Armut gefährdet die Gesundheit
Thorsten Stegemann 22.08.2008
Untersuchungen des Umweltbundesamtes geben neue Aufschlüsse über den Zusammenhang von sozialem Status und Umweltbelastungen aller Art.
Schon Mitte der 70er Jahre wurde im Ruhrgebiet eine empirische Studie durchgeführt, die zu keineswegs unerwarteten, aber doch höchst problematischen Ergebnissen kam. Zeigte sie doch, dass Menschen mit einem geringen sozialen Status sehr viel häufiger an stark befahrenen Durchgangsstraßen lebten als ihre besser situierten Zeitgenossen und eben hier einer erheblich höheren Dosis an Lärm und Abgasen ausgesetzt waren. In den Vereinigten Staaten wurde die Verteilung von Umweltbelastungen und Umweltgütern nach sozialen Gesichtspunkten auch in der Folgezeit intensiv erforscht ("Environmental Justice"), in Deutschland brach die Diskussion ab und wurde bis heute nur sporadisch wieder aufgenommen.
Noch relativ wenig wissen wir bisher über die Zusammenhänge zwischen Umweltbelastungen, gesundheitlichen Folgen und sozialen Faktoren. Hier liegen kaum systematische Untersuchungen über die Verhältnisse in Deutschland vor.
Andreas Troge, Präsident des Umweltbundesamtes
Das Umweltbundesamt will dem komplexen Phänomen, das soziale und wirtschaftliche, aber auch ökologische und gesundheitspolitische Aspekte beinhaltet, nun neue Impulse verleihen und setzt sich damit in einem umfangreichen Themenheft des
UmweltMedizinischen InformationsDienstes auseinander. Durch die Vorstellung ausgewählter Aktivitäten und Forschungsprojekte auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene soll allerdings nicht nur öffentliches Interesse geweckt, sondern auch die Notwenigkeit betont werden, dass in vielen Bereichen "politischer Handlungsbedarf" besteht.
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Vorläufige Forschungsergebnisse
So lückenhaft sich die Public Health-Forschung in Deutschland bislang auch darstellt, sind viele Befunde dennoch eindeutig. Verschiedene Untersuchungen in den vergangenen zehn Jahren konnten zweifelsfrei nachweisen, dass Menschen mit geringem sozioökonomischem Status hinsichtlich ihres Wohn- und gesamten Lebensumfeldes benachteiligt sind. Sie wohnen nicht nur häufiger an verkehrsreichen Straßen und Industrieanlagen und werden infolgedessen überdurchschnittlich mit Lärm, schwermetallhaltiger Luft und Feinstaub belastet, sondern sie verfügen auch über eine deutlich geringere Wohnfläche pro Person und sind einer erheblichen Innenraumluftschadstoffbelastung durch das Kochen mit Gas oder das Heizen mit Einzelöfen ausgesetzt. Auch die Belastung durch Passivrauchen wiegt hier deutlich schwerer als in Haushalten, die von sozial besser gestellten Familien bewohnt werden. Durch den
Kinder-Umwelt-Survey, der von 2003 bis 2006 die Situation von 1.790 Kindern im Alter von 3 bis 14 Jahren aus ganz Deutschland analysierte, ist überdies bekannt, dass in Familien mit niedrigem Sozialstatus ökologisch bedenkliche und potenziell gesundheitsbelastende Haushaltsprodukte wie Weichspüler, Desinfektionsmittel, Sanitärreiniger, Toilettensteine und Raumspray sehr viel öfter eingesetzt werden.
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Nach Einschätzung von Christiane Bunge, die sich im Bundesamt mit dem Zusammenhang von Umwelt und Gesundheit beschäftigt, reichen die Faktoren "Bildungsgrad", "Einkommen" und "berufliche Stellung" allerdings nicht aus, um den Einfluss des sozialen Status auf die persönlichen Lebensumstände vollständig zu erklären. Erst die stärkere Verknüpfung von Umwelt-, Gesundheits- und Sozialberichterstattung könne zu einer integrierten Gesamtbetrachtung führen und so die konkrete Stadtplanung beeinflussen, meint Bunge.
Derzeit ist die Forschung vor allem deskriptiv ausgerichtet und liefert wertvolle Befunde zu Zusammenhängen. Diese Analysen liefern jedoch keine ausreichenden Erklärungen dafür, warum bestimmte Bevölkerungsgruppen stärker betroffen sind als andere.
