"Starke Korrelation" zwischen Virus und CCD
Peter Mühlbauer 08.09.2007
Genetiker und Zoologen glauben sich beim Rätsel um das Bienensterben auf der richtigen Spur
In der aktuellen Express-Online-Ausgabe der Zeitschrift
Science kommen mehrere Wissenschaftler zu Wort, die nach ausführlichen Untersuchungen einen Zusammenhang zwischen dem Israel Acute Paralysis Virus (IAPV) und dem mysteriösen Bienensterben Colony Collapse Disorder (CCD) sehen, das bisher etwa 23 % der amerikanischen Bienenvölker vernichtet haben soll.
An den Forschungen waren unter anderem
Ian Lipkin vom Center for Infection and Immunology an der Mailman School of Public Health,
Diana Cox-Foster von der Pennsylvania State University,
Jay Daniel Evans vom Bienenforschungslabor des US-Landwirtschaftsministeriums und
Nancy A. Moran von der University of Arizona beteiligt. Der von ihnen entdeckte Zusammenhang ist bisher allerdings lediglich ein rein statistischer und kein kausaler.
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| Bild: Science |
Die Wissenschaftler untersuchten das Genmaterial aus Kolonien, in denen es ein Massensterben gegeben hatte, sowie Material aus Stücken in Pennsylvania und Hawaii, die von dem rätselhaften Sterben nicht betroffen waren. Proben aus Hawaii wurden deshalb gewählt, weil sie auch frei von Varroa-Milben waren, die ebenfalls als möglicher Mitverursacher von CCD gehandelt wurden. Dann wurden die Ergebnisse mit den Daten der Gen-Bank des
U.S. National Center for Biology Information verglichen.
In den Proben aus den Todeskolonien fanden die Wissenschaftler neben dem Genom der Honigbiene das von Bakterien, Pilzen und Viren. Die meisten davon waren Organismen, die in symbiotischer Beziehung mit den Bienen leben, vergleichbar mit den Bakterien im menschlichen Darm. Auffällig war das Genom das IAPV-Virus, das in den Todeskolonien signifikant häufiger als in den nicht vom Massensterben betroffenen Kolonien vorkam. Bei anderen Verdächtigen wie dem Kaschmirbienenvirus und dem Pilz
Nosema Ceranae konnte keine solche Korrelation festgestellt werden. Ein anderer Pilz,
Nosema Apis, scheint das Risiko für CCD zwar zu erhöhen, allerdings in weit geringerem Ausmaß als IAPV.
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Entdeckt wurde das Virus vor drei Jahren. Bei befallenen Bienen führt es erst zu Zittern, dann zu Lähmungserscheinungen und schließlich zum Tod, der in den meisten Fällen außerhalb des Stocks eintritt. Das würde erklären, warum das Massensterben anfangs wie ein "Verschwinden" der Bienen aussah, was unter anderem dazu führte, dass man auch die durch
Mobiltelefone erzeugte Strahlung als Verdächtigen ins Auge fasste, von der gemutmaßt wurde, sie könne den Orientierungssinn der Insekten durcheinander bringen.
Allerdings entsprechen die in den USA beobachteten Symptome nicht genau denen, die der Entdecker des IAVP-Virus beschrieb. Die Wissenschaftler vermuten deshalb, dass es sich um einen etwas anderen Virenstamm handeln könnte. Eingeschleppt wurde das Virus wahrscheinlich aus Australien. Das schlossen die Wissenschaftler, weil sie es in allen Kolonien fanden, die aus Australien importiert worden waren. Auch zeitlich passen die ersten Importe aus Australien 2004 mit den ersten Berichten über CCD zusammen. Allerdings gibt es in Australien zwar das Virus – aber kein Bienensterben.
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| Bild: Science |
Die Wissenschaftler vermuten deshalb ein Zusammenwirken von mehreren Faktoren. Ein möglicher Einfluss wäre die Varroa-Milbe, die es in Australien nicht gibt, und der aus dem Vorhandensein der Milbe in den USA resultierende verstärkte Einsatz von Pestiziden. Andere mögliche Faktoren sind Reisestress und Überarbeitung: Die amerikanischen Bienenvölker werden über weite Strecken und durch verschiedene Klimazonen von Obstplantage zu Obstplantage transportiert. Die Arbeit beginnt für sie bereits im Februar mit der kalifornischen Mandelblüte, setzt sich in den Apfel- und Blaubeerplantagen im Norden fort und endet erst mit den Zitronenbäumen Floridas. Der teilweise stark pestizidbelastete Honig ist dabei nur ein "Abfallprodukt" der bezahlten Bestäubung.
Als nächsten Schritt planen die Wissenschaftler die absichtliche und kontrollierte Infektion gesunder Bienenstöcke mit IAPV. Sollte sich ihre Theorie in diesen Experimenten bestätigen, so könnte der Import von IAPV-resistenten Bienen aus Israel das CCD-Problem eventuell lösen.