache, dass die Bayern das Rote Tuch der Liga waren, mit einem nicht-mehr-als-nötig-Stil, der allemal für ein solid nach Hause gefahrenes 1-0 oder einen unverdienten Ausgleich in der Nachspielzeit gut war, und mit Trainern - Udo Latteck, Jupp Heynckes - deren Kopf in mittlerem Erregungszustand knallrot anlief. Heynckes wurde ob dieser Tatsache von Stefan Effenberg einst treffend "Osram" genannt. Respekt und Hass, Bewunderung und Verachtung schlugen dem Verein damals entgegen; der FC Bayern der 80er und frühen 2000er-Jahre war eine gut geschmierte, höchst effektive Maschine, bei der ein Rädchen ins andere griff.
Wer erinnerte sich nicht an das "Aktuelle Sportstudio" im Mai 1989, das als öffentlich inszenierte Vermittlung beabsichtigt war, und in dem Bayern-Manager Hoeneß und Trainer Heynckes auf Christoph Daum trafen, Trainer des damals schärfsten Bayern-Verfolgers Köln und als "Lautsprecher der Liga" der Haupt-Kritiker des Bayern-Stils. Ein heftiger Schlagabtausch entzündete sich, als Daum den damaligen Bayern-Trainer als "Hampelmann" bezeichnete, und es begann ein Haut-den-Lukas-Wettstreit zwischen Daum und Hoeneß, mit einem verkrampft schweigenden, puterrot werdenden Heynckes dazwischen. Hoeneß' nachträgliche Beschreibung verdeutlicht perfekt den damaligen Bayern-Stil:
Und da haben wir ganz klar eine Strategie festgelegt, dass wir gesagt haben, Jupp: Du hältst Dich raus, Du machst den smarten Trainer Jupp Heynckes, und ich attackiere voll, ich bin bereit, für alles, was der Dir angetan hat die letzten 6 Monate, den heute zu bestrafen.
Der FC Bayern, das war die Deutschland AG aufs Spielfeld übertragen, eine Kombination aus Siemens und der CSU sozusagen.
Bayerische Sorgen
Aber wie Siemens und die CSU ist auch der FC Bayern derzeit nicht mehr das, was er einmal war. Heute sieht das Bayern-Leibchen entweder etwa so aus, wie das Auswärtstrikot des VfB Stuttgart oder es ist gleich ganz weiß - passend zur Kapitulation, die der Verein zuletzt erleben musste. Dies versinnbildlicht die Krise, die dem FC Bayern erst noch bevorsteht, obwohl der Verein die Erschütterungen nach der Entlassung von Felix Magath überwunden hat. Die Selbstzufriedenheit, zu der die Bayern in Zeiten ihrer ungefährdeten Vormachtstellung neigten, hat die Bruchlinien nur übertüncht, die es in der Vereinsführung schon seit längerem gegeben hat. Aber genau das, was die Bayern so unangenehm gemacht hat, ihre "Mir-san-mir"-Bräsigkeit, die unerschütterliche Überzeugung, dass nur der FC Bayern das Recht auf die Titel, ja die Macht und Wahrheit im Fußball gepachtet hat, ist den Verantwortlichen jetzt spürbar abhanden gekommen. Ein Grund zu erschrecken.
Der Fall Magath ist bisher nicht aufgearbeitet. Vergangen, entlassen und vorbei - es gibt keine Diskussion über Fehler, die gemacht wurden, darüber wie es kommen kann, dass ein Trainer zweimal hintereinander das Double holt - ein zuvor nie gesehener Rekord - und dann nach ein paar schlechten Liga-Spielen entlassen wird - obwohl zum Saisonanfang im August 2006 noch von einem "Jahr des Übergangs" und der Verjüngung die Rede war.
