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2008 soll jeder Bürger 700 Euro mehr in der Tasche haben

Florian Rötzer 18.12.2007

Die Prognose der Gesellschaft für Konsumforschung scheint Gutes zu versprechen - aber bei der Weitergabe der Meldung in den Medien gerne wird vergessen, dass es um die "durchschnittliche" Kaufkraft der Deutschen geht

Es klingt schön: "Die Deutschen" können nach Schätzungen der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) im nächsten Jahr durchschnittlich 700 Euro mehr als 2007 ausgeben. "Die Deutschen" werden also reicher, können mehr konsumieren, kurbeln die Binnenwirtschaft an und schaffen so noch größeren Wohlstand für alle. Allerdings hängt die schöne Vision davon ab, was sich hinter dem Wort "durchschnittlich" versteckt.

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Der Spiegel meldet: [extern] Kaufkraft-Boom 2008 - Deutsche werden wieder reicher. Schon wieder also geht es aufwärts, wo es doch eigentlich für einen Großteil der Gesellschaft in den letzten Jahren dank Lohnzurückhaltung eher gleich oder schlechter gegangen ist und 2007 die zunehmende Inflation die leicht gestiegene Löhne wegfrisst. Die [extern] Zeit hält auch mit:


Kaufkraft: Deutsche haben wieder mehr Geld. Endlich kommt der Aufschwung an: Im nächsten Jahr soll jeder Bürger durchschnittlich 700 Euro mehr in der Tasche haben.

Die GfK hat das Motto vorgegeben, dem fast alle Medien folgen: [extern] 700 Euro mehr zum Leben im Neuen Jahr. Auch die Süddeutsche ist mit dem originellen Titel dabei: [extern] 700 Euro mehr zum Leben. Die Welt titelt schon richtiger: [extern]  2008 haben Deutsche im Schnitt 700 Euro mehr.

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Durchschnitt ist nicht Jedermann

Werden jetzt alle reicher, wie die Titel versprechen? Können alle mehr ausgeben? Die GfK geht davon aus, dass die Kaufkraft nächstes Jahr mit 3,8 Prozent "deutlich stärker" als die Inflation wächst, die nach der Europäischen Zentralbank um maximal 2 Prozent zunehmen soll. Im Augenblick liegt sie allerdings noch bei 3 Prozent. Die Deutschen sollen nächstes Jahr ein Nettoeinkommen von 1.542 Milliarden Euro haben, inklusive staatliche Leistungen wie Arbeitslosengeld, Kindergeld oder Renten:


Pro Kopf entspricht dies einer Kaufkraft beziehungsweise einem durchschnittlichen verfügbaren Einkommen von 18.734 Euro im Jahr, das jeder Bundesbürger für Lebensunterhalt und Konsum ausgeben kann.

Jeder Bundesbürger. Tatsächlich aber geht es, wie die GfK schreibt, um eine Prognose für die Kaufkraft in den Stadt- und Landkreisen Deutschlands, nicht um die Kaufkraft von einzelnen Deutschen oder einzelnen Haushalten. So können wir zwar erfahren, dass die Kaufkraft in Bayern am höchsten und sie in den ostdeutschen Bundesländern unter dem Durchschnitt liegt. Allerdings würden diese allmählich aufholen, vor allem gilt dies für Dresden, Chemnitz, Gera, Jena und Erfurt. Die reichsten Deutschen leben am Starnberger See. Meist haben die Landkreise um die Städte herum – die "Speckgürtel" - eine höhere Kaufkraft, Ausnahme ist einzig München. Als Grund wird angeführt, dass in den Stadtzentren meist weniger Wohnfläche ist und in ihnen zudem meist "einkommensschwächere Schichten, etwa Berufsanfänger, Studenten oder Einwohner mit Migrationshintergrund leben".

Ob die Deutschen allerdings immer wohlhabender werden und der Deutsche 2008 700 Euro mehr ausgeben kann, wird ganz darauf ankommen, welcher Schicht er angehört. Schließlich geht, selbst wenn im nächsten Jahr geringe Reallohnzuwächse kommen sollten und die Inflation mäßig bleibt, die Schere zwischen den verschiedenen Einkommen immer weiter auf. Während die Einkommen aus Gewinnen und Vermögen kontinuierlich steigen, stagnieren die Arbeitseinkommen, so dass deren Anteil am Gesamteinkommen sinkt. Daher sinkt auf die Kaufkraft der Arbeitseinkommen im Verhältnis zum Einkommen aus Vermögen und Gewinnen ([local] Kommt der Aufschwung bei den Menschen nicht an?).

Allgemein behauptet die GfK: "Die Kaufkraft entwickelt sich in Deutschland seit Jahren kontinuierlich nach oben." Durchschnittlich, müsste man hier hinzufügen. Peter Bofinger, Professor für Volkswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Geld- und Währungstheorie sowie internationale Wirtschaftsbeziehungen, [extern] antwortete auf die Frage der Berliner Zeitung, warum die Mehrzahl der Deutschen das Gefühl habe, nicht am Aufschwng teilzuheben, also auch nicht eine kontinuierlich wachsende Kaufkraft zu verspüren:


Das ist nicht bloß ein Gefühl, die Fakten bestätigen das. Laut Bundesbank lagen die effektiven Bruttoeinkommen je Arbeitnehmer im dritten Quartal 2007 um 1,5 Prozent über dem Vorjahresniveau. Bei einer Inflationsrate von drei Prozent ist es also wenig überraschend, dass die Menschen nichts vom Aufschwung spüren. Schließlich sind ihre Realeinkommen gesunken. Sie haben weniger Geld in der Tasche.

Bofinger geht allerdings auch davon aus, dass die Arbeitnehmer 2008 nach Abzug der Inflation 0,7 Prozent mehr an Einnahmen zur Verfügung haben, und dass durch höhere Einkommen und mehr Beschäftigung die Ausgaben für den Konsum insgesamt um 1,7 Prozent wachsen können. Allerdings warnt er, dass man möglicherweise für den privaten Konsum, je nach Wirtschaftslage, auch mit einem "Abwärtsrisiko" rechnen müsse.

Eurostat hat gerade die Kaufkraftzahlen für die EU-Mitgliedsländer 2006 [extern] vorgelegt. Luxemburg liegt an der Spitze, gefolgt von Irland, wo die Kaufkraft noch immer 50 Prozent über dem Durchschnitt liegt. Holland, Österreich, Belgien, Schweden und Dänemark liegen noch 20-30 Prozent über dem Durchschnitt. Deutschland liegt 14 Prozent darüber, zwei Prozent weniger als noch 2004. Am ärmsten dran sind die Rumänen und Bulgaren, wo die Kaufkraft, wie in allen neueren Mitgliedsländer, aber ansteigt.

Im Vergleich zum EU-Durchschnitt liegt die Schweiz 35 Prozent, Norwegen aber schon 86 Prozent darüber, die Türkei erreicht 31 Prozent des Durchschnitts und Serbien 33 Prozent.

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