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Arbeit im Mega-Bunker: "Ein potentielles Todesurteil"

Thomas Pany 03.11.2007

USA: Wie mutig sollen amerikanische Diplomaten sein?

Wenn es nach dem US-Botschafter im Irak geht, dann haben Diplomaten den falschen Beruf gewählt, falls sie ihre Sicherheit vor die ihres Landes stellen und nicht im Irak arbeiten wollen. Damit bezog Ryan Crocker gestern [extern] eindeutig Stellung zu einem Streitthema, welches die Diplomaten des State Department seit über einer Woche bewegt.

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Die meisten Diplomaten sollen erst aus den Medien davon erfahren haben, weil sie ihre Mails übers Wochenende nicht angeschaut hatten. Vergangene Woche verbreitete sich die Nachricht dann international und die amerikanischen Foreign Service Officers kommen dabei nicht besonders gut weg; Spott besonders in arabischen Ländern dürfte garantiert sein: 250 Arbeitsplätze sind für den nächsten Sommer in Bagdad an Mitarbeiter des diplomatischen Dienstes zu vergeben und die Diplomaten scheuen den Dienst in der größten und teuersten Botschaft der Welt!

Ende Herbst soll laut einer [extern] Reportage in der amerikanischen Vanity Fair der riesige Gebäudekomplex fertig gestellt sein. Das umzäunte Botschaftsgelände in der extra erweiterten grünen Zone soll die Größe des Vatikanstaates haben und 21 Gebäude umschließen. Kosten: 600 Millionen Dollar für den Bau und geschätzte 1,2 Milliarden Dollar Unterhalt pro Jahr. Es ist eine Festung mit dick betonierten Mauern, die auch Raketen und Autobomben standhalten sollen, Wachtürmen und geheimen Notausgängen, eigenen Stromgeneratoren, eigenen Wasserquellen, eigenem Telefonnetz (Virginia area code), eigenem Mobilfunknetz (New York area code), Postservice, Geschäften und Klimaanlagen mit eigener Luft, um sich vor Angriffen mit chemischen Kampfstoffen zu schützen, etc... Und 619 bombensichere Appartments, wo die diplomatischen Angestellten ein für die üblichen örtlichen Verhältnisse ungewohntes Maß an Privatheit erwartet:


Dies ist einer der großen Segnungen der neuen Botschaft, denn das könnte die sexuelle Spannung lindern, welche das Leben in der Grünen Zone den Bewohnern auferlegt. Feine Sache – die Welt wäre generell eine bessere, wenn gelten würde, dass amerikanische Offizielle mehr von ihrer Energie auf folgendes konzentrieren würde: making love.
[extern] William Langewiesche, Vanity Fair

Und doch musste Diplomatenchef Harry K. Thomas in den E-Mails an seine Mitarbeiter mit [extern] Zwangsmaßnahmen drohen, um die 48 Stellen, die in der Bagdader Sicherheits-Oase noch frei wären, zu besetzen.

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"Directed assignments" heißt das Zwangsmittel und es soll seit dem Vietnamkrieg nicht mehr angewendet worden sein. 250 für die Posten in Bagdad qualifizierte, ausgewählte Diplomaten wurden mit der Ankündigung konfrontiert, dass sie möglicherweise zu ihrem Arbeitsplatz in Bagdad verpflichtet würden, wenn sie nicht ihren Job im Außenministerium aufs Spiel setzen wollten – ausgeschlossen von der Disziplinarmaßnahme wurden nur medizinische und andere Härtefälle.

Beim Treffen, zu dem Thomas am Mittwoch eingeladen hatte, wurde dann der Chef von seinen Diplomaten mit [extern] heftiger Kritik konfrontiert, die sich auch an der amerikanischen Mission im Irak generell festmachte. Die spezifische Kritik an der Job-Vergabe kulminierte im [extern] Vorwurf eines Mitarbeiters, der die Zwangsverschickung nach Bagdad mit einem potentiellen Todesurteil gleichsetzte:


Es ist eine Sache, wenn jemand daran glaubt, was dort passiert und sich freiwillig meldet, aber es ist etwas anderes, jemand mit Zwang dorthin zu schicken. Und so leid es mir tut, aber ich halte das für ein potentielles Todesurteil und das wissen Sie auch. Wer wird denn unsere Kinder aufziehen, wenn wir tot oder verwundet sind?

Nicht der einzige, der das naheliegende Risiko zum Thema machte. Auch der anwesende Gewerkschaftschef John K. Naland soll daran erinnert haben, dass nur mehr Platz für 30 weitere Namen auf der Erinnerungstafel sei, welche an die Gefallenen im Dienst gemahnt; seine Mitarbeiter sollen ihm gesagt haben, dass sie den Job in Bagdad wegen der Sicherheitssituation nicht machen könnten:


Wie sicher sind Sie denn und die Ministerin (...), dass jeder dieser vakanten Posten besetzt werden muss, dass sie von unbewaffneten, ungenügend ausgebildeten Angestellten des Foreign Service and Civil Service eingenommen werden sollten

Laut Informationen der Washington Post haben bislang mehr als 1.200 von 11.500 geeigneten Mitarbeitern des Außenministeriums im Irak gearbeitet, der Bedarf an Mitarbeitern würde sich ständig erhöhen. Demgegenüber ist die Zahl der gefallenen State Department-Mitarbeiter seit März 2003 nicht wirklich hoch: [extern] "drei".

