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Auf der Suche nach der Mathematik

Ralf Bülow 27.04.2008

Das Jahr der Mathematik bringt es an den Tag: Sie überfordert auch ihre Vermittler

2008 ist das [extern] Jahr der Mathematik. Politiker, Professoren, PR-Agenten und Presseschreiber beschwören daher pflichtgemäß die Wichtigkeit der Rechenkunst. Ein neuer [extern] Aufsatzband und ein in Kürze ablegendes [extern] Ausstellungsschiff lassen allerdings fragen, wie ernst die hochfliegenden didaktischen Ziele ("Du kannst mehr Mathe als Du denkst") gemeint sind, und wecken Zweifel an der Kompetenz der Wissensvermittler.

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Bild: Wissenschaft im Dialog

In diesen Tagen erscheint in deutschen Buchläden, sofern sie über eine mathematische Abteilung verfügen, der vom Springer-Verlag herausgebrachte Sammelband "Mathematik – Motor der Wirtschaft" Auf 107 Seiten beschreiben darin 19 Wirtschaftsführer sowie der Leiter der Bundesagentur für Arbeit, wie und wo mathematische Methoden in ihren Unternehmen bzw. ihrer Behörde zum Einsatz kommen. Die Idee zur Publikation entstand im Umfeld des [extern] Mathematischen Forschungsinstituts Oberwolfach.

Das Buch ist, um es milde zu sagen, missglückt. Die Länge der Beiträge liegt zwischen zwei Seiten (Daimler AG) und einem Dutzend (Boehringer Ingelheim), die Inhalte pendeln zwischen schlauen Sprüchen ("Unternehmensführung ohne Mathematik ist wie Raumfahrt ohne Physik") und harter Wissenschaft ("With the advent of powerful parallel computers migration based on the full 3-D wave equation has become a realistic option") hin und her.

Gert-Martin Greuel, Direktor des Mathematischen Forschungsinstituts Oberwolfach, Bundesministerin Annette Schavan, Landesminister Helmut Rau und der Autor Bernd Pischetsrieder (von links nach rechts) präsentieren das Buch "Mathematik - Motor der Wirtschaft". Bild: Wissenschaft im Dialog

Außer dem verschwommenen Gefühl, dass erstere irgendwie letzterer nützt, bringt "Mathematik – Motor der Wirtschaft" dem Laienpublikum keine sinnvollen Informationen, und die Experten wird vermutlich die Oberflächlichkeit vieler Beiträge abschrecken. Höchsten frischgebackene Studienabsolventen, die einen Job bei einer Dax-Firma suchen, könnten das Buch als Orientierungshilfe verwenden.

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Was lief hier schief? Es ist nicht so, wie die "taz" in ihrer [extern] Rezension meinte, dass die Autoren das Buch als Public-Relations-Plattform missbrauchten – Werbetexte, selbst schlechte, lesen sich anders. Nein, das Projekt scheiterte an seiner falschen Strategie. Industrie- und Wirtschaftsmathematik ist nun mal exotisch, komplex, manchmal auch langweilig, und bei der Aufgabe, sie für die Öffentlichkeit aufzubereiten, sind Top-Manager, PR-Bürokraten und Mathe-Professoren in der Regel hoffnungslos überfordert.

Besser wären Ideen, Zeit und gute Schreiber gewesen, die eine Übersicht über die Materie mitbringen. Mit den Ideen meinen wir Firmen in spannenden Geschäftsbereichen - Suchmaschinen, Navigationssysteme, Glücksspiele, Billigflüge, Raumfahrttechnik -, so dass bei kniffligen Algorithmen zumindest das Produkt sexy ist. Und Zeit und Autoren sind nötig, um in die Materie einzudringen, mit Leuten im Unternehmen zu sprechen, Zugänge zu ihren mathematischen Methoden zu finden und alles in lesbare Geschichten zu verwandeln.

