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Akademische Hamster im europäischen Laufrad

Thorsten Stegemann 03.04.2008

Steuert die Politik den Bologna-Prozess in die Sackgasse, oder wird aus der Jahrhundertreform doch noch ein Erfolgsmodell?

Die Ziele des 1999 auf den Weg gebrachten [extern] Bologna-Prozesses waren klar definiert. Bis 2010 wollten die beteiligten 29 Länder einen gemeinsamen europäischen Hochschulraum schaffen und ihren Studierenden eine an neuesten wissenschaftlichen und pädagogischen Standards orientierte Ausbildung zukommen lassen, um sie optimal auf den Arbeitsmarkt der Zukunft vorzubereiten. Doch die Realität sieht anders aus, behaupten Experten und Betroffene: In stark verschulten Bachelor- und Masterstudiengängen werden Studierende zur Einseitigkeit und Unselbständigkeit erzogen, von internationaler Konkurrenzfähigkeit kann immer weniger die Rede sein, das Gleichgewicht von Forschung und Lehre ist längst aus der Balance geraten, und die soziale Herkunft übt so entscheidenden Einfluss auf die Bildungsbiographien aus, als ob Deutschland über die Ständegesellschaft noch nicht hinausgekommen wäre.

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Das [extern] Deutsche Studentenwerk hat dem strittigen Thema in der aktuellen Ausgabe des [extern] DSW-Journals ein umfangreiches Special gewidmet, in dem die wesentlichen Argumente noch einmal gebündelt ausgetauscht werden. Wie unterschiedlich die Positionen derzeit sind, wird an dem einleitenden Trialog zwischen der Generalsekretärin der Hochschulrektorenkonferenz, Christiane Gaehtgens, dem Präsidenten des Deutschen Hochschulverbandes, Bernhard Kempen, und Henriette Müller deutlich, die seit 2004 Internationales Informationsmanagement mit den Nebenfächern Politik- und Literaturwissenschaften an der Universität Hildesheim studiert.


Outcome statt Input

Für Christiane Gaethgens steht außer Frage, dass Deutschland derzeit an einem "riesigen Reformprozess" teilnimmt. Bis 2010 werde dieser weit genug abgeschlossen sein, um erkennen zu können, "dass diese Reform einen großen Fortschritt für die Studierenden und die Lehrenden in Deutschland bedeutet". Die Generalsekretärin der Hochschulrektorenkonferenz zählt das Lernen und die Betreuung in kleinen Gruppen ebenso zu den Vorteilen des Bologna-Prozesses wie die enge Verzahnung von Theorie und Praxis, durch welche die Chancen auf dem Arbeitsmarkt deutlich gesteigert würden. Vor allem werde für die Studierenden endlich deutlich, "was Inhalt des Studiums ist, welche Qualifikationen und Kompetenzen am Ende des Studiums erreicht worden sind". Um dem Bologna-Prozess zum Erfolg zu verhelfen sei allerdings Flexibilität auf allen Seiten nötig.


Das Umdenken von "Input"- zu "Outcome"-Orientierung bedeutet ein völlig neues didaktisches Konzept. Es geht nicht mehr darum, all das in einen Studiengang hinein zu stopfen, was man weiß und für wichtig hält, sondern von den Studierenden her zu denken und zu fragen, was sie für ihr Studienziel tatsächlich brauchen.
Christiane Gaethgens

Den viel diskutierten studentischen "workload" findet Gaethgens nicht problematischer als in den traditionellen Studiengängen, gleichwohl sieht die Generalsekretärin noch einige Defizite. Eine bessere Ausstattung der Hochschulen sei "zwingend notwendig". Um die Betreuung der Nachwuchsakademiker insgesamt und nachhaltig zu verbessern, brauche man "mehr Professoren, mehr Dozenten, mehr Tutoren und eine bessere Ausstattung in Bibliotheken und Infrastruktur".