Keine Frage: der Verein wurde in den letzten Magath-Spielen zur Lachnummer. Aber hat man Magath wirklich eine Chance gegeben? Warum bekam er nicht 70 Millionen Einkaufsgeld, um ein neues Team zu bauen? Und was ist davon zu halten, dass man mit Otmar Hitzfeld, dessen Können und Verdienste unbestritten sind, jetzt einen Fußballrentner zurückholt? Hitzfeld will's noch mal wissen, nun gut. Aber erinnern wir uns auch, dass der distanzierte Mathematiklehrer im Traineranzug seinem extremen Erfolgsbedürfnis bisher immer das Spielerische geopfert hat. Schon früher beim FC Bayern und zuvor in Dortmund trat er gegenüber dem Präsidium sehr fordernd auf, holte Stars, wurde aber irgendwann die Geister nicht mehr los, die er rief.
Das Erstrunden-Pokalmatch gegen Regionalligist Wacker Burghausen, bei dem sich die Bayern erst im Elfmeterschießen durchsetzen konnten, gab einen Vorgeschmack: Die Mannschaft spielte keineswegs schlecht, es fehlt weder an guten Spielern, noch am Willen. Aber es fehlt die Idee.
Geld schießt doch Tore
Nur nach außen wirkte der Verein auch zuletzt wie ein monolithischer Block. Stattdessen hat der FC Bayern mit seiner Doppelrolle als Möchtegern-Global-Player und volksverbundener Erster unter Gleichen in der Bundesliga zunehmend Probleme. Lange Zeit gab Uli Hoeneß als eine Art Hausmeier des Vereins den Ton an, Doch gegenüber dem letztlich einem Mittelstandsdenken verhafteten Hoeneß scheint sich jetzt Vereinsvorstand Karl-Heinz Rummenigge durchgesetzt zu haben, der schon länger das große Rad drehen will, obwohl nicht wenige der Ansicht sind, dass in Rummenigges Fall das Großsprecherische mit einem beschränkten Horizont einhergeht.
Noch kürzlich wetterte Hoeneß gegen die "Hasardeure" und ihre Ausgabenpolitik, jetzt hat er die Rekordsumme von 70 Millionen Euro für Spielerkäufe investiert. Gemessen am Jahresumsatz von 205 Millionen (2006) ist dies mit über 30 Prozent eine stolze Investitionsquote. Trotzdem wird man auf absehbare Zeit im Fußball der Russen-Oligarchen, US-Milliardäre und italienischen Medienkonzerne nicht mithalten können. Denn entgegen zu der in Fußball-Deutschland unbewusst immer noch dominierenden romantischen Überzeugung, dass jeder jeden schlagen könne und irgendwie alle eine Chance auf den Titel hätten, wird der Abstand zwischen den Spitzenklubs und den übrigen Mitläufern (zu denen sämtliche deutschen Vereine gehören) auf Europa bezogen immer größer. Geld schießt eben doch Tore und die Europa-Liga existiert de facto längst. Nur ist kein deutscher Verein dabei.
Genau aus diesem Grund kann das Schicksal des FC Bayern, der Ausgang des derzeitigen Experiments auch denjenigen deutschen Fußball-Fans nicht völlig gleichgültig sein, die die Bayern nicht mögen. Man muss den Meisterschaftsvierten nicht mögen, um ihm die Daumen zu drücken. Es sei denn, man möchte in Zukunft lieber Chelsea gegen Mailand und Madrid gegen Manchester angucken. Um so erschreckender, dass die Verantwortung für dessen Erfolg auf den Schultern von Leuten wie Rummenigge ruht. Aber wie andere Bereiche der Gesellschaft steht auch der deutsche Fußball unter Modernisierungszwang, vor der Wahl, sich zu verändern oder kaputt zu gehen.
Die Frage ist daher eher, ob sich die Veränderung anders als neoliberal organisieren lässt und ob der konservative christlich-soziale Bayern-Stil hierfür der richtige ist.