Die mangelnde Begeisterung der amerikanischen Diplomaten für einen Arbeitsplatz an einer der drei wichtigsten gegenwärtigen Dienststellen – neben dem Irak sind das nach Auffassung von Ryan Crocker Afghanistan und Pakistan - stößt nun in den bloggenden US-amerikanischen Counter-Insurgency-Kreisen erwartungsgemäß auf härtere Kritik:


Hassen Sie es nicht auch, wenn das Außenministerium die schlimmsten Stereotypen bestätigt? Ich weiß, dass sie (die Diplomaten, Erg. d.A.) Zivilisten sind und nicht dazu ausgebildet, um unter Kampfbedingungen zu arbeiten. Aber Bagdad im Jahr 2007 ist nicht Beirut 1983; sie haben sicher schon Schlimmeres erlebt. Mit diesem Verhalten gewinnen sie ganz sicher keine Freunde.
[extern] abu muqawama


..suck it up folks. Das geht jetzt schon einige Jahre so, dass unsere Nation die Dienste einer großen Menge ihrer Männer und Frauen in Uniform benötigt und es ist an der Zeit, dass nun auch der Rest der Regierung vortritt. Dieses Verhalten illustriert die Kluft zwischen Militär und Zivilisten innerhalb der Regierung selbst. Selten haben wir einen deutlicheren Beweis für das geläufige Statement gesehen: "America is not at war; only America's military is at war."
[extern] Philip Carter


Diese Geschichte wirft wichtige Fragen auf, was unsere diplomatisches Corps anbelangt und unsere Fähigkeit, die globalen Anstrengungen der Counter-Insurgency zu untertsützen.
ebd.

Doch könnte der Arbeitsplatz im amerikanischen Botschaftsgebäude in Bagdad tatsächlich gefährlich sein, wie wahrscheinlich nicht nur der Vanity Fair-Reporter [extern] vermutet:


Es könnte gut sein, dass Widerständler bald abgeschirmt in irgendwelchen privaten Räumen sitzen, die einen guten Überblick über das Botschaftsgelände bieten und Mobiltelefone oder andere Sender benutzen, um Raketen und andere Geschosse ihrer Waffenbrüder genau auf diese Ziele zu steuern.

Zu bedenken gilt es darüberhinaus allerdings noch eine andere Gefahr, die von diesem Ort ausgeht: diejenige des Realitätsverlustes und somit der Gefährdung der geistigen Gesundheit. Ähnlich wie seinerzeit der irakische Informationsminister Mohammed Said El Sahhaf soll Dan Senor, Sprecher der US-Regierung, schon bei einer Pressekonfereunz zu Baubeginn der Botschaft ein seltsames, die anwesenden Journalisten verblüffendes Bild von der umgebenden Wirklichkeit geliefert haben. Senor sprach von einem blühenden Bagdad, das es so nur in seiner Phantasie gab, die anwesenden Korrespondenten, die täglich von einem ganz anderen Irak berichteten, staunten:


Now they listened to Senor as they increasingly did, setting aside their professional skepticism for attitudes closer to fascination and wonder. Senor's view of Baghdad was so disconnected from the streets that, at least in front of this audience, it would have made for impossibly poor propaganda. Rather, he seemed truly convinced of what he said, which in turn could be explained only as the product of extreme isolation.

Nimmt man noch einen Erfahrungswert aus der Welt der Behörden hinzu, wonach oft Personen an unbeliebte Orte zwangs-bzw. strafversetzt werden, die man auf wirklich wichtigen Posten nicht sehen will, dann ist Schlimmeres für jene mutigen Diplomaten zu fürchten, die sich freiwillig gemeldet haben. Und für die Iraker außerhalb dieser isolierten Welt.

Die Iraker würden sich nach mehr Normalität sehnen, [extern] erklärte Präsident Bush kürzlich, um wieder einmal anzudeuten, dass man auf dem richtigen Weg sei:

"Slowly but surely, the people of Iraq are reclaiming a normal society."

Die Botschaft der Amerikaner, wie sie die Iraker in Bagdad sehen können, setzt da ganz andere Signale. Viellicht sollten nicht die Diplomaten mehr Mut zeigen, sondern ihre Dienstherren, und zwar indem sie einen anderen Kurs einschlagen.

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Kommentare lesen
hmm (jiyuu 6.11.2007 16:21)
Re (nachtlauf 5.11.2007 18:54)
Nein (antiimp 5.11.2007 16:39)
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