"M.S. Wissenschaft". Bild: Wissenschaft im Dialog

Black-box-Mathematik auf dem Ausstellungsschiff

Nach dem Fiasko mit dem Wirtschaftsmotor kündigt sich schon das nächste an. Am 7. Mai beginnt die "M.S. Wissenschaft" ihre Reise über deutsche Flüsse und Kanäle, beladen mit einer [extern] 600-Quadratmeter-Ausstellung zur Mathematik. Sie umfasst etwa 35 Stationen, davon die Hälfte mit Computerprogrammen oder Videos. So viel Elektronik lässt sich akzeptieren, wenn sie eine innere Logik und eine einheitliche grafischen Gestaltung aufweist. Auf dem Schiff kommen die Inhalte aber von vielen Forschungs- und Universitätsinstituten, die sie zu den unterschiedlichsten Zwecken entwickelten, sind also heterogen und wurden aus dem Zusammenhang gerissen.

Ein Beispiel: Das Schifffahrtsmuseum Bremerhaven besitzt eine wunderschöne [extern] Analogmaschine von 1916 zur Gezeitenberechnung. Ihr Grundprinzip zeigt ein Computerprogramm, die Mathematik ist nicht schwer, doch braucht man den im Museum mitgelieferten Kontext. In der "M.S. Wissenschaft" läuft nun das Programm kontextfrei im Kapitel Natur, und ein mathematisch verwandtes Exponat zur Fouriersynthese, das das Verstehen erleichtern würde, steht ganz woanders, im Kapitel Technik. Auch in den Texten fehlt jeder Querverweis. Warum?

"Die unterschiedlichsten Themen finden sich an Bord der MS Wissenschaft: von Übersetzungshilfen für Chinesisch über Stationen zur Geschichte der deutschen Sprache zu Reaktionsgeschwindigkeiten im Gehirn beim Sprechen. Die Besucher können die Stationen selbst erkunden." Bild: Wissenschaft im Dialog

Zweites Beispiel: Das Modell einer Tragfläche aus Gedächtnislegierung, ausgeliehen vom Berliner Weierstraß-Institut. Es stammt aus dem Nachlass eines Luftfahrt–Forschungsprojekts und verbiegt sich bei Zuleitung von elektrischem Strom. Physikalisch eine tolle Sache, der mathematische Hintergrund bleibt geheim. Man hätte vielleicht im Text auf die haarsträubend schwierige Rechenarbeit in der Aerodynamik hinweisen können, wo immerhin ein [extern] Millenniumpreis winkt. Hat man aber nicht.

Und so geht es weiter durch Programme und Simulationen, durch virtuelle Hochwässer, Tsunamis, Kuhhäute, Binnenschiffe, Packassistenten, Pannenhilfen, Tomographen, U-Bahn-Netze und Meeresströme. Wobei es ja legitim ist, reale mathematische Einsätze zu demonstrieren, und manche Station macht auch Spaß, wie die [extern] Surfer-Software für algebraische Flächen. Was stört, ist der übertriebene Einsatz der Black-Box-Philosophie, bei der man am Monitor sitzt und die verborgene Mathematik schlicht und einfach glauben muss.

Natürlich bietet die "M.S. Wissenschaft" Mathematik zum Anfassen, Galtonbrett, Möbiusband, Minimalflächen aus Seifenlauge, Kugelgeometrie mit Schnüren. Doch jedes Exponat steht allein auf weiter Flur, und die Chance, zwei und zwei zusammenzuzählen, wird vertan. So trifft man auf die Kügelchen-Rennbahn mit der Brachistochrone und nebenan auf einen Versuch zur Zykloide. Die Begleittexte verschweigen, dass die Kurven übereinstimmen – die Brachistochrone ist eine gespiegelte Zykloide. Und das Gefangenendilemma ist sicher eine nette Math-and-Crime-Story, wirkt jedoch ohne spieltheoretischen Hintergrund bloß absurd.

Genug des grausamen Spiels. Auf dem Ausstellungsschiff erscheint Mathematik nicht als Kunst der Strukturen, sondern als Ansammlung von teils gelungenen, teils missglückten, auf jeden Fall isolierten Anwendungsfällen. Universalität wird so zur Beliebigkeit, Vernetzung zur Vereinzelung, Wissenschaft zum Chaos. Fazit: Die Schau will die Vielfältigkeit der Mathematik vorführen, doch bringt sie es nur zur Vielfältigkeit, und die ist keine Mathematik.

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