Man muss über Geld reden
Man darf nicht nur marketingtauglich von "Emotion" reden, man muss über Geld sprechen. Die Fußballindustrie ist ein Wirtschaftszweig von großer gesellschaftlicher Bedeutung. Mit einer mehrfachen Verhundertfachung der Renditen in gut vier Jahrzehnten steht die Fußballindustrie in der kapitalistischen Wirtschaft an der Spitze. Ein Faktum, das in der Berichterstattung kaum reflektiert wird.
Die Fußballindustrie ist daher auch ein Politikum der Medienpolitik: Kein anderes Ereignis ist nämlich den deutschen Gebühren- und Steuerzahlern so teuer wie der Fußball. Für diese Leidenschaft müssen auch die, die im Fußball allenfalls Zeitverschwendung sehen, kräftig mitbezahlen - nämlich wenn ARD und ZDF sich irgendwelche Rechte sichern. Die Widersprüchlichkeit der meisten deutschen Fußballbetrachtung liegt daher darin, dass hier die Sender über eigene Produkte berichten, und den Teufel tun werden, ihre teuer erkaufte Marke kaputtzumachen.
An jedem Spieltag geht es zwar um horrende Summen, aber in der Berichterstattung, besonders im Fernsehen, dominiert ein kritikloses Abfeiern von Ereignissen, das in anderen Bereichen undenkbar wäre. Es geht nur, weil es der Industrie gelingt, dem Publikum solchen Fußball als reinen sportlichen Wettkampf zu verkaufen. Nur darum war es auch möglich, dass das absurdeste Ergebnis der letzten WM weitgehend unkommentiert und unkritisiert blieb: Die Kosten der WM wurden vergesellschaftet, die Millionengewinne aber privatisiert. Müllabfuhr, Krankenwagen, Polizeieinsätze und andere Sicherheitsmaßnahmen wurden von den Kommunen, also den Bürgern gezahlt, die Gewinne aus Tickets, Rechten und Marketing aber gingen an die FIFA: Über 200 Millionen Schweizer Franken.
Der kurzfristige Erfolg von Jürgen Klinsmanns Voluntarismus macht in diesem Zusammenhang für all das eher blind, wie auch überhaupt für die Realitäten des globalisierten Fußball und die Umwandlung der Vereine in Kapitalgesellschaften. Mehr und mehr greift der Kommerz in den Sport ein, regieren die Einschaltquoten. Und ein entsprechendes Marketing. Bei Hertha BSC Berlin, da mag es auch bitter nötig sein, verstärkt man jetzt die Fangesänge mit Lautsprecher. Das Bier ist alkoholfrei, es gibt Rauchverbote im Stadion, und die Trainer reden so geschliffen wie Pressesprecher. Was klassisch mit dem Fußball einherging, setzt der neue Fußball außer Kraft: Freundschaft, Solidarität, und vor allem die Verhältnismäßigkeit von Lohn und Arbeit, von Wert und Produkt.
Darum ist eine romantische Wahrnehmung des Fußballs - etwa das immer wiederkehrende Lamento um die letzten authentischen Straßenfußballer - völlig unangebracht: Kein anderer Arbeitsmarkt ist heute vernetzter als der des Fußballs. In keinem anderen Bereich werden bereits 10 und 11-jährige auf ihre zukünftige Berufstauglichkeit hin beobachtet, erfasst, trainiert, kaserniert, in Verträgen gebunden. Hier verlangen auch die einwanderungsstörrischen Deutschen Leistung ohne Blick auf den nationalen Pass. In keinem anderen Bereich werden Differenzen und Eigenheiten ähnlich durch Standardisierung ausgelöscht. So ging es auch den Vereinen, die längst zu hyperkommerzialisierten Dienstleistungsanstalten mutiert sind. Dazu hat ein absurder Transferrausch eingesetzt.