Christiane Bunge
Das
Aktionsprogramm Umwelt und Gesundheit wird sich im Herbst 2008 auf der Fachtagung "Umweltgerechtigkeit – die ungleiche soziale Verteilung von gesundheitsrelevanten Umweltbelastungen" näher mit diesem Thema beschäftigen.
Gender, Umwelt und Gesundheit
Claudia Hornberg und Andrea Pauli von der Universität Bielefeld gehen noch einen Schritt weiter und plädieren in Anlehnung an eine bereits in den 80er Jahren begonnene und neuerdings wieder verstärkt diskutierte
Initiative, dafür, Gender-Aspekte in der Environmental-Justice-Forschung stärker zu berücksichtigen. Wie die Bereiche Gender, Umwelt und Gesundheit konzeptionell miteinander verzahnt werden können, zeige beispielsweise die Betrachtung des Hurrikans Katrina, der im August 2005 große Gebiete im Südosten der USA verwüstete.
Retrospektive empirische Untersuchungen zeigten die höchste Betroffenheit bei den Bevölkerungsgruppen, die schon im Vorfeld der Naturkatastrophe besonderen Belastungen ausgesetzt waren, zum Beispiel durch einen niedrigen sozioökonomischen Status und einen defizitären Zugang zur Gesundheitsversorgung. Hierbei handelte es sich vornehmlich um ethnische und soziale Minderheiten, Frauen, Kinder und ältere Personen mit bereits eingeschränkter Gesundheit.
Claudia Hornberg / Andrea Pauli
Wenn traditionelle Rollenorientierungen und eine geschlechtsspezifische Arbeitsteilung vor allem in Familien mit einem niedrigen Sozialstatus und Familien mit Migrationshintergrund zu beobachten sind, führe dieser Umstand bereits dazu, dass sich Frauen und Männer unterschiedlich lange in ihrem Wohnumfeld aufhalten. Gleichzeitig zeigen Frauen eine höhere Bereitschaft, Umwelt- und Gesundheitsrisiken zur Kenntnis zu nehmen und daraus praktische Konsequenzen zu ziehen, glauben Hornberg und Pauli. Ist die Zeit also reif für eine "Feminisierung der Umweltverantwortung", die sich bis in den Bereich der
städtischen Raumplanung erstrecken könnte?
In jedem Fall konstatieren auch die Bielefelder Wissenschaftlerinnen einen erheblichen weiteren Forschungsbedarf in den grundlegenden Fragen.
Darüber hinaus ist es erforderlich, sozialstrukturelle, verteilungsrelevante Faktoren (z.B. Wohn(umfeld)qualität) sowie individuelle, biologische Parameter (z.B. Lebensstil, Alter, Suszeptibilität) in die Analyse einzubeziehen. Biologische, physiologisch-anatomische Geschlechterunterschiede in den Aufnahme-, Verarbeitungs- und Wirkungsmustern von Umweltschadstoffen können zu unterschiedlichen Symptomkonstellationen führen.
Claudia Hornberg / Andrea Pauli
Die "Coping-Kapazität"
Heike Köckler und Antje Katzschner von der Universität Kassel begegnen dem Thema ebenfalls mit einem innovativen Forschungsansatz. Sie versuchen Bewältigungsstrategien von Menschen gegenüber Stress mit der Idee der Umweltgerechtigkeit zu verknüpfen. Beim sogenannten Coping-Modell gehen die Wissenschaftler von der These aus, dass die Möglichkeit, sich einer belastenden Situation zu entziehen, von mehreren sozio-demographischen Variablen (Einkommen, Ausbildung, Migrationshintergrund etc.) abhängt. All diese Faktoren bilden zusammen die "Coping-Kapazität".
In Kassel wurden die Teilnehmer einer Studie befragt, inwiefern sie bereit sind, ihre Umweltsituation durch Alltagshandeln (Lüften, Gartenarbeit etc.), bauliche Maßnahmen (Schallschutz etc.) oder institutionelles Handeln (Einhaltung von allgemeinen Grenzwerten, Gründung einer Bürgerinitiative etc.) zu verbessern. 51 Prozent der Befragten gaben an, bereits entsprechend aktiv zu sein, wobei der Bereich des Alltagshandelns offenbar am attraktivsten war. 49 Prozent äußerten allerdings kein Interesse an einer Verbesserung ihrer Umweltbedingungen, was allerdings nur zum Teil darauf zurückgeführt werden konnte, dass sie mit denselben bereits zufrieden waren.
