Kleine Gruselmomente im Herbst
Thomas Pany 08.10.2007
USA/Iran: Neue Anschuldigungen und alte Drohungen
Immer wieder neu fingern sich Repräsentanten Washingtons Terrorismus-Etiketten aus einer unerschöpflichen Quelle und
heften sie an Iran (vgl.
Schlagabtausch zwischen Teheran und Washington). Steter Tropfen höhlt den Stein? Seit Jahresbeginn reiht sich Anschuldigung an Anschuldigung und wird salvenartig Richtung Teheran geschickt. Die Weltöffentlichkeit soll lernen: Iran sabotiert die amerikanische Mission und die Sicherheit im Irak und lässt US-Soldaten töten.
Die Drahtzieher hinter den Kulissen sind laut Washington die Revolutionären Garden, bzw. eine ihrer Einheiten, die nach dem arabischen Namen für Jerusalem al-Quds genannt wird. Eindeutige Beweise für diese Anschuldigungen stehen noch aus. Für Skeptiker ist klar: das Fehlen der Beweise wird durch massives Beschuldigen übertüncht. Die beständige Öffentlichkeitsarbeit der Regierung Bush, die Iran mit Terrorismus in engste Verbindungen rückt, dient der Vorbereitung von schlimmeren Angriffen.
Nun hat am Wochenende ein Mann diesen Vorwürfen noch eine Spitze aufgesetzt. General David H. Petraeus, Oberkommandeur der amerikanischen Truppen im Irak,
wiederholte vor Journalisten zunächst die üblichen Vorwürfe: iranische Waffenlieferungen (besonders Straßenbomben) an schiitische Milizen, die US-Truppen angreifen, Planung und Unterstützung solcher Angriffe. Dann ließ er selbst eine kleine Bombe fallen: Das ganze Spektrum der Operationen der al-Quds-Milizen im Irak, die das Land unter Kontrolle zu bringen versuchen, zeige sich deutlich darin, dass auch der iranische Botschafter im Irak Mitglied der al-Quds sei, weswegen explizitere Ermittlungen nicht möglich sind. Schließlich genieße er diplomatische Immunität. Auch Petraeus lieferte folglich keine Beweise, aber immerhin Gewissheiten ("We have absolute assurance"):
The Quds Force controls the policy for Iraq; there should be no confusion about that either. The ambassador is a Quds Force member. Now he has diplomatic immunity and therefore he is obviously not subject — and he is acting as a diplomat.
Anzeige
 |
|
Das Beunruhigende: General Petraeus hat auch unter scharfen Kritikern von Präsident Bush, wie etwa dem prominenten Anti-Irak-Kriegs-Blogger
Juan Cole, keinen schlechten Ruf, insbesondere nicht den eines Hetzers. Petraeus gilt eher als besonnen. Heißt das nun, dass an den Vorwürfen gegen Iran doch mehr dran ist, als man einräumen will - nach den bisherigen Erfahrungen mit der Lügenmaschinerie in der Bush-Regierung? Oder ist dem General etwas Anderes wichtiger als Ehrlichkeit - schließlich ist er Kommandeur einer kämpfenden Truppe?
Dass zwischen Wahrheit und Lüge viel Platz für Kalter-Krieg-Manöver ist, welche sich der eigenen Anhängerschaft versichern sollen, weiß auch der iranische Propaganda-Präsident. So hatte Ahmadinedschad bei seinem USA-Besuch eben nicht nur seinen spektakulären Auftritt in der Columbia-Universität (vgl.
Der Böse auf dem Planeten der Freiheit), sondern auch einen weiteren,
"ruhigeren und wärmeren Austausch" - mit Christenführern aus den USA und Kanada. Dort hat ihn ein Professor für christliche Ethik, Glen Stassen, mit der Frage konfrontiert, auf deren Beantwortung die halbe Welt wartet: Ob der iranische Präsident denn garantieren könne, dass Iran keine Gewalt gegen Israel ausüben werde:
Could there be an Iranian guarantee of no violence against Israel?
Ahmadinedschad wollte ein dreiminütige Auszeit - für seinen Übersetzer. Nach der Pause sagte er, dass es die Vereinigten Staaten seien und die "Zionisten", die Atomwaffen hätten, während Iran Uran nur zu friedlichen Zwecken anreichern wolle.
"War sich Ahmadinejad nicht sicher, was er sagen wollte? Nie darüber nachgedacht? Oder war er sich nicht sicher, was er sagen darf, denn als Präsident liegen Fragen von Krieg und Frieden weit oberhalb seiner Hutschnur? Ansonsten ist er doch nicht so zurückhaltend", fragte sich zu Recht der deutsche Journalist Martin Ebbing, der von Teheran aus über Iran
berichtet und auch deshalb sichere Distanz zur Propaganda westlicher Machart bewahrt. Doch auch Ebbing findet es beunruhigend, dass Ahmadinedschad hier keine klare eindeutige Antwort gegeben hat. Es bleiben die üblichen düsteren Spekulationen:
Oder war er ein wenig verwirrt, weil er vielleicht schon angreifen möchte, aber dem Iran dazu die Mittel fehlen. Oder witterte er eine Fangfrage: wenn er sagen würde, nein, wir greifen Israel nicht an, würde er implizit die Existenz des Staates Israel anerkennen? Mit solchen diplomatischen Feinheiten hält sich Ahmadinejad gewöhnlich allerdings nicht auf.