Insgesamt 170 Millionen Euro haben die 18 Vereine der ersten Liga investiert - ein neuer Rekord. Zugleich steigen die Gefahren. Bei 578 Millionen Euro, Tendenz steigend, liegen die Gehälter. Allein der FC Schalke 04 hat 200 Millionen Euro Schulden. Vorsicht nun aber auch vor der Klage über solche Entfremdung vom Eigentlichen. Die Zuschauer und "Fans" sind an der Entwicklung nämlich genauso schuld, wie die "Geiz-ist-geil-Deutschen" am Supermarkt-Angebot und regelmäßigen Lebensmittelskandalen. Sie haben sich ohne echten Widerstand von der Allianz aus smarten Managern, eitlen Funktionären und den Medien kommerzialisieren lassen.
Hoffenheim in die Championsleague?
Aus alldem folgt naturgemäß Frage Nummer Zwei: Was ist eigentlich mit dem Rest? Wann holt Leverkusen Rainer Calmund zurück? Vor allem: Was passiert in Wolfsburg? Zweimal nur mit viel Glück dem Abstieg entronnen wird man in dem mausgrauen VW-Werksverein jetzt von Felix Magath trainiert. Einst als "Quälix" und "Saddam" der härteste Trainer der Liga, respektiert, aber ungeliebt, hat er jetzt beim VfL Wolfsburg als "Mr.Allmächtig" alle Zügel in der Hand und keine Entschuldigungen mehr zur Verfügung. Man darf vermuten, dass seine Erfolgslust auch noch von Rachegelüsten gegenüber der kränkenden Entlassung beim FC Bayern befeuert wird. Andererseits: Magaths Engagements waren zwar immer kurzfristig erfolgreich, aber auch kurz.
Seine Reden über den Egoismus der Spieler und den Vorrang der Mannschaftsinteressen - "Der Mensch ist einfach willensstärker, wenn er etwas für die Gemeinschaft tut, statt nur für sich." - sind bei den Profis ebensowenig beliebt wie Bergwanderungen mit dem Medizinball in der Hand.
Auch wenn in Wolfsburg der ganz große Erfolg vermutlich ausbleiben wird: Ein zweites Leverkusen ist möglich. Und bald wird noch SAP, pardon: TSG Hoffenheim dazukommen. Vielleicht zeigt Boss Dietmar Hopp, einer der reichsten Deutschen, Uli Hoeneß sogar, wie man die Championsleague gewinnt - dem Fußball wird damit noch ein Stück mehr Seele geraubt, und die Zukunft kann in den aseptischen, in der Retorte entstandenen nouveaux riches der Szene nicht liegen. Aber die alten Bodenhaftungsvereine wie Dortmund, Schalke, Hamburg reißen es auch nicht, Stuttgart wird wieder acht bis 14 Jahre auf den nächsten Meistertitel warten, Bremen kann die Saison abhacken. Nürnberg wird kaum wieder so gut werden wie im letzten Jahr, vielleicht wird Frankfurt das neue Nürnberg. Vielleicht Hannover. Das sind alles nur begründete Spekulationen, klar, ebenso wie die, dass Bochum und Bielefeld und Cottbus weit unten bleiben werden, ebenso wie Duisburg und Rostock und Karlsruhe. Und zu Hertha BSC fällt einem schon lange gar nichts mehr ein.
Zweite Liga statt erste? 1860 und St.Pauli statt HSV und FCB?
Angesichts dieser Fülle uninteressanter, nur für den regionalen Fan interessanten Vereine entsteht das Bild einer Liga grauer Mäuse. Fast drängt sich die dritte Frage auf: Wie weit ist eine Fußballkultur, die Fußballtradition auf den Hund gekommen? Ist die Zweite Liga womöglich unter Fußball-Fan-Gesichtspunkten interessanter als die erste?
