Integrationsprobleme, Jugendgewalt und veraltete Schulsysteme
Thorsten Stegemann 12.08.2008
Nach einer Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen hat Hannover erhebliche Fortschritte bei der Bekämpfung der Jugendkriminalität und auf dem Sektor der Schulpolitik gemacht - ganz im Gegensatz zu München.
Der Süden der Republik sieht sich gern als Vorreiter in Sachen Bildungspolitik, und die Ergebnisse der internationalen Leistungsvergleiche scheinen tatsächlich darauf hinzudeuten, dass die Pädagogen in Bayern oder Baden-Württemberg im Hinblick auf die geplanten Lernziele erfolgreicher unterrichten als ihre Kollegen in Hamburg, Brandenburg oder Schleswig-Holstein. Doch es gibt offenbar noch andere Parameter, mit deren Hilfe aussagekräftige Erkenntnisse über die Bildungsbiografie von Kindern und Jugendlichen und ihre soziale Entwicklung gewonnen werden können. Das
Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen hat Ende vergangener Woche eine Studie zur
Jugendgewalt und Jugenddelinquenz vorgelegt, die mit einer Reihe überraschender Ergebnisse aufwartet. Die Daten basieren auf der 2006 durchgeführten Befragung von 1.315 Hannoveraner Schülern der siebten und 3.661 Schülern der neunten Jahrgangsstufe und beziehen Erhebungen aus neun anderen Städten und Landkreisen ein, die bereits 2005 erfasst wurden.
Die Ausgangssituation
Die Auswertung der Interviews ergab zunächst einen für deutsche Großstädte typischen Befund. Rund 44 Prozent der befragten Schülerinnen und Schüler stammten aus nichtdeutschen Familien, 15,6 Prozent lebten in Haushalten, die mit Sozialhilfe bzw. Arbeitslosengeld II auskommen mussten. Zwischen diesen beiden Faktoren hat sich auch in Hannover ein schwieriger sozialstruktureller Zusammenhang entwickelt. Denn der Anteil an Familien, die Arbeitslosengeld II bezogen, lag bei türkischen Jugendlichen dreimal und bei russischen Jugendlichen sogar viermal so hoch wie bei ihren deutschen Altersgenossen. Die unterschiedlichen Voraussetzungen bildeten sich dann auch in der Schullaufbahn ab. 47,3 Prozent der deutschen Jugendlichen besuchten ein Gymnasium, nur 15,4 Prozent gingen auf eine Förder- oder Hauptschule. Altersgleiche Kinder mit Migrationshintergrund besuchten sehr viel seltener ein Gymnasium (28,7 Prozent), waren aber umso zahlreicher an Haupt- oder Förderschulen angemeldet (25 Prozent).
Hannover vs. München
Betrachtet man diese Zahlen aus einer Langzeitperspektive, werden allerdings auch positive Tendenzen erkennbar. Nach Einschätzung des Forschungsinstituts hat sich die Bildungssituation von Jugendlichen aus Migrantenfamilien vor allem in Hannover, wo Schullaufbahnempfehlungen anders als beispielsweise in Bayern nicht bindend sind, seit 1998 deutlich verbessert. Der Anteil türkischer Schüler, die in der niedersächsischen Landeshauptstadt ein Gymnasium besuchen, stieg in diesem Zeitraum von 8,7 auf 15,3 Prozent, während die Quote türkischer Hauptschüler gleichzeitig von 47,1 auf 32,5 Prozent sank.
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Weder Stuttgart noch München konnten ähnliche Werte vorweisen. Im Gegenteil, die bayerische Metropole verzeichnete im selben Zeitraum einen Rückgang türkischer Gymnasiasten von 18,1 auf 12,6 Prozent. Der Anteil der Hauptschüler lag dagegen in München mit 61,4 Prozent fast doppelt so hoch wie in Hannover.
Eine provokante These des Kriminologischen Forschungsinstituts macht diese Zahlen besonders virulent: Die Niedersachsen gehen davon aus, dass die Hauptschulen als unterster Sockel des dreigliedrigen Schulsystems im Verlauf der letzten zehn Jahre "schrittweise zu einem eigenständigen Verstärkungsfaktor der Jugendgewalt" geworden sind und immer häufiger "negative Aufschaukelungs- und Ansteckungseffekte" produzieren.
Es kann deshalb nicht überraschen, dass sich 2005 in München bei den ganz überwiegend die Hauptschule besuchenden türkischen Jugendlichen eine Quote von 27,5 % ergeben hat, die fünf und mehr delinquente Freunde aufweisen, während es in Hannover dank der Dominanz von türkischen Realschülern und Gymnasiasten nur noch 19,5 % sind. Keine delinquenten Freunde haben demgegenüber in München 28,8 %, in Hannover dagegen 38,8 %.
Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen
In einem
Zeitungsinterview brachte der streitlustige Institutsdirektor Christian Pfeiffer die Münchner Situation auf einen diskussionswürdigen Punkt.
Hier wurden die jugendlichen Migranten zwischen 1998 und 2005 einfach nicht gut integriert.
Christian Pfeiffer
Gerade im Bereich der jugendlichen Mehrfachtäter, die bereits fünf oder mehr Gewalttaten begangen haben, wollen die Forscher ein so kaum erwartetes Süd-Nord-Gefälle ausgemacht haben. In Hannover sank ihr Anteil von 6,3 auf 4,1 Prozent, in München verdoppelte sich die Quote der türkischen Mehrfach-Gewalttäter von 6,0 auf 12,4 Prozent.
Delinquente Peer-Kulturen und bürgerliches Engagement
Die genauere Analyse der jeweiligen Freundesgruppen führte nach Einschätzung des Instituts gleichwohl zu beunruhigenden Ergebnissen. Trotz einiger erfolgreicher Integrationsbemühungen wird der Freundeskreis offenbar immer noch von Mitgliedern der eigenen ethnischen Gruppe dominiert. 53,1 Prozent der Freunde türkischer Jugendlicher stammen aus demselben kulturellen Umfeld, bei den russischen Jugendlichen sind es 46,4 Prozent.
Dies hat deshalb Bedeutung, weil die Datenanalyse einen klaren Befund erbracht hat: Die Gewaltrate der Migrantenjugendlichen fällt umso niedriger aus, je höher die Quote der deutschen Freunde ist. Je mehr die Migrantenjugendlichen dagegen "unter sich" bleiben, umso stärker entwickelt sich eine delinquente Peer-Kultur von Außenseitern, die von einem Gefühl der Benachteiligung geprägt ist und aggressive Tendenzen gegen "die Deutschen" entwickelt.
Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen
Auf der anderen Seite haben deutsche Jugendliche einen erheblichen Anteil an der Zuspitzung konfliktträchtiger Situationen. In den Haupt- und Realschulen bezeichnet sich fast jeder dritte Schüler als "ausländerfeindlich", in den Gesamtschulen liegt ihr Anteil bei 19,7 Prozent, und selbst Gymnasien und Waldorfschulen kommen auf erstaunliche 14 Prozent.
Für die alles in allem trotzdem positive Entwicklung in Hannover macht das Institut neben den fehlenden Schullaufbahnempfehlungen "ein Jahr für Jahr stärker werdendes bürgerschaftliches Engagement für die schulische und soziale Integration von Kindern und Jugendlichen aus sozialen Randgruppen" verantwortlich. Gemeint sind damit Initiativen wie die
Bürgerstiftung Hannover, die in zehn Jahren 750.000 Euro in mehr als 200 Projekte von Vereinen und Schulen investieren konnte. Auch der Verein
Mentor e.V., der 1.200 Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund unterstützt, in dem ihnen über 900 ehrenamtliche Helfer zugeordnet werden, verdient nach Ansicht der Forscher besondere Erwähnung. Gleiches gilt für das Projekt
Balu und Du, das ebenfalls mit ehrenamtlichen Helfern "einen Baustein für eine solidarische und kinderfreundliche Gesellschaft" entwickeln will.
Kulturelles Kapital, Religionszugehörigkeit und gewaltfreie Schulstrukturen
Das Elternhaus spielt in der überwiegenden Mehrheit aller Studien und theoretischen Überbauten eine zentrale Rolle in der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. In der aktuellen Untersuchung kam die Anzahl der Bücher, die Verfügbarkeit von Musikinstrumenten oder die Häufigkeit des Museumsbesuchs allerdings kaum zum Tragen. Zwar sei das "kulturelle Kapital", das vom Elternhaus bereitgestellt wird, "durchaus ein Faktor des Schulerfolgs", stellten die Forscher fest. Es leiste jedoch keinen eigenen Erklärungsbeitrag zur Delinquenz, "weil es überlagert wird von den Faktoren, die sich über Schulformen und andere soziale Aspekte abbilden." Ähnlich verhält es sich mit der Religionszugehörigkeit. Zwar lasse sich nachweisen, dass die vergleichsweise kleine Gruppe der religiös stark gebundenen Jugendlichen, die nur 16,3 Prozent stellen, seltener Gewalttaten und Diebstahlsdelikte begehen als Jugendliche ohne religiöse Bindung. Die gesammelten Daten erreichten allerdings keine "statistische Signifikanz" und konnten lediglich zu "Trendaussagen" herangezogen werden.
