Auf dünnem Eis
Wolfgang Pomrehn 16.04.2008
Die Energie- und Klimawochenschau: Während in der Arktis der Eisschwund weitergeht und Energiekonzerne den Ausbau der Windenergienutzung behindern, schwingt sich der Bundesumweltminister zum Fürsprecher der Kohlelobby auf
Die Verbrennung von Kohle ist weltweit mit Abstand die größte Quelle von Treibhausgasen. Das ist auch hierzulande nicht anders: In Kraftwerken mit einem Wirkungsgrad meist unter 40 Prozent wird aus der Verbrennung von Stein- und Braunkohle fast die Hälfte des Stromverbrauchs gedeckt, womit rund 42 Prozent der deutschen CO2-Emissionen verursacht werden.
Da sollte man doch meinen, dass Bundesumweltminister Sigmar Gabriel ganz vorne steht, wenn es um die Verhinderung neuer Kraftwerksbauten geht, wie sie derzeit zu Dutzenden (http://quecksilber.wordpress.com/kohle/) im Gespräch sind. Doch weit gefehlt. Nach einer
Agenturmeldung warf er den Gegnern neuer Kohlekraftwerke vor, die Atomkraft zu fördern. Neben den bereits im Bau befindlichen Kohlekraftwerken seien noch zehn weitere machbar, ohne die Klimaschutzziele der Bundesregierung zu gefährden.
Die Frage ist allerdings, ob diese ausreichen. Auch mit der angekündigten Reduktion der Emissionen um 40 Prozent gegenüber dem 1990er Niveau werden die deutschen Pro-Kopf-Emissionen mit 7,3 Tonnen CO2 pro Jahr (bzw. 8,8 Tonnen, wenn man die anderen Treibhausgase berücksichtigt) noch weit über den zwei Tonnen pro Kopf und Jahr liegen, die das Klimasystem derzeit verträgt. Zwei Tonnen CO2 pro Erdbewohner und Jahr wird nämlich von Ozeanen und Biosphäre aufgenommen. Diese Menge trägt also nicht zur Erhöhung der atmosphärischen CO2-Konzentration bei.
Polittheater
Gabriels Äußerungen fielen im Zusammenhang des Polittheaters, das derzeit rund um die Stromversorgung aufgeführt wird. Lobbyisten der großen Energiekonzerne versorgen seit einigen Wochen die Medien immer wieder mit wortgewaltigen Warnungen vor der "Stromlücke", die mal 2020, mal schon 2012 droht. Auch Wirtschaftsminister Michael Glos und die ihm unterstehende Deutsche Energieagentur dena
stoßen in dieses Horn.
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| Grafik: UBA |
Das vermutlich entscheidende Motiv ist das Interesse der einschlägigen Unternehmen, die Laufzeiten der Atomkraftwerke auszudehnen. Immerhin sind die älteren unter ihnen, da längst abgeschrieben, reine Gelddruckmaschinen, mit denen sich 200 bis 400 Millionen Euro im Jahr verdienen lässt. Das Umweltbundesamt (UBA) hat jedenfalls auf die aktuelle Kampagne mit einer kleinen
Studie reagiert. Eine "Stromlücke" sei nicht zu erwarten, wenn folgende drei Ziele realisiert würden:
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Senkung des Bruttostromverbrauchs um elf Prozent bis zum Jahr 2020 gegenüber 2005, |
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Ausbau der Kraft-Wärme-Kopplung (KWK), vor allem auf Erdgas-Basis, um den Anteil von KWK-Strom auf 25% bis zum Jahr 2020 zu verdoppeln und |
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Ausbau der erneuerbaren Energien auf knapp 30% der Stromerzeugung bis zum Jahr 2020. |
Das Amt geht ansonsten davon aus, dass es einen Kraftwerkneubau geben wird, aber nicht unbedingt in der herkömmlichen Form:
Die Frage, welcher Kraftwerkstyp gebaut wird, wird nach Ansicht des UBA maßgeblich durch den Europäischen Emissionshandel beeinflusst. Die Verknappung und Versteigerung der Zertifikate sowie steigende Brennstoffpreise und der Anstieg der Investitionskosten für den Kraftwerksbau werden – gegenwärtige Strompreise unterstellt – dazu führen, dass herkömmliche Kondensations-Kohlekraftwerke (Steinkohle oder Braunkohle) – im Gegensatz zur Kraft-Wärme-Koppelung und erneuerbaren Energien – unwirtschaftlich werden. Dies dürfte aus dem Eigeninteresse der Investoren in Richtung emissionsarmer Stromerzeugung und sparsamer Stromnutzung wirken.