Zumindest ist es wohl "die stärkste zweite Liga aller Zeiten", wie Bruno Labbadia, Ex-Bayern-Spieler und neuer Trainer der SpVgg. Fürth, vermutet. Traditionsvereine wie Fürth, Borussia Mönchengladbach, Alemannia Aachen, 1. FC Köln, 1. FC Kaiserslautern, München 1860, FC Augsburg, VfL Osnabrück, Offenbach, Carl Zeiss Jena und St. Pauli, dazu die Pop-Klubs Mainz 05 und SC Freiburg sorgen für interessante Paarungen und gute Namen, Neureiche wie Hoffenheim zumindest für Aufmerksamkeit - da machen die paar Gesichtslosen wie Paderborn, Wehen, Koblenz nichts aus. Vielleicht sollte man sich also mehr mit 1860 und St.Pauli beschäftigen als mit HSV und FCB?
Die Sportschau
Fußball ist nie nur ein Spiel. Es ist auch eine konservative Angelegenheit. Darum muss man hier auch an zwei unentbehrliche Dinge im Zusammenhang der Fußball-Bundesliga erinnern, Dinge, die so wenig verschwinden wie die Sprüche Sepp-Herbergers oder die Dribbelstärke der brasilianischen Nationalmannschaft und die zumindest eine Ahnung geben von der alten Fußballwelt, die derzeit verschwindet. Da ist zum einen die "Sportschau" der ARD, die 2003 wie ein Phoenix aus der Asche ihrer eigenen Geschichte wieder auferstand.
"Zwei Minuten gespielt, noch immer hohes Tempo." Wer an die alte "Sportschau" der ARD zurückdenkt, kommt zum Beispiel um Holger Obermann nicht herum. Mit seiner blonden Haarmatte, die aus dem Niemandsland zwischen Eintracht-Kicker Jürgen Graboswki und Schlagersänger Jürgen Marcus stammte, gehörte er zu den jüngeren, vergleichsweise geradezu rebellischen Moderatoren der Sendung, die an Beamtenhaftigkeit noch die "Tagesschau" zu besten Karl-Heinz-Köpcke-Zeiten übertrumpfte. Obermann war, in seiner Mischung aus Leutseligkeit und Überforderung, einer der Grenzen sprengte. Einmal kommentierte er – "wieder ein Konter, wieder drüber!" – sogar eine Wiederholung, ohne es zu merken.
Ein Leben ohne Sportschau schien für die Generation der zwischen 1955 und 1975 Geborenen unvorstellbar. 27 Jahre lang war sie das Hohepriesteramt des deutschen Fußballs gewesen, mit dem man aufgewachsen war. Hier versammelte sich jeden Samstag, pünktlich um kurz vor sechs die Gemeinde im Wohnzimmer, betrachtete - einer für alle, alle für einen - das vertrauenswürdige Lächeln des Ernst Huberty, die lustigen Blicke von Adi Furler (der sich allerdings nur dann wirklich erregen konnte, wenn es um den "Galopper des Jahres" ging), sah auf den zitternden Schnauzer von Eberhard Stanjek, den Mund von Fritz Klein, der besonders verkniffen war, wenn der HSV wieder einmal verloren hatte und lauschte der unverwechselbaren Stimme von Wolfhard Kuhlins, der immer "Du-Isburg" sagte, wenn der MSV spielte. Irgendwann gegen zehn Minuten vor sieben schlug Kuhlins' Stunde. Dann durfte er, der nie die Sportschau moderierte, vom Sprechertisch aus die restlichen Fussballergebnisse verlesen, auch die der Zweiten Liga, die damals noch zweigeteilt war und mit Schlagerspielen wie VfR Bürstadt gegen Hanau 93 aufwarten konnte.