Dagegen können die einzelnen Schulen offenbar entscheidend dazu beitragen, dass ihre Schülerinnen und Schüler Spaß an der Wissensvermittlung haben, dem Unterricht zunehmend seltener fern bleiben und gar nicht erst auf den Gedanken kommen, ihre überschüssige Energie in Gewalttaten auszuleben. An gleich mehreren Gymnasien, Gesamt- und Waldorfschulen wurden erfolgversprechende Projekte umgesetzt, die eine kreative Beschäftigungstherapie mit effizienter Gewaltprävention verbinden sollen.
Die beeindruckende Entwicklung Hannovers ist nur möglich geworden, weil alle Schulen der Stadt sich nicht nur als Stätten der Wissensvermittlung verstehen, sondern zunehmend auch als wichtige Sozialisationsinstanzen agieren, die sich mit den Schülern über richtiges und falsches Verhalten in Schule und Öffentlichkeit engagiert auseinandersetzen.
Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen
Medienkonsum als Belastungsfaktor und Gewaltauslöser
Sorgen macht dem Forschungsinstitut allerdings der ausufernde Medienkonsum vieler Jugendlicher, der über die verschiedenen Ethnien hinweg zu einem "ausgeprägten Belastungsfaktor" geworden sei.
Generell hat sich gezeigt: (1) Je mehr Zeit Schüler mit Medienkonsum verbringen und je brutaler die Inhalte sind, umso schlechter fallen die Schulnoten aus. (2) In Verbindung mit anderen Belastungsfaktoren erhöht der Konsum exzessiver Mediengewalt das Risiko beträchtlich, dass Jugendliche Gewalt ausüben. (3) Ein beachtlicher Teil der männlichen Jugendlichen gerät in suchtartiges Computerspielen.
Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen
25,7 Prozent der männlichen Hannoveraner Jugendlichen verbringen nach Erkenntnissen des Instituts im Durchschnitt mindestens vier Stunden pro Tag mit Computerspielen, bei den männlichen Hauptschülern sind es 37,4 Prozent. Für die "problematische Verarmung der persönlichen Lebensinhalte" seien bislang noch keine konstruktiven Lösungen in Sicht.
Die gefühlte Kriminalitätstemperatur
Und doch gibt es Licht am Ende des Tunnels. Denn die "gefühlte Kriminalitätstemperatur", die von der schweigenden Mehrheit der Bevölkerung immer wieder geahnt und erspürt wird, hat mit der Realität nicht das Geringste zu tun, meinen die Forscher aus Niedersachsen. Zwar gehe die Allgemeinheit davon aus, dass die Kriminalität während der Jahre 1993 bis 2005 insgesamt "stark zugenommen" habe. Tatsächlich aber seien schwere Delikte wie Mord, Wohnungseinbruch, Bankraub oder Autodiebstahl seit 1993 um 40 bis 80 Prozent zurückgegangen. Allerdings sei nur einem von zehn Bundesbürgern dieser Umstand bewusst.
Gewaltstudie als Schulpolitik
Über den unmittelbaren Zusammenhang, den Christian Pfeiffer und sein Forschungsinstitut zwischen der Realität an deutschen Hauptschulen und jugendlichen Straftätern herstellen, kann ebenso kontrovers gestritten werden wie über die direkte Verbindungslinie, die in der Studie vom Medienkonsum zur praktischen Gewaltbereitschaft gezogen wird. Doch die Attacke, die aus dem ländlichen Niedersachsen gegen das kraftstrotzende Bayern geritten wird, hat mit derlei spannenden Streitthemen nur am Rande zu tun. Den Autoren geht es letztlich darum, das immer häufiger in die Kritik geratene dreigliedrige Schulsystem erneut zur Disposition zu stellen.
Es gibt für mich keinen Zweifel: Die Zeit der Hauptschulen geht zu Ende, sie haben sich überlebt. Unsere Studien zeigen: Hauptschulen sind heute, anders als früher, ein Faktor, der zur Verstärkung von Jugendgewalt führt. Außerdem vermitteln sie anders als vor zehn Jahren nicht mehr gute berufliche Perspektiven.
Christian Pfeiffer
Im Süden sieht man die Dinge anders. Das Bayerische Kultusministerium
bekräftigte zwei Tage nach der Veröffentlichung der Studie, dass man auch weiterhin beabsichtige "kraftvoll in seine Hauptschüler und seine Hauptschulen zu investieren.". Schließlich brächten die einheimischen Hauptschüler auch nach den Ergebnissen der PISA-Studie "deutlich bessere Leistungen" als ihre Altersgenossen, die integrierte Gesamtschulen in Berlin, Brandenburg und Hamburg besuchten. "Die Hauptschule ist in Bayern eine leistungsfähige Schulart", glaubt Kultusminister Siegfried Schneider (CSU).