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Schmale Intelligenzen im Scheuklappen-Studium

Auch Bernhard Kempen, Juraprofessor an der Universität Köln und seit 2004 Präsident des Deutschen Hochschulverbandes, hat nichts gegen ein zweistufiges Studium, wenn denn die wissenschaftliche Qualität gesichert ist und die akademische Ausbildung am Ende hält, was sich die Gesellschaft von ihr verspricht. Allerdings erforderten Berufe wie Arzt, Lehrer, Richter, Pfarrer, Ingenieur oder Physiker nicht nur ein besonders hohes Maß an Eigenverantwortung, sondern auch umfassende wissenschaftliche Kenntnisse. Beide Aspekte würden in den neuen Studienordnungen kaum berücksichtigt.


Verschulte Lehrpläne und haarklein festgelegte Module führen jedoch zu einem "Scheuklappen"-Studium, das den Blick nach rechts und links verstellt. Mit einem Studium, das es den Studierenden lediglich erlaubt, an der Oberfläche zu kratzen, werden wir nicht die Innovationsträger und Funktionseliten heranbilden, nach denen Politik und Wirtschaft in der weltweit konkurrierenden Wissens- und Informationsgesellschaft rufen. So schaffen wir nur "schmale Intelligenzen". (…)

Mich erinnern die Studierenden von heute zum Teil eher an den berühmten Hamster im Laufrad. (…) Zeit für einen Blick über den Tellerrand des eigenen Fachs hinaus fehlt ebenso wie Zeit für erste Praxiserfahrungen im Ehrenamt oder einem studentischen Nebenjob. Das Studium als Fließbandarbeit – das kann nicht gut gehen.
Bernhard Kempen

Das Versprechen kleinerer Lerngruppen und besserer Betreuung ist für Kempen bis heute reine Makulatur. Trotz steigender Studentenzahlen seien seit Mitte der 90er Jahre rund 1.500 Professorenstellen abgebaut worden, und der Hochschulpakt halte auch keine ausreichenden finanziellen Mittel vor, um hier eine Trendwende zu bewirken.

Der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes führt die meisten der von ihm für falsch gehaltenen Weichenstellungen auf einen Kardinalfehler zurück.


Die Reformen, die in Deutschland mit dem Bologna- Prozess verbunden sind, sind nicht aus den Hochschulen heraus erwachsen. Sie sind den Beteiligten von oben verordnet worden. Ihre Kritik wurde von der Politik nicht aufgenommen. Nicht der Wettbewerb entscheidet, ob die neuen den alten Studiengängen überlegen sind.
Bernhard Kempen

Kempen glaubt, dass der Bologna-Prozess sogar sein ursprüngliches Ziel eines gemeinsamen Hochschulraumes mit besseren Vergleichsmöglichkeiten verfehlen wird. Schließlich hätten die Abschlüsse "Bachelor" und "Master" keinen "besonderen internationalen Rang". So existierten in England derzeit gleich vier verschiedene Formen des Bachelor-Abschlusses, und in den USA markiere der Bachelor lediglich den Abschluss einer College-Ausbildung. Überdies werde die Vergabe der begehrten Masterplätze schon wieder "staatlich quotiert".


Das böse Erwachen aus dem "gigantischen Feldversuch" steht noch. bevor.
Bernhard Kempen

Viele Hochschullehrer, so etwa Hans Fischer, Prorektor für Lehre und Studium an der Universität Duisburg-Essen, [extern] bestätigen diese Einschätzung wenigstens teilweise. Sie monieren vor allem die fehlende Abstimmung innerhalb der deutschen und europäischen Hochschullandschaft.


Was man mit den Beschlüssen von Bologna erreichen wollte, beispielsweise den problemlosen Wechsel ins Ausland, ist nicht eingetreten. Alle Universitäten fahren bislang ihr eigenes Modell. Es gibt europaweit nur ein geringes Maß an Vereinheitlichung und Studenten haben große Probleme, Defizite auszugleichen. Es geht bislang nicht ohne Reibungsverluste.
Hans Fischer


Studium für Versuchskaninchen

Die 23jährige Studentin Henriette Müller hält ihre Kommilitoninnen und Kommilitonen schlicht für "Versuchskaninchen". Wenn die Politik schon ein verschultes System verordne und die Studierenden einer physischen und psychischen Dauerbelastung aussetze, solle sie auch die Serviceleistungen einer Schule anbieten und dafür sorgen, dass jeder Studierende, der eingeschrieben ist, an allen Kursen seines Semesters teilnehmen kann.

