Showdown in Basra
Thomas Pany 26.03.2008
Irak: Ende der Ruhepause
Die Antwort auf die Frage, wieviele amerikanische Soldaten wann aus dem Irak abgezogen werden, überläßt US-Präsident Bush seinem Nachfolger. Zwar
gab General Petraeus noch vor einem halben Jahr dem Kongress gegenüber den jetzigen Zeitpunkt, März 2008, als Decision-Point an, wo Grundlegendes über den Abzug amerikanischer Truppen entschieden würde, doch
stellte Bush jetzt klar, dass er in seiner verbleibenden Amtszeit nichts Entscheidendes mehr an der amerikanischen Truppenstärke im Irak ändern will. Indessen verschärft sich der Konflikt zwischen den Sadristen, die ausgesprochene Besatzungsgegner sind, und den irakischen Regierungstruppen. Es ist abzusehen, dass auch amerikanische Truppen stärker in diesen Konflikt hineingezogen werden und möglicherweise auch sunnitische Gruppierungen.
"The Surge", die befristete amerikanische Truppenaufstockung, endet im Sommer dieses Jahres, danach bleibt die Zahl der US-Soldaten im Irak ungefähr auf dem Niveau von 2005,
meldete die New York Times gestern. Sollten nicht größere Überraschungen passieren, würde der Präsident die großen Fragen, welche die Präsenz der Amerikaner im Irak betreffen, seinem Nachfolger überlassen. Für ein heißes Wahlkampfthema "Irak" wäre damit gesorgt.
Bislang war das noch nicht so, obwohl im letzten Jahr noch jeder darauf gewettet hätte, dass der Irak als Topthema den Wettbewerb der Kandidaten bestimmen würde. Doch die Regierung Bush hat das beinah Unmögliche geschafft und das Thema mit den vielen belastenden "bad news" von den Titelseiten geholt. Eine Zeitlang herrschte
Funkstille, unterbrochen nur von optimistisch gefärbten Signalen aus einer ganz unerwarteten Richtung: von irakischen Sunniten, die plötzlich erwachten und bis auf weiteres mit den Amerikanern kooperierten – im gemeinsamen Kampf gegen al-Qaida, bei dem sie mit amerikanischer Unterstützung Machtpositionen festigen und ausbauen konnten (vgl.
Das große "Erwachen" im Irak). Dabei profitierten natürlich auch die Amerikaner: Die Gewalt ging zurück, die Statistiken wurden vorzeigbar. Die Zahl der Anschläge in Bagdad reduzierte sich von Oktober 07 bis Januar 08 deutlich; die Auseinandersetzungen zwischen den unterschiedlichen irakischen Gruppierungen gar um 90% (siehe
Fragile Sicherheit). "The Surge" wurde vom Weißen Haus als Success-Story weiter erzählt.
Wie vielen anedren Erfolgsstorys, siehe beispielsweise jene mit dem Titel "Mission Acccomplished" aus dem ersten Kriegsjahr (
Starring: G. W. Bush, jr.), könnte auch dem Surge-Success nur eine kurze Dauer beschert sein. Worauf Beobachter schon seit längerem hinweisen, erheben die Gruppen, die von den Amerikanern "Concerned Citizens" oder "Awakening Groups" genannt werden, immer wieder politische Forderungen, deren Erfüllung ihnen die USA im Irak nicht garantieren kann, nicht zuletzt weil sie mit Interessen der irakischen Regierung kollidieren (vgl. dazu
Awakenings Awakening). Die Loyalität der Unterstützergruppen erweist sich, wie
verschiedene Auseinandersetzungen zeigen, als fragil. Die Kooperation der USA mit den "Erwachten" und anderen sunnitischer Gruppen erwies sich als wirkungsvoller taktischer Schritt, was lokalpolitische Effekte angeht, es zeigt sich aber, dass er in keiner länger angelegten übergeordneten Strategie eingebettet ist, die ans größere Ganze denkt.
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Der "irakische Patriot", Milizenführer Muktada as-Sadr
Möglich nun, dass hier der "irakische Patriot", Milizenführer Muktada as-Sadr, etwas weiter ist. Er hat das ganze Land in seinem strategischen Blickfeld, vermutlich gibt es keine Rede, wo er nicht von der Einheit des Iraks spricht. Die
Kämpfe in Basra, die derzeit das Thema Irak wieder weltweit in die vordersten Sendeplätze bringen, sind Teil einer größeren Auseinandersetzung um die Macht im Irak. As-Sadrs Hauptkontrahenten sind zum einen die Besatzer, besonders die USA, und zum anderen die große schiitische Regierungspartei ISCI, vormals SCIRI.
Sadristen und SCIRI-Mitglieder, zu denen auch Mitglieder der Badr-Organisation, vormals der bewaffnete Arm von SCIRI, zählen, waren sich nie "grün" (siehe dazu die sehr kenntnisbreiche Ausführung:
On SCIRI vs Sadrists). Für as-Sadr und seine Schar sind die ISCI-Vertreter "Iraner", "Fremde" mit Eroberungsabsichten. Konflikte zwischen den schiitischen Proletariern – der al-Mahdi-Miliz – und den Badristen, die in Iran ausgebildet wurden, gibt es im Süden des Landes schon seit mehreren Jahren. Basra ist das entscheidende Zentrum im Süden, dazu kommt dass das Erdöl-Reservoir im Umland riesig ist, weitaus größer als die Felder um Kirkuk. Die Machtkämpfe in Basra haben eine eigene historische Dynamik (siehe dazu das hervorragende
Fachblog des norwegischen Wissenschaftlers Reidar Vissar) und eigene Machtfilialen etwa die Fadhila-Partei, was den Konflikt etwas komplexer macht als die bloße Rivalität zwischen den Muktada as-Sadrs Anhängern und derer von al-Hakim, dem Vorsitzenden von ISCI. Dazu kommen noch Aktivitäten und lokale Ansprüche von kriminellen Gangs.
Hält man sich jedoch vor Augen, welche Aktivitäten von as-Sadr in den letzten Tagen bekannt wurden – dass er sich mit sunnitischen Clan-Führern
getroffen hatte, um Bündnisse zu schmieden, dass er zum nationalen Ungehorsam aufrief, dass er die Amerikaner und irakische Sicherheitskräfte beschuldigte, Konflikte mit seinen Anhängern willentlich zu
provozieren – dann zeigt sich, dass es in Basra um Größeres geht: Um eine entscheidende Auseinandersetzung zwischen as-Sadr und der Regierung, vetreten durch ISCI, deren Kämpfer als Regierungstruppen dorthin beordert wurden. Wie lange sich der "Showdown" auch immer hinziehen mag, eins ist jetzt schon klar: Der Waffenstillstand, den as-Sadr monatelang eingehalten hatte, ist vorbei. Und damit auch die Erfolgsgeschichte des "Surge".
Zumal wie jüngste Nachrichten zeigen, der Konflikt ja auch in Bagdad stattfindet, in Sadr-City, wo US-Truppen der Regierung und Badr zur Hilfe kommen und die Sadr-Hochburg aus der Luft
angreifen. Gestern schon deuteten
Meldungen daraufhin, dass Basra nur Ausschnitt eines größeren Konflikts ist:
Voices of Iraq reported that by the end of the day Tuesday the authorities had declared nighttime curfews in six provinces in the South and Center of Iraq, including not only Basra but also Wassit and Babel, and now Diwaniya, Nassiriya, and Karbala as well. There isn't any explanation of reasons for these curfews.