Grünes Licht in den USA
Jenseits des Atlantiks, in den USA, toben ganz ähnliche Interessenskonflikte. Auch dort wollen viele Stromkonzerne neue Kohlekraftwerke bauen, wogegen sich Bürger wehren. Aber auch dort wächst die Anhängerschaft der erneuerbaren Energiequellen. Durch die ging letzte Woche ein Aufatmen, nach dem der Senat ein Gesetz
verabschiedete, das die Steuervergünstigungen für Wind- und Solaranlagen verlängert.
Nun muss nur noch das Repräsentantenhaus zustimmen, dann steht der Fortsetzung des Booms von Wind & Co. nichts mehr im Wege. 2007 waren in den USA Windanlagen mit einer Gesamtkapazität von 5.244 Megawatt (MW) installiert worden,
berichtet das World Watch Institute in Washington.
Einiges deutet daraufhin, dass es in diesem Tempo weitergehen kann.
Weltweiter Boom
Auch anderswo expandiert der Markt kräftig weiter. Nach den Daten des jüngst veröffentlichten
Statusbericht erneuerbare Energien 2007 des World Watch Institute wurden 2007 in aller Welt 71 Milliarden US-Dollar in neue Windräder, Solarzellen und ähnliches gesteckt. Knapp 50 Prozent entfielen auf die Windenergie, 30 Prozent auf Fotovoltaikanlagen. Längst ist der Markt aus seinem Nischendasein herausgetreten und wurde zum Tummelplatz von Investmentbankern und Fondsmanagern, die von den enormen Wachstumsraten angelockt werden: Die Kapazitäten der weltweit aufgestellten Windparks wuchsen um 28 Prozent auf 95 Gigawatt.
Fotovoltaik und Solarthermie bieten sich wegen ihrer meist kleinteiligen Anwendungen weniger fürs große Geschäft an, aber auch hier sind die Raten beachtlich. Die Solarstromkapazitäten wuchsen 2006 und 2007 jeweils um 50 Prozent, die der Wärmegewinnung aus der Sonne für Heizen und Warmwasser um 19 Prozent. Mit weltweit 7,7 Gigawatt Kapazität ist der Beitrag der Fotovoltaik zur Stromversorgung aber immer noch winzig. Sollte aber das derzeitige Wachstumstempo noch einige Jahre aufrecht erhalten werden, dann könnte sich das rasch ändern.
Während es ansonsten mächtig im Gebälk der Weltwirtschaft knirscht und die Banker Blut und Wasser schwitzen, ist bei den Herstellern von Solaranlagen, Windrädern und ähnlichem von Krise nichts zu spüren. Entsprechend hoch sind inzwischen die Notierungen vieler Unternehmen geklettert. Die 140 weltweit größten Aktiengesellschaften der Branche bringen es zusammen bereits auf einen Marktkapitalisierung von über 100 Milliarden US-Dollar. Darunter ist allerdings manche Aktie, deren hoher Wert nur dann zu rechtfertigen ist, wenn in dem entsprechenden Unternehmen in nächster Zeit auch wirklich alles rund läuft. Die Förderprogramme, die es inzwischen in 66 Staaten, darunter 23 Entwicklungsländer, gibt, dürften allerdings auch in den kommenden Jahren für ausgezeichnete Rahmenbedingungen sorgen.