Denn das Motto "alle Spiele, alle Tore" galt damals noch nicht. Gerade mal drei Partien plus kurzer Ausschnitte aus den bis zu drei Freitagsspielen gab es zu sehen, keine Studiogäste, kein Saalpublikum. Dafür strenge Sachlichkeit, aufgepeppt mit gedämpft lockeren Spielchen wie dem "Tor des Monats" und dem "Fußballballett": schnell geschnittene Spielausschnitte die im Vor/Rücklauf zu rhythmischen Bewegungen verschmolzen – Schmunzelhumor im Stil der 70er Jahre und zumindest für einen Grundschüler, der Eintracht Braunschweig noch nicht vom Wuppertaler SV unterscheiden konnte, das größte Vergnügen.
Dargeboten wurde das alles in pastellfarbenen Studiowänden. Lindgrün, hellblau. Die Namen der Mannschaften standen in schwarzer Schrift auf gelben Papptafeln, die manchmal etwas schief an die Wand gepappt waren - an Computergrafik dachte damals niemand. Auch die Kommentare wirken aus heutiger Sicht wie aus der Steinzeit: "Schwarzenbeck. Hoeneß. Zurück zu Meier. Kapellmann. Müller. Tor." – dies der typische 70er-Jahre-Minimalismus, der nur von wenigen Reportern spielerisch oder emotional unterbrochen wurde.
Die "Sportschau" war in ihren Bildern, in ihrer Präsentationsweise, mit ihren Sprechern ein Kind jener Zeit zwischen "Wirtschaftswunder" und "Deutschem Herbst", als die Stadien noch "Rote Erde" oder "Grothenburg Kampfbahn" hießen, nicht AOL-Arena. Damals watschelte "Ente" Lippens bei Rot-Weiß Essen, flankte "Flankengott" Abramcik bei Schalke, grätschte "Terrier" Vogts, schlenzte "Kaiser" Franz die Bälle aus dem Bayer-Strafraum, und Günter Netzer kam aus der Tiefe des Raumes. Es gab noch keine "Ja gut, äh"-Interviews, sondern Fakten, Zahlen, nüchterne Analysen: "Damit ist 1860 abgestiegen."
Diese Zeiten sind vorbei, so wie die Jugend der "Generation Sportschau" vorbei ist. Heute sind die Fußballer kühle Profis, die nach keinem Tier mehr benannt werden – und zum Monarch oder Gott langt es erst recht nicht. Und die neue Sportschau moderiert Reinhold Beckmann – der Zombie von Sat.1, der einst schon "ran" als Jahrmarkt managte, dabei aber kühl und weichgespült. Genau auf die Abkehr von diesem Stil kann man heute leider nicht mehr hoffen, wo die Werbeblöcke der auf zwei Stunden aufgeblasenen Sendung fast so lang sind, wie die Berichte.
Rote Schlabberbibel
Die wirkliche letzte und funkelnste Perle aus der Nation der Terrier, Bomber und Kaiser hat Bestand, und erstrahlt auch 2007 schöner und dicker den je: Das alljährliche, mit wachsender Ungeduld erwartete Kicker Sonderheft zur beginnenden Bundesliga-Saison. Die rote Schlabberbibel des Fußballfans gehört seit Jahr und Tag zur unvermeidlichen Ausstattung des wahren Fans. Üblicherweise liegt sie am Fernsehtisch immer direkt unter der TV-Zeitung, mitunter schmückt die Arbeitsplatte im Hobbykeller ein Zweitexemplar. "Das Original" steht auf dem Titel, doch hätte es dieses Hinweises gar nicht bedurft. Jeder weiß: nur wo "Kicker" draufsteht, ist auch "Kicker" drin.
Denn die Ausstattung ist in jeder Hinsicht von klassisch-zeitlosem Format. Keine beigefügte DVD zollt aktuellen Moden Tribut, nicht bunte Bilder dominieren, sondern seitenlange tiefgründige Analysen, die kaum eine Frage offenlassen. In der Heftmitte findet sich die pappverstärkte Stecktabelle für erste und zweite Liga, mit vorgestanzten Vereinsemblemen. Jede Woche neu kann man hier den Tabellenstand aktualisieren, das rote Heft zücken, und die Lage der Liga mit den Tabellenständen der vergangenen 44 Jahre vergleichen.