Die Untersuchung ist noch nicht abgeschlossen, erste Ergebnisse scheinen jedoch darauf hinzudeuten, dass auch die Verhaltenswissenschaft wichtige Beiträge zur Erforschung dieser komplexen Zusammenhänge liefern kann.
Die Ergebnisse zeigen, dass sich die erkannten Möglichkeiten zur Verbesserung der Umweltsituation bei Haushalten mit Migrationshintergrund stets auf das direkte Umfeld beziehen, jedoch selten die Möglichkeit baulich oder institutionell vorzugehen in Erwägung gezogen wird. Somit legt dieser erste Blick in die Daten nahe, dass es wie vermutet auch bezogen auf den Umgang mit der Umweltgüte in der Wohnumgebung soziale Unterschiede gibt und der Migrationshintergrund hier als unabhängige Variable relevant ist.
Heike Köckler / Antje Katzschner
Kinder und Jugendliche besonders betroffen
Auch in Bayern ist der Zusammenhang zwischen der sozialen Situation einer Familie und ihrer Beeinträchtigung durch diverse Umweltfaktoren evident. Im Rahmen zweier "Gesundheits-Monitoring-Einheiten" wurden hier Eltern von 12.554 Kindern im Alter von 5 bis 7 Jahren befragt. Die Auswertung ergab, dass vor allem Kinder und Jugendliche unter Umweltbelastungen zu leiden haben, wenn sie aus einer bildungsfernen und sozial schwächer gestellten Familie stammen, meint Gabriele Bolte vom Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit.
Kinder in relativer Armut leben häufiger in Wohnungen mit einer hohen Belegungsdichte und an stark befahrenen Straßen. Die Expositionsprävalenz ist zwar in den ländlichen Regionen im Vergleich zu den städtischen Regionen insbesondere bei der Belegungsdichte der Wohnung und bei Verkehrsstau in der Wohnstraße geringer, die Unterschiede nach Einkommensarmut bestehen jedoch gleichermaßen.
Gabriele Bolte
Diese Befunde decken sich im wesentlichen mit den Daten des
Kinder-Umwelt-Surveys, den das Umweltamt bereits im vergangenen Jahr vorgestellt hatte.
Umweltgerechtigkeit als Zukunftsthema
Werner Maschewsky hat sich seit vielen Jahren mit dem Zusammenhang von "Umweltgerechtigkeit, Public Health und soziale Stadt" (Buchtitel aus dem Jahr 2001) beschäftigt, weil er davon überzeugt ist, dass die vielfältigen Probleme über kurz oder lang auch in Deutschland "explizit zum Thema" werden. Der mittlerweile emeritierte Professor für Sozialmedizin an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg beschreibt auf einer
Internetseite verschiedene Ursachen von Umweltungerechtigkeit, die zweifelsfrei das Ergebnis politischer und wirtschaftlicher Entscheidungsprozesse sind. Sozialräumliche Unterschiede in Umweltbelastungen entstehen laut Maschewsky
- vorab, durch Standortentscheidungen von Investoren, Betreibern oder Behörden nach Maßgabe politischer Widerstandsmöglichkeiten betroffener Personen und Gemeinden (Diskriminierungseffekt)
- vorab, nach Kosten-Nutzen-Vergleichen zwischen verschiedenen möglichen Standorten (Markteffekt)
- nachträglich, durch Absinken der Umwelt- und Wohnqualität in betroffenen Regionen, Gemeinden, Stadtvierteln oder "Quartieren", Wegzug von "Normalbevölkerung" und Zuzug von sozialen Randgruppen (Selektions- bzw. Drifteffekt).
Werner Maschewsky
Um einen Zustand weitgehender Umweltgerechtigkeit herzustellen, sind nach Maschewskys Einschätzung Entscheidungsträger gefragt, die politische, wirtschaftliche und soziale Aspekte in einem nachhaltigen Maßnahmenkatalog bündeln können. Wie vielschichtig die Aufgaben in diesem Bereich sind, zeigt der Sozialmediziner an einer vorläufigen Agenda. Demnach geht es in den nächsten Jahren und Jahrzehnten um die
- Verhinderung der Entstehung neuer Umweltbelastungen
- Beseitigung vorhandener Umweltbelastungen nach dem Verursacherprinzip
- gerechte sozialräumliche Verteilung nicht eliminierbarer Umweltrisiken (fair share)
- Entscheidung der Betroffenen selbst über ihnen zugemutete Umweltbelastungen (ecological democracy)
- Gleichbehandlung verschiedener sozialer Gruppen in Umwelthinsicht (fair treatment)
Werner Maschewsky