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Weltweit nehmen Hunger und Unterernährung zu

Wolfgang Pomrehn 29.10.2007

UN-Berichterstatter gibt Agrarsprit-Boom Mitschuld und fordert ein Moratorium sowie den Einsatz von Pflanzen, die nicht mit Nahrungsmitteln konkurrieren

Mit scharfen Worten hat am Freitag in New York auf einer Pressekonferenz der UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, Jean Ziegler, die Produktion von Kraftstoffen aus Nahrungsmitteln [extern] angegriffen. "Es gibt genug Nahrung auf dem Planeten, um zwölf Milliarden Menschen zu ernähren, fast das Doppelte der gegenwärtigen Bevölkerung, doch weltweit nimmt der Hunger zu, und die Gründe sind alle von Menschen verursacht", sagte Ziegler im UN-Hauptquartier am Hudson River in Manhattan. 100.000 Menschen, so der streitbare Schweizer, sterben täglich am Hunger oder dessen Folgen. Ein Sechstel der Weltbevölkerung sei schwer und dauerhaft unterernährt.

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Obwohl die Vereinten Nationen das Recht auf Nahrung als ein Menschenrecht anerkennen, würden jene, die vor Hungersnöten fliehen, besonders in Afrika mit militärischen Mitteln davon abgehalten, Grenzen zu überschreiten, um sich in Sicherheit zu bringen. Ziegler forderte daher vom UN-Menschenrechtsrat den Schutz der Hungerflüchtlinge und ein vorübergehendes Bleiberecht für alle im jeweiligen Fluchtland, solange im Herkunftsland eine Hungersnot herrscht. Ziegler spielte damit auf die Militarisierung der südlichen Grenzen der EU an ([local] Die Toten, die niemand sehen will), der er "Zynismus" vorwarf. "Die wachsende Kriminalisierung der Flüchtlinge wird nur zu weitere Verletzungen des Rechts auf Leben und auf Nahrung führen."

Eine der Ursachen sieht Ziegler im zunehmenden Trend, Kraftstoffe aus Mais, Weizen, Zuckerrüben, Raps, Soja, Zuckerrohr und anderen Feldfrüchten zu gewinnen. An und für sich sei die Idee, nachwachsende Materialien in Kraftstoffe zu verwandeln, nicht schlecht, doch in der derzeitigen Ausführung wären die Folgen "katastrophal". Im letzten Jahr hätten sich auf dem Weltmarkt die Weizenpreise verdoppelt und die für Mais vervierfacht.

Zur Zeit müssten 31 von 53 afrikanischen Staaten Nahrungsmittel einführen, womit sie von den Weltmarktpreisen abhängig sind. Die ärmsten unter diesen Staaten bekämen Schwierigkeiten, ihre Rechnung zu bezahlen. In diesen Ländern können sich die Ärmsten, die meist keinen Zugang mehr zu Land haben, und damit sich nicht selbst versorgen können, die teuren Nahrungsmittel nicht mehr leisten. Fruchtbares Ackerland der Kraftstoffproduktion zu widmen sei daher ein Verbrechen, so Ziegler. Die Menge Mais, die für eine Tankfüllung Ethanol benötigt werde, reiche, um ein Kind ein ganzes Jahr zu ernähren. Der UN-Berichterstatter forderte deshalb ein fünfjähriges Moratorium. Eine andere Sache sei es, wenn der Sprit aus landwirtschaftlichen Abfällen gewonnen werden könne. Die diesbezügliche Forschung mache erhebliche Fortschritte.

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Welche Ausmaße die Verwendung von Nahrungsmitteln annehmen kann, zeigt das Beispiel der USA. Dort hat die Bush-Regierung das Ziel ausgegeben, 2017 132 Milliarden Liter Ethanol aus Mais zu produzieren. Dazu müssten die USA, die der weltweit größte Maisproduzent sind, die gesamte Jahresernte von 268 Millionen Tonnen einsetzen und noch zusätzlich 110 Millionen Tonnen Mais importieren, was in etwa der Maisernte Brasiliens entspricht ([local] (Kein) Klimawandel in den USA).


Eine mögliche Alternative zur Gewinnung von Biosprit

Ziegler verwies als Alternative auf Versuche in Indien, wo [extern] Jatropha für die Herstellung von Agrardiesel auf trockenem Land angebaut werde. Dabei handelt es sich um einen sehr genügsamen Strauch, der sich auch in Afrika und China einiger Beliebtheit erfreut. Das Holzgewächs kann auf Land wachsen, das für Ackerbau ungeeignet ist. Seine großen Früchte können unter optimalen Bedingungen bis zu 40 Prozent Öl enthalten. Außerdem eignet sich die Pflanze als Erosionsschutz und für andere Maßnahmen der Bodenverbesserung. Das Moratorium könnte dazu genutzt werden, solche Projekte zu evaluieren.

Jatropha ist ursprünglich eine südamerikanische Pflanze, die von frühen portugiesischen Eroberern über die Tropen verbreitet wurde. Auch in Afrika und Indien schätzt man die Pflanze wegen der medizinischen Eigenschaften ihrer Blätter. Das Öl der Samen ist nicht genießbar und wird durch Pressen gewonnen. Die britische Firma [extern] D1 Oil plc baut die Sträucher bereits im großen Maßstab in Afrika, Indien und in Südostasien an. Bereits im 19. Jahrhundert soll Jatropha auf den Kap Verden in größeren Mengen geerntet worden sein, um Lampenöl für den portugiesischen Markt zu liefern.

Ziegler hatte am Donnerstag den Vereinten Nationen einen neuen Bericht über die Lage der Hungernden in aller Welt vorgelegt. Das UN-Ziel, die extreme Armut bis 2015 zu halbieren "wird nicht erreicht werden, denn die Zahl der Hungernden nimmt zu statt abzunehmen", [extern] zitiert ihn die International Herald Tribune. Auf Nachfrage sprach er sich gegen UN-Sanktionen aus, die ein "ungeeignetes Mittel" seien, um Tyrannen zu stürzen. Getroffen würden nur die Bürger, nicht die Führer. 500.000 Menschen seien seinerzeit durch die gegen den Irak verhängten Sanktionen an den Folgen von Mangelernährung gestorben.

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