Fakten, Fakten, Fakten sind in jeder Hinsicht Trumpf. Die berühmten Seiten zu einzelnen Mannschaften lassen kein wichtiges Detail aus. So erfahren wir zum Beispiel, dass der bisher nicht weiter aufgefallene (7 Spiele, 0 Tore) Stürmer Hendrik Hahne von Hannover 96 am 15.4.86 geboren wurde, 1.73m lang und 65 Kg schwer ist, und zuvor beim VfV Hildesheim und dem Duinger SC gekickt hat. Wer weiß, wozu dies Wissen noch gut sein mag?
Hinzu kommen vollständige Tabellen aller Regional- und Oberligen, aller internationalen Wettkämpfe und Auslandsligen, und ein Spielplan. Diese Kombination macht aus dem Sonderheft eine Art Jahresfahrplan für Fußballinteressierte. "Und immer an die Leser denken" – diese Weisheit guten Journalismus' zu befolgen ist für die Redaktion gar nicht so einfach. Man bedenke, dass das Heft sowohl von den analphabeten Halbdebilen aus irgendeiner Nordkurve, als auch von volldebilen SAT-1 Journalisten und natürlich von besserwisserischen Telepolis-Autoren gekauft wird. Eine große Spannbreite, die da abgedeckt werden muss. Doch auch das neueste Heft meistert seine schwierige Aufgabe souverän. Statistik pur bietet eine Aufstellung über 44 Jahre Bundesliga, die allein schon den Kaufpreis von 5.40 Euro wert ist (der übrigens seit zehn Jahren kaum gestiegen ist, damals lag er bei 9 DM): Wer es bis dahin noch nicht wusste, weiß spätestens jetzt, dass Christian Wörns der erfahrenste aktive Feldspieler der Bundesliga ist, Olli Kahn nach menschlichem Ermessen in einem Jahr die drittmeisten Spiele gespielt haben wird, die je einer in der Bundesliga spielte und dass Manfred Burgsmüller in der ewigen Toschützenliste mit 213 Toren auf Platz vier liegt.
Die Grundhaltung der Macher ist die aller wahren Fans: unkritisch-positivistisch präsentiert man Statistiken, ohne über Ursachen zu räsonnieren. Die scheinen auch dort nur zwischen den Zeilen auf, wenn Meistermanger Horst Heldt und Bayern-Vorstand Rummenigge über deutschen Fußball plaudern. Hoch anzurechnen ist dem Kicker der Mut zur Prognose. Erfahrungsgemäß spiegelt sich hier zwar eher die abgelaufene als die neue Saison. Doch: Der FC Bayern wird Meister lautet das einhellige Urteil, gefolgt von Bremen und Schalke. Absteigen müssen wohl Duisburg und Cottbus.
Interessanter sind da die genauen Analysen einzelner Vereine: detailliert begründet erfahren wir zum Beispiel, warum Dortmund nicht mehr Nummer drei im Revier bleibt, Hertha BSC wieder enttäuscht, und Bielefeld wahrscheinlich absteigt.
Ganz am Ende erst rückt man von solch kontrollierter Sachlichkeit ab: "Unser Dopingmittel Nummer 1: Der Ball", kasperlt Django Asyl. Das ist offenbar als humoriger Ausklang gedacht, und erinnert uns doch nur unsanft an die Lesergruppe, mit der man es hier in großer Mehrheit zu tun hat: Hunderttausende Stammtisch-Trainer bekommen hier noch etwas zum schmunzeln. Am hohen Wert und einzigartigen Preis-Leistungsverhältnis des Kicker-Sonderhefts ändert das natürlich nichts: Ein einzigartiger, unentbehrlicher Wegweiser in finsterer Zeit.