Müller hält die Harmonisierung der Studienbedingungen vorerst für reine Fiktion, da schon der Wechsel von der Universität Hildesheim zur Leibniz Universität Hannover schwer zu bewerkstelligen sei. Sie sieht momentan "überhaupt keine Garantie für einen angemessenen Berufseinstieg" und befürchtet, dass der enge Zeitplan und die operationelle Ausrichtung der neuen Studienordnungen auch das gesellschafts- und hochschulpolitische Engagement der Studierenden im Ansatz blockieren. Außerdem habe die Einführung von Studiengebühren in bislang sieben Bundesländern für eine Verschärfung der ohnehin schon eklatanten sozialen Schieflage gesorgt. Besonders schwer wiegt freilich die allgemeine Verunsicherung, die durch die angeordnete Reform entstanden ist.


Mein Lieblingsbeispiel ist immer die Abschaffung des Staatsexamens für das Lehramt. Die Universität ist nur verpflichtet, einen ersten berufsqualifizierenden Abschluss zu gewährleisten. Ist man nun nach drei Jahren schon ein vollwertiger Lehrer und was macht man, wenn man keinen Masterplatz bekommt? Interessant ist auch, wenn für einen neuen Studiengang Studenten aufgenommen werden, aber noch keine Studienordnung vorhanden ist. Wie sollen Dozenten/innen und Studierende hier qualitativ zusammenarbeiten können?
Henriette Müller


Chancen zur Nachbesserung

Die Studentenwerke fühlen sich bei der Umsetzung des Bologna-Prozesses traditionell zurückgesetzt, da sie in die Planungen nicht offiziell eingebunden wurden. Gleichwohl wollen sie dafür sorgen, dass vor allem die sozialen Interessen der Studierenden sehr viel umfassender als bisher berücksichtigt werden. Die Studentenwerke fordern deshalb, die soziale Realität angemessen zu berücksichtigen und auch Kindern aus einkommensschwachen und bildungsfernen Familien eine Hochschulausbildung zu ermöglichen. Für diejenigen, die neben dem Studium arbeiten müssen, sollen entsprechende Freiräume und Zeitpolster geschaffen werden.

Um die Mobilität innerhalb des europäischen Hochschulraums zu erhöhen, plädieren die Studentenwerke überdies für eine "gesicherte, ausreichende Studienfinanzierung", die mittels BAföG, Stipendien und Mobilitätszuschlägen unabhängig von der Herkunft gewährt wird. Die im Ausland erbrachten Studienleistungen müssten für den deutschen Abschluss angerechnet werden können. Darüber hinaus verlangen die Studentenwerke eine spürbare Verbesserung der gesamten Rahmenbedingungen. Von der studienbegleitenden Beratung über attraktive Finanzierungsmodelle, längere Öffnungszeiten für Mensen und Bibliotheken bis hin zur Kinderbetreuung gibt es zahlreiche Defizite - gerade "gegenüber konkurrierenden Bildungsregionen in den USA oder den aufstrebenden Nationen Asiens".

Wünschenswert sei schließlich die Erstellung eines Eurostudent-Reports, der Aufschluss darüber geben kann, wie die soziale und wirtschaftliche Situation der 20 Millionen Studierenden, die in dem bald 46 Länder umfassenden europäischen Hochschulraum versammelt sind, eigentlich beschaffen ist.


Friedenswissenschaften

Wie stark der Bologna-Prozess die Entwicklung der Studienstrukturen, Fachdisziplinen und inhaltlichen Schwerpunktsetzungen beeinflusst, zeigt die Diplom-Sozialpädagogin Christiane Lammers in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift [extern] Forum Wissenschaft am Beispiel der Friedenswissenschaften.