Streit um die Netze
Weniger erfreulich sieht es allerdings mit dem deutschen Offshore-Programm aus, für das der Startschuss vom Autor dieser Zeilen schon mehrfach voreilig auf Telepolis
angekündigt wurde. Die Ostseezeitung
berichtet von einem Stocken des Ausbaus vor den Küsten. Bis 2030 sollen nach den Plänen der Bundesregierung 25.000 MW an Leistung vor den Küsten installiert sein. Dort sind die Windverhältnisse günstiger als an Land, so dass eine höhere Ausbeute pro Anlage zu erwarten ist.
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| Geplante Windparks und Natzanbindungen in der Nordsee. Die gestrichelte Linie markiert die Hoheitsgewässer, die dunkelblaue Fläche die Ausschließliche Wirtschaftszone (AWZ). Die AWZ gehört nicht mehr zum Hoheitsgebiet der Küstenanrainer, doch haben diese wie es der Name schon sagt, auschließliche Nutzungsrechte. Die kleine grüne Fläche oben rechts vor der dänischen Küste ist ein bereits laufender Windpark. Die ockerfarbenen Flächen und Linien markieren bereits genehmigte Parks und Kabel. Rote Flächen bezeichnen Parks, die noch im Genehmigungsverfahren sind, dunkelblaue Linien geplante Kabel . Grafik: dena |
Doch der Bau ist kompliziert: Spezialschiffe und andere Ausrüstung sei knapp, meint der Geschäftsführer des Bundesvebandes Windenergie, Ralf Bischof, in dem Blatt. Außerdem hätten explodierende Rohstoffpreise die Kosten innerhalb weniger Jahre um 30 bis 50 Prozent in die Höhe getrieben. Bischof gegenüber der Ostseezeitung:"Wenn nicht energisch gegengesteuert wird, ist der Markt 2010 tot."
Am meisten Kopfschmerzen bereitet den Windmüllern allerdings der Netzanschluss. Das Energiewirtschaftsgesetzt verpflichtet die großen Netzbetreiber – Vattenfall in Mecklenburg-Vorpommern, E.on in Schleswig-Holstein und Niedersachsen – zum Leitungsbau von den Windparks zur Küste und zum entsprechenden Ausbau der Netze. Doch man ziert sich. Der Staat könne doch die Konzerne nicht zu unrentablen Investitionen zwingen,
zitierte Anfang März die Peiner Allgemeine Zeitung ungenannte Stimmen aus der Branche. Mag sein, dass man ein wenig auf Zeit spielen will, denn die
Vorschrift gilt bisher nur für Windparks, mit deren Bau bis zum 31. Dezember 2011 begonnen wurde.
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| Geplante Windparks vor der Ostseeküste. Erläuterungen wie oben. An den beiden Parks vor Rügen, die nach dem gegenwärtigen Stand beide für sich eine Lananbindung bekommen sollen, kann man ganz gut ablesen, wie wenig koordiniert bisher noch in der Frage der Netzanbindung vorgegangen wird. Grafik: dena |
Unmittelbarer Anlass für das Konzern-Gejammere war jedenfalls eine Vattenfall-Studie, die Unerfreuliches ergeben hatte: Investitionen in den Netzanschluss des Windparks "Baltic 1" vor dem Darß in Mecklenburg würden für den Konzern nur eine Rendite von drei Prozent bringen. Das hält das Unternehmen – Vattenfall-Chef Lars Göran Josefsson ist übrigens
Klimaberater der Bundeskanzlerin – offenbar für unzumutbar. Nach
Angaben der dena betragen die Ausgaben für Hochseekabel etwa ein Drittel der gesamten Projektkosten. Bis 2015 wird in Nord- und Ostsee mit einem Investitionsbedarf von 2,6 Milliarden Euro für den Netzanschluss gerechnet.
Ein weiterer Engpass sind die Netze an Land, die den Strom aus den verbrauchsarmen Küstenregionen in die Ballungszentren im Süden transportieren. Sei längerem ist bekannt, dass das Hochspannungsnetz um etwa 850 Kilometer verlängert werden muss. Die Situation könnte sich zusätzlich dadurch verschärfen, dass an den Küsten auch eine ganze Reihe von Kohlekraftwerken geplant sind, die weit über den regionalen Bedarf Strom produzieren würden (Pläne gibt es unter anderem für Emden, Wilhelmshaven, Stade, Brunsbüttel, Hamburg und Lubmin). Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Dietrich Austermann meint zwar, diese sollten vor allem gebaut werden, um Versorgungslücken der Windanlagen bei Flauten abzudecken (siehe auch
Kohle um jeden Preis). In dem Falle würden sich Kohle und Wind keine Konkurrenz um Übertragungskapazitäten machen. Tatsächlich sind jedoch die Kohlekraftwerke für die Betreiber erst richtig rentabel, wenn sie etwa 6.000 von 8760 Stunden im Jahr laufen.
Bisher lassen sich die Netzbetreiber mit dem Ausbau allerdings reichlich Zeit, so dass die Ostseezeitung bereits spekuliert, das könnte mit den bekannten (E.on) und vermuteten (Vattenfall) Verkaufsabsichten zusammenhängen. Wer das Netz ohnehin abstoßen wolle, werde kaum noch größere Summen in die Hand nehmen. Wie dem auch sei: Ulf Gerder vom Bundesverband Windenergie beklagt sich im
Interview mit der gleichen Zeitung, dass alles auch viel schneller gehen könnte. Man müsse statt der bei den Bürgern unbeliebten und daher schwerer durchsetzbaren Überlandleitungen einfach nur Erdkabel verlegen. Eine Variante, die auch der schleswig-holsteinische Landtag seit längerem einfordert, doch bei E.on und Vattenfall beharrt man darauf, dass dies zu teuer sei.
Meereis zu dünn
Derweil hat in der Arktis das Meereis sein jährliches Maximum überschritten und fängt an zu tauen. Wie mehrfach berichtet, war die Eisbedeckung deutlich größer als im Vorwinter, dem im Sommer 2007 ein Rekordminimum gefolgt war. Allerdings war auch im Winter 2007/2008 die Eisbedeckung auf dem arktischen Ozean und seinen Nachbarmeeren noch kleiner als der langjährige Mittelwert. Eismangel gab es vor allem in der Ostsee, in der Barentssee zwischen Spitzbergen und der nordostrussischen Küsten sowie in der Grönlandsee.
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| Alter des arktischen Meereises in Jahren. Die Abbildung zeigt deutlich, dass die Fläche älteren und damit dickeren Eises von 2007 auf 2008 weiter zurückgegangen ist. Über 70 Prozent des Eises ist einjährig, das heißt im zurückliegenden Winter gebildet worden. 1985 hatte dieser Wert noch unter 40 Prozent betragen und ist seitdem nahezu kontinuierlich gestiegen. Grafik: NSIDC |
Auf jeden Fall
sehen die Forscher vom US-amerikanischen National Snow and Ice Data Center in Boulder, Colorado, keinen Grund zur Entwarnung: Mehr als je zuvor besteht das Meereis in diesem Jahr aus dünnem, einjährigem Eis, das ohne weiteres in diesem Sommer wieder verschwinden könnte. Derzeit ist 72 Prozent des arktischen Beckens mit dem besonders empfindlichen Eis bedeckt. Im März 2007 waren es 59 Prozent gewesen, was bis dahin einer der höchsten Werte gewesen war. Für gewöhnlich überdauert nur etwa 30 Prozent des einjährigen Eises die Sommersaison. Oder mit anderen Worten:
Auch in diesem Sommer wird sich das Meereis mit großer Wahrscheinlichkeit weit zurückziehen. Große Teile des Polarmeeres könnten so monatelang von der Sonne erwärmt werden, und der Teufelskreislauf von weniger Eis und wärmeren Wasser würde weiter seinen Lauf nehmen.