Das lange Zeit eher stiefmütterlich behandelte Fach hoffte im Zuge des Bologna-Prozesses auf die versprochene Unterstützung interdisziplinärer und praxisorientierter Studiengänge und profitierte überdies von einem Nachwuchsprogramm der [extern] Deutschen Stiftung Friedensforschung, das vier Masterstudiengängen eine Anschubfinanzierung über fünf Jahre sichern sollte. Etwa 150 bis 200 Nachwuchswissenschaftler, schätzt Lammers, können nun Jahr für Jahr eine Ausbildung als Friedens- und Konfliktforscher beginnen.

Doch wer im Bologna-Zeitalter keine starke Lobby hat, wird so schnell abgewickelt wie ehedem. Folgerichtig [extern] entschied das Rektorat der FernUniversität Hagen Ende letzten Jahres, den Studiengang Master of Peace Studies bis Ende 2011 wieder zu schließen. Dabei ließ sich sogar jenseits der Landesgrenzen von Nordrhein-Westfalen [extern] erkennen, dass gerade dieses Angebot sämtliche Bologna-Anforderungen erfüllt.


Mit der Einführung der neuen Master-Abschlüsse gab es ganz neue Möglichkeiten für die Friedensforscher, einen interdisziplinären Studiengang gemeinsam mit Psychologen, Politologen, Historikern und Naturwissenschaftlern zu entwickeln.

Die Hagener Peace-Master sind so marktgängig, wie es nach der Bologna-Reform erwartet wird: Die Absolventen arbeiten in internationalen Organisationen, im Entwicklungsdienst, als Peace-Maker in den zahlreichen Konflikten, in denen die Bundesrepublik mittlerweile militärisch mitmischt. Mediziner und Militärs, sogar Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes schrieben sich in Hagen ein.
Karl-Heinz Heinemann (Frankfurter Rundschau)

Noch immer wird gerätselt, welche Gründe für die Schließung verantwortlich sind. Immerhin [extern] zahlen die Studierenden an der im Erststudium gebührenfreien Hochschule für ihr Weiterbildungsangebot pro Semester 850 Euro. Mit den Kosten für die Masterabschlussprüfung (500 Euro) kassiert die Uni für ein sechssemestriges Studium also durchaus beachtliche Gesamtgebühren von etwa 5.600 Euro.

Die Hochschule beruft sich auf den Umstand, dass der Studiengang von mindestens zwei Professoren der Fernuniversität getragen werden muss, [extern] Institutsleiter Hajo Schmidt aber in absehbarer Zeit in den Ruhestand geht. Doch auch bei anderen Weiterbildungsangeboten der Kultur- und Sozialwissenschaften regiert der Rotstift. Der Masterstudiengang [extern] Personzentrierte Beratung mit dem Abschluss Master of Counselling wird zum Sommersemester 2009 geschlossen, und auch für den [extern] Masterstudiengang Arbeits- und Organisationspsychologie sind keine Anmeldungen mehr möglich.

Christiane Lammers hat eine sehr schlüssige Erklärung für diese Vorgänge gefunden. Sie meint, dass manche Studiengänge mit den "heute wichtigen Parametern von Hochschularbeit" nicht mehr vereinbar sind und zitiert eine aufschlussreiche Passage aus dem Jahresrückblick, in dem die Leitung der FernUniversität Hagen ihre Prioritäten klar zum Ausdruck bringt.


Wir sind in diesem Jahr einen großen Schritt vorangekommen – wir haben unsere neue Grundordnung verabschiedet. (…) Unser neues Corporate Design ist in seinen ersten Ausprägungen sichtbar. (…) Und dank vorausschauender, sparsamer Haushaltsführung haben wir auch in diesem Jahr die Klippen von Einsparvorgaben, Globalhaushalt und neuer Hürden aus der leistungsorientierten Mittelverteilung umschifft.

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Kommentare lesen
Beifall für Mc Bad (Tsu Tang 6.4.2008 14:02)
hab ich auch genau andersrum von uniprofessoren gehört (Andreas Hornig 5.4.2008 18:56)
Re: thermodynamik an der uni (rtc 5.4.2008 16:10)
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